DIE BISHERIGEN PARADIGMEN DER WIRTSCHAFTSWISSENSCHAFT
     
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  Die Voraussetzungen für das Entstehen der marktwirtschaftlichen Ordnung
  Der Abschied von Gut und Böse und die Entdeckung des empirischen Menschen
       
 
Erkenne dich selbst.
 
    Ein Spruch an einer Säule des Apollontempels in Delphi    
       
 
Erkenne dich selbst, o göttliches Geschlecht in menschlicher Verkleidung!
 
    Marsilio Ficinoeine der schillerndsten Persönlichkeiten der Renaissance    
       
 
Die wirkliche Entdeckungsreise besteht nicht darin, neue Landschaften zu suchen, sondern sich die Welt mit neuen Augen anzuschauen.
 
    Marcel Proustein französischer Schriftsteller und Literaturkritiker    

Die populäre Deutung der Marktwirtschaft, sie sei eine freiheitliche Ordnung, die sich aus der Idee der Freiheit entwickelt hätte, ist nicht nur unvollständig und einseitig, sondern sie ist im Grunde falsch. Diese Deutung ist nicht die ursprüngliche, frühliberale Auffassung über die Marktwirtschaft. Sie ist erst viel später entstanden, im Laufe des 19. Jahrhunderts, als sich die Marktwirtschaft bzw. der Kapitalismus endgültig durchgesetzt hatte. Sie ist vor allem ein rein ideologisches Konstrukt: eine quasihistorische und quasiwissenschaftliche Ausformulierung der Vorurteile und Machtphantasien der neuen Machteliten. Verkürzt ausgedrückt, ist die Freiheit der kapitalistische Ersatz für das feudele Gottesgnadentum, eine Faustformel um den Reichtum und die Privilegien der neuen herrschenden Klasse, die sich aus früheren Händlern und Handwerkern entwickelt hat, zu legitimieren.

Es ist sogar nicht übertrieben zu sagen, dass die Freiheit immer ein Begriff der kleinen Geister war und natürlich der auf dem Hofe der Reichen sich geistig prostituierenden Akademiker und Experten. Wir werden in den nächsten Beiträgen zeigen, dass Adam Smith, den man mit Recht für den Begründer der Wirtschaftswissenschaft hält - damals hieß sie noch Politische Ökonomie -, so wenig mit der Idee der Freiheit anfangen kann wie alle großen Denker und Philosophen der Moderne - wie etwa Hobbes und Spinoza. Die Idee der Freiheit ist nicht die tragende Idee der Moderne und sie ist auch nicht die tragende Idee der Marktwirtschaft. Dass sich die Marktwirtschaft erst vor wenigen Jahrhunderten durchsetzen konnte, hat schließlich nichts mit der „Entdeckung“ der Idee der Freiheit zu verdanken, sondern hat andere Gründe.

Die Idee der ökonomische Freiheit: Nichts als ein alter Hut

Sollte die Marktwirtschaft auf der Idee beruhen: frei kaufen, frei produzieren und frei verkaufen, dann wäre sie am Anfang der Moderne nichts Neues, im Gegenteil. Die Märkte, also die Marktplätze, wo Waren sogar aus den entlegensten Gegenden der Welt frei getauscht wurden, gibt es spätesten seit es Geld gibt, und dieses gibt es bekanntlich seit mehreren Jahrtausenden. Man erinnert sich etwa an die Seidenstraße, die einst über 7000 Kilometer den Mittelmeerraum und Ostasien verband. Einige Historiker sehen ihre Ursprünge schon in der Bronzezeit. Aber wie dem auch sei, bei ihr erkennt man unschwer alle wichtigen Ansätze der freien Marktwirtschaft. Man kann bei ihr sogar den Beginn der Globalisierung sehen.

Der falsche Eindruck, die marktwirtschaftliche Freiheit oder gar Freiheit überhaupt wären was Neues, kann man gewinnen, wenn man den Anfang der Moderne aus einer verengten historischen Perspektive betrachtet, nämlich vom Standpunkt der abendländischen feudal-christlichen Ordnung. Diese Ordnung war nämlich ein herber Rückschlag in der zivilisatorischen Entwicklung, man würde sogar von einem Betriebsunfall der Geschichte sprechen können, wenn sie etwas Besonderes und Neues wäre, aber das war sie nicht. Sie war nur eine der totalitären Ordnungen, von denen es in der Geschichte eine ganze Menge gab. Und sie war in jeder Hinsicht ein Versagen, auch in der ökonomischen. Sie hat die ganze abendländische Zivilisation in technologisch rückständige Bauerndörfer verwandelt. Um was für ein gewaltiges ökonomisches Versagen es sich handelte, wird klar, wenn man die feudale Wirtschaft mit der Sklavenwirtschaft vergleicht.

Die historischen Forschungen haben ergeben, dass nach dem Niedergang des Römischen Reiches die Produktivität drastisch zurückgegangen ist. Einige Historiker sprechen sogar von einem Rückgang von 80%. Wie ungenau diese Schätzungen auch sein mögen, es bleibt unbestritten, dass die Leistung der feudalen Wirtschaft deutlich unter dem Niveau von manchen früheren Zivilisationen lag. Die landwirtschaftlichen Erträge gingen zurück, und selbst die Lebensqualität der mächtigsten Feudalherren lag weit unter derjenigen, der sich der durchschnittliche Bürger Roms hatte erfreuen können. Ohne Düngung sind die Bodenerträge stark zurückgegangen. Auf ein gesätes Korn wurden nämlich nur drei geerntet, was sehr wenig ist: Ein Korn musste man für die nächste Saat aufbewahren (einsparen), eins ging durch Schädlinge und anderswie verloren, so dass das letzte nur wenig Menschen ernähren konnte. Mit Ausnahme der großen Kathedralen wurde kein Bau mehr errichtet, der mehrere Jahrhunderte überlebte. Die von den Römern erbauten Straßen waren auch im späten Mittelalter immer noch die besten auf dem Kontinent, obwohl sie kaum mehr repariert wurden.

Je mehr sich die Armut verbreitete, desto mehr verrohte die ganze Gesellschaft. In einer Gesellschaft, in der jedem ständig die Nächstenliebe auf den Lippen schwebte, war kaum etwas dermaßen selten wie die praktizierte Nächstenliebe. Die Armen zogen in ihrer Verzweiflung in Scharen durch das Land und wurden immer krimineller. Sie wurden von einem Ort zum nächsten gescheucht. Schon der geringste Verdacht wurde drastisch bestraft und die Todesstrafe war die Antwort auf alles und jedes. Diese strengen Gesetze haben kaum was gebracht, weil eine solche Bestrafung keine wesentlich schlechtere Alternative zum Verhungern war. Die organisierte Kriminalität, also das Banditentum, war weit verbreitet und bei Armen wurde es sogar als eine gerechte Rache an den Systemangepassten heimlich bewundert. Das bekannteste Beispiel ist Robin Hood. Es war die Zeit der allgemeinen Unsicherheit. Wer sich es leisten konnte, schlief im zweiten Stock, wobei er eine Leiter mit nach oben zog.

Das Bildungsniveau ist auch dramatisch zurückgegangen. Waren im Römischen Reich noch viele Menschen des Lesens und Schreibens kündig, hat zum Beginn der Feudalzeit das Analphabetentum so weit um sich gegriffen, dass irgendwann nur noch ein paar Mönche lesen konnten. Parallel dazu verbreitete sich der religiöse Fanatismus und seltsame Mystik.

Die feudal-christliche Ordnung bedeutete eine strenge Klassentrennung, man kann durchaus von Kasten sprechen, die sich schon auf den ersten Blick erkennen ließ. In den Bauerndörfern lebten entrechtete und verdummte Bauern, die für ein bescheidenes aber parasitäres Leben der Feudalherren in den Bürgen und des Klerus in den Klostern sorgten. Was augenfällig fehlte, und was in vielen Zivilisationen des vorchristlichen Zeitalters eine normale Erscheinung war, waren nämlich Städte, wo das Handwerk blühte und private Freiheiten eine Selbstverständlichkeit waren. Solche Städte haben sich im christlichen Abendland erst im späten Mittelalter entwickelt. Eine europäische Stadt, die nach sehr langer Zeit von der Größe und dem Lebensstandard dem alten Rom nahe kam, war London Mitte des 18. Jahrhunderts.

Man braucht keine tiefen soziologischen oder psychologischen Forschungen zu betreiben um darauf zu kommen, dass es für Händler und Handwerker immer von Interesse war, herzustellen was sie am besten konnten und ihre Erzeugnisse überall frei anbieten zu können, dass dies also zu ihrer Lebensphilosophie und Weltanschauung gehörte. „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“ - wie es Marx treffend formulierte. Schon diese ersten „Marktwirtschaftler“ haben also ihre Freiheit über alles geschätzt und sie waren bereit, sie mit allen Mitteln durchzusetzen. Man liest schon in der Bibel, wie Jesus Händler aus dem Gotteshaus hinauswirft. Ohne zu übertreiben kann man also sagen: Alles was man wissen müsste, wie die freie (laissez-faire) Marktwirtschaft funktionieren sollte, wusste man schon vor mehreren Jahrtausenden. Wenn zum Beispiel Hayek den Händlern und Handwerkern aus dieser Zeit seine Lektionen über die Freiheit erzählt hätte, würden sie ständig mit dem Kopf nicken und sagen, dass sie schon immer alles genauso gesehen hätten.

In allen großen Zivilisationen der Geschichte gab es also Märkte, lokale und regionale - Dorfmärkte und Jahrmärkte sowieso. Sie waren aber nur kleine Nischen, wo man nur einen ziemlich kleinen Teil der erwirtschafteten Güter und Dienste tauschte, der viel größerer Rest wurde durch (1) Geschenke, so wie es die alte Tradition verlangte und (2) Pflichtabgaben, welche die herrschende Klasse den Untertanen auferlegt hatte, umverteilt. Sollte der Markt so effizient sein, wie die überzeugten Liberalen ständig beschwören, dann wäre es wirklich verwunderlich, dass er sich jahrtausendelang nicht durchsetzen konnte. Weil dies nicht der Fall war, ist es durchaus angebracht, das Entstehen der Marktwirtschaft aus einer anderen Perspektive heraus zu erklären zu versuchen, nämlich von der Annahme ausgehend, dass sich die Marktwirtschaft deshalb so lange nicht durchsetzen konnte, weil sie schlecht funktioniert und vor allem weil sie nicht langfristig überlebensfähig ist. Da es dann der Marktwirtschaft irgendwann doch gelungen ist, sich durchzusetzen, müsste man das mit besonders günstigen Umständen erklären. Dies ist in der Tat die Auffassung über die Marktwirtschaft, die auf dieser Website vertreten wird. Unsere  kreislauftheoretischen Analysen verleihen dieser Auffassung schlüssige Grundlagen. Damit ist Folgendes gemeint:

Die materiellen und geistigen Voraussetzungen für das Entstehen der Marktwirtschaft

Aus unserer kreislauftheoretischen Analyse, auch wenn sie nur ansatzweise ausgeführt wurde, lässt sich folgern, dass die freie Marktwirtschaft eine ökonomische Ordnung ist, die sich selbst überlassen nicht nachhaltig funktionsfähig ist. Damit ist folgendes gemeint: Wenn es der freien Marktwirtschaft gelungen ist, das Wachstum zu beginnen - womit sie gewaltige Probleme hat -, hat sie dann in der Tat keine Probleme weiter zu wachsen. Das Wachstum kann aber nie unendlich weiter gehen - auch aus objektiven Gründen. Wenn dann die Wirtschaft irgendwann nicht mehr wächst - aus welchem Grund auch immer -, kann sie das erreichte produktive Niveau nicht mehr halten. Unsere kreislauftheoretische Analyse hat erklärt warum dem so ist.dorthin Im Grunde geht es darum, dass am Ende der Wachstumsphase (Hochkonjunktur, Boom) die freie Marktwirtschaft die Nachfrage zu verlieren beginnt. Dies manifestiert sich nach außen durch Absatzprobleme, also als Überproduktion (general glut) bei immer mehr Firmen, was dann zu einem Domino-Effekt führt. Armut und Elend breiten sich wie ein Lauffeuer aus: Bei der arbeitenden Klasse wegen der schnell ansteigenden Arbeitslosigkeit und bei den Besitzern der Produktionsmittel durch Firmenkonkurse. Dieses Phänomen des periodischen Zusammenbruchs der Marktwirtschaft begann man schon am Anfang des 19. Jahrhunderts zu beobachten beueichnete es als ökonomische Zyklen.dorthin

Nun ist es bekanntlich so, dass Theorien geistige Produkte sind, die nicht unbedingt die Realität abbilden müssen. Deshalb ist keine Theorie von dem Verdacht befreit, sie wäre realitätsfremd. Aber auch wenn man in diesem Sinne unserer kreislauftheoretischen Erklärung der zyklischen Funktionsweise der Marktwirtschaft kein Vertrauen schenken wollte, muss man trotzdem zugeben, dass die reale Marktwirtschaft in den letzten zwei Jahrhunderten, nachdem sie ein gewisses Niveau der Produktion und Beschäftigung erreicht hat, immer wieder zusammenbrach. Würde man nach Ausnahmen suchen, würde man nicht mehr als eine einzige finden. Es waren die knapp drei Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg, über die man als das Goldene Zeitalter des Kapitalismus spricht. Es war eine Zeit, als die Kritiker des Kapitalismus es sehr schwierig mit ihrer Behauptung hatten, dass der Kapitalismus nicht funktionieren kann. War dies aber wirklich eine Ausnahme? Der Kapitalismus während des Goldenen Zeitalters war ganz bestimmt nicht eine freie (laissez-faire) Marktordnung, er war keine freie private Wirtschaft, in der der Staat nur ein „geschäftsführender Ausschuss der Bourgeoisie“ war, um mit Marx zu sprechen, im Gegenteil. Der Staat hat in dieser Zeit die makroökonomischen Bedingungen der Wirtschaft bestimmt, und dazu auch noch in Anlehnung an die Lehre von John. M. Keynes. Nachdem sich danach die „Freiheit“ immer mehr durchgesetzt hat, seitdem der Markt „alles besser als der Staat“ machen sollte, sank die Effizienz der kapitalistischen Wirtschaften immer mehr, bis dann im Herbst 2008 eine neue Große Depression ausbrach.

Wenn der periodische Zusammenbruch zwei Jahrhunderte lang eine empirische Konstante der Marktwirtschaft war, kann man berechtigterweise davon ausgehen, dass dies auch früher nie anders sein konnte. Sobald sich die Marktwirtschaft stärker durchsetzte, brach sie bald zusammen, so dass dann die Herrschenden für eine absehbare Zeit, bis die Erinnerung nicht mehr frisch war, weitere Versuche unterbunden haben. Ob es wirklich so gewesen ist, werden wir höchstwahrscheinlich nie erfahren können, weil unsere historischen Kenntnisse über frühere Wirtschaften und Gesellschaften äußerst beschränkt sind. Die jüngere Geschichte ist uns jedoch besser bekannt, nicht nur, weil sie uns näher liegt, sondern wegen der Erfindung des Buchdrucks im späten Mittelalter. Die Menge der schriftlichen Zeugnisse über historische Ereignisse ist seitdem rapide gewachsen, so dass die Historiker diese Zeit wesentlich besser erforschen konnten. Aus dem, was sie herausgefunden haben, lassen sich in der Tat Umstände erkennen, die es der Marktwirtschaft ermöglicht haben ihre Schwächen und Fehler - den zyklisch auftretenden Nachfragemangel - gewissermaßen zu kompensieren, zumindest insoweit, dass sie immer weiter überleben konnte. Zu diesen Umständen gehört objektiv vor allem, dass sich die Marktwirtschaft in dieser Zeit von „draußen“ die fehlende Nachfrage holen konnte. Konkreter gesagt, geht es um Folgendes:

Im späten Mittelalter hatten die europäischen maritimen Staaten entlang der Atlantikküste im großen Stil ihre kolonialen Eroberungen begonnen. Diese förderten Schiffbau und Waffenproduktion, die durch den Zufluss der Edelmetalle aus den neuen Kolonien finanziert wurden, wobei noch eine ganze Menge davon für die Nachfrage aller anderen Güter übrig geblieben ist.

„1675 stellte ein Spanier frohgemut fest, die ganze Welt arbeite für Spanien: Möge die Londoner Industrie ihre Gewebe nach Herzenslust fertigen, Holland seinen Kambrik, Florenz sein Tuch, die westindischen Gebiete ihren Biber und ihre Vikunjawolle, Mailand seine Brokatstoffe, Italien und Flandern ihr Leinen - solange nur unser Geld dies alles genießen kann. Bewiesen wird dadurch nur, daß alle Nationen Handwerker für Madrid ausbilden und daß Madrid die Königin der Hauptstädte ist, denn alle dienen ihr, und sie dient keinem.“ ... >

Dieser Zufluss der geplünderten Edelmetalle - zuerst war es hauptsächlich Silber, dann immer mehr Gold - hat der Marktwirtschaft eine Nachfrage zugeführt, die sie sich selbst nicht im Stande wäre zu schaffen. Diese, im echten Sinne des Wortes von außerhalb injizierte Nachfrage hat die Expansion des Handels und des Handwerks in den freien Städten ermöglicht. Endgültig durchgesetzt hat sich die freie Marktwirtschaft - die mittlerweile den Namen Kapitalismus bekam - erst im Laufe des 19. Jahrhunderts. Aus der analytischen Perspektive unserer Kreislaufanalyse kann das nicht im Geringsten überraschen. Im Laufe dieses ganzen Jahrhunderts ist nämlich die Geldproduktion bzw. ihr Zufluss nach Westeuropa immer weiter gestiegen. Am Anfang des 19. Jahrhunderts flossen schätzungsweise nur 5 Tonnen jährlich in die Etats der imperialistischen Staaten, in der Mitte des Jahrhunderts waren es schon 160 Tonnen, in den Jahren 1901 bis 1910 wurden schätzungsweise sogar 567 Tonnen jährlich produziert. Das ist eine gigantische Steigerung der externen Nachfrage. Über diese sozusagen objektiven Umstände des Entstehens der Marktwirtschaft werden wir später noch mehr sagen.

Diese externe Nachfrage, derer sich der westeuropäische Kapitalismus mehrere Jahrhunderte lang erfreuen konnte, gehört zu den wichtigsten objektiven Umständen bzw. Voraussetzungen seines Entstehens. Dazu lassen sich auch noch andere hinzufügen - die sich kreislauftheoretisch einwandfrei erfassen lassen -, auf die wir später noch zu sprechen kommen. Aber auch sie alle zusammen genommen würden als Erklärung für das Entstehen der Marktwirtschaft nicht reichen. Der Mensch ist nicht an die so genannten Umstände gekettet. Sie sind zwar eine nötige, aber nicht auch schon die ausreichende Voraussetzung für wichtige historische Richtungsänderungen. Für den Beginn einer neuen historischen Epoche ist auch ein neues Bewusstsein, eine neue geistige Stimmung nötig. Dass es eine solche am Anfang des Kapitalismus bzw. der Moderne gab, ist unter den Historikern unumstritten. Es sind das 15. und 16. Jahrhundert gemeint, die man als Renaissance - französisch Wiedergeburt - bezeichnet. Diese neue geistige Grundhaltung war vor allem die Folge des völligen moralischen Versagens der feudal-katholischen Staatsordnung. Das Nötigste dafür haben wir schon gesagt. Wir wiederholen jetzt kurz das Wichtigste.

Das Scheitern der Idee der moralischen Erziehung

Jeder kennt die biblische Erzählung, wie der Mensch aus dem Paradies verstoßen wurde. Dem sorglosen Leben im Paradies wurde nach dieser Erzählung dann ein Ende gesetzt, als Adam und Eva befähigt wurden, das Gute vom Bösen zu unterscheiden. Es ist erstaunlich, welch ungeheuerliche symbolische Kraft in dieser kleinen und einfachen Geschichte steckt.

Adam und Eva wurden „als Abbild Gottes“ geschaffen, woraus folgt, dass sie ursprünglich nur gute Wesen sein konnten. Voraussichtlich wären sie für immer gut geblieben, wenn draußen nicht das Böse gelauert hätte und seine Fallen legte. Diese Auffassung, dass der Mensch an sich, in seinem inneren Wesen, gut ist, dass das Böse von draußen kommt, haben wir als Annahme der positiven menschliche Natur bezeichnet. Wenn - dieser Annahme folgend - der Mensch trotzdem böse war, kann dies nur eine Folge davon sein, dass er zu schwach war, sich vor dem Bösen zu schützen, oder anders ausgedrückt, dass das Böse stärker als sein Wille war. Das war der Fall mit Adam und Eva im Paradies. Der Teufel, in eine Schlange verwandelt, überredete Eva den verbotenen Apfel vom verbotenen Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu pflücken und zu essen. Wie viel beide von davon gegessen hatten, wurde zwar nicht überliefert, aber viel dürfte es wohl nicht gewesen sein, weil ihre Nachkommen das Gute vom Bösen doch nicht besonders gut unterscheiden konnten. Schon ihr Sohn Kain tötet seinen Brüder, die aus Ägypten geflohenen Juden plünderten und mordeten wie von Sinnen alles, was ihnen im Wege stand, der gottgefällige König David liquidierte seine Freunde sogar um sich ihre Frauen zu nehmen usw. Die zehn Gebote, welche Gott Moses mitgeteilt hat, haben die Israeliten nicht ein bisschen moralisch besser gemacht.

Die jüdische Religion wurde später von einem sensiblen Prediger - den man oft weinen sah, jedoch nie lachen  -, bekannt unter dem Namen Jesus von Nazaret, reformiert. Seitdem sollte alles völlig anders werden. Am Anfang sah es in der Tat so aus, als ob die neue Lehre eine zauberhafte Kraft entfaltete und den Menschen moralisch besserte. „Wie sich diese Christen lieben und achten“ - haben die Römer mit Erstaunen immer wieder feststellen können. Die Zahl der Anhänger dieser Wunder bewirkenden Religion ist bald dermaßen angestiegen, dass sie zur Staatsreligion wurde. Was danach geschah, bestätigt den bekannten Spruch, dass man jemanden erst dann kennen lernen kann, wenn man ihm Macht gibt. Die neue Kirche hat für sich in Anspruch genommen, alle Menschen mit allen Mitteln zur neuen Lehre zu bekehren, sie zu guten Menschen zu erziehen - also sie zu ihrem Glück zu zwingen. Das Ergebnis war fatal. Die Krone des Versagens war der fürchterlichste Krieg, den der Kontinent je erlebt hatte, der Dreißigjährige Krieg, in dem sich die Christen gegenseitig wie Vieh abgeschlachtet haben. Die Vorstellung, die richtigen Worte, also die Erziehung zum Guten, würde den Menschen gut und tugendhaft machen, ist wieder einmal katastrophal gescheitert. Wenn man einem Menschen Moral predigt, lernt er nicht moralisch zu leben, sondern Moral zu predigen. Ein guter Mensch kann - zumindest unter normalen Umständen - auch ohne Erziehung gut sein, den schlechten Menschen kann man gar nicht umerziehen. Der gute Mensch braucht auch keine Religion, der schlechte wird durch sie noch schlechter, weil ihn der Glaube vom schlechten Gewissen befreit.

Die Moderne begann mit der bedingungslosen Ablehnung der Idee der moralischen Besserung der Menschen durch Erziehung von irgendwelchen moralischen Autoritäten. Weil die Autoritäten der Erziehung damals aus der Kirche kamen, hat man sich zugleich mit der Kirche verfeindet, aber das ist nicht wesentlich. Mit welcher Vehemenz die neuen Denker diese alte Auffassung abgelehnt haben, können wir in aller Deutlichkeit aus den folgenden Zitaten von Spinoza, Mandeville und Hume entnehmen:

„Die Affekte, von denen wir mitgenommen werden, verstehen Philosophen als Fehler, in die die Menschen durch eigene Schuld verfallen. Deshalb pflegen sie sie zu belachen, zu beklagen, zu verspotten oder zu verdammen. Sie glauben dergestalt etwas Erhabenes zu tun und den Gipfel der Weißheit zu erreichen, wenn sie nur gelernt haben, eine menschliche Natur, die es nirgendwo gibt, in höchsten Tönen zu loben, und diejenige, wie sie wirklich ist, herunterzureden. Sie stellen sich freilich die Menschen nicht vor, wie sie sind, sondern wie sie haben möchten; und so ist es gekommen, daß sie statt einer Ethik meistens eine Satire geschrieben und niemals eine Politik-Theorie konzipiert haben, die sich auf das wirkliche Leben anwenden ließe; produziert haben sie nur etwas, das als eine Chimäre anzusehen ist oder das man in Utopia oder in jedem goldenen Zeitalter der Dichter, wo dies führwahr am wenigsten erforderlich war, hätte errichten können.“ ... >
„Die Anschauungen … der Mensch könne, ohne sich irgendwie Zwang oder Gewalt anzutun, von Natur aus tugendhaft sein … zeugen in der Tat von einer edlen und vornehmen Denkweise: sie sind ein großes Kompliment für die Menschheit und mit Hilfe einiger Schwärmer wohl imstande, uns mit der höchsten Auffassung von Menschenart und -würde zu erfüllen. Wie schade, daß sie falsch sind.“ ... >
„Jeder zieht seine Phantasie zu Rate, wenn er Kataloge von Tugenden und von Glückseligkeiten erstellt, ohne die menschliche Natur zu beachten, wovon jede moralische Schlußfolgerung abhängen muß. Ich entschloß mich deshalb, sie zum Hauptgegenstand meiner Forschungen zu machen.“ ... >

Aber die Denker der Moderne waren nicht nur Kritiker, sondern sie waren Schöpfer von neuen Denkweisen und Weltvorstellungen, und das ist entscheidend. Mit der Kritik alleine ist nämlich kein Fortschritt möglich: Der reale Fortschritt beginnt zuerst im Kopf, mit neuen kreativen Antworten. Das sei das wahre Muster der historischen Entwicklung, hat der bekannte britische Kulturhistoriker und Geschichtsphilosoph Arnold Toynbee herausgefunden. „Während des Zusammenbruchs einer Zivilisation“ - stellt er fest - „werden zwei verschiedene Stücke mit verschiedenen Handlungen parallel aufgeführt. Während eine auf gleiche Weise herrschende Minderheit immer wieder ihre eigene Niederlage probt, rufen neue Herausforderungen neue kreative Antworten in neu entstandenen Minderheiten hervor, die ihre Kraft gewinnen, indem sie sich der jeweiligen Situation stellen“. Von diesen kreativen Antworten haben die Denker und Philosophen im ausgehenden Mittelalter und am Anfang der Moderne in der Tat eine erstaunliche Menge angeboten. In der Zeit nach den Religionskriegen entstand ein Vorrat von neuen Ideen, der sich an Umfang und Vielfalt mit kaum etwas anderem aus der Geschichte vergleichen lässt.

„In Wirklichkeit, könnte man sagen, begann unser Zeitalter der Aufklärung um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts mit den Ideen eines John Locke und Newton und erstreckte sich ins neunzehnte Jahrhundert hinein, wenn wir, was wir nach meiner Meinung tun sollten, die Ideen John Stuart Mills und Alexis de Tocquevilles und der großen romantischen Dichter mit einschließen.
Im achtzehnten Jahrhundert entwickelten wir unsere Vorstellungen von induktiver Wissenschaft, religiöser und politischer Freiheit, Volksbildung, von rationalem Handel und vom Nationalstaat. Im achtzehnten Jahrhundert entwarfen wir auch die Idee vom Fortschritt und, was Sie vielleicht überraschen wird, unsere moderne Vorstellung vom Glück. Es war im achtzehnten Jahrhundert, daß die Vernunft über den Aberglauben zu triumphieren begann.
Das achtzehnte Jahrhundert ... ist die Zeit, von der Historiker gesagt haben, daß damals die Schlacht um das freie Denken gefochten und gewonnen wurde. Am Ende dieser Zeit war die moderne Welt geschaffen. Für dieses Jahrhundert hat Isaiah Berlin in folgenden Worten die Summe gezogen: „Die intellektuelle Kraft, Ehrlichkeit, Klarheit, Courage und selbstlose Wahrheitsliebe der begabtesten Denker des achtzehnten Jahrhunderts sind bis heute ohne Parallele. Ihr Zeitalter ist eine der besten und hoffnungsvollsten Episoden im Leben der Menschheit.“ ... >

Lassen wir die Naturwissenschaften außer Acht, ist es so, dass die große geistige Wende in der Philosophie und Politik in der Reihenfolge begonnen hat, wie wir es in den vorigen Beiträgen behandelt haben. Erst später ist innerhalb des schon herausgebildeten gedanklichen Rahmens auch die Auffassung über die Marktwirtschaft entstanden. Insoweit wäre es nicht ganz falsch zu sagen, dass die marktwirtschaftliche Konzeption auf einem fremden Boden gezogen wurde. Das ist der eigentliche Grund, warum wir einen solchen Aufwand betrieben haben, die geistige Entwicklung der Moderne zu erläutern, obwohl es uns in diesem thematischen Bereich vornehmlich um ökonomische Angelegenheiten geht.

Wir haben uns insbesondere mit Spinozas Auffassung über die menschliche Natur befasst, weil sie - meiner Meinung nach - dermaßen umfangreich, schlüssig und repräsentativ ist, wie keine andere. Laut Spinoza, sei alles, was der Menschen tut und lässt, die Folge seiner eigenen Affekte und Triebe (Gefühle und Motive). Diese sind ihm eingeboren - sie machen sein Wesen als Mensch aus. Der Mensch, wenn er das Gute tut, tut dies aus eigenem Antrieb, aber auch wenn er das Böse tut, tut er dies ebenfalls aus eigenem Antrieb. Die Ursache des Bösen in der Welt kann dann nur in den Menschen selbst liegen. Damit ist nicht unbedingt gesagt, dass der Mensch schon an sich böse ist, sondern nur, dass seine bösen Taten aus den ihm eingeborenen Affekten und Trieben hervorgehen. In diesem Sinne ist es schon berechtigt, von der negativen menschlichen Natur zu sprechen.

Den Grund, warum die Erziehung nichts bringen kann, konnte Spinoza - vor dem Hintergrund seiner Ontologie - gut erklären. Er hat nämlich die Affekte und Triebe der körperlichen Welt zugeordnet, über die der Geist bzw. die Vernunft nicht die Macht hat zu entscheiden. Heute würden wir sagen, dass die Affekte und Triebe (Gefühle und Motive) organisch bedingt sind. Dies scheint uns so selbstverständlich zu sein, aber damals war dies ganz und gar nicht so. Die Inquisition ist ein gutes Beispiel dafür, wie sehr man überzeugt war, der Geist oder die Seele würde vom Teufel unterwandert, so dass alle Mittel sinnvoll wären, um diesen in die Flucht zu schlagen. Erwähnen wir noch, dass es sogar für Descartes selbstverständlich war, dass der Geist den Leib lenken bzw. steuern würde. Wenn dem nicht so ist, was tun wir dann mit den Affekten und Trieben, die gewissermaßen blind wirken und dadurch nicht selten einen gesellschaftlichen Schaden anrichten? Es gibt prinzipiell nur zwei Möglichkeiten:

1: Eine höhere Instanz soll den Menschen vorschreiben, was sie tun sollen und was sie nicht tun dürfen. Daraus ergibt sich eine Ordnung der Gebote und Verbote. In der Sprache der Kybernetik handelt sich um Lenkungsart, die nach dem Prinzip des offenen Kreislaufes funktioniert, was man als Steuerung bezeichnet.

2: Das soziale Leben so zu gestalten, dass sich die Menschen gegenseitig hindern das zu tun, was einem anderen schaden würde. Diese setzt eine gleichmäßige faktische Machtverteilung voraus - was viel mehr als eine rein formale Gleichberechtigung ist -, so dass die Wirkung der Affekte und Triebe eines Menschen auf die Gegenwirkung (feedback) des anderen stoßen. In der Sprache der Kybernetik handelt sich um die Lenkungsart, die nach dem Prinzip des geschlossenen Kreislaufes funktioniert, was man als Regelung bezeichnet.

In den vorigen Beiträgen haben wir schon einiges mehr über diese zwei Lenkungsarten gesagt und unter anderem festgestellt, dass die Steuerung hohe Ansprüche an die steuernde Instanz stellt. Wenn also die vormodernen gesteuerten Gesellschaften mit der Erziehung versagt haben, was auf die feudal-christlichen Ordnungen besonders zutrifft, lässt sich daraus folgern, dass die Erzieher versagt haben. Damit hat sich eine weitere Annahme der Vormoderne als falsch erwiesen.

Das Scheitern der Idee der wohlmeinenden Elite

Es gibt verschiedene Möglichkeiten die hierarchisch-autoritäre oder gesteuerte Ordnung zu rechtfertigen. Die zwei wichtigsten Rechtfertigungen hat schon Platon endgültig ausformuliert. Er nimmt einfach an, dass sich Menschen voneinander wesentlich unterscheiden. Es gibt solche, die mit Vernunft ausgestattet und mit dem Gottessegen beschenkt sind, die anderen sind es nicht. Folglich sind die ersteren zum Herrschen vorbestimmt, die anderen sollen gehorchen. Da stellt sich unmittelbar die Frage, ob es solche bessren Menschen überhaupt gibt und ob sie wirklich zum Wohle des Restes der Gesellschaft herrschen würden.

Für einen christlichen Theologen lässt sich diese Frage ganz einfach beantworten. Bei ihm sind zwar alle Menschen gleich, aber einige sind durch Gottes Gnade bestimmt zu herrschen. Diese können gar nicht anders als wohlmeinend sein, weil Gott so ist und er würde nur einen solchen zu seinem Vertreter auf Erden bestimmen. Auch Platon hatte diese theologische „Rechtfertigung“ in der Reserve, er war aber vor allem Philosoph, bei dem folglich die Vernunft im Vordergrund stand. Der Vernunftmensch sollte für ihn zugleich ein Gutmensch sein, also einer, der sich als Herrscher für das Wohl aller einsetzen würde. Sein „Beweis“, dass dem so sei, erinnert sehr an die spätere christliche Dreifältigkeit. Das Wahre, das Gute und das Schöne sind zusammen zwar drei, aber sie seien nach Platon doch eins. Wer Mathematik kann, so Platon, der kennt sich schon mit anderen Dingen aus, er ist automatisch auch Künstler und vor allem ein guter Mensch. So einfach sollte es sein. Die empirischen Ergebnisse sind bekannt.

Die Marktwirtschaft als das legitime Erbe der Moderne

Wir werden in den folgenden Beiträgen zeigen, dass sich all die neuen Gedanken der frühen Moderne im Unterbau der frühliberalen Konzeption der Marktwirtschaft befinden - eventuell unter einem anderen Namen. Auch dort sind die Wirtschaftsakteure keine Menschen, die wegen des allgemeinen Wohlwollens etwas tun, sondern sie tun alles für sich. Deshalb verwundert es nicht, dass man Hobbes als den ersten ökonomischen Liberalen betrachtet - nur war er noch kein richtiger Ökonom. Außerdem gab es für alle wichtigen Denker der Moderne keine auserwählten und besseren Menschen, sondern alle galten als gleich. Es ist richtig zu sagen, dass sie alle als gleich unvollkommene Wesen betrachtet wurden, und zwar sowohl in moralischer als auch in rationaler Hinsicht. Noch einfacher gesagt, die frühliberale Konzeption der Marktwirtschaft beruht auf der Annahme der negativen menschlichen Natur und der menschlichen Gleichheit. Von diesen Annahmen ausgehend, sind die Denker der Moderne zur politischen Ordnung der Demokratie gelangt, die eine geregelte Ordnung ist. Diesen Fußstapfen folgend sind sie beim ökonomischen Denken zur Marktwirtschaft gelangt, die auch als eine geregelte Ordnung funktionieren sollte.

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