DIE BISHERIGEN PARADIGMEN DER WIRTSCHAFTSWISSENSCHAFT
     
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  Die gegenseitige Neutralisierung der Affekte, die Demokratie und die Regelung
  Die Atomisierung der Macht (Rousseau) als falscher Weg zur neuen Ordnung
       
 
Die Bedeutung, die Rousseaus demokratischtheoretischen Äußerungen beigemessen wird, steht allerdings im Missverhältnis zu ihrer Qualität und Ergiebigkeit für eine wissenschaftliche Demokratietheorie.
 
    Manfred G. Schmidt(Demokratietheorien)    
       
 
Er war ein traditionalistischer Moralist, der die verheerenden Folgen der entfesselten Konkurrenzgesellschaft erkennt und durch politische und pädagogische Mittel ihren Fortschritt zu verlangsamen versucht.
 
    Iring Fetscher(Rousseaus politische Philosophie)    

Man kann kaum bestreiten, dass zur Verbreitung und  Durchsetzung der Idee der Demokratie am Anfang der Moderne keiner so viel beigetragen hat wie Jean Jacques Rousseau (1712-1778). Dem sollte man aber gleich hinzufügen, dass er trotzdem keine praktisch brauchbare Lösung für eine real funktionierende moderne Demokratie hinterlassen hat. Damit die Ironie perfekt wird, haben diejenigen, die solche Lösungen tatsächlich erbracht haben, sich selbst nicht als Demokraten gesehen, wie etwa Locke und Montesquieu. Als Erklärung dafür, warum sich die Demokratietheorie von Rousseau als praktisch nicht brauchbar erwiesen hat, wird normalerweise angegeben, dass sie normativ ist. Das stimmt, aber das sagt nicht viel. Es gibt keine Staatstheorie, die nicht (auch) normativ ist. Es müsste also etwas anderes dafür ausschlaggebend sein, warum Rousseau so wenig Spuren hinterlassen hat.

Es gibt im Grunde zwei Ansätze für die Demokratie, den antiken  machttheoretischen und den neuen ordnungstheoretischen. Rousseau hat sich von dem alten machttheoretischen Ansatz nie befreien können und ist nie über ihn hinausgekommen. Damit ist nicht gesagt, dass dieser Ansatz ganz falsch wäre, das ist er ganz bestimmt nicht. Es ist keine echte demokratische Ordnung möglich, in der die faktische politische und ökonomische Macht nicht gleichmäßig unter den Menschen verteilt wäre. Deshalb kann Rousseau immer noch nicht aus der Diskussion über die moderne Demokratie weggelassen werden.

Die antike Klassifikation der politischen Ordnungen (Staatsformen) nach zwei Kriterien

Schon Platon hat die Staatsformen nach zwei Kriterien eingeteilt, je nachdem (1) wie viele regieren und (2) nach der moralischen Qualität der Regierenden. Aristoteles hat dies ein Bisschen systematischer ausgearbeitet und seine Klassifikation hat sich dann viele Jahrhunderte erhalten. Die nächste Tabelle zeigt sie:

Anzahl der Herrscher Wohlwollende Herrschaftsformen Eigennützige Herrschaftsformen
einer Monarchie Tyrannis
wenige Aristokratie Oligarchie
viele Politie Demokratie

Die beste Ordnung nach Platon wäre die Herrschaft der Philosophen, also die Monarchie oder eventuell auch die Aristokratie, doch schon sein Schüler Aristoteles hat sich  anders entschieden, für die Politie. Diesen Begriff benutzt man heute aber nicht mehr. Politie sollte sozusagen eine gute Demokratie sein, deshalb würden wir heute anstatt des Begriffspaars Politie und Demokratie ein anderes nehmen, nämlich Demokratie und Anarchie. Hobbes war der erste, der große Einwände gegen diese Klassifizierung der Staatsformen hatte; genauer gesagt, er lehnte das Kriterium, dass es „richtige“ (links) und „verfehlte“ (rechts) Staatsformen überhaupt geben kann, ab. Er konnte nicht anders, weil er in den Menschen nur das Böse sah.

„Die Verschiedenheit der Staaten hängt von den Personen ab, welche im Besitz der höchsten Gewalt sind. Es besitzt sie entweder einer oder sie ist mehreren anvertraut, und im letzteren Falle entweder allen, so daß jeder das Recht hat, in den Staatsversammlungen zu erscheinen, oder aber bestimmten Menschen, welche vor den übrigen ausgezeichnet sind. Deshalb kann es auch nur dreierlei Staatsverfassungen geben, nämlich die monarchische, bei der die höchste Gewalt in den Händen eines einzigen ist; die demokratische, bei der diese Gewalt von, einer Versammlung, zu der jeder freien Zutritt hat, ausgeübt wird, und die aristokratische, bei der die höchste Gewalt dem vornehmsten Bürgerstande anvertraut ist. Weitere Arten von Staatsverfassungen gibt es nicht, da die höchste Gewalt notwendig einem einzigen oder mehreren oder allen zukommen muß.
In der Geschichte und in den politischen Schriften kommen zwar noch andere Namen, wie Tyrannei und Oligarchie, vor; es sind aber keine eigentlichen Begriffe, denn sie drücken nicht den Begriff, sondern den Widerwillen bei denen aus, die sich ihrer bedienen. Wer gegen einen Monarchen aufgebracht ist, nennt ihn einen Tyrannen; wer gegen die Vornehmen Haß hegt, gebraucht von ihnen den Ausdruck Oligarchie, und wer den Volksführern nicht gewogen ist, nennt die Volksregierung eine Anarchie, ohne daß darum Anarchie eine besondere Volksregierung sein müsse.“ ... >

Von dem Bösen im Menschen ausgehend, war es für Hobbes nur folgerichtig, wenn er sich für die Monarchie (Leviathan) entschieden hat, welche die bösen Menschen daran hindern sollte, dass sie sich gegenseitig umbringen. Rousseau sah ziemlich alles diametral anders. In seinem Glauben an das Gute im Menschen hat er sich für die Demokratie entschieden. Gerade weil die Menschen gut und friedlich sind, sollte jeder bei jeder Beschlussfassung, welche das Leben der ganzen Gesellschaft betrifft, gleichberechtigt und direkt beteiligt werden. Auf diese Weise sollte auch über Gesetze entschieden werden. Die Beteiligung des Volkes bei den Entscheidungen soll umso größer sein, je wichtiger das zur Entscheidung anstehende Gesetz ist. Somit war Rousseau einer der ersten modernen Denker, der alle Individuen rechtlich gleichstellte, der das gleiche Stimmrecht für alle Staatsbürger verlangte. Man kann nur dann die Befolgung eines Gesetzes von jemandem verlangen, so seine Begründung, wenn er an der Beschlussfassung über dieses Gesetz mitgewirkt hat. Es wundert also nicht, dass Rousseau zu den schärfsten Kritikern von Hobbes wurde. Vor allem seine Kritik am Gesellschaftsvertrag, wie ihn sich Hobbes vorgestellt hat, war scharfsinnig und vernichtend.

Die Sinnlosigkeit der Verträge zwischen ungleich starken Partnern

Wiederholen wir nur kurz, dass nach Hobbes der Staat dadurch entstanden ist, dass sich die Menschen im Naturzustand frei entschieden haben, einen von ihnen zum absolutistischen Herrscher zu machen. Sie haben mit ihm angeblich einen Urvertrag geschlossen, nachdem sie ihm alle Rechte übertragen haben. Dass es einen solchen Urvertrag in der ganzen Geschichte nicht ein einziges Mal gab, ist nicht so wichtig. Das Problem besteht darin, dass ein Vertrag, in dem eine Seite auf alle Rechte verzichtet, keinen Sinn haben kann. Was würde sich zum Beispiel bei einem Sklaven ändern, wenn er unterschreiben würde, dass er freiwillig ein Sklave ist, weil er angeblich selbst darauf gekommen wäre, als ein Sklave ein besseres Leben führen zu können als wenn er alleine für sich sorgen müsste. Wir haben schon die Sinnlosigkeit des Gesellschaftsvertrags von Hobbes näher erörtert,mehr schauen wir uns noch an, was Rousseau, in seiner anschaulichen und mitreißenden Sprache, dazu sagte:

„Man wird sagen, daß der Gewaltherrscher seinen Untertanen die bürgerliche Ruhe sichere; es mag sein, aber was gewinnen sie dabei, wenn die Kriege, in die sein Ehrgeiz sie verwickelt, wenn seine unersättliche Habgier, wenn die Bedrückungen seiner Minister sie mehr belasten, als ihre Zwistigkeiten es vermöchten? Was gewinnen sie dabei, wenn diese Ruhe selbst ein Glied in der langen Kette ihres Elends ist? Im Kerker lebt man auch ruhig; genügt das, um sich darin wohlzufühlen? Die in der Höhle des Zyklopen eingesperrten Griechen lebten, bis die Reihe verschlungen zu werden an sie kam, ebenfalls in tiefster Ruhe.
Von welchem Gesichtspunkt aus man deshalb auch die Dinge betrachten möge, so ist das Recht der Sklaverei immer nichtig, nicht allein weil es ungesetzmäßig, sondern auch weil es sinnlos und bedeutungslos ist. Die Worte „Sklave“ und „Recht“ stehen im Widerspruche; sie heben sich gegenseitig auf. Ob sich dieser Redensweise ein Mensch zu einem anderen oder zu einem ganzen Volke bedient, so wird es stets gleich unsinnig sein zu sagen: „Ich schließe mit dir eine Übereinkunft, die dir allen Nachteil und mir allen Vorteil bringt, eine Übereinkunft, die ich halten werde, solange es mir gefällt, und die du halten mußt, solange es mir gefällt“.“ ... >
„Es wäre schwierig, die Gültigkeit eines Vertrages zu zeigen, der nur eine der Parteien verpflichtete, in dem man der einen Seite alles und der anderen nichts übertrüge, und der nur dem zum Schaden gereichte, der sich verbindlich macht.
Der Despot ... übt Gerechtigkeit, wenn er sie ausraubt; er lässt Gnade walten, wenn er sie leben lässt.
Nun ist in den Beziehungen zwischen Mensch und Mensch das Schlimmste, was einem widerfahren kann, sich dem Belieben des anderen ausgeliefert zu sehen.“ ... >

Es ist eigentlich schon an sich erstaunlich, dass einem so genauen Beobachter und Denker wie Hobbes dies alles nicht in den Sinn kam. In noch einer Hinsicht kommt es einem merkwürdig vor, dass Hobbes dem Grundvertrag so eine große Bedeutung beigemessen hat. Er hielt nämlich von schriftlichen Vereinbarungen, also von Gesetzen und überhaupt von einem Rechtsstaat, nicht viel.

„Alle Gesetze, mögen sie schriftlich verfaßt sein oder nicht, bedürfen einer Auslegung. ... Sind schriftlich verfaßte Gesetze kurz, so entsteht aus der Zweideutigkeit eines oder weniger Worte dennoch oft eine Dunkelheit, welche, wenn sie länger sind, aus demselben Grund vermehrt wird. Ein schriftliches Gesetz mag also kürzer oder weitläufiger abgefaßt sein, die Erklärung muß immer aus dem Endzweck hergeleitet werden, der dem Gesetzgeber allein bekannt ist. Dieser muß die Schwierigkeiten wie jenen Knoten entweder auflösen oder durchhauen und so beheben.“ ... >

Da muss man Hobbes Recht geben. Wenn ein Herrscher die Macht hat die Gesetze so zu deuten, wie es ihm im Augenblick passt, und sie auch zu ändern, wenn er das für angebracht hält, dann bedeuten die Gesetze wirklich nicht mehr als eine Verdummung der Untertanen. Das sehen wir heute in aller Deutlichkeit. Wenn die bestehenden Gesetze die Rechte und das Einkommen der sozial Schwächeren und der Arbeiterschaft schützen, dann erklärt man sie für überholt, der Zeit nicht angemessen, ökonomisch schädlich und aus allen Medien hört man den Schrei nach „Reformen“. Wer dagegen ist, wird als ewig gestriger, als nicht kompetent, ja fast als geistesgestört verhöhnt, und wenn es lockerer zugeht, kann er sich des Kommunismusvorwurfs sicher sein. Wenn aber die Gesetze die Reichen bevorzugen und begünstigen, wenn sie Reiche immer reicher und Arme immer ärmer machen, dann wird jede Änderung dieser Gesetze als Angriff auf die Freiheit und die Demokratie, als ein Weg in die Hölle niedergeschrieen. Auf diese Weise wurde die EU geboren: Sie ist ein Produkt einer gigantischen Rechtsbeugung zum Nachteil der Bürger und zum Vorteil der Reichen und der ihnen verbundenen Wirtschaft, ein erfolgreiches neoliberales Projekt des 20. Jahrhunderts.

Insoweit hatte Rousseau Recht, dass ein Gesellschaftsvertrag und überhaupt alle Verträge und Gesetze nichts taugen, wenn die Vertragspartner nicht von der gleichen Machtposition bei der Verhandlung ausgehen oder wenn einer der Vertragspartner, nachdem der Vertrags geschlossen ist, genug Macht sich an das Vereinbarte nicht zu halten.

Keine Freiheit ohne Gleichheit und keine Gleichheit ohne ökonomische Macht

Wir haben auch gesehen, dass bei Hobbes die Klassen keine Rolle spielten, auch wenn man ihm dieses Versehen noch am leichtesten verzeihen könnte. Die Welt, in der er lebte, war nämlich noch sehr mittelalterlich, und zwar in jeder Hinsicht, Rousseau dagegen konnte schon ganz deutlich die Zeichen des neuen Industriezeitalters erkennen. Ihm konnte schließlich nicht entgangen sein, wie sich die Macht in der Gesellschaft von den politischen Institutionen zu den Besitzern von Produktionsgütern, später Kapitalisten genannt, verschob. Die äußere Gewalt hat sich zur „strukturellen“ Gewalt umgewandelt, wie es die Soziologen heute sagen würden. Noch einfacher gesagt, früher wurde mit roher Gewalt geherrscht, im industriellen Zeitalter mit Erpressung.dorthin

Die formale Gleichheit vor dem Gesetz hat dem Arbeiter, der aus dem Stand der früheren Leibeigenen und Sklaven stammt, nicht viel gebracht. Man braucht eigentlich keine soziologisch anspruchsvollen Analysen zu betreiben, um den Zynismus hinter der formalen Freiheit und Gleichheit in der kapitalistischen Gesellschaft zu verstehen. Das war von den sozialistischen Denkern immer wieder thematisiert worden, aber nicht nur von ihnen. Der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer, der ideologisch unverdächtig ist, hat es auf eine eindrucksvolle Weise beschrieben und erklärt:

„Zwischen Leibeigenschaft, wie in Rußland, und Grundbesitz, wie in England, und überhaupt zwischen dem Leibeigenen und dem Pächter, Einsassen, Hypothekenschuldner u. dgl. m., liegt der Unterschied mehr in der Form, als in der Sache. Ob mir der Bauer gehört, oder das Land, von welchem er sich nähren muss; der Vogel oder sein Futter; die Frucht oder der Baum; ist im Wesentlichen wenig verschieden. Armuth und Sklaverei sind also nur zwei Formen, fast möchte man sagen zwei Namen, derselben Sache, deren Wesen darin besteht, daß die Kräfte eines Menschen großentheils nicht für ihn selbst, sondern für Andere verwendet werden.
Kurz, ein großer Theil der Kräfte des Menschengeschlechts wird der Hervorbringung des allen Nothwendigen entzogen, um das ganz Ueberflüssige und Entbehrliche für Wenige herbeizuschaffen. Solange daher auf der einen Seite der Luxus besteht, muß nothwendig auf der anderen übermäßige Arbeit und schlechtes Leben bestehen; sei es unter dem Namen der Armuth, oder dem der Sklaverei, der proletarii, oder der servi. Zwischen beiden ist der Fundamentalunterschied, daß Sklaven ihren Ursprung der Gewalt, Arme der List zuzuschreiben haben.“ ... >

Der Luxus, so Rousseau, „verdirbt den Reichen und den Armen zugleich, den einen durch Besitz, den anderen durch Habsucht“. Gerade deshalb, schrieb schon Aristoteles vor mehr als zwei Jahrtausenden, wäre die Demokratie („Politie“) die beste Ordnung, weil sie auf den „Mittleren“ beruhe. Der mittlere Besitz „läßt am leichtesten der Vernunft gehorchen; das übermäßig Schöne oder das übermäßig Kraftvolle oder das übermäßig Edle oder das übermäßig Reiche oder die Gegenteile davon, das übermäßig Arme oder das übermäßig Schwache und das äußerst Ehrlose lassen es schwer zu, der Vernunft zu folgen. Denn die einen werden eher übermütig und im Großen schlecht, die anderen sehr bösartig und im Kleinen schlecht.“ ... > Man kann es auch so ausdrücken: Die Reichen können auf den gesunden Menschenverstand verzichten, die Armen können ihn sich nicht einmal leisten. Wenn sich also eine Gesellschaft in diese zwei Gruppen spaltet und die Mitte dabei verschwindet, so hat sie keine Chance mehr - sie degeneriert und geht unter.

Würde sich der freie Markt endgültig durchsetzen, „dann könnte nichts irriger sein als die Behauptung, die Zukunft gehöre dem demokratischen Kapitalismus“, schreibt der englische Liberale John Gray vor nicht allzu vielen Jahren. „Das ist den weitsichtigeren unter den neoliberalen Denkern, die den freien Markt zu einer weltweiten Einrichtung machen wollten, durchaus bewusst“,... > fügt er gleich hinzu. Er wusste sehr wohl, wovon er sprach, gehörte er doch zu denjenigen, die einst Margaret Thatcher beraten haben. Es ist erstaunlich, welche Erfolge die Strategie der Demontage der Demokratie im Namen der Demokratie in nur wenigen Jahrzehnten in den westlichen Ländern erzielt hat. Die Vorhut der Marktradikalen ist mittlerweile schon so weit, dass sie versucht - nicht anders als im Kommunismus und Faschismus - alle Formen der öffentlichen Weigerung, des Gegendrucks und des Protestes zu kriminalisieren und gesetzlich zu verbieten. So sollte zum Beispiel nach dem (vorerst gescheiterten) multilateralen Investitionsabkommen (MAI) der Staat wegen mangelnden Schutzes der privaten Investitionen verklagt werden können, wenn Investoren durch Streiks oder Aufstände behindert werden, wenn demokratisch erlassene Gesetze über Mindestlohn oder Abfindungen den Konzern daran hindern, sich in Wohngebieten anzusiedeln, oder wenn ihnen angeblich unzumutbare Maßnahmen zum Umweltschutz vorgeschrieben werden. Früher nannte man eine solche Praxis Klassenjustiz. Nach der neoliberalen Vorstellung soll der Staat nicht verpflichtet sein, dem Volk zu dienen, sondern er soll für ein sicheres Investitionsklima sorgen, gegebenenfalls auch gegen den Willen des Volkes.

Es ist bei den Soziologen schon die Rede vom neuen postdemokratischen Zeitalter (Colin Crouch) und dies zu Recht. Der italienische Schriftsteller und Philosoph Umberto Eco schrieb in einem offenen Brief an alle Teilnehmenden der Protestaktion gegen die Regierung von Silvio Berlusconi am 8. Juli 2008 in Rom, der in der größten Zeitung Italiens, der La Repubblica abgedruckt wurde:

„Wir können hinschauen, wo wir wollen, in allen westlichen Ländern, ob in Amerika oder Europa, gewinnen die Faschisten immer mehr Macht (und die Linken helfen ihnen dabei) und verwandeln die Länder in Überwachungs- und Polizeistaaten. (…) Der Faschismus von heute hat äußerlich nichts mit dem aus der Vergangenheit zu tun. Keine Uniformen, Stechschritt und erhobener Gruß. Nein, er ist modern, raffiniert verpackt und wird mit PR verkauft … aber der Geist, der dahinter steckt, die totale Kontrolle und Ausbeutung, die Zensur, die Mediengleichschaltung, die Lügen, die Unterdrückung und die Angriffskriege … die Resultate … sind dieselben. Die meisten Menschen sehen das nicht und sind durch die Propaganda völlig geblendet.“

Heute, nach der erfolgreich durchgezogenen neoliberalen Konterrevolution, kann es merkwürdig anmuten, dass von den ersten Liberalen manche explizit für die Beschränkung des Besitzes waren, wie etwa Locke. Auch wenn er sich nicht für einen Demokraten hielt - und noch einiges aus der vormodernen Ordnung beibehalten wollte -, konnte ihm nicht entgangen sein, dass es für eine gute und gerechte Gesellschaft nicht tragbar sein kann, wenn die ökonomische Macht sehr ungleich verteilt ist. Wie sich dies verhindern ließe, hat er jedoch nicht gesagt. Und Rousseau?

Seine Intentionen deuten auf eine radikale Lösung hin, auf die vollständige Aufhebung des Privateigentums, und zwar auch wenn damit die Produktivität sinken würde. Genauer gesagt hat er die niedrigere Produktivität bewusst in Kauf genommen. Diesen Preis lohne es sich ihm zufolge zu zahlen, weil das einfache Leben zur Entfaltung der guten menschlichen Natur führe. Hier blieb Rousseau tief in der vormodernen mystisch-religiösen Ethik stecken, aber was noch schlimmer ist, er verabschiedet sich von der empirischen Realität. Die Askese wird zwar schon seit langer Zeit in zahlreichen Religionen und in den Verhaltensnormen, vor allem der indigenen Völker, als der Weg zur Tugend gepriesen, aber was wurde damit erreicht? Es gibt zwar Menschen, die auf alle Annehmlichkeiten des Lebens verzichten können, aber viele sind das nicht. Rein zahlenmäßig würden diese Menschen, die sich aus der Gesellschaft zurückziehen, nie das Volk vertreten können. Schon aus diesem Grund ist das positive Menschenbild von Rousseau empirisch untauglich als Grundlage für die direkte Demokratie. Außerdem hat es den „edlen Wilden“ genauso wenig je gegeben, wie den Krieg aller gegen alle.

Die positive menschliche Natur (Anthropologie) und das Problem des Fachwissens

Es ist erstaunlich wie problemlos sich Rousseau die Willensbildung und Entscheidungsfindung im sozialen Leben vorgestellt hat. Die Bürger sollen sich immer dann treffen, wenn sie es wollen, und dann einfach nur mehrheitlich entscheiden. Das bedeutet zugleich, dass Entscheidungsbefugnisse nicht delegiert werden dürfen, der einzelne sollte nicht indirekt, über irgendwelche Vertreter entscheiden, sondern immer persönlich. Sobald sich ein Volk Vertreter gebe, so Rousseau, „ist es nicht mehr frei, es ist nichts mehr“. Deshalb lehnt er auch den Parlamentarismus ab:

„Der Gedanke der Stellvertretung gehört der neueren Zeit an. Die Vertretung ist der Ausfluß jener unbilligen und sinnlosen Regierungsform der Feudalzeit, in der die menschliche Gattung herabgewürdigt und der Name Mensch geschändet wird.
Die Abgeordneten des Volkes sind also nicht seine Vertreter und können es gar nicht sein; sie sind nur seine Bevollmächtigten und dürfen nichts entscheidend beschließen. Jedes Gesetz, das das Volk nicht persönlich bestätigt hat, ist null und nichtig; es ist kein Gesetz. Das englische Volk wähnt frei zu sein; es täuscht sich außerordentlich; nur während der Wahlen der Parlamentsmitglieder ist es frei; haben diese stattgefunden, dann lebt es wieder in Knechtschaft, ist es nichts.“ ... >

Da es ohne Vertreter der Herrscher (Volk) und der Beherrschte (Volk) identisch sind, spricht man auch von der identitären Demokratie. Wenn alle herrschen, herrscht niemand - so hat Rousseau es sich gedacht. Das hört sich gut an, es gibt aber mehrere, und zwar nicht kleine Schwierigkeiten, wenn alle über alles entscheiden dürften. Wer sollte zum Beispiel die Mehrheit daran hindern, auf Kosten der Minderheit zu entscheiden? So etwas lässt sich zwar durch Gesetze verhindern, aber wenn diese auch die Mehrheit schreiben sollte, dann würden diese auch nicht das Problem beheben. Eine Antwort auf diese praktisch sehr wichtige Frage, wer die Minderheiten vor der Willkür der Mehrheit schützen würde, hat Rousseau schon. Die guten Menschen würden nämlich auch den Minderheiten nichts Böses antun. Deshalb musste Rousseau an die positive menschliche Natur glauben. Folglich gibt es bei ihm nur Bürgerrechte, jedoch keine individuellen Grundrechte. Was macht man aber mit den Tatsachen, die von den richtig bösen Menschen sprechen, von denen die Geschichte nur so wimmelt, vor denen Hobbes so erschrocken war?

All diese Tatsachen schreibt Rousseau dem schlechten Einfluss der Zivilisation auf die ursprünglich gute menschliche Natur zu. Die Zivilisation, vor allem aber das Privateigentum hätten den Menschen verdorben. Im Naturzustand war der Mensch anders, er lebte als selbstbewusster Einzelgänger im Einklang mit der natürlichen Ordnung. Da es noch keinen Egoismus gab, war er grundlegend von dem Mitgefühl und damit von der Solidarität bestimmt. Folglich herrschte in den einfachen Gesellschaften Freiheit und Gleichheit. Das war das Ideal für Rousseau, mit der Realität hatte es aber wenig zu tun. Aufgrund unserer heutigen naturwissenschaftlichen Kenntnisse über die Zustände im Tierreich, die Evolution des Lebens und die Frühzeit der Menschheit kann man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, dass es solche Zustände nie gab. Eigentlich wurde Rousseau manchmal selbst von Zweifeln an einem solchen Naturzustand überwältigt und hat von der direkten Demokratie Abstand genommen:

„Wenn man das Wort in der ganzen Strenge seiner Bedeutung nimmt, so hat es noch nie eine wahre Demokratie gegeben und wird es auch nie geben. Es verstößt gegen die natürliche Ordnung, daß die größere Zahl regiere und die kleinere regiert werde. Es ist nicht denkbar, daß das Volk unaufhörlich versammelt bleibe, um sich den Regierungsgeschäften zu widmen ...
Gäbe es ein Volk von Göttern, so würde es sich demokratisch regieren. Eine so vollkommene Regierung paßt für Menschen nicht.“ ... >

Die direkte Demokratie bzw. das Prinzip, nach dem alle über alles entscheiden, hat auch noch eine erhebliche Schwäche. Eine gute Entscheidung setzt bekanntlich eine gewisse Sachkompetenz voraus. Sollen die Mehrheitsentscheidungen gut ausfallen, muss eine große Mehrheit der Entscheidungsträger fachkompetent sein. Dass in einer Gesellschaft, in der die Arbeitsteilung immer weiter fortschreitet, diese universelle Kompetenz bei den Menschen immer mehr verloren geht, dürfte auch Rousseau nicht entgangen sein. Dies könnte einer der wichtigsten Gründe dafür sein, warum er das Leben in der Natur dem in der Zivilisation bevorzugte. Man kann ihm auch hier nicht wirklich vorwerfen, dass er es mit der Rückkehr in den Naturzustand ernst gemeint hat, auch wenn dieser Schluss aus seinen Schriften nahe liegt und viele Kritiker es so verstanden haben. In einem Brief an Rousseau schreibt Voltaire spöttisch:

„Ich habe, mein Herr, Ihr neues Buch gegen die menschliche Gattung erhalten ... Niemand hat es mit mehr Geist unternommen, uns zu Tieren zu machen, als Sie; das Lesen ihres Buches erweckt in einem das Bedürfnis, auf allen Vieren herumzulaufen.“

Man könnte Rousseau als einen frühgrünen Fundamentalisten bezeichnen. Damit wäre zumindest das Problem der Fachkompetenz gelöst. Für das primitive Leben in der Natur brauchte man noch nicht viele Kenntnisse, jeder konnte sich ziemlich alle Kenntnisse erwerben, welche für die Existenz der Gesellschaft nötig sind, so dass er auch kompetent über alles entscheiden konnte.  

Erwähnen wir noch abschließend, dass auch Marx sich den Kommunismus als das Reich der Freiheit vorgestellt hat, wo jeder über alles entscheiden würde, also als eine direktdemokratische Ordnung. Auch ihm war es bewusst, dass die Mehrheitsentscheidungen Fachkompetenz voraussetzen, aber das sollte angeblich in der Zukunft - im Kommunismus - kein Problem mehr sein, weil die modernen Technologien zur Aufhebung der Arbeitsteilung führten. Marx war sich genauso bewusst, dass auch diese universelle Kompetenz noch nicht ausreichen würde, sondern der Mensch darüber hinaus auch noch gut sein müsse. Anders als Rousseau, glaubte er jedoch nicht daran, dass der Mensch schon im Urzustand gut war, er würde dies laut Marx jedoch nach der proletarischen Revolution sein bzw. werden. Hier greift Marx in die metaphysische Trickkiste, dass nämlich die Revolution das ganze Bewusstsein der Menschen auf eine magische Weise - durch den dialektischen Umschlag der „Quantität“ in die „Qualität“ - radikal verbessern würde. Beides hat sich als völlig falsch erwiesen. Wir haben auch dazu schon etwas mehr gesagt.dorthin

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