DIE BISHERIGEN PARADIGMEN DER WIRTSCHAFTSWISSENSCHAFT
     
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  Die gegenseitige Neutralisierung der Affekte, die Demokratie und die Regelung
  Kybernetische Erklärung der zwei Lenkungsarten: Steuerung und Regelung
       
 
Die Mathematik ist nicht deskriptiv, sondern gestaltend.
 
    Gaston Bachelardbekannter französischer Philosoph, Erkenntnistheoretiker und Wissenschaftstheoretiker    
       
 
Logische Fragen kann man nicht mit Hilfe einer Bildersprache beantworten, sondern man braucht dazu scharfe mathematische Formulierungen; schon die Fragestellung verlangt oft eine mathematische Ausdruckweise.
 
    Hans Reichenbachein deutscher Physiker, Logiker und Philosoph    
 
Eines Tages brachte ich eine Gruppe von Neuropsychologen, Fernmeldeingenieuren und Rechengerätfachleuten in Princeton zu einer zwanglosen Sitzung zusammen ... Ich glaube, diese Tagung kann wohl als der Geburtstag der neuen Wissenschaft der Kybernetik gelten, oder der Theorie der Kommunikation und der Steuerungs- und Regelungsvorgänge bei Maschinen und lebenden Organismen.
 
    Norbert Wienerein amerikanischer Mathematiker und Begründer der Kybernetik    

Wir haben im vorigen Beitrag festgestellt, dass das Wort bzw. der Begriff Regel schon seit langer Zeit verwendet, aber sehr ungenau und beliebig angewandt wurde. Auch haben wir zwei Gründe bereits erwähnt und kurz erörtert, warum sich die Sozial- und Wirtschaftswissenschaften immer noch so schwer tun, den Begriff der Regel genauer zu bestimmen. Die deutschen ordoliberalen haben sich zum Beispiel dann ausgedacht, das Wort Regel mit einer Metapher zu ersetzen: mit dem Rahmen bzw. Ordnungsrahmen. Bildersprache hat seine Reize, sie ist aber immer ein Abrutschen auf ein voranalytisches Diskussionsniveau. Auf diesem Niveau kommt man zu keinen wissenschaftlichen Ergebnissen. Es wundert also nicht, dass die Begründer des Ordoliberalismus keine Vorstellung davon hatten, was ihr Ordnungsrahmen eigentlich bedeuten sollte und auch bis heute keiner dazu etwas Bestimmtes sagen kann.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts hat sich das Wort Freiheit als Schlüsselwort in ordnungstheoretischen Diskussionen immer mehr durchgesetzt, am Anfang der Moderne und bei den ökonomischen Frühliberalen war es das Wort Regel. Es wurde über Regeln dort gesprochen, wo etwas von mehreren Menschen unternommen werden sollte, und zwar für den Fall, dass diese Menschen als gleichberechtigt galten. Die Regel sollte dann dafür sorgen, dass die Macht des einen, der sich in einer bestimmten Position befindet, durch die Macht des anderen beschränkt wird. Aber auch bei diesen Denkern finden wir keine genauere Definition der Regel. Wie so oft, auch hier musste man abwarten, bis eine ähnliche Problemstellung in den Naturwissenschaften behandelt wurde. Erst als in den technischen Wissenschaften eine Theorie entstanden ist, wie man nichtdeterministische Prozesse lenken kann - die Theorie der Regelung - konnte man den Begriff Regel genauer bestimmen, und zwar so, wie wir es nun erörtern werden.

Bemerkung: Der folgende Text ist für das (vorbereitete) Buch Wirtschaft und Gesellschaft als geregelte Ordnungen vorgesehen. Er soll dem Titel Von der Ordnung der Natur zur Wissenschaft der Regelung zugeordnet werden.

Regelung und Steuerung als zwei Möglichkeiten der Lenkung

Eine Vielzahl von Definitionen und Begriffen, die darüber hinaus noch mehrdeutig und unscharf sind, ist ein eindeutiges Zeichen dafür, dass eine Wissenschaft mit einem Phänomen nicht zurechtkommt. Das Fehlen einer einigermaßen ausdrucksstarken formalen Sprache hat dann zur Folge, dass sich nicht einmal Fachleute auf ein einheitliches praktisches Programm einigen können. Dies ist bei Ökonomen der Fall, wenn sie über das Eingreifen ins Marktgeschehen sprechen und dabei Begriffe wie Anforderung, Erlass, Befehl, Lenkungsform, Rahmenbedingung, Richtlinie, Regel, Regulierung, Reglementierung und Ähnliches benutzen. Da haben wir das typische Bild einer Theorie, die in der Krise steckt. Im Gegensatz zur ökonomischen Theorie unterscheidet man aber in den technischen Wissenschaften, wenn es um Lenkung geht, zwei grundlegende Begriffe: Steuerung und Regelung. Zwei Beispiele mögen ihre Bedeutung und den sie kennzeichnenden Unterschied verdeutlichen.

Stellen wir uns einen Satelliten vor, der um die Erde kreist. Mit der Newtonschen Mathematik lässt sich seine Position, Bewegungsrichtung und Geschwindigkeit exakt vorhersagen. Durch die Einwirkung des Raketenantriebs können wir den Satelliten auf eine andere Umlaufbahn versetzen. Sowohl die Übergangsroute des Satelliten aus der ursprünglichen Umlaufbahn als auch die neue Umlaufbahn sind exakt vorhersehbar, vorausgesetzt, wir können die Schubkraft des Raketenantriebs genau bestimmen. Wenn man Zustände auf eine solche, sicher vorhersehbare Weise ändern kann, nennt man es Steuerung. Ein Beispiel für Regelung liefert die Heizungsregelung in unseren Wohnungen. Wie den Eigenheimbesitzern bekannt ist, sind Kessel, Heizöl und Installationen einer Heizungsanlage teure Bauteile, Temperaturregler sind jedoch bis zur Vernachlässigung billig. Sie können deshalb einfach und billig sein, weil unser Organismus Temperaturschwankungen von einigen wenigen Graden nicht bemerkt, und billige bzw. einfache Regler sind schon im Stande, innerhalb dieser Temperaturgrenzen zuverlässig zu arbeiten. Beachtlich ist aber, was ein so einfacher Temperaturregler trotzdem alles leistet. Er muss auf alle zahlreichen Zu- und Abfuhren von Wärme richtig reagieren: Wenn die Türen und Fenster geöffnet werden, wenn kalte Personen und Gegenstände in die Wohnung kommen, wenn der Herd oder andere Wärmequellen eingeschaltet werden, wenn der Wind durch undichte Stellen an den Fenstern zieht oder die Sonne gelegentlich hinter den Wolken zum Vorschein kommt. Außerdem ist keine dieser zahlreichen Einflüsse - fachlich spricht man von Störungen - irgendwie vorhersehbar.

Um die Bestandteile des Reglers und seine Funktionsweise zu erörtern, behelfen wir uns mit der allgemeinen grafischen Darstellung des Regelkreises.

In der folgenden Tabelle werden den allgemeinen Begriffen aus dem schematischen Abbild des geregelten Kreislaufes konkrete Größen zugeordnet, nämlich die aus unserem Beispiel der Temperaturregelung.

  SOLLwert   ISTwert   STELLwert   Algorithmus
  Gewünschte Temperatur   Gemessene Temperatur   Wärmezufuhr   PID-Formel

Um das Prinzip der Regelung zu erklären, betrachten wir zuerst das zu regelnde System (Prozess) auf der rechten Seite der vorigen Abbildung. Wenn jemand in ein System eingreift, um bestimmte Zustände oder Abläufe hervorzurufen (oder zu verhindern), muss er zumindest etwas über das System wissen. Es ist aber ein großer Unterschied, ob man meint, die Funktionsweise eines Systems voll und ganz zu verstehen oder ob man nur angibt, Daten über einige seiner Zustände oder Abläufe zu besitzen. Am Wissen haftet etwas Ontologisches, es ist ein philosophisch vorbelasteter Begriff; der Begriff Daten ist dagegen relativ neu, stammt aus der Technik und beschränkt sich lediglich auf bestimmte Faktoren eines Prozesses innerhalb eines Systems. Damit kommen wir zum ersten bedeutenden Unterschied zwischen Regelung und Steuerung. Bei der Regelung wird sozusagen mit dem zu regelnden System kommuniziert; bei der Steuerung dagegen wird darauf verzichtet, weil davon ausgegangen wird, dass die Funktionsweise des zu steuernden Prozesses im Voraus bekannt ist. Ein Prozess, den man (weitgehend) nicht kennt, wird deshalb in der Regelungstechnik als black-box bezeichnet. Für den Sozialwissenschaftler ähnelt diese Bezeichnung dem Begriff des „Schleiers der Unwissenheit“ aus der Moralphilosophie (John Rawls), und so kann man den „Schwarzen Kasten“ auch ohne weiteres verstehen.

Eine beschränkte Informationsmenge über das System, die für die Regelung benötigt wird, strömt durch einen „Kanal“, der damit die Wirkung auf ihre Ursache, also zum Regelungseingang zurückführt. Eine solche Rückkoppelung haben gesteuerte Systeme dagegen nicht. Sie sind hierarchisch-linear aufgebaut, so dass die Befehle, die aus einer übergeordneten Befehlsinstanz kommen, nicht für die Befehlsgebung verwendet werden. Wenn man steuert, handelt man aus einer unabhängigen Position heraus, wenn man regelt, handelt man in Bezug auf die durch die Rückkoppelung vermittelten Daten. Diese nennt man in der Regelungstechnik Istwerte. Der Istwert wird zusammen mit einer anderen Größe, dem Sollwert, der dem Regler die Aufgabe oder das Ziel vermittelt, fortlaufend - durch einen so genannten Regelungsalgorithmus - zum Output verarbeitet. Dieser Output, man nennt ihn Stellglied oder Stellantrieb, bestimmt, auf welche Weise der Regler auf den Prozess einwirkt. In unserem Beispiel der Temperaturregelung dient ein Heizungsventil als Stellantrieb, durch das die Wärme den Heizkörpern im Raum zugeführt wird.

Damit eine Regelung überhaupt möglich ist, müssen bestimmte Bedingungen erfüllt werden. Im Fall der Temperaturregelung dürften unter anderem die plötzlichen Temperaturverluste der Räume einen bestimmten Wert nicht überschreiten, die Wärmeleitungen müssen ausreichend isoliert sein und eine ausreichende Wärmezufuhr immer zur Verfügung stehen. Man kann diese Bedingungen auch als Ordnungsrahmen bezeichnen. Zwar haben diese Bedingungen mit der Funktion der Regelung direkt nichts zu tun, aber sie lassen sich konkret (und quantitativ) nur bestimmen (ausrechnen), wenn die Funktionsweise der Regelung bekannt ist. Damit erklärt sich, warum die Ordoliberalen und später die pragmatischen Kommunisten und Sozialdemokraten über den Ordnungsrahmen nur in allgemeinen und verschwommenen Worten gesprochen haben. Wenn man nämlich nicht versteht, wie eine Ordnung zustande kommt und wie sie funktioniert, kann man auch über die Rahmenbedingungen nichts Bestimmtes sagen.

Man braucht kein Fachmann zu sein um zu merken, dass es wegen der vielen Faktoren, welche die Temperatur in einem Zimmer beeinflussen, ihre Steuerung gar nicht möglich wäre. All die unzähligen physikalischen Parameter der Heizungseinrichtung, des Raumes und der Umgebung lassen sich nicht mit einer (großen) mathematischen Formel erfassen, so dass man für jeden Augenblick den richtigen Öffnungsgrad des Heizungsventils bestimmen könnte. Deshalb läst sich die Temperatur im Zimmer nur regeln.

In englischer Sprache wird die Regelung mit dem Wort control bezeichnet. Es bedeutet zugleich kontrollieren, überwachen, prüfen, was die Funktionsweise der Regelung sehr treffend kennzeichnet. Bei der Regelung ist nämlich das Wesentliche in der Tat das Kontrollieren. Man kontrolliert fortlaufend den erreichten Zustand (Istwert) - bei uns die Temperatur -, um ihn mit dem gewünschten Wert (Sollwert) zu vergleichen. Lässt sich dabei eine Differenz feststellen, wird mit dem Stellantrieb entsprechend reagiert, so dass diese Differenz schnellstmöglich verschwindet. Wie schnell und stark auf diese Differenz reagiert werden soll, ist durch den Regelungsalgorithmus bestimmt. Im Grunde ist die Regelung ein Vorgang, der schon dem Urmenschen vertraut war. Wurde es nämlich in der Höhle kalt, hat der Urmensch mehr Holz ins Feuer gelegt, und wenn es ihm dann zu warm wurde, hat er ein paar Stücke herausgenommen. Die Wissenschaft hat diesen Vorgang nur perfektioniert. Damit soll aber nicht gesagt werden, dass es der Mensch gewesen wäre, der die Regelung erfunden hätte. Wir werden im letzten Kapitel noch zeigen, wie sich in der Natur Regelkreise spontan bilden, so dass die lebende Welt ein echtes geregeltes kybernetisches System darstellt.

Aus dem Verhältnis der Stellgröße zum Istwert kann man auf einfache Weise herausfinden, ob es sich bei der Lenkung um eine Steuerung oder Regelung handelt. Lässt sich in jedem Augenblick aus der Stellgröße der Istwert genau bestimmen - so wie sich etwa bei einem Satelliten durch den Raketenantrieb die Umlaufbahn bestimmen lässt -, so handelt es sich eindeutig um Steuerung. Bei der Steuerung kann man folglich die Stellgröße als Ursache und den Istwert als Folge verstehen: sie verhalten sich wie eine „geschlossene eindeutige Transformation“ (W. Ross Ashby). Ihre Beziehung ist also streng kausal bzw. deterministisch, so dass man die Steuerung als „Weitergabe von Determination, die in Hinblick auf ein Ziel frei erzeugt wurde“,... > bezeichnen kann. Zwischen dem Öffnungsgrad des Heizungsventils (Stellgröße) und der Zimmertemperatur (Istwert) in unserem zweiten Lenkungsbeispiel gibt es dagegen keinen quantitativen Zusammenhang - also keine eindeutige Transformation und damit keine Determination. Deshalb handelt es sich in diesem Fall um eine Regelung. Das Revolutionäre an der Kybernetik ist also, dass Prozesse und Systeme, die wir prinzipiell nicht kennen und deshalb nicht verstehen, sich trotzdem von uns organisieren und lenken lassen: Sie lassen sich regeln, selbst dann, wenn sie nicht deterministisch sind. Nicht selten lassen sich mit den geeigneten Regelungen sogar genau so gute praktische Ergebnisse erzielen, wie mit Steuerungsmethoden bei deterministischen Prozessen.

Das Prinzip der Regelung hat dem deterministischen Weltbild der frühen Moderne, so wie man es nach dem Modell der klassischen Physik verstand, seinen Zauber genommen. Solange man nämlich an den Determinismus glaubte, konnte man sich die Wirklichkeit nur dann als eine stabil funktionierende Ganzheit vorstellen, wenn man sie einer universellen Intelligenz direkt und vollständig unterordnete. Angesichts der unendlichen Kompliziertheit des Mikro- und Makrouniversums müsste diese Intelligenz ebenfalls mit unendlichen Denkfähigkeiten ausgestattet sein: Sie müsste ein allmächtiges Wesen („Intelligent Design“) sein, das die Steuerung des Universums in all seinen Details bewältigt. Nachdem wir aber auf den Determinismus nicht mehr angewiesen sind, gilt diese Vorstellung nicht länger als die Einzige, die in sich schlüssig ist. Besonders überzeugend war sie sowieso nicht. Weil wir heute einen ebenbürtigen Ersatz für sie haben, nämlich das Weltbild einer geregelten Ordnung, können wir sie getrost in die Geschichte verabschieden.

Die Kybernetik hat durch ihre praktischen Erfolge mit der Regelung nicht nur dem majestätischen Determinismus der alten mechanischen Welt bzw. ihrem geschlossenen Rationalismus eine Absage erteilt. Sie hat auch dem skeptischen (und pessimistischen) neoliberalen Rationalismus, der sich aus dem Determinismus in die Freiheit geflüchtet hat, den sprichwörtlichen Todesstoß versetzt. Man kann den Verfechtern der Freiheit zwar darin Recht geben, dass „jede aktive Kraft mehr als eine Veränderung erzeugt - jede Ursache mehr als eine Wirkung“, so der bekannte und immer wieder vorgebrachte Einwand von Herbert Spencer (1820-1903) gegen „planerisches“ Eingreifen. Damit ist jedoch nichts gegen die Regelung gesagt. Sie nimmt sowieso kein totales Wissen für sich in Anspruch. Ihr reicht es völlig aus, wenige Wirkungen zu kennen, um bestimmte Zustände erreichen zu können. Das Wesentliche an der Regelung ist eben, dass sie ihre Ziele bei Vorgängen, die wir nur wenig oder gar nicht kennen (Störungen), erfolgreich realisiert.

Wir können es heute dem Eisenbahningenieur Spencer nachsehen, dass er sich keine andere Lenkung als die Steuerung vorstellen konnte, weil das gesamte Wissen seiner Zeit im Wissen über deterministische Phänomene bestand. In dieser Hinsicht war er einfach ein Gefangener des Zeitgeistes. Aber bei Hayek und seinen Schülern wäre eine solche Großzügigkeit fehl am Platze. Sie sind keine Opfer des Zeitgeistes, sondern der Irrtümer der Vergangenheit. Man fragt sich staunend, wie es ihnen nur gelingen konnte, dass sie dem wissenschaftlichen Fortschritt zum Trotz, im Zeitalter der Postkutsche und der Dampflokomotive stehen geblieben sind, ohne dass sie es gemerkt haben? Nur in einem Punkt kann man den Liberalen, die den Anschluss verloren haben, bis heute nicht widersprechen. Sie behaupten zu Recht, dass die Lenkung oder die Steuerung der Wirtschaft in toto, also in der Form der bürokratischen Kommando- oder Planwirtschaft, nicht möglich ist. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus kann man dies empirisch als endgültig bewiesen betrachten. Mindestens drei allgemeine kybernetische Gründe, warum die totale Steuerung der sozialen Systeme versagt hat, kann man als entscheidend betrachten.

1: Die Kosten einer totalen Informiertheit über das gesamte Wirtschaftsgeschehen, also über alle Wirkungen die eine Ursache hervorruft, sind bei der Steuerung der sozialen Systeme meistens viel größer als ihr Nutzen. Dieser Aufwand ist vor allem dann besonders hoch, wenn die Akteure den Glauben an die Zukunft verloren und ihr ursprünglich ehrliches Verhalten dem System gegenüber geändert haben, nachdem ihnen klar geworden ist, dass ehrliches Bemühen keine persönlichen Vorteile bringt. Der Begriff negative Motivation kennzeichnet diese Situation am besten: Was auch immer jemand von der Gesellschaft erhält, er ist damit zufrieden oder zumindest einverstanden, er versucht jedoch so wenig wie möglich an sie zurückzugeben. Es handelt sich hier also um die heute gut erforschte Problematik des kollektiven Handelns.

2: Die Motivation lässt in der Planwirtschaft auch deshalb immer mehr nach, weil in der Planungshierarchie kompetente und gutwillige Menschen bald durch karrierebesessene und eigennützige Stümper verdrängt werden. Diese falschen Kader reißen immer mehr Macht an sich und bilden allmählich eine „neue Klasse“, um mit dem ehemaligen Dissidenten Milovan Djilas zu sprechen. Sie beschäftigen sich irgendwann nur mit der Kunst der Ausbeutung, mit der Verteilung von Einkommen und Vermögen zu ihrem Nutzen, und nicht mehr mit den sachlichen Problemen der Steuerung - zumindest nicht in dem Sinne, dass diese allen zum Vorteil gereicht. Es geht hier also um das alte Problem des Versagens des Leviathans.

3: Die Steuerung kann nur erfolgreich sein, wenn sich die Komplexität des zu steuernden Systems ausreichend reduzieren lässt. Es müssen alle Einflüsse aus der Umgebung, die nicht streng kausal wirken („Störungen“) und deshalb nicht genau quantifizierbar sind, beseitigt werden - bei Bedarf auch mit Gewalt. Wenn man aber die bessere Beherrschung und Voraussagbarkeit des gesteuerten Systems durch eine solche erzwungene Reduktion der Komplexität erreicht, ist keine Initiative von unten mehr möglich. Die Gesellschaft beginnt auf allen ihren Ebenen geistig zu verkümmern und ökonomisch zu stagnieren. Unter anderem hört die Wirtschaft auf, technisches Wissen zu produzieren, unabhängig davon, wie viele Fachkräfte sie ausbildet. Dies wissen wir aus allen Erfahrungen, mögen sich die Systemtheoretiker (Talcott Parsons, Niklas Luhmann, Helmut Willke) und andere Befürworter der Expertokratie auch noch so sehr gegen diese Tatsache stemmen. Die hierarchische Organisation von Experten ist in Wirklichkeit nicht einmal eine unerlässliche Voraussetzung für den ökonomischen, sozialen und moralischen Fortschritt, sondern sein größtes Hindernis.

Hayek hat also Recht mit seiner Behauptung, die Planwirtschaft habe keine Zukunft, weil sie unfähig zum Fortschritt sei. Aber seine Schlussfolgerung - und die der deutschen Ordoliberalen -, wir hätten nur die Wahl zwischen dem expertokratischen Dirigismus (Steuerung) und dem vollkommen freien Markt (Laissez-faire), ist trotzdem falsch. Die Alternative heißt: die Marktwirtschaft zu regeln. Die Regelung hat eine völlig neue Qualität. Sie und nicht die Freiheit entledigt uns also der bürokratisch-technokratischen Organisation - von der Herrschaft einer Minderheit über die Mehrheit. Weder staatliche Bürokratie noch private Expertokratie ist unser Schicksal, das wir in Demut hinnehmen müssen, sondern das Ergebnis unseres Versagens.

Um unsere Feststellungen und Folgerungen übersichtlich zusammenzufassen, stellen wir die wesentlichen Unterschiede zwischen der Konzeption der Steuerung und der Regelung tabellarisch nebeneinander.

    Steuerung:
  Offener Kreis  
  Regelung:
  Geschlossener Kreis  
  Beschaffenheit des Systems:   deterministisch   ohne Belang
  Datenbedarf:   hoch (vollständiges Wissen)   niedrig (partielles Wissen)
  Status des Lenkers:   er kennt das System vollständig     er kommuniziert mit dem System  
  Wirkungsablauf:   subordinativ (Instruktionsstufen)
  (Weitergabe der Determination)
  zirkulär (mit feedback)
  (Rückführung der Wirkung
  auf ihre eigene Ursache)
  Sozialer Kontext:   elitär-expertokratisch   egalitär-demokratisch
  Lenkungsaufwand:   hoch   niedrig

Haben wir uns entschieden die Wirtschaft zu regeln, heißen die ökonomischen Fragen konkret: welche makroökonomischen Größen (Istwerte) sollen geregelt werden, wie kann man sie regeln (Regelungsalgorithmus) und was lässt sich damit erreichen (Sollwert)? Haben wir diese Fragen beantwortet und eine bestimmte Zahl von zufrieden stellenden Lösungen gefunden, die für die Regelung der Marktwirtschaft ausreichen, so können wir danach alles andere ohne Bedenken den frei wirkenden Kräften des Marktes überlassen, den Kräften also, die in einer theoretisch nicht nachvollziehbaren, oder sogar chaotischen Weise alles hin und her reißen, dies aber auf einem Pfad, der schmal genug für ein dynamisches Gleichgewicht ist. Eine solche, durch Regeln verfestigte Freiheit ist die eigentliche Vision der frühliberalen Ordnung. Allerdings ist sie nur ein bescheidener Ansatz geblieben, der nicht einmal über sich selbst genau Bescheid wusste. Deshalb wiederholten die Frühliberalen ziemlich ratlos, dass ihre Ordnung eine natürliche sei, worunter sich alles und nichts verstehen lässt. Es ist also verständlich, dass ihre Nachfolger verwirrt waren und dieser ersten Vision der geregelten Ordnung bald den Rücken kehrten. Mindestens zwei wesentliche Fehlschüsse oder Irrtümer der Frühliberalen, die sich für die weitere Entwicklung der geregelten Ordnung als besonders nachteilig erwiesen haben, sollen hier erwähnt werden.

Der eine Irrtum der Frühliberalen betrifft ihre Auffassung von der Entstehung von Regelungen. Aus der Tatsache, dass unser Wissen über die Gesellschaft und die Wirtschaft immer unvollständig bleibt, folgerten sie, auch Regelungen könnten nicht anders als spontan („natürlich“) entstehen. Durch die Beobachtung von Handlungen und deren Auswirkungen, so Smith, entstünden Gefühle („reflexive Sympathie“), aus denen die Menschen lernen würden, die richtigen von den unrichtigen Pflichten zu unterscheiden, woraus sich schließlich die Regeln verfestigten, denen die Menschen - sei es bewusst oder unbewusst - folgen würden. Diese Vorstellung von gewachsenen Regelungen ist zwar nicht falsch, aber sie greift zu kurz. Heute gibt es keinen Grund daran zu zweifeln, dass Regelungen auch gezielt geschaffen werden können. Man kann sogar mit Sicherheit davon ausgehen, dass sich auch allgemeine Methoden entwickeln lassen, mit denen sich auf systematische Weise Regelungen für soziale Systeme entwerfen lassen - wie in den technischen Wissenschaften. Daher ist es verantwortungslos, ja sogar ein existenzielles Risiko, die menschliche Entwicklung dem Zufall der Geschichte zu überlassen oder anders gesagt alle Hoffnung auf das blinde sozialdarwinistische Prinzip der dumpfen Auslese (trial and error) zu setzen. Die sich selbst überlassene Natur ist nicht diejenige, die für uns am besten sorgt. In Wirklichkeit tut sie für uns gar nichts; es sind die Menschen, die etwas für sich tun. Daraus folgt, dass auch die ökonomische Theorie es sich explizit zur Aufgabe machen muss, neue Regelungen zu entwerfen. Sie darf also nicht selbstzufrieden und unbekümmert auf Regelungen warten, die ihr dann irgendwann zufällig durch soziale Unruhen und andere Bedrohungen aufgezwungen werden. Bestimmt wird es immer wieder vorkommen, dass die eine oder andere von uns entworfene Regelung unsere Erwartung enttäuscht. Aber dann bleibt uns nichts anderes übrig, als diese Regelung als eine misslungene Konstruktion, als eine „Maschine, die nicht funktioniert“ (Werner Sombart), zu verwerfen. Stellt sich dabei heraus, dass Regelungen wie wir sie methodisch entwerfen, immer wieder versagt haben, sollten wir nicht nur diese Regelungen verwerfen, sondern irgendwann auch die Denkweise über das zu regelnde System, auf deren Grundlage wir diese Regelungen aufgebaut haben. Wenn also die neoliberalen Regelungen, die aus dem Gleichgewichtsmodell abgeleitet werden, nichts taugen, ist dies kein Beweis, dass die Marktwirtschaft keine Regelungen braucht, sondern dass die neoliberale Theorie (das Paradigma) grundsätzlich falsch oder zumindest praktisch unbrauchbar ist, über Regelungen etwas zu sagen.

Der andere Irrtum der Frühliberalen betrifft ihre Auffassung, wozu Regelungen gut sind und wann sie zum Einsatz kommen sollen. Die Frühliberalen haben von Regelungen hauptsächlich erwartet, dass sie die Menschen von all dem abhalten, was ihre Energie unnötig verschwendet oder gar der Gemeinschaft als Ganzes schadet. Solche Regelungen sollten nur das Verhalten der Menschen bestimmen, so dass man sie als Verhaltensregeln bezeichnen kann. Die Frühliberalen sind über das falsche und unpassende Verhalten des Menschen deshalb besorgt gewesen, weil sie moralphilosophisch von einem skeptischen Menschenbild ausgegangen sind. Sie haben es dem Menschen nicht zugetraut, dass er ohne (Verhaltens-)Regeln in einer einigermaßen sittlichen und friedfertigen Gemeinschaft leben könnte. In einer Hinsicht haben sie ihn jedoch überschätzt und von ihm doch mehr erwartet als er fähig ist zu bieten. Die frei handelnden Individuen sind nämlich nicht immer bereit, und zwar wenn sie rational denken, aus eigener Initiative dafür zu sorgen, dass alles getan wird, was für die optimale Funktionsweise der Wirtschaft und der Gesellschaft nötig ist. Sie tun nämlich auf Basis individueller Nutzenkalkulationen vieles nicht, selbst wenn sie sich bewusst sind, dass dies für die Wirtschaft und Gesellschaft als Ganzes von Nutzen wäre. Wir haben dieses Problem des Kollektivhandels (public choice) und des Kollektivguts (public goods) bereits angesprochen und gezeigt, dass auch die Nachfrage zu den Kollektivgütern gehört. Allerdings ist sie nicht immer ein Kollektivgut, denn bei günstigen Umständen kann bereits die endogen vorhandene Nachfrage durchaus für das bestehende Angebot ausreichen. Außerdem hat der Kaufkraftmangel mit dem Verhalten von Menschen direkt nichts zu tun, weil es nicht die einzelnen Wirtschaftsakteure sind, die etwas falsch machen und damit den Nachfragemangel verursachen. Folglich wird man ihn nicht dadurch beseitigen können, dass man am Verhalten der Menschen etwas ändert, sondern alleine dadurch, dass man das System bzw. die Wirtschaft durch eine neue Funktion erweitert. Das Gleichgewicht muss gezielt herbeigeführt werden, die Wirtschaft muss also durch bestimmte Handlungen sozusagen auf den rechten Pfad gedrängt werden. Diese Handlungen müssen in ihrer Reihenfolge und Intensität im so genannten Regelungsalgorithmus genau festgelegt werden. Solche Regelungen, die durch bestimmte Handlungen fortdauernd sollwertbestimmte Zustände herbeiführen oder Ressourcen herstellen, damit die Wirtschaft und Gesellschaft ein stabil strukturiertes und funktionierendes System bleibt, können wir als Mengeregelungen bezeichnen. Weil sie mit messbaren Größen zu tun haben, können ihre Regelungsalgorithmen mathematisch sehr anspruchsvolle Konstruktionen sein. Aber ob man sich der Mathematik bedient oder nicht, für das Prinzip der Regelung ist das ohne Belang. Der entscheidende Unterschied zwischen Mengeregelungen und Verhaltensregeln liegt anderswo.

Bei Mengeregelungen ist es im Voraus genau bestimmt, wann Handlungen, die zur Erfüllung eines bestimmten Zwecks nötig sind, in Angriff genommen werden sollen, bei Verhaltensregeln dagegen nicht. Die Frühliberalen wollten mit den Verhaltensregeln nur den Bereich der möglichen Handlungsfreiheit des Individuums festlegen, also nur die unentbehrlichen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für Handlungen bestimmen. Wann sich aber eine Handlung vollziehen soll, das haben sie der Initiative des Einzelnen überlassen. Der Einzelne sollte vernünftig genug sein, um richtig abzuschätzen, wann er die Initiative ergreifen soll. Auf diese Weise können die Verhaltensregeln die Handlungsmöglichkeiten nicht nur einschränken, sondern sie gleichzeitig auch erweitern, indem sie den menschlichen Interaktionen mehr Sicherheit und Voraussicht verleihen. Deshalb ist es richtig zu sagen, dass auch Verhaltensregeln gestaltende oder „konstitutive Aspekte haben“ (Anthony Giddens), weil sie aktiv zur „Konstituierung von Handlungschancen“ (Ephrem E. Lau) beitragen. Sie minimieren die Risiken, die gängiges Handeln mit sich bringt und damit ermutigen sie zur Teilnahme - zum „Einsteigen“. Sie stimulieren also das Entstehen von bestimmten Handlungen, so dass man sie auch als „Organisationsprinzipien für Ereignisse“ (Erving Goffman) bezeichnen kann. Eine Gewissheit, dass innerhalb des gesetzlich und kulturell abgesteckten sozialen Rahmens, der durch Verhaltensnormen festgelegt wird, alles getan wird, damit die Wirtschaft und Gesellschaft ein stabil strukturiertes und funktionierendes System bleibt, bieten uns diese Regelungen allerdings nicht. Deshalb reicht in einer Gesellschaft mit eingeschränkt altruistischen und eingeschränkt rationalen Menschen die von gleichberechtigten Individuen entfaltete Initiative, also die Freiheit im Rahmen von (juristischen) Gesetzen, nicht aus, um zu erreichen, dass alle materiellen und nichtmateriellen Güter entstehen, die eine Gesellschaft benötigt, oder sie bilden sich nur sporadisch und in einem unzureichenden Maße. Das Problem der Ordnung lässt sich nicht allein mit Verhaltensnormen und Sanktionen (Gesetzen) lösen. Hier stößt auch Smiths ethische Lehre an ihre Grenzen.

Trotzdem ist die soziale und ökonomische Vorstellung von den Verhaltensnormen der Frühliberalen ein Ansatz, in dem sich eine geregelte kybernetische Ordnung, wenn auch unscharf und grob, deutlich erkennen lässt. Deshalb ist die frühliberale Lehre über die natürliche Ordnung eine Errungenschaft, die wirklich erstaunlich ist: erstens, weil sie sensationell früh erfolgte, also zu einer Zeit, als die modernen Wissenschaften noch in den Kinderschuhen steckten, zweitens, weil sie der Beschäftigung mit den elementarsten psychologischen und sozialen Problemen entsprang, drittens, weil sie mit minimalem Einsatz von vergleichsweise einfachen Methoden und ohne Mathematik erreicht wurde und viertens - um dem Ganzen die Krone aufzusetzen -, weil es sich bei der natürlichen Ordnung um den ersten Versuch in der Geschichte handelt, eine Alternative zur hierarchisch gelenkten bzw. gesteuerten sozialen Ordnung zu entwickeln. Die frühliberale Lehre war also ein richtiger Paradigmenwechsel in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Wer will nun noch behaupten, dass in den Sozialwissenschaften kein Paradigmenwechsel möglich ist?

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