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  Die moralphilosophischen Grundlagen der neuen ökonomischen Ordnung von Adam Smith
  Wirkliche und unterstellte Verständnisprobleme beim Lesen von Adam Smith
       
 
In The Theory of Moral Sentiments ist auch die Philosophie des Reichtums und Wirtschaftstätigkeit von Adam Smith enthalten - nicht aber in Wealth of Nations.
 
    Joseph Schumpeterbekannter amerikanisch-österreichischer Ökonom    
       
 
Es ist für viele ein erstaunliches Phänomen: Smiths gesamtes Opus erlebt heute offensichtlich so etwas wie eine Renaissance. Es findet weltweit Resonanz in Wissenschaft und Politik. Eine neue ära der Interpretation hat begonnen, in der Ökonomen und Philosophen der Gegenwart das Werk kritisch weiterentwickeln.
 
    Einführung zum Buch Der Wohlstand der Nationen (2009) von Horst Claus Recktenwald    

Es wurde schon des Öfteren ironisch bemerkt, dass die Klassiker diejenigen sind, die jeder zitiert aber kaum jemand gelesen hat - man hat sich aber fest vorgenommen, dies bei nächster Gelegenheit ganz bestimmt zu tun. Auch das epochale und bahnbrechende Buch Der Wohlstand der Nationen von Adam Smith, in dem die erste systematische Ausarbeitung und Begründung der Marktwirtschaft dargelegt ist, wird schon seit langer Zeit nur von wenigen Ökonomen gelesen, obwohl jeder es für selbstverständlich hält zu wissen, was in ihm steht - man kennt schließlich einige Zitate aus dem Buch auswendig. Aber das Problem Adam Smith richtig zu verstehen, wäre nicht allein damit gelöst, „Den Wohlstand“ zu lesen. Die Grundidee und die Philosophie der Marktwirtschaft von Smith stehen nämlich nicht in diesem Buch. Diese sind anderswo ausarbeitet und begründet, was immer nur wenige begriffen haben. Das kann überraschen, weil dahinten nichts Ungewöhnliches steht.

In den Wissenschaften unterscheidet man nämlich Grundlagenforschung und angewandte Wissenschaft. „Der Wohlstand“ gehört eindeutig zur angewandten Wissenschaft, seine Grundidee und die ganze Philosophie, auf der die dort erklärte Marktordnung aufgebaut ist, also die Grundlagenforschung, steht nicht in diesem Buch, sondern im 17 Jahre früher veröffentlichten Buch Theorie der ethischen Gefühle. Wenn man begreifen will, warum ein Mensch namens Adam Smith sich überhaupt vorgenommen hat, über ökonomische Problematiken nachzudenken, muss er die Antwort in der „Theorie“ suchen, nicht in „Dem Wohlstand“. Wenn das so ist, dann fragt man sich, warum es so viele eben nicht begriffen haben, vor allen die Ökonomen nicht, als deren Ahnherr Smith gilt. Man kann zwei Gruppen von Ursachen dafür unterscheiden.

Die wirklich vorhandenen Interpretationsprobleme im Werk von Adam Smith

Bevor wir die Verständnisprobleme im Werk von Smith angehen, ist eine allgemeine Bemerkung angebracht. Es gibt bekanntlich einen Unterschied zwischen den Wissenschaften, die man exakt nennt - zu denen vor allem Naturwissenschaften gehören - und den Geisteswissenschaften. Wenn in den Naturwissenschaften jemand etwas sagt, wollen die anderen wissen, ob es stimmt oder richtig ist, was er behauptet; wenn jemand in den Geisteswissenschaften etwas sagt, fragt man zuerst - und nicht selten nur danach -, was er „wirklich“ sagen wollte. Wenn die Naturwissenschaftler arbeiten, dann schweigen sie meistens. Sie rechnen und zeichnen, während die Geisteswissenschaftler um die Wette reden. In den Naturwissenschaften ist man mit Worten sparsam bis geizig, aber dafür haben sie eine klare und präzise Bedeutung, in den Geisteswissenschaften werden desto mehr schwammige und mehrdeutige Worte aufgetürmt, je weniger man weiß, was man eigentlich sagen will. So etwas gehört zu den sicheren Symptomen dafür, dass man es mit noch rückständigen und unterentwickelten Wissenschaften zu tun hat, solchen die den uralten Talar des allwissenden und belehrenden Priesters noch nicht abgelegt haben.

Mit dieser allgemeinen Bemerkung soll nahe gelegt werden, dass wir auch Adam Smith nicht nach irgendwelchen Kriterien beurteilen sollten, die wir - nach zweieinhalb Jahrhunderten - von den exakten Wissenschaften kennen. Damit soll zugleich zugegeben werden, dass es nicht nur eine einzige Möglichkeit gibt, Smith „zu verstehen“, aber die Zahl dieser Möglichkeiten, die auf der umfangreichen und tiefen Kenntnis der Werke von Smith beruhen, ist trotzdem nicht groß und sie unterscheiden sich voneinander nicht sehr. Smith gehörte zweifellos zu denjenigen, die im Bereich der Ethik und der Ökonomie so klare Gedanken hatten wie nur wenige sonst. Er war also nicht nur jemand, der eine neue Konzeption der ökonomischen Ordnung entworfen hat, sondern er hat sie dermaßen gut dargestellt und ausformuliert, wie es in den Geisteswissenschaften selten der Fall war. Letzteres schließt aber nicht gewisse Schwächen aus, die dazu führen können, seine Grundidee und Philosophie der Marktwirtschaft misszuverstehen. Es geht hier vor allem um diese Schwächen.

Es ist bekannt, dass die Sprache immer ideologisch missbraucht wird. Das beste Beispiel dafür ist heute das Wort Reform. Bezeichnete man früher mit einer Reform Maßnamen, welche mehr Wohlstand, mehr Rechtsschütz und mehr Würde für einen immer größeren Teil der Bevölkerung bedeuteten, bedeutet heute das Wort Reform, solche Reformen aufzuheben.

Die Sprache ändert und entwickelt sich ständig, auch weil sich Denkweisen ändern und neue Kenntnisse entstehen. Deshalb muss man sich zuerst die zeitübliche Bedeutung der Worte und Begriffe aneignen und durch „die Brille“ dieser Bedeutungen die Texte lesen und verstehen.

Außerdem streben die selbstbewussten und ambitiösen Denker danach, eigene Begriffe oder zumindest andere Definitionen der vorhandenen durchzusetzen, was aber nicht immer gelingt, so dass der unvorsichtige Leser später die Texte völlig falsch versteht. Dieses Problem haben wir sogar bei den Schlüsselworten der Moralphilosophie von Smith. Zu ihnen gehört beispielsweise und insbesondere das Wort Sympathie - das man später berechtigterweise in Empathie umbenannte - und auch das Wort Egoismus.

Smith hatte auch vor, noch ein Buch zu schreiben, über die „allgemeinen Prinzipien des Rechts und der Regierung ... und zwar nicht nur insofern es sich um die Gerechtigkeit (oder Rechtspflege) handelt, sondern auch was Verwaltung, Staatseinkünfte und Militärwesen, und alle sonstigen Gegenstände der Gesetzgebung anbelangt“. Im letzten Vorwort der „Theorie“ sagt er, ihm sei gelungen in „Dem Wohlstand“ sein Versprechen zum Teil einzulösen „wenigstens insofern es sich um Verwaltung, Staatseinkünfte und Militärwesen handelt. Das auszuführen, was noch übrig bleibt, nämlich eine Theorie des Rechts“, also der Gerechtigkeit, würde er aus Altersgründen nicht schaffen. Seine Notizen für die dritte Säule seines Lebenswerks ließ er vernichten. Das kann man auch so deuten, wie es die neoliberalen Verfälscher seines Werkes tun, nämlich als ein Zeichen, dass er mit seiner Auffassung über Gerechtigkeit gescheitert ist. Aber das kann man nur vermuten. Es bleibt jedoch unbestritten, dass die Gerechtigkeit für Smith die höchste sowohl persönliche als auch soziale Tugend war.

Der öfters vorgebrachte Vorwurf, die „Theorie“ sei nicht systematisch strukturiert, hat was für sich. Dieses Werk schrieb Smith zum größten Teil für seine Ethikvorlesungen vor jungen Studenten an der Universität Glasgow, so dass es gewissermaßen eine Buchform gesammelter Vorlesungen ist. Deshalb taucht in diesem Werkt das bereits Besprochene unter verschiedenen Gesichtspunkten wiederholt auf und man ist sich an einigen Stellen nicht ganz sicher, ob Smith dort seine eigene Auffassung vertritt oder ob er nur eine interpretiert.

Angesichts dieser Schwierigkeiten verwundert es nicht, dass sich Smith selbst in seinen letzten Lebensjahren, nachdem er schon als Ökonom berühmt geworden war, fast ausschließlich mit der Umarbeitung und Ergänzung seiner Theorie der ethischen Gefühle beschäftigte, obwohl er mit ihr kaum jemanden mehr beeindrucken konnte. Er selbst hat es aber offensichtlich ganz anders gesehen. Das Buch, mit dem er seine wissenschaftliche Laufbahn eröffnet hatte, ist in einem gewissen Sinne auch zu seinem Alterswerk geworden, in dem er die reifsten Früchte seines Denkens niederlegte.

Dies alles sind die Gründe, warum wir uns zuerst mit den wichtigsten Begriffen von Adam Smith beschäftigen müssen, um sie später, bei der Erklärung seiner Idee der Marktwirtschaft, richtig anzuwenden. Dann wird sein Werk und vor allem „Der Wohlstand“ bzw. die Grundidee der Marktordnung in einem völlig neuen Licht erscheinen. Wir werden sehen, dass seine Marktwirtschaft eine Ordnung ist, die vollständig auf den anthropologischen und ethischen Ansichten der Moderne fußt und dass sie den ordnungstheoretischen Ansatz verkörpert, den am besten Spinoza formulierte: die unerwünschten und schädlichen Affekte und Triebe einander neutralisieren zu lassen. Anders gesagt, die Konzeption der Marktwirtschaft von Smith ist eine geregelte Ordnung.

Das Aufbauschen der &dbquo;Widersprüche&lbquo; und &dbquo;Missverständnisse&lbquo; aus ideologischen Gründen

Der Feind meines Feindes ist mein Freund - sagt man. So haben sich es auch die Handwerker, Manufakturisten, Händler und Banker in den freien Städten, also die Bürger, im späten Mittelalter gedacht und haben die Leibeigenen, also die Bauern aus den Dörfern als gleichwertige Brüder anerkannt. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - das war bekanntlich noch das Motto der französischen Revolution. Die Denker und Philosophen der Moderne haben für diese Gleichberechtigung Argumente geliefert und aus ihr heraus eine neue Konzeptionen der Ordnung entworfen. Man hat damit die Machtansprüche der alten herrschenden Klasse delegitimiert, aber nicht zugunsten der neuen. Die ökonomische Macht der neuen Klasse wuchs aber immer weiter, schneller als man es sich vorstellen konnte. Dort wo die Macht der alten Klassen, der Feudalherren und der Kirchenmänner, zurückging wartete schon die neue Klasse, die neuen Reichen, den freien Platz zu besetzen - auch wenn in einer neuen äußeren Form. Die Reichen - so damals Rousseau -, als sie den Genuss des Herrschens erfahren hatten, wurden den Wölfen ähnlich, die, nachdem sie das menschliche Fleisch gekostet hatten, jede andere Nahrung verweigerten und nichts anderes wollten als Menschen zu reißen. Kein Wunder also, wenn Jean-Paul Marat nach der französischen Revolution die Frage aufgeworfen hatte:

„Was haben wir denn von der Zerstörung der Aristokratie der Adligen gewonnen, wenn sie nachher wieder von einer Aristokratie der Reichen ersetzt wird?“

Auf seinen Reisen durch Amerika, stellte der konservative Denker Alexis de Tocquelle in seinem berühmt gewordenen Buch Über die Demokratie in Amerika (1835/1840) fest:

„Im ganzen genommen ist, glaube ich, die Aristokratie der Fabrikanten, die wir vor unseren Augen erstehen sehen, eine der härtesten, die auf Erden erschienen ist.“ ... >

Man hat in dieser Zeit auch festgestellt, dass rein materiell betrachtet den amerikanischen Sklaven damals nicht so schlecht gehen konnte.

„Der Güterkonsum der Sklaven schnitt verglichen mit dem Einkommen freier Landarbeiter recht gut - sicherlich nicht schlecht - ab. Selbst die Lebenserwartung der Sklaven war relativ gesehen nicht besonders niedrig - sie kam in etwa der Lebenserwartung in den Fortgeschrittenen Ländern wie Frankreich und Holland gleich und übertraf bei weitem die Lebenserwartung der freien städtischen Industriearbeiter sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Europa.“ ... >

Als die alte feudal-klerikale Klasse von der Macht verdrängt wurde, brauchte die neue Klasse schließlich die früheren Verbündeten nicht mehr: die Leibeigenen und das entstehende Proletariat. Alte Versprechungen, mit denen man diese sozialen Klassen auf die eigene Seite ziehen wollte, waren überflüssig und lästig. Sie waren ein Hindernis auf dem Weg zur neuen totalitären Herrschaft, diesmal der Herrschaft der Kapitalbesitzer über den Rest der Bevölkerung.

Die ursprünglichen Versprechungen konnte man jedoch nicht völlig verwerfen, weil die neue Klasse dann nichts mehr hätte, um ihre Herrschaft zu legitimieren. Nun musste man die früheren Versprechungen uminterpretieren, was man üblicherweise hinter Worten wie „präzisieren“, „konkretisieren“ oder „weiterentwickeln“ versteckt. Das ist der normale Gang der Geschichte. Als die Christen gesiegt hatten, ist aus der uneingeschränkten Nächstenliebe die Herrschaft der Kirche geworden, nach dem Sieg der Kommunisten ist aus dem Reich der Freiheit die Herrschaft einer Partei geworden. Die „Vulgarisierung“ der klassisch-liberalen Lehre und vor allem des Werks von Adam Smith, wie es Marx ausgedrückt hat, begann schon am Anfang des 19. Jahrhunderts; erwähnen wir nur die Namen Jean-Baptiste Say (1767-1832) und Claude Frédéric Bastiat (1801-1850). Der endgültige Durchbruch ist aber erst der marginalistischen Lehre am Ende des 19. Jahrhunderts gelungen, auch Neoklassik und heute Neoliberalismus genannt. Dieser Lehre gelang es, die wichtigsten ursprünglichen Ideen und Botschaften der marktwirtschaftlichen Ordnung ins Gegenteil umzudeuten und umzukehren. Der Neoliberalismus wurde zur schärfsten ideologischen Waffe in den Händen der neuen kapitalistischen Oligarchie und Plutokratie gegen das arbeitende Volk. Wir erwähnen jetzt die markantesten Bruchstellen zwischen dem ursprünglichen Liberalismus und dem Neoliberalismus.

Der Eigennutz und die Rücksichtslosigkeit waren für die Frühliberalen moralisch verwerflich, die Neoliberalen haben sie zur Quelle des Fortschritts umgedeutet.

Die grundsätzliche methodische Einheit der Frühliberalen waren die zwischenmenschlichen Relationen, die der Neoliberalen ist das Individuum.

Für die Ordnung bei den Frühliberalen sollten Regeln sorgen, bei den Neoliberalen die Freiheit.

Bei den Frühliberalen sind Einkommens- und Eigentumsverteilung nur extern gestaltbare Voraussetzungen zum Zweck der ökonomischen Effizienz, für die Neoliberalen sind sie die Folge und der Ausdruck der persönlichen Leistung.

Den Frühliberalen ging es immer um die Gerechtigkeit, für die Neoliberalen gibt es sie gar nicht.

Später werden wir noch genauer zeigen, wie diese Änderungen das ganze klassische Weltbild auf den Kopf stellten.

Bemerkung: Erwähnen wir noch abschließend, dass in den folgenden Beiträgen mehr als üblich zitiert wird und die Zitate von Smith werden manchmal länger sein. Dies nicht nur deshalb, um etwas besser zu begründen, sondern den Leser in den Genuss der Feinfühligkeit und Verstandesschärfe des Stils von Smith zu bringen.

 
 
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