DIE BISHERIGEN PARADIGMEN DER WIRTSCHAFTSWISSENSCHAFT
     
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  Ein Versuch, alle Sozialwissenschaften überflüssig zu machen
  Der „Historische Materialismus“ als Wegbereiter des Neoliberalismus
 
 
Nichts ist für diejenigen, welche gewöhnt sind, menschliche Angelegenheiten mit den Augen der Philosophen zu betrachten, überraschender, als die Leichtigkeit, mit welcher so viele sich von so wenigen regieren lassen, und als die blinde Unterwerfung, mit welcher die Menschen ihre eigenen Gefühle und Leidenschaften denen der Regierenden unterordnen.
 
  Über die ursprünglichen Prinzipien der Regierung,  David Hume        
 

Der Marxsche Historische Materialismus gehört zur breiten Strömung einer - hauptsächlich deutschen - Denkweise, die man als Geschichtsphilosophie bezeichnet. Die erklärte Absicht dieser Philosophie war, die Geschichte auf eine logisch feste - „wissenschaftliche“ - Grundlage zu stellen. Womit sich aber die deutschen Geschichtsphilosophen, sowie die anderen „Historiker“ in den deutschen Geisteswissenschaften tatsächlich beschäftigt haben, war keine Geschichte im üblichen Sinne des Wortes, keine empirische Geschichte, sondern etwas, was angeblich hinter (oder unter) den geschichtlichen Tatsachen steckt. In aller Deutlichkeit drückt dies Marx in seinem bekannten Satz aus:

„Alle Wissenschaft wäre überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge unmittelbar zusammenfielen.“

Diese Zweigliederung der Realität auf Erscheinungsform und Wesen geht - wie die dialektische Methode - auf Platon zurück, auf seine Annahme von einer zweigeteilten Realität, von der parallelen Existenz zweier Welten: einer perfekten Welt der Ideen und einer alltäglichen Welt der Tatsachen. Die alltägliche Welt ist nur ein billiger Abklatsch der ideellen Welt, und die Tatsachen folglich nur ein billiger Abklatsch der Ideen. In seinem berühmten Höhlengleichnis vergleicht Platon die Tatsachen, so wie sie sich unseren Sinnen offenbaren, mit Schatten. So wie die Schatten nur eine sehr deformierte, unscharfe und unpräzise Wiedergabe der Objekte sind, von denen sie, durch Licht hervorgerufen, stammen, so sind auch die Tatsachen nur die äußerst mangelhaften Wiedergaben der „wahren“ Welt (des „Seins“). Die deutsche Art zu philosophieren ist also genuin platonisch, mit einem Unterschied: Platon hat die Realität nicht dynamisch, nicht historisch verstanden. Deshalb ließen sich die Tatsachen - die Natur, der Mensch und die Gesellschaft - in der deutschen Philosophie nur bedingt mit Schatten vergleichen. Ein besseres Bild wäre, sie mit Fußstapfen zu vergleichen, welche die „wahre“ Geschichte hinterlässt.

Da bei Platon die endgültige und perfekte Welt (der Ideen) schon existiert, konnte seine Dialektik nichts mehr sein, als die Kunst diese zu erklären und zu begreifen. Der denkente Mensch brauchte bzw. konnte sich folglich nichts Neues ausdenken, also nichts was nicht schon in der Welt der Ideen existiert hätte - er brauchte sich das anderswo vorhandene Wissen nur anzueignen. Bei den deutschen Dialektikern sieht dies völlig anders aus: Bei ihnen sollen die dialektischen Gegensätze die (endgültige und perfekte) Welt erst erschaffen. In der Fachsprache würde man sagen: Dialektik bei Platon war eine erkenntnistheoretische und passive, bei den deutschen Philosophen eine ontologische und aktive Kategorie. So beginnt der deutsche Philosoph, seine Geschichte vom Anfang aller Tage an zu erzählen. Die Physiker bzw. Universumsforscher würden sagen: vom großen Knall an. Danach gab es zuerst nur die tote Materie, an der sich die dialektischen Gegensätze zuerst abarbeiten mussten, erst dann kam die Gesellschaft. Die peinliche Aufgabe, die Nützlichkeit der dialektischen Methode in ihrer Anwendung auf die anorganische Natur unter Beweis zu stellen, hat Marx bekanntlich seinem treuesten Freund und Mitkämpfer Engels überlassen - siehe die Dialektik der Natur. (Sollte Friedrich Engels eine historisch wichtige Persönlichkeit sein, sagte einmal Einstein, dann könne es einen Sinn haben, dieses Buch zu drucken, aber an sich sei es völlig wertlos.)

Nachdem die dialektischen Gesetze dem toten Universum die richtige Gestalt verliehen haben, konnten sie an der menschlichen Geschichte weiter arbeiten. Dort, so die Marxsche Auffassung, treten die dialektischen Gegensätze durch Klassen und Klassenkämpfe in Erscheinung. Durch die Brille der dialektischen Weltanschauung (Methode) betrachtet, sind Klassenkämpfe ihrem wahren Wesen nach eigentlich keine Kämpfe der verschiedenen konkreten sozialen Gruppen für ihre partikularen Interessen (auch wenn es diese natürlich gibt), sondern im Grunde die Manifestationen der historischen Gegensätze. In Anlehnung an Platon könnten wir sagen, die Klassenkämpfe seien Schattenkämpfe der „wirklichen“ Realität. Deshalb war für Marx der Gedanke, die Menschen hätten den Ablauf der Geschichte durch neue Kenntnisse in den Sozialwissenschaften und durch neue soziale Einrichtungen und Institutionen wesentlich beeinflussen können, ja sogar in andere Bahnen lenken können, völlig fremd und abwegig - also utopisch. Folglich war es für ihn auch belanglos, ob die Arbeiter sich bewusst für die Revolution vorbereiteten oder nicht.

So wie es für die Arbeiter angeblich vorbestimmt ist, in den Klassenkampf zu ziehen, wenn die Geschichte ruft, so ist es für die Kapitalisten angeblich vorbestimmt, dass sie nichts unternehmen werden, um den drohenden ökonomischen Zusammenbruch des Kapitalismus abzuwehren. Hier zeigt sich in aller Deutlichkeit die erschreckende Einseitigkeit und doktrinäre Blindheit des Historischen Materialismus. Er hält gar nichts von den Faktoren, die das soziale und politische Leben der Gesellschaft bestimmen. Wir wollen jetzt zeigen, dass es solche Faktoren doch gibt, dass die Kapitalisten sehr wohl etwas gegen den Zusammenbruch des Systems unternehmen können, sogar dann, oder besser gesagt gerade dann, wenn die Realität eine solche wäre, wie es die Marxsche ökonomische Analyse vorgibt.

Warum „geistiger Überbau“ doch „ökonomische Notwendigkeit“ beeinflussen kann

Natürlich ist vieles, was sich durch die Brille des Historischen Materialismus bzw. der dialektischen Methode beobachten lässt, richtig. Die Klassenkämpfe sind in der Tat eine übliche und ständige Begleiterscheinung der menschlichen Geschichte. Es ist auch nicht weniger richtig, dass die Verhältnisse zwischen Menschen und Gruppen in einem nicht unwesentlichen Maße durch ökonomische „Sachzwänge“ bestimmt und bedingt sind. Jede Macht einer kleinen Gruppe über den Rest der Bevölkerung beruht hauptsächlich auf ihrem Monopol auf die Produktionsmittel. Bis hierher kann man Marx kaum widersprechen. Aber dies alles ist nicht neu. Das haben schon Rousseau und manch andere Sozialisten lange Zeit vor Marx herausgefunden und analysiert. Außerdem ist es ziemlich offensichtlich und trivial, dass das Monopol auf das Privateigentum zahlreiche Möglichkeiten der Erpressung der Besitzlosen durch die Besitzenden schafft. Wenn nämlich jemand keine Produktionsmittel hat, ist er existenzgefährdet und damit von dem, der solche Mittel hat, erpressbar. Um dies herauszufinden braucht man in der Tat keine wissenschaftlichen Forschungen und Theorien. Eine seriöse Wissenschaft müsste aber auf die Frage antworten, wie ist überhaupt dazu kommen kann, dass eine kleine Gruppe der Gesellschaft seit Jahrtausenden imstande ist, sich die Produktionsmittel unter den Nagel zu reißen und sie vor den Begehrlichkeiten der anderen zu schützen. Aber dazu sagt Marx kein einziges Wort. Er schweigt also darüber, was z.B. Hume - welcher vom Vater der Marktwirtschaft, Adam Smith, sehr geschätzt worden war - für das größte Geheimnis des sozialen Lebens hält. Oder ist es vielleicht so, dass sich Hume täuscht, und dass sich dieses Problem, wie Marx meint, mit dem Voranschreiten der Geschichte, konkret durch die ökonomischen Gesetze, von alleine lösen wird? Wem sollte man Recht geben?

Nach Marx ist jede Klassenordnung nur ein „geistiger Überbau“, also ein Anhängsel der ökonomischen Gesetze. Heute sagt man dazu „Sachzwänge“. Die Kapitalisten können also nichts dafür, dass sie herrschen, und sie werden nur so lange herrschen, wie es sich die Sachzwänge wünschen. Länger nicht, was auch immer sie tun würden. So die dialektische Theorie. Die tatsächliche Geschichte sieht aber vollkommen anders aus. Erwähnen wir nur einige Möglichkeiten, die Marx hätte berücksichtigen sollen, wenn er die Herrschaft der Kapitalisten nicht als bloße „Fußstapfen“ der dialektischen Entwicklungsgesetze gesehen, sondern sie durch Beobachtung von Tatsachen untersucht hätte.

  • Die Reichen können sich mit privaten Wachdiensten (Bodygards) umzingeln, ja sogar (wie während des Feudalismus) separate Siedlungen für sich bauen, wo sie unter sich sind. Dies wird in den USA schon längst von vielen Reichen praktiziert.
  • Die Reichen können das Schulwesen weitgehend privatisieren. Einerseits werden sie dadurch ihr Monopol nach lukrativen Funktionen verfestigen (die so genannten „Eliteschulen“), und andererseits die Ausbildung des Rests der Bevölkerung als Gehirnwäsche missbrauchen können.
  • Die Reichen können Lobbyisten in die Politik schicken und Politiker korrumpieren, um ihre Gesetze durch Parlamente durchzuschmuggeln.
  • Die Reichen können die Medien unter ihre Kontrolle bringen, indem sie diese kaufen, oder indem sie Werbungsaufträge nur denjenigen zukommen lassen, die ideologisch auf ihrer Seite sind.
  • Die Reichen können Institute, Stiftungen, Initiativen und andere NGOs gründen, wo sie Professoren, Analytiker, Experten, ... anhäufen, die ihrer Ideologie einen wissenschaftlichen Schleier verpassen und sie zur höchsten Wissenschaft erklären.
  • Die koketten Ehegatten der Reichen, wenn sie als Konsumentinnen und Sexualobjekte ausgedient haben, können sich der Wohltätigkeit widmen und damit ihre parasitäre und ausbeuterische Klasse als moralisch und mitfühlend präsentieren.

In der ein oder andern Form haben die Reichen so etwas schon vor sehr langer Zeit praktiziert, mit dem Unterschied: Früher haben Priester und Kirchen die Aufgaben erledigt, die heute die „Experten“ und ihre verschiedenen „wissenschaftlichen“ Institutionen übernommen haben. Wenn eine Weltanschauung all diese (und viele andre) Möglichkeiten der Reichen, ihre Macht zu festigen, übersieht, ist dies schon an sich sehr merkwürdig. Oder ist es vielleicht doch so, dass dies alles keine Auswirkung auf die „Arbeit“ der ökonomischen (dialektischen) Gesetze hat? Auch dies wäre schon an sich sehr merkwürdig. Wir zeigen jetzt aber, dass all diesen Maßnahmen zur Rettung des Kapitalismus vor allem dann besonders effizient sein müssten, wenn dem Kapitalismus gerade die Gefahr drohen würde, die Marx für ihn voraussah.

Die oben aufgezählten (und manch andere) Maßnahmen werden automatisch einer nicht unwesentlichen Zahl der Beherrschten, die keine Produktionsmittel besitzen, die Möglichkeit bieten, in Lohn und Brot zu kommen. Im Klartext würde man sagen, dass sie gute Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen wären. Sie würden aber nicht nur die Reservearmee der Arbeitslosen verringern, sondern auch attraktive Positionen anbieten, was automatisch auch die Zahl derer, die sich mit dem System identifizieren, vergrößern würde. Damit aber nicht genug. Die Kosten zum Schutz des Systems würden automatisch zur Folge haben, dass ein nicht unwesentlicher Teil der (Netto-)Einkünfte in den Verbrauch umgeleitet wird. Die Nachfrage nach Konsumgütern würde also steigen. Wenn die Wirtschaft mehr Konsumgüter produziert, muss sie natürlich zugleich die Herstellung von Produktionsgütern (Investitionsgütern) verringern. Die Produktionsgüter, die nicht produziert worden sind, können auch nicht investiert werden, was den Kapitalismus sozusagen in ruhige Gewässer treiben würde. Die Akkumulation würde sich nicht zu einer unbeherrschbaren und selbstmörderischen Akkumulation aufschwingen können. Auf diese Weise wäre gerade das getan, was den Kapitalismus vor dem Zusammenbruch bewahren würde, vorausgesetzt, die Marxsche Zusammenbruchstheorie wäre richtig.

Bevor wir aber Marx alle Wege sperren, versuchen wir noch etwas, um ihm noch eine Chance zu geben. In dieser Absicht fragen wir, ob die Kapitalisten etwa deshalb nicht im Stande sein werden, ihre Herrschaft zu sichern, weil ihnen nie die Idee in den Sinn kommen würde, dass sie weniger akkumulieren und mehr konsumieren sollten? Wenn dem so wäre, dann hätte Marx der proletarischen Revolution einen Bärendienst erwiesen. Er hätte nämlich dem Klassenfeind verraten, wie er sich verteidigen sollte. Aber so viel Ehre kann man Marx nicht antun. Den Reichen wurde nämlich schon lange davor, unter anderem von Bernard Mandeville (1670 - 1733), einem niederländischer Sozialtheoretiker, dringend empfohlen, dass es in ihrem eigenen Interesse liege, mehr zu verbrauchen. In seinem Hauptwerk, der Bienenfabel, beschrieb Mandeville auf eine höchst spannende und scharfsinnige Weise, warum die gut funktionierende Wirtschaft nicht Tugend und Sparsamkeit, sondern Laster und Verschwendung unbedingt brauche. Die Reichen würden ihre Welt nur dann retten können, so seine Botschaft, wenn sie das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden.

„Die Verschwendung, die ich die nobelste der Sünden nenne, ist nicht diejenige, die den Geiz zu ihrem Begleiter hat und die Menschen veranlasst, einigen gegenüber sinnlos zu vergeuden, was sie andern ungerechterweise auspressen, sondern jenes liebenswürdige, gutmütige Laster, das den Schornstein rauchen und den Kaufmann gedeihen lässt.“

Die Mandevillesche Auffassung hat einige Zeit für Furore gesorgt, bis die Ökonomen - die Vorgänger von Marx - den Sparsinn zur höchsten Tugend erhoben haben. Durch ihre Irrtümer und Fehlschlüsse hat viele Jahrzehnte das Sparen über die Verschwendung triumphiert. Auf Umwege (über Malthus) wurde die Verschwendung (Nachfrage) später bei Keynes (1936) zu einem völlig neuen ökonomischen Ansatz (Paradigma) herausgearbeitet. Wir werden dies unter einem gesonderten thematischen Schwerpunkt ausführlich behandeln. An dieser Stelle soll nur - der Vollständigkeit halber - kurz darauf eingegangen werden, wie die Marxisten auf den Sieg der nachfrageorientierten (Keynesschen) Theorie reagiert haben. Nicht wenige haben erstaunlicher Weise auf einmal in Marx einen Nachfragetheoretiker entdeckt. Ein gutes Beispiel für diese Mogelpackung finden wir in dem bekannten Buch Monopolkapital (1966) der amerikanischen Marxisten Paul A. Baran und Paul M. Sweezy:

„Im Monopolkapitalismus besteht, anders als im Konkurrenzsystem, keine zwangsläufige Korrelation zwischen der Rate des technologischen Fortschritts und dem Umfang der Investitionsmöglichkeiten. Der technologische Fortschritt hat die Tendenz, mehr die Form als den Umfang der Investitionen zu bestimmen.
Nimmt man doch die Tatsache hinzu, dass das gesamte abschreibbare Aktienkapital in den entwickelten kapitalistischen Ländern inzwischen enorme Ausmaße erreicht hat, dann bedeutet das, dass im heutigen Monopolkapitalismus unermessliche (und wachsende) Geldsummen in Form von Abschreibungen in die Schatzkammern der Kapitalgesellschaften fließen. ... Nun kann das, was wir zeigen wollen, einfach so ausgedrückt werden: Wo der Abschreibungswert sehr hoch ist wie im heutigen Monopolkapitalismus, ist es durchaus möglich, dass die Wirtschaft allein aus dieser Quelle alle ihr rentabel erscheinenden Investitionen zur Einführung von Neuerungen (neuen Produkten wie neuen Verfahren) bestreiten kann.“

An dieser Stelle ist es nicht unangebracht, die Frage zu stellen, warum ausgerechnet die amerikanischen Marxisten zu dieser Schlussfolgerung gelangt sind. Die Antwort ist einfach, und zugleich stellt sie ein denkbar schlechtes Zeugnis für europäische und vor allem deutsche Ökonomen und Wirtschaftswissenschaftler aus. Wenn sich Tatsachen ändern, ist es in der angelsächsischen Tradition zumindest nicht abwegig, auch die eigene Meinung zu ändern. Ganz anders im Lande der Dichter und Denker. Wenn sich dort die Tatsachen erdreisten zu widersprechen, will der bornierte „Wissenschaftler“ erst recht für die Richtigkeit seiner Theorie - und vor allem für seinen verletzten Stolz - kämpfen. Dies ist auch einer der wichtigsten Gründe, wenn nicht der wichtigste, warum der Marxismus in englisch sprachigen Ländern nie richtig Fuß fassen konnte.

Damit soll aber nicht zugleich angedeutet werden, dass Baran und Sweezy sich irgendwelche Verdienste um den Marxismus erworben hätten, im Gegenteil. Es wäre nichts falscher, als in Marx einen Nachfragetheoretiker zu entdecken. Dies war Marx ganz bestimmt nicht. Nicht einmal ließe sich sagen, dass er durch seine Analyse der Kapitalakkumulation den nachfragetheoretischen Ansatz irgendwie doch, sei es nur unbewusst, angedeutet oder angespornt hätte. Es stimmt natürlich, dass auch für ihn das übermäßige Sparen große Probleme schafft und letztendlich zum Zusammenbruch des Systems führt, aber nicht deshalb, weil die Nachfrage fehlen würde. In der Nachfragetheorie bedeutet ein übermäßiges Sparen, dass nicht alle angebotenen Güter nachgefragt und gekauft werden; bei Marx dagegen werden (Geld-)Ersparnisse immer verbraucht, allerdings nicht für den Konsum, sondern für Investitionen. Zugespitzt ausgedrückt: In der Nachfragetheorie sitzt der geizige Kapitalist auf einem Haufen Geld und hungert, bei Marx hungert er - und vor allem lässt er hungern -, weil er alles investiert.

Der Kapitalist, so wie ihn sich Marx vorstellt - dem dann später Max Weber alle Ehren erteilt - kann offensichtlich kaum ein richtig böser Mensch sein. Man könnte ihn eher bedauern, aber ihm etwas vorzuwerfen wäre nicht einfach. Wen wundert dann schon, dass Marx nie ein Kritiker der Kapitalisten im Sinne, sie seien unmoralische Menschen, war. Bei ihm sind die Kapitalisten nicht verschwenderisch, egoistisch und dekadent, wie es bei Sozialisten sonst üblich, sondern nur „entfremdet“. Die so genannte „Entfremdung“ spielt eine große Rolle in der Marxschen Philosophie, aber damit wollen wir uns jetzt nicht befassen. Merken wir nur kurz an, dass Marx gerade deshalb, weil er auch „Klassenfeinde“ als entfremdete Menschen sieht, den Kapitalisten ziemlich schont. Dies könnte für alle, die Marx nicht aus erster Hand kennen, sehr seltsam klingen, aber es ist einfach so. Damit die Überraschung komplett wird, fügen wir hinzu, dass die Kapitalisten nicht von ihrem Totengräber Marx, sondern ausgerechnet vom Vater der Marktwirtschaft, Adam Smith, richtig abgewatscht und durch den Dreck gezogen wurden. Was für eine seltsame Ironie der Geschichte!

Aber gerade wenn es stimmen sollte, dass Kapitalisten dermaßen von den ökonomischen Sachzwängen unterjocht und gefährdet wären, wie es sich Marx vorstellt, wäre es seltsam, wenn sie nicht versuchen würden, etwas dagegen zu tun. Oder geht es vielleicht darum: Sie wissen was sie tun sollten - das haben ihnen Mandeville und andere schon längst erklärt - aber als asoziale Menschen sind sie unfähig, organisiert zu handeln? Wir können natürlich nicht wissen, ob Marx so gedacht hat, aber so etwas würde zu seiner Philosophie der Entfremdung gut passen. Man könnte damit die Untätigkeit der Kapitalisten auf folgende Weise erklären:

So wie die heutigen Neoliberalen, sieht auch Marx die Marktwirtschaft als eine Konkurrenz im drastischen Sine des Wortes: einer gegen alle und alle gegen einen. Ein Kapitalist kämpft also rücksichtslos und gnadenlos nicht nur gegen die Arbeiterklasse, sondern auch gegen jeden Kapitalisten aus der eigenen Klasse. Man erinnert sich an den berüchtigten Satz aus dem Kapital: Je ein Kapitalist schlägt viele tot. Aber auch hier sieht die empirische Wirklichkeit anders aus. Hätte Marx nicht selbst in Erfahrung bringen können, mit welchen organisatorischen und konspirativen Fähigkeiten die Kapitalisten ausgestattet sind, wie handlungsfähig sie sind, wenn es um die Durchsetzung ihrer gemeinsamen Klasseninteressen geht, hätte er dies bei Adam Smith nachlesen können:

„Geschäftsleute des gleichen Gewerbes kommen selten, selbst zu festen und zur Zerstreuung zusammen, ohne daß das Gespräch in einer Verschwörung gegen die Öffentlichkeit endet oder irgendein Plan ausgeheckt wird, wie man die Preise erhöhen kann. ... Die Unternehmer, der Zahl nach weniger, können sich viel leichter zusammenschließen. Außerdem billigt das Gesetz ihre Vereinigungen, zumindest verbiete es sie nicht wie die der Arbeiter. Wir haben keine Parlamentsbeschlüsse gegen Vereinigungen, die das Ziel verfolgen, den Lohn zu senken, wohl aber zahlreiche gegen Zusammenschlüsse, die ihn erhöhen wollen.
Das Interesse der Kaufleute aller Branchen in Handel und Gewerbe weicht ... in mancher Hinsicht stets vom öffentlichen ab, gelegentlich steht es dem auch entgegen. ... Jedem Vorschlag ... der von ihnen kommt, sollte man immer mit großer Vorsicht begegnen. Man sollte ihn auch niemals übernehmen, ohne ihn vorher gründlich und sorgfältig, ja, sogar mißtraurisch und argwöhnisch geprüft zu haben, denn er stammt von einer Gruppe von Menschen, deren Interesse niemals dem öffentlichen Wohl genau entspricht, und die in der Regel vielmehr daran interessiert sind, die Allgemeinheit zu täuschen, ja, sogar zu missbrauchen. Beides hat sie auch tatsächlich bei vielen Gelegenheiten erfahren müssen.“

Warum brauchte Marx eine dermaßen brutale Konkurrenz zwischen den Kapitalisten? Weil für ihn die Akkumulation, und die durch sie hervorgerufene Konzentration des Kapitals, also die Monopolisierung der Wirtschaft, eine a priori Annahme ist: ein dialektisches und ökonomisches Gesetz. Sollte es wirklich stimmen, dass die Konkurrenz zu Monopolen und zu einer immer kleineren Klasse der Superreichen führt, dann würde daraus folgen, dass die Selbstorganisation der Kapitalisten zum Zweck des gemeinsamen Handels immer einfacher sein müsste. Für eine immer kleinere Zahl von immer reicheren Kapitalisten würde es nämlich immer einfacher sein, sich zu treffen und sich zu verständigen, was in ihrem gemeinsamen Interesse am besten zu tun wäre. Offensichtlich hat Marx diese wichtige Konsequenz seiner Analyse der Entwicklungsgesetze des Kapitalismus einfach übersehen.

Noch eine Möglichkeit des organisierten Handelns der Kapitalisten hat Marx übersehen und ist zugleich in scharfen Widerspruch mit sich selbst geraten. Bekanntlich ist der Staat nach Marx ein Werkzeug der herrschenden Klasse und der Staatapparat nur der geschäftsführende Ausschuss der Bourgeoisie. Sollte dem wirklich so sein, dann ist es ein großes Rätsel, warum die Bourgeoisie, die alles so perfekt in der Hand hätte, so unfähig sein sollte, in ihrem eigenen Interesse zu handeln.

Der Kampf zwischen den „Sachzwängen“ und dem „geistigen Überbau“ im Rückblick

Als nach dem Ersten Weltkrieg die erste „proletarische“ Revolution siegte, und als nach der Großen Depression bzw. dem Zweiten Weltkrieg der Globus immer mehr rot wurde, sah es vorerst so aus, als ob Marx Recht bekäme, dass die ökonomischen Gesetze (also Sachzwänge), so wie er sie sich vorgestellt hat, die Geschichte bestimmen würden. Der Kapitalismus war nicht zu retten, auch wenn das Kapital alle politischen und öffentlichen Institutionen - Staat, Parlamente, Parteien, Justiz, Polizei, Medien, Armee, ... - auf eine oder andere Weise beherrschte und instrumentalisierte. (So wie es heute der Fall ist.) Auch das komplette Versagen der „bourgeoisen“ Sozial- und Wirtschaftswissenschaften schien auf der Hand zu liegen:

  1. Die private Marktwirtschaft taumelte von einer Krise in die andere - so wie es schon bei Ricardo und Malthus der Fall war. Alle Vorschläge der „bourgeoisen“ Ökonomen, dies zu verhindern, haben sich als nutzlos, wenn nicht als kontraproduktiv, erwiesen. Die „bourgeoise“ Wirtschaftswissenschaft stand vor einem Scherbenhaufen. Alle anderen „bourgeoisen“ Sozialwissenschaften auch. Es ist ihnen nicht einmal annähernd gelungen, die von ihnen selbst gestellten vornehmen und humanen Ziele - Frieden, Überfluss, Freiheit, Chancengleichheit, Solidarität, Gerechtigkeit, Menschenrechte, Fortschritt, ... - zu realisieren. Der Kapitalismus blieb, trotz seiner formalen Freiheiten, eine Herrschaft des Kapitals, für das Kapital und durch das Kapital.
  2. Weil dieses Versagen der „bourgeoisen“ Sozial- und Wirtschaftswissenschaften so offensichtlich und allgemein war, ließe sich folgern, dass nicht einmal ihre Methoden und Techniken zu etwas taugen würden. Es gab also keinen rationalen Grund, sie überhaupt zu beachten. Der sich immer weiter verbreiterte Kulturpessimismus in dem konservativen und bürgerlichen Lager war der Ausdruck des verlorenen Glaubens an den Sinn und Zweck von all dem, was der Geist der Moderne in Form von Ratio der westlichen Wissenschaften hervorgebracht hat. Nietzsche siegte auf ganzer Linie.
  3. In den kommunistischen Gesellschaften dagegen hat man zuerst große materielle Fortschritte erzielt, und zwar ohne dass man etwas von den „bourgeoisen“ Sozial- und Wirtschaftswissenschaften wissen wollte. Deshalb schien es nicht einmal abwegig zu folgern, dass diese Erfolge nicht nur ohne, sondern gerade gegen diese Wissenschaften möglich waren. Für viele Menschen, für die sichere Arbeitsplatze und spätere Rente selbstverständlich geworden sind, die ihre Kinder in die Schule und studieren schicken konnten und umsonst gesundheitlich versorgt wurden, war der Kommunismus zunächst ein Fortschritt gewesen, von dem die Generation der Väter und Großväter nicht einmal hätte träumen können. Und die Presse-, Rede- und Reisefreiheiten? Meine Güte! Als ob für die Armen diese Freiheiten etwas bedeuten würden.

Aber bald hat sich das Blatt gewendet. Nicht nur dass sich das ökonomische Wachstum immer mehr verlangsamte, sondern es gab auch in keinen anderen Bereichen des „geistigen Überbaus“ nennenswerte Fortschritte mehr. Schlimmer noch: Der Kapitalismus zog vorbei. So etwas war im Marxschen Szenario des Historischen Materialismus nicht vorhergesehen. Die neue Gesellschaft sollte nicht nur die Entwicklung der Produktivkräfte dynamisieren, sondern auch für einen neuen geistigen Überbau sorgen. Dass ein solcher Überbau, also eine radikale Erneuerung aller Formen des gesellschaftlichen Lebens und somit auch aller Geisteswissenschaften, stattfinden sollte, folgt direkt aus der dialektischen Methode. Erinnern wir uns noch einmal an ihre drei Stufen:

These >>> Antithese >>> Synthese
bourgeoise Wissenschaften Kapitalismuskritik neue Wissenschaften

Die zweite Aufgabe, die Kritik der kapitalistischen Ordnung, hat schon Marx auf sich genommen und, wie man meinte, erfolgreich zu Ende gebracht. Nachdem die Geschichte bzw. die Revolution den Sprung in die nächste historische Entwicklungsphase genommen hat, ist also nichts mehr im Wege gestanden, um zügig und entschlossen mit dem neuen „geistigen Überbau“ zu beginnen. Dieser Schritt hat aber nie stattgefunden. Wolfgang Pohrt hat dies sehr treffend erfasst: 

„Als es [unter den Linken] nur Marxisten gab, unterschied man zwischen schlechten Marxisten und guten. Die schlechten waren die anderen: dogmatisch, dumm, autoritär. Sie hingen am Gängelband der KPdSU oder der DKP. Die guten standen in der Tradition von Bloch, Adorno, Horkheimer, Marcuse, Trotzki, Rosa Luxemburg. Sie fühlten sich einsam, schutzlos und verlassen, denn sie besaßen auf dieser Welt außer ihren Büchern keinen Freund und statt eines großen Feindes zwei. Feind Nr. 1 war das Kapital im Westen, Feind Nr. 2 waren die spätstalinistischen Machthaber im Osten. ... Die verabscheuten Machthaber im Osten sind weg. Schön für den besseren Marxismus, sollte man denken. Jetzt kann er richtig loslegen und seine ganze Energie auf die Kritik des Kapitals konzentrieren. Aber keine Spur davon. Mit den schlechten Marxisten sind auch die guten verschwunden. ... Warum wird dieser Umstand nicht als erklärungsbedürftig empfunden?“

Ob dieser „Umstand“ wirklich erklärungsbedürftig sei, darüber kann man sich streiten. Einerseits ist es manchmal nützlich, sich mit dem Scheitern einer Theorie zu beschäftigen, weil sich daraus etwas lernen lässt. Andererseits kann man aber über eine gescheiterte Theorie nicht unendlich lange nachgrübeln. Aber wie dem auch sei, dieser „Umstand“ ist gar nicht so schwierig zu erklären.

Eine dialektische Methode zu betreiben hat nicht zur Aufgabe, etwas Neues zu erfinden, sondern ihre Aufgabe bleibt darauf beschränkt, das Alte nieder zu machen. Ein Dialektiker ist nicht mehr und nicht weniger als ein Geburtshelfer - wir erinnern uns noch einmal an Platon bzw. Sokrates. Das Geschäft des Dialektikers erschöpft sich im Kritisieren. Die Kritik ist sozusagen das Merkmal der professionellen Deformation eines jeden Dialektikers. Was können aber die Dialektiker mit ihrer Kunst des Kritisierens tun, wenn die Geschichte vollendet ist? Es mag ironisch klingen, aber ihm bleibt nichts anderes übrig als sich selbst zu kritisieren und sich gegenseitig zu kritisieren. Kein Wunder also, dass die Selbstkritik in den kommunistischen Ländern einen Stellenwert bekam, wie Buße tun in den christlichen Kirchen. Jeder gegen sich selbst, und natürlich die westlichen Marxisten gegen die östlichen. Die westlichen Marxisten wollten ständig belehren und fühlten sich beleidigt, dass man sie kaum oder gar nicht beachtete. Die östlichen Marxisten wehrten sich natürlich, indem sie den westlichen Kollegen die akademische Realitätsfremdheit vorgeworfen hatten. Im Rückblick kann man feststellen, dass die Letzteren Recht hatten. Die westlichen Besserwisser haben wirklich nichts außer ihrer Überheblichkeit und Eitelkeit je angeboten. Gleichermaßen stimmt es aber, dass die östlichen Marxisten auch nie mehr vermochten als eine Arroganz der Macht zur Schau zu stellen. Zusammengefasst könnte man also sagen: Die westlichen Marxisten haben bevorzugt ihre abstrakten Interpretationen ins Leere fortgeschrieben, die in den kommunistischen Ländern haben Marx vor allem im Sinne der momentan gültigen Parteiideologie (um-)interpretiert. So oder so, dies konnte zu keinem neuen „geistigen Überbau“ führen.

Das Versagen der Marxisten, die Sozialwissenschaften von Grund auf zu erneuern und zu entwickeln, kann man auch so rechtfertigen, wie sich jeder Misserfolg rechtfertigen lässt. Man kann nämlich sagen, dass es gar nicht so einfach ist, eine Wissenschaft auf neue Grundlagen zu stellen, und die Marxisten wollten dies sogar für alle Wissenschaften realisieren. Ja, es ist immer verdammt schwierig, ein neues Paradigma zu entwerfen. Sogar in der erfolgreichsten und sich am schnellsten entwickelnden Wissenschaft aller Zeiten, in der Physik, hat es zweieinhalb Jahrhunderte gedauert, bis dank Einstein (1879-1955) Newton’s (1642-1727) klassische Physik von total umgekrempelt worden ist. Die dialektische Methode bzw. der Historische Materialismus hatte aber nur etwa anderthalb Jahrhunderte Zeit dazu. Hat dies trotzdem nicht ausreichen können, um etwas zu erreichen? Man kann sich bekanntlich alles vorstellen und dies auch, aber glaubwürdig ist es nicht. Die entscheidenden Gründe dafür, warum sich der Marxismus nicht weiterentwickelte, warum es einen neuen „geistigen Überbau“ nie gab und warum keine sich von Grund auf erneuerte Sozialwissenschaft entstanden sind, müssen wir innerhalb des Marxismus suchen.

Der Neoliberalismus - der generische Defekt des Historischen Materialismus

Würde man die dialektische Methode streng interpretieren, dürfte man über die zukünftige kommunistische Gesellschaft nichts, aber auch gar nichts sagen dürfen. Aber selbst Marx hat sich daran nicht gehalten. Sein Historischer Materialismus ist eine Anwendung dieser Methode, die sich nicht nur auf die Vergangenheit und Gegenwart beschränkt, sondern auch etwas über die Zukunft sagt. Die so genannten ökonomischen Entwicklungsgesetze, die wir schon erörtert haben, sollten nach Marx auch für den Kommunismus ihre Gültigkeit behalten. Diese beiseite zu schieben kann man nicht, ohne den Marxismus zu verlassen (verraten). Aber auch was das soziale Leben der zukünftigen Gesellschaft betrifft, hat sich Marx auf einige bestimmte Prinzipien oder Positionen festgelegt. Diese ziehen sich als der sprichwörtliche rote Faden durch sein ganzes Opus hindurch. Auch sie durften die Marxisten, also die späteren marxistischen Soziologen - und alle andere Sozialwissenschaftler - nicht einfach über Bord werfen. Zu diesen sozialwissenschaftlichen Positionen des Historischen Materialismus gehören vor allem folgende drei:

- Der Kommunismus soll das Reich der Freiheit sein

- Er sollte eine atomisierte Gesellschaft der freien Individuen sein

- Den politischen Staat wird es nicht geben

Aus diesen Annahmen folgt, dass sowohl die ökonomischen als auch alle anderen sozialen Verhältnisse zwischen den Individuen und den Gruppen nicht durch ökonomische, politische, juristische und irgendwelche anderen Institutionen geregelt werden sollten. Das gemeinsame Handeln soll immer die Folge einer direkten (ad hoc) Entscheidung sein, welche die Individuen treffen, die sich für das Handeln spontan entschieden haben. Das Marxsche Vertrauen in das Individuum, genauer gesagt in das zukünftige Individuum, war also uneingeschränkt und bedingungslos. Marx war kein Kollektivist, sondern ein extremer Individualist. Dies ist so wenig umstritten, wie kaum etwas aus seiner Lehre. Hiermit ist Marx ein geistiger Zwilling der Neoliberalen, die auch streng gegen jegliche Institution sind, nur mit dem Unterschied, dass die Neoliberalen noch großzügiger sind, was das Individuum betrifft: Für sie würde die Wirtschaft und Gesellschaft, in der die Individuen ihre Verhältnisse spontan und direkt (ad hoc) regeln, mit jedem Menschen funktionieren, nicht nur mit einem, der zu neuem (kommunistischem) Bewusstsein gelangt ist. Verkürzt ausgedrückt, Marx hat nur die neoliberalen Versprechungen in die Zukunft verschoben. In den nächsten Beiträgen zeigen wir, dass das Marxsche Reich der Freiheit bzw. der „Wissenschaftliche Sozialismus“ sich nur wenig von der laissez-faire Marktwirtschaft und der neoliberalen freien Gesellschaft unterscheidet. Beides ist auf dem gleichen Mist der akademischen Torheiten und Irrtümer gewachsen.

Wenn die Wirtschaft ein sich selbst regeldes und problemlos funktionierendes System ist, würde der Staat sie in Ruhe lassen, und wenn das Zusammenleben der Menschen auch ohne jede Institution bestens auskommt, womit können sich die Sozialwissenschaften überhaupt beschäftigen? Ja, sie sind überflüssig. Dieser neoliberale Defekt in dem genetischen Code des Marxismus ist der wichtigste Grund dafür, warum es eine Fortentwicklung des Marxismus nie gab, weder in der Ökonomie und schon gar nicht in den anderen Sozialwissenschaften. Eine Gesellschaft der Individuen ist keine Gesellschaft, und wenn es die Gesellschaft nicht gibt (Margaret Thatcher), können auch Soziologen und andere Sozialwissenschaften keinen Sinn und Zweck haben.

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