DEMOKRATISCHE GELDSCHÖPFUNG UND GELDMENGEREGELUNG
O Grundidee und Zweck der demokratischen Geldschöpfung und Geldmengenregelung
     
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  Die Voraussetzungen für das Entstehen der marktwirtschaftlichen Ordnung
  Negative menschliche Natur als Crashtest für Institutionen bzw. Regelungen
       
 
Man soll nicht über die Bosheit der Menschen klagen, sondern über die Ignoranz der Gesetzgeber, die das Eigeninteresse immer in einen Gegensatz zum Gesamtinteresse gestellt haben. ... Die ganze Kunst des Gesetzgebers besteht also darin, die Menschen durch das Gefühl der Eigenliebe zu zwingen, immer gegenseitig gerecht zu sein ... das persönliche Interesse mit dem allgemeinen Interesse zu verbinden. ... Wenn die Bürger ihr eigenes Glück nicht machen könnten, ohne dem Wohl der Allgemeinheit zu dienen, gäbe es nur die Verrückten, die lasterhaft wären.
 
    Claude Adrien Helvétiusberühmter französischer Philosoph der Aufklärung    
       
 
Denn alle anderen Wirtschaftsordnungen sind darauf angewiesen, einen aufreibenden und nie endenden Kampf gegen den menschlichen Egoismus zu führen. Die Konkurrenzwirtschaft dagegen ist die einzige Wirtschaftsform, die diese nun einmal allgemeinste, alltäglichste und im Alltag stärkste aller menschlichen Kräfte als ungebremste Antriebsenergie in ihren Dienst stellen kann. Das ist ein ganz unverdientes Glück, dessen sich freilich die Menschheit erst noch würdig erweisen müsste.
 
    Alexander Rüstowbekannter deutscher ordoliberaler Ökonom    

Wir haben uns schon am Anfang unseres Themenbereichs beeilt zu sagen, dass es gar nicht möglich ist empirisch herauszufinden, welche der beiden Auffassungen über die menschliche Natur die richtige ist: die positive oder die negative. Es gibt keine Möglichkeit anhand der Tatsachen herauszubekommen, ob der Mensch „an sich“ gut oder böse ist. Die Gründe dafür sind einfach und einleuchtend.

Man kann beliebig lange verschiedene Beispiele, wo der konkrete historische Mensch schlecht und böse war, aneinander reihen; aber auch die Reihe der Beispiele, wo der Mensch tugendhaft gehandelt hat, so wie es die Moralphilosophen von ihm erwartet hätten, würde ebenfalls nicht enden wollen. Es stehen sich also zwei unendliche Reihen von Tatsachen gegenüber, die man nicht vergleichen kann, weil sich das Unendliche mit dem Unendlichen nicht vergleichen lässt. Das kennt man gut aus der Mathematik. Außerdem ist es unmöglich die jeweiligen Tatsachen dieser Zahlenreihen zu addieren, weil sich qualitativ unterschiedliche Dinge - man sagt dazu üblicherweise: Äpfel und Birnen - nicht addieren lassen. Deshalb kann man problemlos behaupten, dass es nie einen empirischen Beweis geben wird, ob der Mensch „an sich“ gut oder böse ist. Das gleiche Problem haben wir mit der menschlichen Gleichheit bzw. Ungleichheit. Ein Mensch hat nämlich sehr viele Begabungen und Talente und die sind bei jedem Menschen unterschiedlich entwickelt. Auch sie kann man  nicht quantifizieren und auf eine gemeinsame Maßeinheit addieren, weil man damit völlig unterschiedliche Dinge addieren würde. Das einzige was empirisch noch einigermaßen zufrieden stellend ermittelbar ist die Tatsache, dass bei den Menschen die Spreizung, ganz gleich welche Begabungen und Talente man nimmt, nicht groß ist. Zum Beispiel bringt nach dem Intelligenztest (IQ)  das obere Fünftel der Bevölkerung nur bescheidene 41 Punkte mehr „auf die Waage“ als der unterste. Nicht viel anders wäre es auch mit anderen Merkmalen. Dazu kommen wir noch. Insoweit hat es doch einen Sinn zu sagen, dass die Menschen ziemlich gleich sind. Aber wenn wir eine konkrete Wirtschaft mit einer Arbeitsteilung effizient gestalten wollen, wäre eine willkürliche Aufteilung der Menschen auf verschiedene Posten eine denkbar schlechte Lösung. Deshalb sind Aussagen, wie etwa der Mensch sei gut bzw. schlecht oder die Menschen seien gleich bzw. ungleich, keine Aussagen nach denen wir auf eine einfache Weise herausfinden könnten, ob eine Theorie richtig oder falsch ist. Das bedeutet aber nicht, dass diese Aussagen theoretisch unbrauchbar wären und in der Wissenschaft nichts zu suchen hätten, im Gegenteil.

Die moderne Wissenschaft bedient sich nicht allein der empirisch einwandfrei verifizierbaren Begriffe. Auch die erfolgreichsten Naturwissenschaften tun das nicht. Sie benötigen auch abstrakte Annahmen (Prämissen und Hypothesen), die keinen direkten Bezug zur Realität haben, die aber trotzdem eine wichtige Funktion haben, nämlich die Theorien logisch schlüssig zu machen. Zu solchen Annahmen gehört auch die Auffassungen über den guten und schlechten Menschen: über die positive und negative menschliche Natur. Wie wir schon aus unserer kurzen und skizzenhaften Erörterung herausfinden konnten, handelt es sich um Annahmen mit  sehr großen theoretischen Auswirkungen. Hat man sich entschieden, die positive menschliche Natur als Annahme zu den Grundlagen (zur axiomatischen Basis) seiner theoretischen Konzeption hinzuzufügen, kommt man zu völlig anderen Schlussfolgerungen, als wenn man sich für die negative menschliche Natur entschieden hätte. Wie wir gesehen haben, führt der eine Weg zur hierarchisch-autoritären oder gesteuerten und der andere zur demokratischen oder geregelten Ordnung.

Die Erfahrung zeigt, dass die vormodernen gesteuerten Ordnungen ihrem eigenen Anspruch nie gerecht wurden: sie alle haben in der Praxis mehr schlecht als recht funktioniert. Ob es daran liegt, dass man sie nicht richtig realisiert hat? Dies ist vielleicht die beliebteste Rechtfertigung für jede falsche Theorie. Das hat seine Gründe. Keiner will und kann nämlich bestreiten, dass bei ungeschickter Anwendung jede Theorie scheitern muss. Wenn es um neue Theorien geht, muss man dort zuerst noch herausfinden, wie man sie erfolgreich anwenden kann. So wie man es von überall her kennt, alles will gelernt sein. Das bedeutet, dass man jeder neuen Theorie sozusagen eine Schonfrist gewähren muss. Aber wenn sie ständig nur scheitert, muss irgendwann Schluss sein. Erwähnen wir ein paar Beispiele.

- Wenn es dem Christentum in fast zwei Jahrtausenden nicht gelungen ist, durch Erziehung zur Nächstenliebe einen besseren Menschen zu schaffen, dann sollte man das Experiment beenden. Die Theorie ist gescheitert. Menschen lassen sich also nicht wesentlich umerziehen, sogar dann nicht, wenn man zusätzlich mit dem Paradies lockt und mit der Hölle droht. Die Erfahrung zeigt, dass man dadurch eher das Gegenteil bewirkt. Die Gläubigen bilden sich nur zu gern ein, von Gott auserwählt zu sein. Dann rechtfertigen sie all ihre eigennützigen Wünsche, Bedürfnisse und Ansprüche mit dem Gotteswillen. Gott befreit vom schlechten Gewissen. Zur Bestätigung dass dem so ist, müssen wir nicht in den historischen Schriften  herumwühlen. Wir erleben es seit Jahren, dass die aggressivste, gewaltbereiteste, kriegerischste, unsolidarischste, geldgierigste und menschenverachtendste der westlichen Gesellschaften, nämlich die amerikanische, zugleich die gläubigste ist.

- Wenn es dem Kapitalismus seit mehr als zwei Jahrhunderten nicht gelungen ist, durch mehr Freiheit und zusätzliche Kostensenkung - vor allem durch Lohndrückerei - eine nachhaltige Wirtschaftsordnung zu realisieren, dann ist die Theorie, die in der Freiheit und der Kostensenkung die Lösung aller Probleme der Marktwirtschaft sieht, eindeutig falsch.

- Wenn die kommunistischen Ordnungen in sieben Jahrzehnten nicht unter Beweis stellen konnten, dass ohne Privatkapital und ohne freie Preisbildung eine effiziente Wirtschaft möglich ist, dann ist auch diese Theorie falsch.

Nun ist es nicht so, dass man jede Theorie, die sich der Mensch ausdenkt, praktisch prüfen kann. Ein Experiment kann nämlich eine sehr aufwändige und zeitraubende Angelegenheit sein. Bei einem staats- und ordnungstheoretischen Experiment ist der Einsatz von Ressourcen und Zeit besonders groß und der Ausgang ist ungewiss. Da hilft es sehr, dass der Mensch auch in seinem Kopf Experimente machen kann. Was man rein theoretisch prüfen kann, ist vor allem die Schlüssigkeit eines theoretischen Entwurfs. Dass eine Theorie in sich schlüssig sein soll, ist eine Auffassung, die erst in der Moderne entstanden ist und sich durchgesetzt hat. Der Grund, warum sich die Schlüssigkeit (Konsistenz) als Kriterium der wissenschaftliche Theorien durchsetzen konnte, ist folgender: Es war in den letzten Jahrhunderten so, dass gerade solche Theorien praktisch am erfolgreichsten waren. Damit ist natürlich nicht gesagt, dass alles, was sich praktisch erfolgreich anwenden lässt, einen logisch strengen Hintergrund braucht. Erwähnen wir jetzt nur, dass wir zahlreiche Medikamente benutzen, die tatsächlich wirken, auch wenn die Medizin keine rationale Erklärung dafür hat. Der logisch strenge gedankliche Zusammenhang - Kant bezeichnet dies als System - ist also nicht das allerletzte Kriterium und der wahre Zweck der Wissenschaft; darüber hinaus soll die Theorie ihre empirische Richtigkeit bzw. den praktischen Nutzen unter Beweis stellen. Was diesen Bezug zur Realität betrifft, also den zu den empirischen Tatsachen, kann man immer zwei Ebenen unterscheiden:

Die erste Ebene: Die empirische Richtigkeit der Theorie für sich. Damit ist gemeint, dass eine Theorie unter den empirischen Umständen, die sich überhaupt realisieren lassen, funktionieren soll. Einfacher ausgedrückt, eine wissenschaftliche Theorie soll sich unter künstlich eingerichteten Umständen, sozusagen unter Laborbedingungen, als richtig erweisen. Eine auf diese Weise verifizierte Theorie hat auch unempirische Bestandteile. Sie sind  unentbehrlich. Allgemeiner gesagt, alles was empirisch nicht unmöglich ist, darf Bestandteil der wissenschaftlichen Theorie sein. Als Beispiel für empirisch nicht verifizierbare „Tatsachen“ erwähnen wir die Gravitationskraft. Mit ihr schaffte die klassische Physik ihren Durchbruch und wurde zum Vorbild für alle modernen Wissenschaften - bewundert und verehrt. Seit Einstein glauben die Physiker aber nicht mehr, dass die Massen die Eigenschaft besitzen, sich anzuziehen, trotzdem sind die klassischen Theorien, die diese Anziehungskraft voraussetzen, brauchbar und Ingenieure benutzen sie in ihren Formeln nach wie vor. Wenn man also empirische Halbwahrheiten in die Theorie aufnimmt, wie etwa der Mensch sei gut bzw. böse, oder die Menschen sind gleich bzw. ungleich, dann ist dies an sich unbedenklich.

Die zweite Ebene: Die Möglichkeit der praktischen Anwendung der Theorie. Wie schon hervorgehoben, wissenschaftliche Theorien sollen praktischen Zwecken dienen. Sie sollen also auf die eine oder andere Weise praktisch anwendbar und nützlich sein. Das bedeutet, dass die Annahmen, die für die Theorie (im engeren Sinne) wichtig sind, in der Wirklichkeit vorhanden oder realisierbar sein müssen. Sind sie es nicht, dann ist die Theorie nutzlos, im schlimmsten Fall kann sie sogar großen Schaden anrichten.

Berücksichtigt man beides, dann lässt sich zusammenfassend sagen, dass eine Theorie nicht nur unter künstlich eingerichteten Umständen, also unter Laborbedingungen (erste Ebene) funktionieren soll, sondern auch unter den Umständen, so wie sie sich in der Wirklichkeit ergeben oder sich einrichten lassen (zweite Ebene). Es gibt gewisse sprachliche Probleme, eine Theorie, die „nur“ die zweite Bedingung nicht erfüllt, als falsch zu bezeichnen, aber nicht weniger problematisch wäre es, sie als richtig zu bezeichnen. Sie als praktisch unbrauchbar zu bezeichnen kann auch missverstanden werden. Es ist nämlich nicht unmöglich sie anzuwenden. Dann liefert sie aber völlig andere Ergebnisse, als man von ihr erwartete - anders als das, was sie versprochen hat. Das ist der Fall mit Theorie der hierarchisch-autoritären oder gesteuerten Ordnung. Die realen Umstände, unter welchen sie (eventuell) funktionieren würde, sind spontan nicht vorhanden, und die Ordnung selbst kann sie nicht schaffen. Das schauen wir uns noch kurz an, um dann zu zeigen, dass die demokratische oder geregelte Ordnung dieses Problem nicht hat.

Die praktische Undurchführbarkeit der vormodernen soziopolitischen Konzeption

Die hierarchisch-autoritäre Ordnung geht von der Annahme aus, dass die Menschen nicht gleich sind, dass es gute und böse Menschen gibt, sowie vernünftige und dumme. Wenn man diese Annahmen als empirische Halbwahrheiten bezeichnet, sind sie im wissenschaftlichen Sinne unanfechtbar. Sogar aus der tagtäglichen Erfahrung wissen wir, dass sich die Menschen voneinander unterscheiden, auch was die Begabungen und Talente betrifft. Es mag sein, dass diese Unterschiede zwischen den Menschen nicht besonders groß sind und dass sie nicht vollständig eingeboren sind, wenn es sie aber gibt, ist es durchaus sinnvoll, die Menschen in einer arbeitsteiligen Welt so aufzuteilen, dass jeder diejenige Tätigkeit ausübt, für die er am besten geeignet ist. Für Platon bedeut die soziale Gerechtigkeit gerade „dass jeder Einzelne ... ein einziges Geschäft treiben müsse, zu dem seine Natur am geschicktesten angelegt sei“. Deshalb wird Platon als der wichtigste Vordenker der Arbeitsteilung betrachtet, die viel später, von Adam Smith - dem Begründer der Wirtschaftswissenschaft - zum wichtigsten Faktor der Produktivitätssteigerung erklärt wurde. Wie findet man aber heraus, was ein konkreter Mensch am besten kann, um ihn in die richtige gesellschaftliche Position zu bringen?

Darüber hat uns Platon so gut wie nichts gesagt, und auch bis heute ist keinem, der eine elitäre Ordnung vertritt, etwas eingefallen, was richtig überzeugend und brauchbar wäre. Die Vertreter und Verteidiger der elitären - heute würde man eher sagen der technokratischen oder expertokratischen - Ordnung verdrängen und vertuschen diese Problematik, vornehmlich dadurch, indem sie jede andere Alternative als gänzlich verfehlt hinstellen und herabsetzen. Vor allem ist ihnen die demokratische Alternative widrig. Die mehrheitliche Entscheidung ist ihnen in jeder Hinsicht suspekt. Der „Masse“ würde für eine richtige Entscheidung nicht nur die nötige Unvoreingenommenheit, sondern auch fachliches Wissen fehlen. Aus diesem Grund will man der „Masse“ nicht einmal erlauben ihre Vertreter zu wählen, weil sie nicht  imstande wäre herauszufinden, wer der beste Vertreter ihrer eigenen Interessen wäre. Diese Kritik lässt sich durchaus gegen eine naive Basisdemokratie anwenden, etwa die von Rousseau, aber nicht gegen die Demokratie allgemein. Das hat schon Aristoteles herausgefunden und sich für die Demokratie entschieden. In den nächsten zwei Jahrtausenden wollte von seinen Auffassungen aber keiner etwas wissen und praktisch hatte die Demokratie sowieso keine Chance. Deshalb war es auch nicht möglich empirisch zu prüfen, ob die Massenhasser und Demokratiefeinde Recht haben. Desto besser lässt sich herausfinden, wie empirisch glaubhaft die Konzeption der hierarchisch-autoritären Ordnung ist. Es sollte eine Ordnung sein, in der die Besten alle Entscheidungen treffen und vor allem auch entscheiden, wer zu den Besten gehören soll. Wir wollen jetzt dieses Thema nicht umfassend behandeln. Ein paar empirische Beispiele zur Veranschaulichung, wie sie tatsächlich funktioniert hat, können wir uns aber erlauben.

Die katholische Kirche gehört zu unseren ältesten überlebenden Institutionen. Von der Demokratie wollte sie nie etwas wissen und schon gar nicht wurden die Päpste demokratisch gewählt.

„Die Wahl eines neuen Papstes als Bischof von Rom und Oberhaupt der weltweiten römisch-katholischen Kirche gründet auf genauen Regeln, die von den Päpsten selbst erlassen worden sind. Sie wurden in der Geschichte der Kirche immer wieder verändert. Die Grundzüge des heutigen Ablaufs sind etwa 100 Jahre alt. Papst Pius X. (1903-1914) hat sie mit dem Ziel eingeführt, jegliche äußere Beeinflussung der Papstwahl zu unterbinden. Zuletzt wurden die Regeln durch Papst Johannes Paul II. (1978-2005) im Jahr 1996 neu bestimmt. Wichtigste Änderung war die Festlegung auf die geheime schriftliche Wahl als alleinige Wahlform. Bis dahin konnte der neue Papst auch in offener Abstimmung oder als sog. Kompromisswahl bestimmt werden. Bei der Kompromisswahl haben drei, fünf oder sieben Kardinäle den neuen Papst unter sich ausgehandelt. ... Die Papstwahl wird ausschließlich von den Kardinälen der Kirche vollzogen. Ein „Kardinal“ (lateinisch „im Angelpunkt stehen“, „wichtig sein“) ist ein Bischof, dem diese besonders herausgehobene Stellung innerhalb der Kirche vom Papst verliehen wird. Mit Stand von März 2005 gibt es insgesamt 183 Kardinäle ... “ ... >

Wenn man sich über die Ergebnisse der Kardinäle nur ein bisschen kundig macht, muss man sich an den Kopf fassen, sogar wenn man von der katholischen Kirche schon davor nicht viel gehalten hat. Das von uns oben zitierte kleine Buch Das Sexleben der Päpste spricht schon Bände darüber. Man fragt sich entsetzt, wie die Kardinäle ihrer Kirche nur immer wieder so etwas antun konnten. Man könnte jetzt sagen, dass die Kardinäle nicht wissen konnten, wie der von ihnen auserwählte Papst sich später verhalten würde, aber genau das zieht der Auffassung, die Eliten sollen von Eliten bestimmt werden, den Boden unter den Füßen weg. Auch sonst haben die kirchlichen Eliten keine glückliche Hand, bei ihrer Auswahl. „Wenn man ihre Heiligenlegenden liest, findet man die Namen von tausend heilig gesprochenen Verbrechern“, so der im Motto zitierte Philosoph Helvétius.

Gott hat den Kardinälen offenkundig nicht verraten, wem er in die Seele „Gold beigemischt hat“, von Platon haben wir auch nie erfahren, wie man so etwas herausfinden könnte. Es kann sein, dass Platon auch deshalb nicht Theologe, sondern Philosoph war. Bei seiner Suche nach der besseren („idealen“) Ordnung setzte er also weniger auf das „Gold in der Seele“, sondern vor allem auf die Vernunft. Aber wie findet man praktisch heraus, wer zu den Vernünftigsten gehört? Da schweigt sich Platon wieder einmal elegant aus. Davon dass dieses Problem bis heute nicht gelöst ist, zeugt die neoliberale Konterrevolution seit drei Jahrzehnten. Die marktradikale Ordnung sollte nach der Auffassung von so genannten Wissenseliten oder Experten, vor allem den neoliberalen Ökonomen, der Weisheit letzter Schluss sein. Das monumentalste und erfolgreichste Produkt dieser Wissenseliten oder Experten ist die EU. Man kann sie im wahrsten Sinne des Wortes als ein Produkt der Experten, von den Experten und für die Experten bezeichnen. Sie ist zugleich ein „postdemokratisches“ Produkt. Die Politik bzw. die „Volksvertreter“ sollten nur das, was sich die europäischen Technokraten ausgedacht haben  abnicken und damit  äußere Legitimation verleihen. Einer dieser Technokraten, Jean-Claude Juncker hat verraten, wie man sich das vorstellte:

„Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, ob was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter - Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.“ ... >

Zur Erinnerung: Weder hat man jemals abstimmen lassen ob das deutsche Volk der EU beitreten will noch wurde es gefragt, ob es den Euro will. Als es etwa darum ging, über Maastricht und eine europäische Verfassung abzustimmen, hat man dies dem deutschen Volk gar mit der Begründung vorenthalten, dass es zu so schwerwiegenden Urteilen gar nicht fähig sei. Mit Recht bezeichnet Hans Herbert von Arnim in seinem sehr lesenswerten Buch diese EU als „Das Europa Komplott“. Das Ergebnis ist bekannt. Schon nach wenigen Jahren steht die EU vor einem Trümmerhaufen. Anstatt diese Experten fristlos zu feuern, wobei einzig gerecht wäre sie vor Gericht zu stellen, wegen des Verrats an allen unseren Werten und am Wohlstand, hat man sie mittlerweile zu den Regierungschefs der Länder gemacht, die sie ruiniert haben. Sollten diese Menschen die wahren Vertreter der Vernunft des Abendlandes sein, dann steht es sehr schlecht um diesen Teil der Welt.

Wer sind eigentlich diese sogenannten Wissenseliten oder Experten unserer Zeit? Natürlich diejenigen, die die teuersten privaten Universitäten besucht haben. Erinnern wir uns, zu welchem Zweck diese Universitäten entstanden sind: Vor allem um künstliche Verfahren zu konstruieren, stellt der bekannte Soziologe Georg Simmel (1858-1918) fest, welche „die Zahl der zu leitenden Stellungen „Qualifizierten“ a priori einschränken. Diese Auswahl richtet sich nicht nach den gegebenen Individuen, sondern, umgekehrt, sie präjudiziert diese. Aus einer Menge von Gleichen kann man nicht jeden in die verdiente Stellung bringen.“ ... > Die sich fortlaufend ändernden Anforderungen an Schulbildung sind also primär nicht eine Folge gestiegener beruflicher Qualifikationsanforderungen oder der im Bildungsprozess vermittelten Fertigkeiten, sondern vor allem raffinierte Standards für die Auswahl des Personals, mit denen die Statusgruppen Berufsmöglichkeiten monopolisieren. Diese Standards ständig weiterzuentwickeln, um mit immer neuen Bildungszertifikaten die eigenen Kinder vor intellektueller Konkurrenz zu schützen, ist das Hauptanliegen der heutigen „Eliten“. Und noch etwas war der Sinn und Zweck dieser so genannten Elitenuniversitäten, nämlich dass der Nachwuchs der Reichen und Mächtigen sich nicht mit dem „gemeinen Volk“ mischt, sondern unter sich bleibt. So schreibt der Nobelpreisträger für Ökonomie Paul Krugman:

„Harvard ist heute (ähnlich wie schon im 19. Jahrhundert) eine eher gesellschaftliche denn wissenschaftlich-bildungsbürgerliche Einrichtung - ein Ort für die Kinder der Wohlhabenden, an dem sie soziale Umgangsformen lernen und innerhalb ihrer Schicht Kontakte knüpfen können.“ ... >

Dazu lässt sich noch anmerken, dass die Amerikaner schon immer sehr geschickt waren, diese Tatsache zu maskieren. Ihre Universitäten bieten bekanntlich Stipendien für wirklich begabte arme Kinder, die für den guten Ruf dieser Anstalten sorgen, so dass es dann ohne Gefahr durchschaut zu werden möglich ist, auch die größten Strohköpfe mitzuschleifen. Bush jun. kann als gutes Beispiel dienen. Er kam auf ein exklusives Internat in New England, nur weil sein Name Bush ist. Er konnte bessere Studenten ausstechen, die zwölf Jahre hart gearbeitet hatten, um eine Zulassung für Yale zu bekommen, weil er Bush heißt. Auf die gleiche Art kam er auch an die Harvard Business School. Außerdem hat es seine Chancen nicht wesentlich geschmälert, dass er dreimal verhaftet wurde, seinen Wehrdienst nicht ableisten musste, ... weil sein Name ... ... >

Machiavelli und Hobbes waren die ersten großen Denker, die den Mut gefasst haben zu sagen, dass die hierarchisch-autoritären Herrschaftsordnung gar nichts mit einer Herrschaft von Besseren zu tun hat, also mit irgendwelchen besonderen Begabungen und Fähigkeiten derjenigen, die herrschen. Nach ihrer Überzeugung handelt es sich immer nur darum, dass sich die Menschen ohne eine ihnen übergeordnete Macht gegenseitig betrügen, bestehlen und bekriegen würden, so dass jede Ordnung in die Anarchie umschlagen würde. Der Herrscher soll nur fähig sein dies zu verhindern; mehr zu wissen, zu können und zu wollen bräuchte er nicht. Also könnte im Prinzip jeder der Herrscher sein. Zumindest jeder, der einen Gewaltapparat organisieren kann. Betrachtet man historisch das Entstehen der hierarchisch-autoritären Ordnungen, lässt sich kein einziger Fall finden, wo der Staat anders als durch reine Gewalt und den Wunsch zu herrschen entstanden ist. Mancur Olson, ein bekannter amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler mit interdisziplinärem Ansatz, hat dies wie folgt formuliert.

„Ein Banditenführer mit ausreichender Stärke, ein Territorium zu kontrollieren und gegen andere zu behaupten, hat einen Anreiz sich niederzulassen, eine Krone zu tragen und ein Autokrat zu werden ... Er fördert seine Interessen, indem er einen Teil der von ihm kontrollierten Ressourcen für die Abschreckung von Verbrechen durch seine Untertanen und für andere öffentliche Güter einsetzt.
In großen Gruppen von Menschen sind Regierungen in der Regel durch das Eigeninteresse derer entstanden, die die größte Fähigkeit hatten, Gewalt zu organisieren. Diese gewalttätigen Unternehmer haben sich selbst natürlich nicht Banditen genannt, sondern sie gaben im Gegenteil sich und ihren Nachkommen erhabene Titel. Sie haben sogar manchmal den Anspruch erhoben, von Gottes Gnaden zu regieren. Da Geschichte durch die Sieger geschrieben wird, werden die Ursprünge der herrschenden Dynastien natürlich üblicherweise mit grandiosen Motiven statt mit Eigeninteresse erklärt. Autokraten aller Art beanspruchen in der Regel, dass ihre Untertanen wünschen, von ihnen regiert zu werden, und stützen dadurch die durchweg falsche Annahme, dass ihre Regierung das Ergebnis einer freien Wahl war.“ ... >

Auf die Frage, wie sich dann die Idee der Herrschaft der „Besseren“ realisieren lässt, kann man in Kürze wie folgt antworten:

Eine hierarchisch-autoritäre Ordnung, in der der Herrscher verhindert, dass die Menschen sich gegenseitig betrügen, bestehlen und bekriegen, in der also einfach nur für Law and Order (Recht und Ordnung) gesorgt wird, lässt sich leicht realisieren. Man braucht dazu nur eine Gruppe Menschen, die fähig sind, die Gesellschaft ihrer Macht zu unterordnen. Es gibt keinen einzigen Grund anzunehmen, dass man dafür besonders tugendhafte und vernünftige Menschen nötig hätte, sondern vieles spricht dafür, dass gerade diese Eigenschaften fehlen sollten. Sogar wenn es zufällig geschehen wäre, dass sich eine Hierarchie der Besten gebildet hätte, diese Ordnung verfügt über keinen Mechanismus um zu verhindern, dass allmählich die Bösen und Unvernünftigen die oberen Stufen der Hierarchie erklimmen und eine Herrschaft zu ihrem eigenem Nutzen durchsetzen.

Zusammengefasst: Wenn man über die sozialpolitischen Konzeptionen, die von der Herrschaft der sogenannten Eliten ausgehen, milde urteilt, sind sie alle nur Utopien. Wenn man strenger ist, sind sie Irrtümer. Wenn man sie gar nicht schonen will, sind sie ein Betrug der Mächtigen. Machiavelli und Hobbes hatten in dieser Hinsicht Recht. Wie wir bereits gesehen haben, ist ihre Auffassung folgrichtig, wenn man von der Annahme der extrem bösen und uneinsichtigen Menschen ausgeht. Sind aber die Menschen wirklich so? Selbst wenn dem so ist, gibt es eine Alternative zur gesteuerten Ordnung: die geregelte Ordnung. Wie wir  auch schon gesehen haben, führt im soziopolitischen Bereich die Regelung zur demokratischen Ordnung bzw. demokratisch funktionierenden Institutionen, im ökonomischen Bereich zur Marktwirtschaft, was noch zu zeigen ist.

Bevor wir uns somit von der gesteuerten Ordnung endgültig verabschieden, soll noch kurz gezeigt werden, dass die geregelte Ordnung im Prinzip keine Probleme mit der praktischen Anwendung hat. Sie beruht nicht auf Annahmen bzw. Voraussetzungen, die in der Wirklichkeit vorhanden sind. Konkreter gesprochen benötigt sie keinen „besonderen“ Menschen, sie ist auch mit dem bösen Menschen funktionsfähig.

Die Kantschen „Teufel mit Verstand“ als praktischer Eignungstest für Institutionen

Es ist angebracht Aristoteles noch einmal als Beispiel zu erwähnen, dass schon immer über Alternativen zur hierarchisch-autoritären oder gesteuerten Ordnung nachgedacht wurde. Man kann überrascht sein, dass in seinen Überlegungen sogar mehrere Gedanken schlummern, die erst die Denker der Moderne weiterentwickeln konnten. Um herauszufinden, welche Organisationsform für die Gesellschaft besser wäre, so Aristoteles, müsste man zuerst die menschliche Natur kennen. Mit diesem Gedanken wird Aristoteles zum Ahnherrn jedes Humanismus, der sich das „werde was du bist“ zur Richtschnur macht. Das ist ein großer Unterschied zu Platon, bei dem das Muster (Idee) für den (idealen) Menschen ein für allemal im Jenseits steht, der reale Mensch sollte diesem Muster nur folgen. Diejenigen, die dank der besseren Vernunft dieses Muster besser kennen, hätten schließlich das Recht und die Pflicht die anderen in dieses Muster hineinzuerziehen. Aristoteles, im Gegensatz zu seinem Lehrer Platon, will zu einer besseren Gesellschaft nicht durch Umerziehung des Menschen, sondern durch bessere Regierungsformen und Institutionen gelangen: „Wir können den Wind nicht ändern, aber wir können die Segel anders setzen“ - so ein bekannter Satz von ihm. Auf eine einfache Formel gebracht: Die Menschen sind zwar zu schlecht, um ohne Institutionen auszukommen, sie sind aber klug und gut genug, um sich die nötigen Institutionen für ein gutes Leben zu geben.

Es hat jedoch zwei Jahrtausenden gedauert, bis dieser Ansatz zum Zeitgeist einer Epoche, der Moderne, wurde. Es blieb nämlich nach Aristoteles noch viel zu tun, bis aus den Einfällen richtige Gedanken und aus ihnen ein schlüssiger theoretischer Ansatz wurde. Dieser Durchbruch ist Spinoza gelungen. Bei einer „guten Organisation des Staates kommt es darauf an“, so lässt sich dieser epochemachende Ansatz knapp aber treffend formulieren, die selbstsüchtigen Neigungen bzw. „ihre Kräfte so gegen einander zu richten, dass eine die anderen in ihrer zerstörerischen Wirkung aufhält, oder diese aufhebt: so dass ... der Mensch, wenn gleich nicht ein moralisch guter Mensch, dennoch ein guter Bürger zu seyn gezwungen wird.“ Fast wörtlich hätte es auch Spinoza so formulieren können, dies war aber nicht er, sondern ein großer deutscher Philosoph vom Anfang der Moderne, Immanuel Kant (Zum ewigen Frieden, 1795). Spinoza war aber ein Denker, der sich, um mit Kant zu sprechen, hauptsächlich mit der „reinen Vernunft“ beschäftigte, Kant dagegen auch mit der „praktischen Vernunft“ und da fiel ihm ein, welche praktische Vorteile die Annahme über die negative menschliche Natur hat. Das hat er mit seiner bekannten Parabel mit den vernünftigen Teufeln verdeutlicht:

„Das Problem der Staaterreichung ist, so hart wie es auch klingt, selbst für ein Volk von Teufeln (wenn sie nur Verstand haben), auflösbar und lautet so: „Eine Menge von vernünftigen Wesen, die insgesamt allgemeine Gesetze für ihre Erhaltung verlangen, deren jedes aber in Geheim sich davon auszunehmen geneigt ist, so zu ordnen und ihre Verfassung einzurichten, dass, obgleich sie in ihren Privatgesinnungen einander entgegen streben, diese einander doch so aufhalten, dass in ihrem öffentlichen Verhalten der Erfolg eben derselbe ist, als ob sie keine solche böse Gesinnungen hätten.“ Ein solches Problem muss auflösbar seyn.“ ... >

Lässt man die Teufel weg, dann kann man dasselbe wie folgt formulieren: Die Institutionen müssen so eingerichtet werden, dass sie auch dann funktionieren, wenn sie von ganz bösen - raffgierigen, rücksichtslosen und räuberischen - Menschen besetzt würden. Dies lässt sich schon beim Entwurf von Institutionen testen. Etwas Ähnliches ist in der Technik eine Selbstverständlichkeit. Jedem ist zum Beispiel bekannt, dass neue Automodelle immer anhand von Crashtests geprüft werden. Dabei sitzen an Stelle echter Menschen Attrappen bzw. Dummys im Wagen, die darüber Aufschluss geben sollen, ob sich Menschen verletzen würden, wenn das Auto gegen ein Hindernis prallt. Für die sozialen Institutionen sollen als Hindernis die ganz bösen Menschen dienen, und zwar solche, die zugleich auch intelligent sind, - also die rationalen Egoisten und die raffinierten Trittbrettfahrer- weil ein Mensch der zwar böse aber dumm ist, keine besondere Gefahr für die Gesellschaft darstellt.

Testet man auf diese Weise die theoretischen Entwürfe für politische und ökonomische Institutionen bzw. Regelungen, ist das Problem der späteren praktischen Anwendung automatisch gelöst. Verallgemeinert gesagt, lässt sich die ordnungstheoretische Konzeption der Regelung gut praktisch anwenden, weil zu ihrem Paradigma keine Annahmen über einen besonderen Menschen gehören. Die Umstände, die normalerweise in der Wirklichkeit vorhanden sind, nämlich  Menschen, die beschränkt moralisch und beschränkt vernünftig sind, reichen ihr völlig aus.

Um eventuellen Missverständnissen vorzubeugen, heben wir noch einmal ausdrücklich hervor, dass Kant mit den Teufeln nicht gemeint hat, dass alle Menschen mehr oder weniger böse wären, auch dann nicht, wenn ihnen die Macht dazu zur Verfügung stünde. Kant ging es darum, die Tatsache zu berücksichtigen, die sich wie ein roter Faden durch die ganze Geschichte zieht: Dass es bösen Menschen immer wieder gelingt, an die Macht zu kommen, und sie dann auf verhängnisvolle Weise ausnutzen. Das muss verhindert werden. Das wäre sogar dann unbedingt nötig, wenn die bösen Menschen nur zu einer sehr winzigen Minderheit gehören würden, was vorstellbar wäre, aber ob dem wirklich so ist, werden wir nie genau herausfinden können. Wie dem auch sei, können wir aber mit Sicherheit davon ausgehen, dass es immer mehr als genug rücksichtslose und selbstsüchtige Menschen für jede gesellschaftlich attraktive Position geben wird. Deshalb müssen gute Institutionen gegen sie widerstandsfähig sein.

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