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  Der Ursprung des Privateigentums und seine Erklärungen bzw. Konzeptionen
  Adam Smith: Privateigentum als Strafe für die menschliche Unvollkommenheit
       
 
Wenn die Tendenz der Gesetzgebung gewesen wäre, die Verteilung, statt die Konzentration des Vermögens zu begünstigen, eine weitere Verteilung großer Massen anzuregen, anstatt Konzentration zu beschleunigen, dann würde sich herausgestellt haben, daß das Prinzip des Privateigentums nicht notwendig in Verbindung mit den physischen und sozialen Übeln steht, welche fast alle sozialistischen Schriftsteller für untrennbar von ihm annehmen.
 
    John. S. Milleiner der einflussreichen liberalen Ökonomen und Denker des 19. Jahrhunderts    
 
Heute, wie schon immer, werden von edelmütigen und eifrigen Träumern, die sich vorgenommen haben die Gesellschaft zu reorganisieren, schöne Bilder des Lebens gemalt, das möglich sein könnte unter Institutionen, die ihre Phantasie leicht entwirft. Aber es ist eine verantwortungslose Phantasie, weil sie auf der unberechtigten Annahme beruht, dass sich die menschliche Natur unter dem Einfluss der neuen Institutionen so schnell ändern würde, wie es vernünftigerweise nicht einmal im Lauf eines Jahrhunderts zu erwarten wäre, selbst unter günstigsten Bedingungen. Wenn die menschliche Natur in so idealer Weise veränderbar wäre, so würde wirtschaftliche Großzügigkeit sogar unter den bestehenden Institutionen des Privateigentums herrschen. Und das Privateigentum, dessen Notwendigkeit bestimmt nicht tiefer reicht als die Eigenschaften der menschlichen Natur, wäre in dem Augenblick ungefährlich, in dem es unnötig würde.
 
    Alfred Marshalein einflussreicher englischer Nationalökonom vom Anfang des 20. Jahrhunderts    

Einer der bekanntesten Ökonomen des vorigen Jahrhunderts, Joseph Schumpeter, hat mit Recht bemerkt, dass sich die ökonomische Theorie von Adam Smith ohne seine Ethik nicht verstehen lässt. Man sollte - oder gar muss - dem hinzufügen, dass sie sich auch ohne den skeptisch-empirischen Rationalismus, der im späten Mittelalter und am Anfang der Moderne entstanden ist, nicht richtig verstehen lässt. Dieser neue Rationalismus wollte mehr sein, als ein reines Bedürfnis und eine reine Freude „sich etwas zu denken und vorzustellen“ zu befriedigen, er wollte etwas Bestimmtes praktisch erreichen: Er war ergebnisorientiert. Wir haben zu diesem Rationalismus im vorigen Beitrag schon einiges gesagt. Von dieser skeptisch-rationalistischen Auffassung ging Adam Smith schon als Moralphilosoph aus, in der Theorie der ethischen Gefühle. Schon in diesem ersten Werk von ihm lässt sich klar erkennen, dass er der Überzeugung war, dass Mühsal, Krankheit und Gefahr, sowie die mangelnden Chancen zur geistigen Selbstverwirklichung, wesentlich durch Armut an Gütern bedingt sind. Die Gedanken darüber, wie man mehr Güter herstellen kann, haben dann den Moralphilosophen Smith auf den Weg zur Ökonomie gebracht.

In der Konzeption der Marktwirtschaft, die er entworfen hat, gehören die Produktionsmittel (Kapital) in individuellen (privaten) Besitz, und zwar deshalb, weil die Menschen so sind wie sie sind: weder sehr moralische noch sehr vernünftige Wesen. Smith war ein typischer moderner Denker, weil er in seinen Untersuchungen und der Theoriebildung von einer solchen, wie man es auch sagt, negativen menschlichen Natur ausgegangen ist. Um seine Entscheidung für das Privateigentum zu verstehen, muss man diese seine Auffassung über den Menschen im Hinterkopf haben. Deshalb ist es angebracht, zuerst sie kurz zu erörtern.

Gleichheit und Leistungsgleichheit nach der Auffassung von Adam Smith

Man sagt ironischerweise, die Klassiker sind diejenigen, deren Bücher man nicht liest, weil man als selbstverständlich annimmt zu wissen, was in diesen steht. Dass man sich auf diese schlechte Gewohnheit der Menschen verlassen kann war auch den Marktradikalen und Marktfanatikern schon immer klar, die Smith kurzerhand zu ihrem Patron erklärt haben. Er sollte als Urvater des ungezügelten Kapitalismus gelten: Der Prophet der uneingeschränkten (laissez-faire) Freiheit und der Erzfeind des Staates. Beides ist völlig falsch und folgt aus dem Werk von Smith überhaupt nicht. Deshalb mussten diese Fälscher schon immer einen großen Bogen um die Theorie der ethischen Gefühle machen und sein Hauptwerk Der Wohlstand der Nationen reduzieren sie hartnäckig auf das kurze Zitat von der „unsichtbare Hand“. Nebenbei sei bemerkt, dass sich das Bildgleichnis „unsichtbare Hand“ schon einmal in der Theorie des Moralphilosophen Smith vorkommt. Dass es aber in Dem Wohlstand von Aussagen nur so wimmelt, die den Marktradikalen und Marktfanatikern nur kaltes Grausen bringen können, wird vornehm ausgeblendet.

Der Missbrauch der marktwirtschaftlichen Theorie von Smith zu ideologischen Zwecken begann schon unmittelbar nach seinem Tod. Es ist interessant zu bemerken, dass ausgerechnet Marx einer war, der Smith mit allen Kräften gegen diese Vulgärökonomen, wie er sie spöttisch bezeichnet hat, verteidigte. Das verwundert bei näherem Hinsehen aber doch nicht. Marx war mit dem Werk von Smith bestens vertraut, er gehörte doch zu den gebildetsten Menschen seiner Zeit. Als er von der Philosophie zur Ökonomie wechselte, hat er zuerst im Lesesaal der British Museum Library ziemlich alles gelesen, was damals über die Politische Ökonomie veröffentlicht worden war. Auch viele andere Sozialisten haben Smith sehr geschätzt, weil sein Liberalismus soziale Werte bzw. Grundrechte kennt. Ohne große Übertreibung kann man sagen, dass Smith in der Frage der Grundrechte seiner Zeit so weit voraus war, dass seine moralische Auffassung immer noch als Grundlage für die Lösung der sozialen Frage und für die Verwirklichung der (sozialen) Gerechtigkeit gelten kann. Charles Gide hat Smith sogar als „wahren Vorläufer des Sozialismus“ bezeichnet. „Es ist ja richtig, dass die große liberale Bewegung der Neuzeit zunächst der kapitalistischen Bourgeoisie zugute gekommen ist“ - schreibt auch Eduard Bernstein (1850-1932), ein von Marx abgewandter sozialdemokratischer Reformator - „aber was den Liberalismus als weltgeschichtliche Bewegung betrifft, so ist der Sozialismus nicht nur der Zeitfolge, sondern auch dem geistigen Gehalt nach sein legitimer Erbe“. Die Erwähnung dieser Sozialisten soll zum Ausdruck bringen, dass es schon immer Kenner von Smith gab, die etwas grundlegend Anderes bei ihm gesehen haben als eine Steilvorlage für den Neoliberalismus. Lassen wir aber nun Smith für sich selber sprechen.

• Wie gleich sind die Menschen?

So wie bei anderen großen Denkern der frühen Moderne war auch für Smith die Frage der Gleichheit oder Ungleichheit eine empirische Frage. Und wie sie hat auch er sich des Naturzustands bedient, um seine Aussagen zu untermauern.

„Die Verschiedenheit der natürlichen Talente bei den verschiedenen Menschen ist in Wahrheit viel geringer, als wir glauben, und der sehr verschiedene Geist, welcher, wenn er zur Reife gelangt ist, Leute von verschiedenem Beruf zu unterscheiden scheint, ist in vielen Fällen nicht sowohl der Grund als die Folge der Arbeitsteilung. Die Verschiedenheit zwischen den unähnlichen Charakteren, wie z.B. zwischen einem Philosophen und einem gemeinen Lastträger, scheint nicht sowohl ihrem Wesen, als der Gewöhnung und Erziehung zu entspringen. Als sie auf die Welt kamen, und in den ersten sechs bis acht Jahren ihres Daseins waren sie einander vielleicht sehr ähnlich, und weder ihre Eltern noch ihre Gespielen konnten eine merkliche Verschiedenheit gewahr werden. Etwa in diesem Alter oder bald darauf wurden sie zu sehr verschiedenen Beschäftigungen angehalten. Dann wird die Verschiedenheit ihrer Talente bemerkt und erweitert sich nach und nach, bis zuletzt die Eitelkeit des Philosophen kaum noch irgendeine Ähnlichkeit anzuerkennen bereit ist.
Viele Tierarten, die anerkannterweise zu derselben Gattung gehören, haben von Natur weit verschiedenere Anlagen, als sie vor der Gewöhnung und Erziehung unter den Menschen Platz zu greifen scheinen. Von Natur ist ein Philosoph an Anlagen und Neigungen nicht halb so sehr von einem Lastträger verschieden, als ein Bullenbeißer von einem Windhund, oder ein Windhund von einem Jagdhund, oder dieser von einem Schäferhunde.“ ... >

Wen hätte Smith konkret meinen können, als er von der „Eitelkeit des Philosophen“ sprach? Das wissen wir nicht genau, aber Platon hätte er ganz bestimmt nicht außen vor gelassen. Erinnern wir uns, dass für den Elitetheoretiker Platon die „Massen“ - wie man es heute sagen würde - minderwertige Menschen sind, die folglich von den hochwertigen Übermenschen (Philosophen) regiert werden müssen. Für Elitentheoretiker sind die Massen deshalb minderwertig, weil sie keine schönen Künste und Philosophie kennen, keine Manieren des kultivierten Benehmens und Konsumstils beherrschen und keine Kenntnisse der höheren Mathematik und den Wissenschaften besitzen. Diese niedrige Bildung der Mehrheit des Volkes entspricht durchaus den Tatsachen und auch Smith bestreitet das nicht, im Gegenteil:

„Im Fortschritt der Arbeitsteilung wird die Beschäftigung des größten Teiles derer, die von ihrer Arbeit leben, d.h. der großen Masse des Volkes, auf wenige sehr einfache Verrichtungen, oft nur auf eine oder zwei, beschränkt. Der Verstand der meisten Menschen wird aber selbstverständlich durch ihre gewöhnlichen Beschäftigungen beeinflußt. Der Mann, dessen ganzes Leben ein paar einfachen Verrichtungen gewidmet ist, deren Wirkungen vielleicht stets dieselben oder ziemlich dieselben sind, hat keine Gelegenheit, seinen Verstand anzustrengen oder seine Erfindungskraft zu üben, um Hilfsmittel gegen Schwierigkeiten aufzusuchen, die ihm niemals begegnen. Er verliert mithin natürlich die Gewohnheiten solcher Übungen, und wird gewöhnlich so dumm und unwissend, wie es ein menschliches Wesen werden kann. Die Verknöcherung seines Geistes macht ihn nicht nur unfähig, an einer vernünftigen Unterhaltung Geschmack zu finden oder nur daran teilzunehmen, sondern auch unfähig freier, edler oder zarter Gefühle, und mithin einer richtigen Beurteilung selbst der gewöhnlichsten Pflichten des Privatlebens. ... Seine Geschicklichkeit in seinem Gewerbe scheint also auf Kosten seiner geistigen, geselligen und kriegerischen Fähigkeit erworben zu sein. Dies ist der Zustand, in welchen in jedem zivilisierten Volke der arbeitende Arme, d. h. die Masse des Volkes, notwendig versinken muß, wenn die Regierung nicht Vorsorge dagegen trifft.“ ... >

Es wird sehr interessant, wenn Smith die Menschen der zivilisierten Gesellschaften mit denen vergleicht, die sich im Naturzustand befinden:

„Anders bei den gewöhnlich sogenannten barbarischen Jäger-Hirten- und selbst den Ackerbauvölkern in dem rohen Zustande der Landwirtschaft, der der Vervollkommnung der Industrie und der Ausdehnung des auswärtigen Handels vorhergeht. Unter solchen Völkern zwingen seine mannigfaltigen Beschäftigungen einen jeden, seine Anlagen zu entwickeln und auf Mittel zu sinnen, Schwierigkeiten, die ihm überall begegnen, zu überwinden. Seine Erfindungskraft wird lebendig erhalten und der Geist kann nicht in die schläfrige Dummheit versinken, die in der zivilisierten Welt den Verstand der unteren Volksklassen fast durchweg verdüstert. Unter jenen sogenannten barbarischen Völkern ist, wie schon bemerkt, ein jeder Soldat. In gewissem Maße ist auch jeder Politiker und vermag sich über das Interesse des Volks und die Haltung der Regierenden ein leidliches Urteil zu bilden. ... In einem Naturvolke ist zwar für jeden einzelnen die Mannigfaltigkeit der Beschäftigungen groß, aber im Volk als Ganzen ist sie es nicht. Einer tut oder kann tun, was der andere tut oder tun kann. Jeder hat einen gewissen Grad von Kenntnissen, Talent oder Erfindungsgabe, aber wenige ragen darin hervor. ... In einem zivilisierten Staate dagegen ist die Mannigfaltigkeit in den Beschäftigungen der meisten Individuen gering; fast unendlich in denen des ganzen Volks.“ ... >

Die Auffassung von Smith über die menschliche Gleichheit lässt sich zusammenfassend wie folgt ausdrücken: Die Menschen sind nicht von ihrer Natur her, durch die Abweichungen in ihrem Genom - wie man es heute sagen könnte - unterschiedlich, sondern die ihnen auferlegte Anpassung an die gegebenen Lebensumstände macht sie verschieden. Dieser Meinung war jemand am anderen Ende der Welt schon Jahrhunderte zuvor, nämlich der große chinesische Denker Konfuzius: „Von Natur aus sind die Menschen fast gleich, erst die Gewohnheiten entfernen sie voneinander.“

• Wer ist nach Smith' Auffassung der wahre Leistungsträger?

In einem längeren Untertitel seines elf Jahre geschriebenen Werkes Der Wohlstand der Nationen gibt Smith dem Leser zu verstehen, worüber er dort schreibt: Von den Ursachen der Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit und von den Regeln, nach welchen ihr Ertrag sich naturgemäß unter die verschiedenen Volksklassen verteilt. Smith spricht nicht zufällig von der Ertragskraft des Produktionsfaktors Arbeit, sondern aus dem Grund, dass er alleine die Arbeit als Ursache oder Quelle des Wohlstandes ansah. Die übrigen beiden Produktionsfaktoren, den Boden und das Kapital - die man schon damals kannte - betrachtet Smith nicht als Ursache oder Quelle des Wohlstandes. Nebenbei bemerkt, haben ihm das seine selbsternannten Nachfolger, die Neoliberalen, sehr übel genommen. Unter Arbeit versteht Smith „Mühe und Anstrengung“. Nur die Arbeit mit solchen Eigenschaften ist nach ihm diejenige, die leistet, oder wie es die älteren Ökonomen sagten: die den Wert schafft. Aus dieser Leistung - oder dem Wert - der Arbeit wird das Einkommen aller anderen abgezweigt, also all derjenigen, die nicht „produktiv“ oder gar nicht arbeiten.

„Der Wert einer Ware ist demnach ... gleich der Menge Arbeit, welche zu kaufen oder über welche zu verfügen sie ihm gestattet. ... Der wahre Preis jedes Dinges, der Preis, den jedes Ding den Mann, der es sich verschaffen will, wirklich kostet, ist die Mühe und Anstrengung, die er hat verwenden müssen, um es sich zu verschaffen.
Einzig und allein nur die Arbeit, die in ihrem Werte niemals schwankt, ist mithin der letzte und wahre Preismaßstab, nach welchem der Wert aller Waren immer und überall geschätzt und verglichen werden kann. Sie ist ihr wahrer Preis; Geld nur ihr nomineller.
Der Wert, den die Arbeiter den Rohstoffen hinzufügen, löst sich daher in diesem Falle in zwei Teile auf, von denen der eine ihren Lohn, der andere den Gewinn des Arbeitgebers auf das ganze für Materialien und Lohn vorgeschossene Kapital bezahlt.
Die Arbeit misst den Wert nicht nur desjenigen Teiles des Preises, der sich in Arbeit auflöst, sondern auch dessen, der sich in Rente, und dessen, der sich in Gewinn auflöst.“ ... >

Schon Quesnay benutzt das Abzugsprinzip, um die Produktion und die Verteilung in der feudalen Wirtschaft zu erklären, Smith lässt dieses Prinzip auch für die Marktwirtschaft uneingeschränkt gelten. Das haben ihm die späteren selbsternannten neuen Liberalen nie verziehen, aus einem leicht erkennbaren Grund: In diesem Prinzip liegt offensichtlich revolutionärer Sprengstoff. Wenn wundert es da, dass alle sozialistischen Ökonomen und auch Marx ihre ökonomischen Theorien auf dem Abzugsprinzip aufgebaut haben. Die sozialistische Denkweise hat sich aber an etwas Anderem bei Smith gestört, und zwar dass er unter „Mühe und Anstrengung“ nicht nur körperliche, sondern auch geistig anspruchsvolle Arbeit verstand. Erwähnen wir noch dazu, dass Smith die Arbeit, die „Mühe und Anstrengung“ bedeutet, als „produktiv“ bezeichnet. Mit „produktiv“ wollten schon die Ökonomen vor Smith zum Ausdruck bringen, dass es Arbeit gibt, die mehr oder weniger proportional zur produzierten Gütermenge steht, bei der nichtproduktiven Arbeit ist dies nicht der Fall. Diese Unterscheidung ist zweifellos sinnvoll. Ein Unternehmen, das nicht richtig einschätzen kann, welche Arbeit seine Produktion direkt fördert und welche nicht, wird schnell in Konkurs gehen. Sowohl den älteren Ökonomen als auch Smith war natürlich klar, dass Arbeit gesellschaftlich nützlich sein kann, ohne direkt produktiv sein zu müssen: wie etwa die des Polizisten, des Lehrers oder des Arztes. Die Ablehnung der späteren „Liberalen“, die produktive Arbeit von der unproduktiven zu unterscheiden, ist ideologisch motiviert: Als Lohnschreiber der Reichen ist es nämlich die Aufgabe der neoliberalen Ökonomen ihren Brotgebern, den reichen Schmarotzern und Parasiten, irgendwelche Verdienste anzudichten.

Es bleibt aber unbestritten, dass für Smith zu „Mühe und Anstrengung“ vor allem die körperliche Arbeit zählte, so dass er auch diesbezüglich sehr „sozialistisch“ war. Schließlich war es für ihn selbstverständlich, dass dem einfachen Arbeiter aus dem, was er geschaffen hat, nicht sehr viel abgezogen werden darf:

„Ist nun diese Verbesserung in den Umständen der niederen Volksklassen als ein Vorteil oder als ein Nachteil für die Gesellschaft anzusehen? Die Antwort scheint auf den ersten Blick außerordentlich einfach. Dienstboten, Tagelöhner und Arbeiter verschiedener Art machen den bei weitem größten Teil jeder großen politischen Gemeinschaft aus. Was immer aber die Umstände des größten Teils verbessert, kann niemals als ein Nachteil für das Ganze angesehen werden. Sicherlich kann keine Gesellschaft blühend und glücklich sein, deren meiste Glieder arm und elend sind. Überdies ist es nicht mehr als billig, daß die, die die gesamte Masse des Volkes mit Nahrung, Kleidung und Wohnung versorgen, einen solchen Anteil von dem Produkt ihrer eigenen Arbeit erhalten, um sich selbst erträglich nähren, kleiden und wohnen zu können.“ ... >

Smith hat nie versucht genau zu erklären, welche Arbeit produktiv ist bzw. wie man „Mühe und Anstrengung“ bestimmen sollte, geschweige wie man sie messen könnte. Darin wollen die späteren Liberalen den endgültigen Beweis sehen, dass er mit seiner Aufteilung der Arbeit in produktive und unproduktive, sowie mit seiner ganzen Verteilungstheorie nach dem Abzugsprinzip gescheitert ist. Dieser Vorwurf ist nicht nur falsch, sondern wissenschaftlich sehr unredlich, vor allem wenn er von den marktradikalen Neoliberalen kommt. Gerade sie haben ihre Markttheorie mit einer ganzen Menge von Begriffen überfrachtet, die auf keine Weise empirisch erfassbar, geschweige denn messbar sind - erwähnen wir nur ihren wichtigsten Begriff Nutzen bzw. Grenznutzen. Im Gegensatz zu ihnen war sich Smith klar bewusst, dass die produktive Arbeit nicht genau definierbar und messbar ist, mehr noch: Seine Entscheidung für die Konkurrenzwirtschaft bzw. für den Nachfragepreis kann nur als Folge der Erkenntnis betrachtet werden, sich endgültig damit abgefunden zu haben, dass es unmöglich ist die individuelle Leistung („Wert“) einer konkreten Arbeit irgendwie zu bestimmen geschweige denn zu messen. Hier erweist er sich wieder einmal als typischer skeptisch-rationalistischer Denker der Moderne. Glaubt man nicht an die Möglichkeit die Leistung objektiv messen zu können, muss man sich von der uralten Auffassung „jedem das seine“ und folglich von der individualistisch verstandenen ökonomischen Gerechtigkeit verabschieden. Für Smith war es in der Tat kein Problem, sich von dieser Naivität und Utopie zu verabschieden. Seine generelle Vision lässt sich in ihren Hauptzügen auf folgende Aussagen bringen:

1: Die Leistung der einzelnen Menschen lässt sich so gut wie gar nicht messen. Das Prinzip der Verteilung nach der individuellen Leistung („Wert“), wie gerecht dies auch zu scheinen mag, ist praktisch undurchführbar.
2: Die Verteilung der erwirtschafteten Güter soll dem materiellen, moralischen und geistigen Fortschritt der Menschheit dienen, und zwar auf jeden einzelnen Menschen bezogen
3: Dieser Fortschritt soll den Vorrang vor allem Anderen haben, auch vor dem Prinzip der Gleichheit

Das ist im Groben das „klare und einfache System der natürlichen Freiheit“, wie Smith seine Konzeption der geregelten Marktwirtschaft bezeichnet. Einer der letzten Ökonomen, der dieser frühliberalen Auffassung noch konsequent folgte, war John Stuart Mill (1806-1873). Er hat die Gedanken von Smith so pointiert und präzise wie vielleicht niemand sonst zum Ausdruck gebracht:

„Die Gesetze und Bedingungen der Produktion von Vermögen zeigen den Charakter physikalischer Wahrheiten; hier gibt es nichts Wahl- und Willkürliches. Alles von Menschenhand Produzierte muß in der Art und Weise und unter den Bedingungen produziert werden, die durch das Wesen der äußeren Dinge und durch die Eigenschaften der körperlichen und geistigen Bildung der Menschen gegeben sind.
Anders verhält es sich mit der Verteilung des Vermögens. Diese ist eine rein menschliche Einrichtung. Sind die Dinge einmal gegeben, so können die Menschen, einzeln oder in der Gesamtheit, mit ihnen nach Belieben verfahren. Sie können sie zu der Verfügung eines jeden Beliebigen zu beliebigen Bedingungen stellen.“ ... >

Der letzte Satz hat für viele Missverständnisse gesorgt. Es wurde Mill unterstellt, dass er der Meinung sei, die Verteilung der erwirtschafteten Güter, also des Einkommens und Eigentums, habe keinen Einfluss auf die Effizienz der Wirtschaft. Der folgende Satz scheint dies sogar zu unterstreichen:

„Selbst was jemand durch seine persönliche Arbeit ohne fremde Beihilfe hervorgebracht hat, kann er ohne die Erlaubnis der Gesellschaft nicht für sich behalten.“ ... >

Man kann sich in der Tat nicht des Eindrucks erwehren, dass Mill mit dieser Aussage dem Einzelnen den Anspruch auf die Früchte seiner eigenen Arbeit streitig macht. So hat er es aber nicht gemeint. Er hatte etwas anderes im Sinn. Was ein Mensch auch erwirtschaftet, selbst wenn er es dem Anschein nach ganz alleine tut, ist nie das alleinige Ergebnis seiner eigenen Arbeit, und zwar aus mehreren gewichtigen Gründen: Der Einzelne benutzt die Natur, die nicht seine ist, er benutzt Produktionsmittel, die andere hergestellt haben, in denen das Wissen vieler früherer Innovatoren, Erfinder und Wissenschaftler steckt, und schließlich ist auch das Wissen jedes Einzelnen, wie man effizient wirtschaften kann, ebenfalls nicht das Ergebnis seines eingeborenen Verstandes, sondern etwas, worüber sich viele Generationen vor ihm den Kopf zerbrochen haben. Der einzige Mensch der Erde, für den es zutreffen würde, dass die von ihm hergestellten Dinge das ausschließliche Ergebnis seiner eigenen Anlagen und seiner eigenen „Mühe und Anstrengung“ sind, wäre vielleicht Tarzan, aber der ist nur eine literarische Erfindung. Schon für Robinson Crusoe würde das nicht zutreffen.

Erwähnen wir in diesem Zusammenhang noch Hobbes, der zwar kein Ökonom war, aber richtig bemerkt hat, dass bei der Verteilung nicht die individuelle Leistung an erster Stelle steht und auch nicht stehen kann, sondern der politische Faktor. Erst eine stabile politische Ordnung macht eine konkrete Verteilung möglich, was zugleich bedeutet, dass jede Verteilung im Wesentlichen schon in der Konzeption der politischen Ordnung  vorweggenommen ist. Schließlich, so Hobbes, sei es ein Irrtum zu glauben, es gebe einen individuellen Anspruch auf überhaupt etwas - auf die Früchte der „eigenen“ Arbeit nicht und auf individuelles Eigentum erst recht nicht:

„Menschen machen sich nicht gehörig klar, daß vor der Einsetzung einer herrschenden Gewalt das Mein und Dein kein Eigentum war, sondern Gemeinbesitz, also ein Zustand vorhanden war, wo jedermann ein Recht auf alle Dinge hatte und mit jedem anderen Mann auf Kriegsfuß lebte.“ ... >

Den politischen Faktor der Verteilung hatte auch Smith nicht aus den Augen verloren, was ein zusätzlicher Grund dafür sein dürfte, warum er sich für den Fortschritt und nicht für irgendeine abstrakte ökonomische Gerechtigkeit entscheiden hat. 

„Der Erwerb wertvoller und ausgedehnter Besitztümer erfordert also notwendig die Einsetzung einer Regierung. Wo es gar kein Eigentum oder wenigstens kein solches gibt, das den Wert einer zwei- oder dreitägigen Arbeit übersteigt, ist eine Regierung nicht so notwendig.
Soweit die Obrigkeit zur Sicherung des Eigentums eingeführt wurde, ist sie in der Tat zum Schütze des Reichen gegen den Armen, des Besitzers gegen den Nichtbesitzer eingeführt worden.“ ... >

Als Marx in dem Manifest mit dem berühmten Satz den Verteidigern des privaten Eigentums entgegnet, dass ihr Staat und ihr Recht auf das Eigentum nur der zum Gesetz erhobene Wille ihrer Klasse ist, hat er nicht mehr gesagt als Smith in den obigen Zitaten. Wir wissen wie Marx später den Gordischen Knoten betreffend des Eigentums durchschlagen hat, nämlich nicht viel anders als Rousseau vor ihm, aber ökonomisch „präziser“: Wenn die individuelle Leistung sich so schlecht messen lässt, sollte man die Leistung nur auf die Arbeitszeit reduzieren, und weil die Menschen gleich sind, sollte die Stunde, der Tag und das Jahr bei jedem den gleichen „Wert“ ergeben. Von den Einzelheiten seiner „Arbeitswerttheorie“ einmal abgesehen gilt es für Marx letztendlich, dass jeder Mensch im Lauf seines Lebens den gleichen Wert schafft wie alle anderen. Diese Verteilungstheorie übt in der Tat eine magische Anziehungskraft aus, was sehr oft bei sehr einfachen bzw. abstrakten Theorien der Fall ist. Wie bekannt, die Theorie von Marx war dermaßen überzeugend, dass die Menschheit sie in die Praxis umsetzte, und sie hat enttäuscht. Sie konnte ihr Versprechen bei Weitem nicht einlösen. Allgemein gesprochen, war die Theorie von Marx - und anderen Sozialisten - deshalb falsch, weil sie nicht berücksichtigte, was schon Hume für außerordentlich wichtig hielt, als er die Aneignung des Eigentums untersuchte:

„Wir dürfen daher schließen, daß wir, um Gesetze zur Eigentumsregelung zu erstellen, mit der Natur und der Lage des Menschen vertraut sein müssen.
Wenn wir die besonderen Gesetze untersuchen, durch welche die Gerechtigkeit gehandhabt und das Eigentum bestimmt wird, werden wir immer zu demselben Ergebnis gelangen: Das Wohl der Menschheit ist das alleinige Ziel aller dieser Gesetze und Vorschriften.“ ... >

Alles spricht dafür, dass Smith auf dieser Auffassung seines Bewunderers und Freunds Hume als Ökonom die Theorie des Privateigentums gründete.

Die hoffnungslose Überforderung der menschlichen Natur durch die Arbeitsteilung

Smith wollte in Dem Wohlstand die „Ursachen der Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit“ erklären, aber auch die Regeln, nach welchen der Ertrag der Arbeit aufgeteilt werden sollte. Wie bereits angedeutet, ist die Suche nach diesen Regeln für Smith nicht die Suche nach dem Wert, weil er nie der Illusion verfallen ist, man würde irgendwann die Leistung (Wert) genau messen und damit das Problem der ökonomischen Gerechtigkeit objektiv lösen können. Schließlich betrachtete Smith die Verteilung der erwirtschafteten Güter nicht als eine reine ökonomische Problematik, sondern als Teil der zwischenmenschlichen Beziehungen, die er schon in seiner Theorie der ethischen Gefühle umfassend untersuchte und dabei zu den Ergebnissen gelangte, die er später auf die Wirtschaft anwendet. Er benutzte dort die Methode der Sympathie bzw. Empathie, über die wir schon gesprochen haben.mehr Es ist angebracht, das Wichtigste über sie kurz zu wiederholen. Mit ihr lassen sich nämlich zwischenmenschliche Beziehungen überall untersuchen, und als Smith sie auf die Wirtschaft angewandt hat, konnte er feststellen, dass die Schlussfolgerungen dieser Methode in diesem Bereich besonders gut ihre Bestätigung erfahren. Erkenntnistheoretisch betrachtet beruht die Methode Sympathie bzw. Empathie auf dem skeptisch-empirischen Rationalismus, über den im Voraus ein paar Worte gesagt werden sollen.

Der skeptische (agnostische) Rationalist zweifelt daran, dass sich die Realität, so wie sie wirklich ist, überhaupt erkennen lässt. Niemand kann seine Haut verlassen und sich umschauen, wie es woanders, bei bzw. in jemandem anderen aussieht. Schon Hobbes hat sich dieser Auffassung konsequent verpflichtet als er sagte, es sei ein Irrtum „wenn wir schließen, Dinge seien außer uns, die in uns sind“. Smith folgte ihm. Weil zur „äußeren Welt“ des Einzelnen auch die anderen Mensch gehören, kann der Einzelne folglich auch nie erfahren, wie die anderen Menschen „wirklich“ sind. Für jeden Einzelnen sind die anderen unter dem „Schleier der Unwissenheit“ versteckt, um die berühmt gewordene Redewendung von John Rawls - einem der einflussreichsten politischen Philosophen des vorigen Jahrhunderts - zu gebrauchen.

Ein extremer Skeptizismus, wie etwa der Sokratische: „Ich weiß dass ich nichts weiß“, klingt heldenhaft, er führt jedoch nirgendwo hin. Will der skeptische Rationalismus etwas anderes sein als eine Befriedigung des Bedürfnisses und eine Freude „sich etwas zu denken und vorzustellen“, muss er unbedingt empirisch sein. Damit ist aber nicht gemeint, dass die Existenz der realen Welt nicht in Frage gestellt werden darf; ein spekulativer Philosoph kann durchaus ein überzeugter Materialist sein - Marx ist da ein gutes Beispiel. Ein empirischer Rationalist muss die Objektivität der menschlichen Sinneswahrnehmungen anerkennen und an einen mehr oder weniger festen („objektiven“) Zusammenhang zwischen ihnen glauben. Dieser Rationalismus war der neue Rationalismus der Moderne: der skeptisch-empirische Rationalismus. Als solcher war er historisch etwas völlig Neues. Man kann ihn auch als eine Verschmelzung von zwei bis dahin streng getrennten Bereichen der geistigen Aktivität betrachten: Die gebildeten Schichten konnten logische und mathematische Ausbildung, Gelehrsamkeit und theoretisches Interesse beisteuern, die unteren Schichten der Praktiker und Handwerker den Sinn für die Kausalität, das Experiment und die Messung. Die Bereitschaft, die sinnlichen Daten als Kriterium der Wahrheit der abstrakten Denksysteme anzuerkennen, hat den Weg zu den modernen Wissenschaften geebnet.

Die Methode Sympathie - später als Empathie bezeichnet - mit der Smith herausfinden wollte, was ein Mensch überhaupt über den anderen erfahren kann und wie er ihn wahrnimmt, ist eine Methode des skeptisch-empirischen Rationalismus, die also solche den menschlichen Sinneswahrnehmungen objektive Gültigkeit zuerkennt. Diese Sinneswahrnehmungen sind auch für Smith die äußerste Grenze der menschlichen Erreichbarkeit der Realität. Aus ihnen deutet dann jeder Mensch die Realität, so dass er sie nur aus sich selbst heraus deutet. Das ist laut Smith auch die einzige Möglichkeit eines Menschen, den anderen überhaupt wahrzunehmen. Ein Mensch kann sich dank seiner geistigen Vorstellungskraft in die Lage eines anderen Menschen hineinversetzen, und zwar indem er voraussetzt, dass der andere so denkt und fühlt, wie er selbst an seiner Stelle denken und fühlen würde. Wenn ich zum Beispiel meine Hand nach einem Apfel ausstrecke um ihn zu greifen, kann ich mir denken, dass der andere dieselbe Absicht hat, wenn er seine Hand nach dem Apfel ausstreckt. Wenn wir beide Hunger verspüren und es nur einen Apfel gibt, ist ein Konflikt unvermeidlich. Solche knappheitsbedingten Konflikte gibt es natürlich auch bei den Tieren, die auf zweierlei Weise gelöst werden können: Der Konkurrent wird vertrieben - manchmal auch getötet - oder man solidarisiert sich mit ihm. Letzteres lässt sich auch bei den höher sozial entwickelten Tierarten beobachten, wie etwa Ratten, bei denen die Stärkeren zuerst die Schwächeren essen lassen; bei den sozial organisierten, so genannten staatenbildenden Insekten findet man solche Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft noch häufiger.

Was wir bei den Tieren als Solidarität verstehen können, lässt sich nicht anders als nur durch Instinkte erklären. Die Menschen aber sollten sich aus moralischen Beweggründen solidarisch verhalten. So haben es zumindest die Philosophen seit Jahrtausenden gelehrt. Waren diese vormodernen Philosophen auch noch rationalistisch orientiert, wollten sie hinter den moralischen Beweggründen unbedingt eine Wirkung des „richtigen“ Denkens sehen. Das Gute sollte irgendwie auch das Wahre sein - Platon und Kant sind da besten Beispeile. Die skeptisch-empirischen Rationalisten der Moderne lehnten diesen Zusammenhang entschieden ab. Wie etwa Hume, auch Smith sieht die Ursache und Quelle des Moralischen in den eingeborenen moralischen Gefühlen. „Der allweise Schöpfer der Natur“ sollte den Menschen laut Smith so geschaffen haben, dass sich der „innere Mensch in unserer Brust“ erregt, wenn wir den anderen egoistisch und rücksichtslos behandeln. Sind aber diese (guten) moralischen Gefühle in der menschlichen Brust allein schon stark genug, um eine tugendhafte und solidarische Gesellschaft entstehen zu lassen? Smith zweifelt daran. So weit wie Hobbes geht er zwar nicht, aber er knüpft an das geglückte Gleichnis von Hobbes an, dass jeder Mensch seine eigene Gefühle aus der der Nähe betrachtet, die des anderen aber aus der Ferne.

„Wie dem Auge des Körpers Gegenstände groß oder klein erscheinen, nicht so sehr ihren wirklichen Maßen entsprechend, als vielmehr entsprechend der größeren oder geringeren Entfernung ihres Standortes, so erscheinen sie auch in gleicher Weise dem, was man das natürliche Auge des Geistes nennen könnte; und wir stellen die Fehler bei beiden Organen so ziemlich auf die gleiche Art richtig.
Ich kann auf keine andere Weise einen richtigen Vergleich zwischen jenen großen Objekten und den kleinen Gegenständen ziehen, die um mich sind, als indem ich mich wenigstens in der Phantasie an einen anderen Standort versetze, von wo ich beide aus ungefähr gleicher Entfernung überblicken kann, so daß ich mir dadurch ein Urteil über ihre wahren Größenverhältnisse zu bilden vermag.“ ... >

So wie Hobbes konnte auch Smith - bereits als Moralphilosoph - daraus nichts anderes schlussfolgern, als dass der zivilisierte Mensch moralisch und rational hoffnungslos überfordert ist:

„Ebenso erscheint uns infolge der ursprünglichen, egoistischen Affekte der menschlichen Natur der Verlust oder Gewinn eines ganz kleinen eigenen Vorteils von ungeheuer größerer Wichtigkeit, er erregt eine weit leidenschaftlichere Freude oder Betrübnis, ein weit brennenderes Verlangen oder Widerstreben, als die bedeutendste Angelegenheit eines anderen Menschen, zu dem wir in keiner besonderen näheren Beziehung stehen.
Stellen wir uns vor, daß das große chinesische Reich mit all seinen Myriaden von Einwohnern plötzlich durch ein Erdbeben verschlungen würde, und überlegen wir, wie ein human gesinnter Mensch in Europa, der keinerlei Beziehung zu jenem Weltteil hätte, dadurch berührt werden würde, wenn er von diesem fürchterlichen Unglück Kenntnis erhielte. Er würde, denke ich, zunächst seiner Trauer über das Mißgeschick jenes unglücklichen Volkes sehr lebhaften Ausdruck geben, er würde sich mancherlei trübseligen Betrachtungen über die Unsicherheit des menschlichen Lebens hingeben und über die Eitelkeit aller Arbeiten und Werke der Menschen, die in einem Augenblick so völlig vernichtet werden können. Er würde vielleicht auch, wenn er ein nachdenklicher Mensch wäre, mancherlei Überlegungen über die Wirkungen anstellen, die dieses Unglück für den Handel Europas und für den Geschäftsverkehr der Welt im allgemeinen nach sich ziehen dürfte. Und wenn er mit all dieser artigen Philosophie fertig wäre, wenn er einmal all diesen humanen Empfindungen geziemend Ausdruck gegeben hätte, dann würde er seinem Geschäft oder seinem Vergnügen nachgehen, sich seiner Erholung oder seiner Zerstreuung widmen und alles das mit der gleichen Gemächlichkeit und Ruhe, als ob kein derartiger Vorfall sich ereignet hätte. Der geringfügigste Unfall, der ihm selbst zustoßen könnte, würde in ihm eine weit stärkere Beunruhigung hervorrufen. Das Bewußtsein, daß er morgen seinen kleinen Finger verlieren müßte, würde ihn schon heute nachts nicht schlafen lassen; dagegen wird er bei dem Untergang von hundert Millionen seiner Brüder mit der tiefsten Seelenruhe schnarchen - vorausgesetzt, daß er diese niemals gesehen hätte - und die Vernichtung jener ungeheuren Menschenmenge scheint offenbar eine Sache zu sein, die ihn weit weniger berührt, als dieses erbärmliche Mißgeschick, das ihn selber angeht. Würde also ein human gesinnter Mensch, um dieses erbärmliche Mißgeschick von sich abzuwenden, bereit sein, das Leben von hundert Millionen seiner Brüder zu opfern, vorausgesetzt, daß er diese niemals gesehen hätte? “ ... >

Heben wir noch einmal ausdrücklich hervor, dass Smith zu dieser Schlussfolgerung schon als Moralphilosoph kommt. Sie ist einerseits die Folge der beschränkten Möglichkeiten des Menschen die Realität und die anderen Menschen zu kennen und andererseits der Schwäche des „inneren Menschen in unserer Brust“. Als Smith dann die Wirtschaft zu untersuchen begonnen hat, geriet er auf einen noch dichter gewebten „Schleier der Unwissenheit“, der die Menschen voneinander trennt: die Arbeitsteilung. Die Arbeitsteilung ist für Smith der wichtigste Faktor der Produktion überhaupt, damit sind übrigens alle einverstanden, die das Werk von Smith kennen. Smith kommt in Dem Wohlstand in der Tat immer wieder auf die Arbeitsteilung zu sprechen. Aus dem oben angeführten Zitat von ihm konnten wir entnehmen, dass er in der Arbeitsteilung die Ursache sieht, dass der Mensch „so dumm und unwissend wird, wie es ein menschliches Wesen werden kann“. Smith hat die Arbeitsteilung mit dem Beispiel der Stecknadelfabrik beschrieben. Dieses Beispiel wurde schon so oft zitiert, dass man sich ziert, das noch einmal zu tun, aber der Vollständigkeit halber darf man es doch tun.

„Ein Mann zieht den Draht, ein anderer streckt ihn, ein dritter schneidet ihn in Stücke, ein vierter spitzt ihn zu, ein fünfter schleift ihn am oberen Ende, wo der Kopf angesetzt wird; die Verfertigung des Kopfes erfordert zwei oder drei verschiedene Verrichtungen; sein Ansetzen ist ein eigenes Geschäft, die Nadeln weiß zu glühen ein anderes; sogar das Einstecken der Nadeln in Papier bildet eine Arbeit für sich. Und so ist das wichtige Gewerbe, Stecknadeln zu machen, in ungefähr achtzehn verschiedene Tätigkeiten geteilt, die in manchen Fabriken alle von verschiedenen Händen verrichtet werden, während in ändern manchmal derselbe Mann zwei oder drei verrichtet. ... In jeder ändern Kunst und jedem anderen Gewerbe sind die Wirkungen der Arbeitsteilung ähnliche, wie in diesem sehr unbedeutenden Geschäft.“ ... >

Man kann hier noch daran erinnern, dass Charles Chaplin in seinem Film Moderne Zeiten, der zu den berühmtesten und bekanntesten Stummfilmen gehört, die Verdummung der industriellen Arbeiter auf eine eindrucksvolle Weise dargestellt hat. Aber ist das alles nicht schon lange her? Man kann bzw. soll sich die Frage stellen, ob sich die Umstände bei der Produktion mittlerweile nicht dermaßen geändert haben, dass die Beobachtungen von Smith und Chaplin schon längst der Vergangenheit angehören. Heute haben wir bekanntlich schon die dritte Industrielle Revolution hinter uns, Smith hat gerade noch den Anfang der ersten erlebt. Als er nämlich im Jahre 1776 sein epochales Werk Wealth of Nations veröffentlichte war James Watt gerade so weit, den Prototyp der ersten industriell anwendbaren Dampfmaschine der Öffentlichkeit vorzustellen. Das Zeitalter der Dampfmaschine würde zu diesem Zeitpunkt erst beginnen, das Walzverfahren in der Eisenindustrie (1780), der mechanische Webstuhl (1785) und vieles andere wurde erst später erfunden.

Smith hat als selbstverständlich angenommen, dass die Arbeitsteilung weiter voranschreiten wird. Etwas hat er aber doch übersehen, nämlich dass parallel dazu auch das technische Wissen immer weiter wachsen würde. Wie schwierig es damals sein musste, dies zu erahnen, kann man an Marx gut erkennen. Er beschäftigt sich mit der Arbeitsteilung im 1. Band des Kapitals. Wie schon für Smith vor ihm war auch für ihn die Arbeitsteilung die Ursache der Verdummung der Arbeiterklasse. Marx sah aber eine große Wende kommen. Er war überzeugt, dass sich dank der theoretischen Fortschritte alles grundlegend ändern würde. Die Naturwissenschaften würden einfache Gesetze entdecken, die hinter der Komplexität des Produktionsprozesses stünden, so dass jeder durchschnittliche Mensch bzw. Arbeiter mit Hilfe von einfachen theoretischen Formeln alles durchschauen und verstehen würde. Daraus würde sich die reale Möglichkeit ergeben, die Arbeitsteilung aufzuheben. Jeder würde buchstäblich jede Tätigkeit - ähnlich wie im Naturzustand - genau kennen und ausüben können. Marx sah diese Zeit schon so nah herangerückt, dass man nur noch durch die Revolution das Privatkapital abschaffen müsste, das dem neuen Zeitalter im Wege stünde. Dazu haben wir schon das Wichtigste gesagt.mehr Fügen wir noch hinzu, dass Marx im 2. und 3. Band des Kapitals nicht mehr davon spricht. Man reibt sich die Augen, wenn man auf die Aussage stoßt, die Arbeit sei nicht das Mittel zur „universellen Selbstverwirklichung“ jedes Einzelnen, sondern ihr Ziel sei alleine die freie Zeit - wie es übrigens schon Aristoteles vor mehr als zwei Jahrtausenden sagte. Marx kümmerte sich also selbst darum, aus seiner „Aufhebung der Arbeitsteilung“ eine Tragödie zu machen. Sein Schwiegersohn Paul Lafargue sorgte mit seiner berühmten Schrift Das Recht auf Faulheit dafür, dass aus dem großen Epos über die Arbeit aus dem 1. Band des Kapitals schließlich eine Farce wird.

Heute ist jedem offensichtlich, dass das Wissen, wie man etwas produziert, ständig weiter wächst, so dass jede Produktionsstufe einen Spezialisten benötigt. Diese immer weiter voranschreitende Spezialisierung ist ein eindeutiger Beleg dafür, wie stark die Fähigkeiten eines Menschen etwas zu durchdenken und zu begreifen beschränkt sind. Man kann  unendlich viele Beispiele dafür anführen. Ein Arzt kann etwa nicht einmal eine einfache lineare mathematische Funktion im Koordinatensystem darstellen und ein Ingenieur weiß nicht genau, wie viele Blutgruppen es gibt. Es ist zwar übertrieben über einen Spezialisten zu sagen, er sei ein Mensch, der alles über Nichts weiß, aber im Kern ist das doch nicht ganz falsch.

Was hat sich in der Produktion seit Smith geändert? Es dürfte stimmen, dass bei den Technologien der ersten Industriellen Revolution die Zahl der hochausgebildeten Spezialisten kleiner war als heute, aber sie sind auch heute immer noch eine sehr kleine Minderheit. Deshalb kann man mit Recht sagen, der Anteil derjenigen, die fast keine besonderen Kenntnisse benötigen - wie damals die Lohnarbeiter in der Stecknadelfabrik - ist auch heute noch nicht wesentlich kleiner. Das ganze Gelaber der „Experten“ über die „Wissensgesellschaft“ ist nur eine raffinierte Kampagne der Lohnschreiber der Reichen zur Erniedrigung und Einschüchterung der Arbeitslosen. Dazu haben wir auch schon mehr gesagt.mehr Um noch zu unterstreichen, wie weitsichtig Smith war, erwähnen wir die Untersuchungen des bekannten amerikanischen Soziologen Richard Sennett. Als nämlich die Neoliberalen mit dem „lebenslangen Lernen“ eine neue Strategie, die Löhne zu drücken bzw. niedrige Löhne zu rechtfertigen ins Leben gerufen hatten, nahm er sich vor herauszufinden, was es mit dem hochgepriesenen „flexiblen Menschen“ in der neuen „Wissensgesellschaft“ auf sich hat.

Sennett hat unter anderem eine Bäckerei besucht, die früher von griechischen Bäckern betrieben wurde, jetzt aber völlig automatisiert war. Er traf dort ein paar junge Leute italienischer Abstammung, zwei Vietnamesen, einen alternden und unfähigen weißen Hippie, sowie mehrere Leute ohne klar feststellbare ethnische Zugehörigkeit. Das sagt schon fast alles darüber, wie wenig Gemeinsamkeiten diese Leute haben konnten. Die frühere griechische Belegschaft dagegen war wie eine große Familie; es waren hauptsächlich gelernte Bäcker, die das Brotbacken bis ins Detail kannten, die auch unheimlich Stolz auf ihren Beruf waren. Und was macht der neue „flexible Arbeiter“ in der Bäckerei?

„Das computergesteuerte Backen hat die körperliche Tätigkeit am Arbeitsplatz tief greifend verändert. Inzwischen kommen die Bäcker nicht mehr mit den Zutaten der Brotlaibe in Berührung, da sie den gesamten Vorgang mit Hilfe von Bildschirmsymbolen überwachen. ... Als Resultat dieser Arbeitsweise wissen die Bäcker nicht mehr, wie Brot eigentlich gebacken wird. ... Also ist ihnen ihre Tätigkeit nicht mehr in dem Sinne verständlich, was sie eigentlich tun. ... Die Bäcker wissen, dass sie simple, geistlose Tätigkeiten verrichten, bei denen sie weniger tun, als sie eigentlich könnten.“ ... >

Da kommt einem sofort der Arbeiter in der Stecknadelfabrik aus Smith' Beispiel in den Sinn. Dieses „stumpfe und einfältige“ Geschöpf wusste wenigstens noch, was in der Produktionshalle geschieht, wozu die Riemen, Transmissionswellen, Zahnräder und die andere Ausrüstung dienen und was sie bewirken, der flexible Arbeiter dagegen ist noch um mehrere Stufen „stumpfer und einfältiger“. Sennett konnte auch noch erfahren, dass die automatisierte Bäckerei alles andere als „ein Wunder an technischer Vollkommenheit ist“. Früher gab es kaum Abfall, vor der hochautomatisierten Bäckerei stehen „jeden Tag riesige Plastikmülltonnen voller geschwärzter Laibe“. Die Rentabilität der neuen Bäckerei speist sich offensichtlich nur aus den ins Bodenlose abgesenkten Löhnen. So viel zur wunderbaren Ressourcenoptimierung seitens des freien Marktes.

Diese kurzen Anmerkungen über die Produktionstechniken, der Vergleich der Produktionsverhältnisse unserer Zeit nach der dritten Industriellen Revolution mit denen, die Smith erlebte, die aus dem (fast) vorindustriellen Zeitalter stammen, sollten verdeutlichen, wie wenig sich diese Verhältnisse geändert haben, so dass auch die Analyse von Smith immer noch richtig und relevant ist. Schließlich sind auch seine Schlussfolgerungen darüber, wem das Kapital gehören soll, immer noch richtig und relevant. Damit kommen wir zu unserem eigentlichen Thema.

Wie schützt man die Produktionsmittel (Kapital) vor den moralisch und rational unvollkommenen Menschen?

Um das Problem so einfach wie möglich darzustellen, gehen wir von einer ökonomischen Produktionseinheit aus, in der alle Beschäftigten gleichberechtigt über die Verteilung des gemeinsam erwirtschafteten Produkts entscheiden. Wenn es „gerecht“ zugehen soll, wird jeder von ihnen nur einen „gerechten Anteil“ für sich beanspruchen. Aber wie wird er überhaupt herausfinden, was seine Leistung „wirklich wert war“? Wenn zwei Menschen an zwei gleichen Maschinen oder Fließbändern stehen, ist der Vergleich noch einfach, aber solche Umstände sind Ausnahmen. Der Normalfall sind unterschiedliche Tätigkeiten am Arbeitsplatz, die als solche quantitativ nicht vergleichbar sind und keinen „gemeinsamen Nenner“ haben. Aber nicht nur die Leistungen („Mühe und Anstrengung“) unterscheidet sich bei den Beschäftigten, sondern auch die Umstände im Allgemeinen. Die Tätigkeiten an verschiedenen Arbeitsplätzen sind verscheiden gefährlich, gesundheitlich schädlich, monoton, usw. Jeder der unter schlechteren Umständen leiden muss, wird selbstverständlich als gerecht empfinden, dass dies bei seiner Entlohnung berücksichtigt wird. Und weil jeder seine Leistung und seine Umstände aus der Nähe kennt, die der anderen aber nur aus der Entfernung, sind Verteilungskonflikte unausweichlich. Als wir untersucht haben, warum sich die sozialistischen (kommunistischen) Wirtschaften als unfähig erwiesen haben, zu innovieren und den technischen Fortschritt in Gang zu halten, haben wir diese Problematik mit einem illustrativen Beispiel verdeutlicht.mehr

Man kann im Allgemeinen davon ausgehen, dass jeder Beschäftigte „herausfinden“ wird, wie „ungerecht“ er entlohnt wird. Er wird die anderen aber in der Regel nicht überzeugen können, und nachdem er irgendwann aufgegeben hat, für sein „gutes Recht“ zu kämpfen, wird seine Motivation zur Leistung immer weiter zurückgehen. Er wird sagen: Man kann mich gar nicht so wenig bezahlen, wie wenig ich arbeiten kann. Um ihn zu sanktionieren, würde man zuerst nachweisen müssen, dass er die Leistung absichtlich verweigert, was alles andere als einfach wäre. Auch darüber hat Smith Einiges gesagt und mit dem Beispiel der niedrigen Leistung der damaligen schwarzen Sklaven in Amerika verdeutlicht. Sogar wenn jemand über absolute Macht über die Arbeitskraft des anderen verfügt, so Smith, ist es ihm nicht möglich mit bloßer Gewalt die Leistung gegen den Willen des Untergebenen zu erzwingen. Die Strafe allein zeigt da also nur eine sehr beschränkte Wirkung. Aber bleiben wir vorerst bei der Annahme, dass keiner im Arbeitskollektiv eine solche Macht über die anderen ausüben kann.

Die Zahl derjenigen, die unzufrieden mit der eigenen Entlohnung sind, wird schnell wachsen. Ihnen wird zugleich einfallen, auf demokratischem Wege zu ihrem vermeintlichen Recht zu kommen. So werden sich demokratische Mehrheiten der „ungerecht Entlohnten“ bilden, denen dann etwas einfallen wird, was am Ende fatale Folgen nach sich ziehen wird:

An der Produktion sind nicht nur Menschen beteiligt, sondern auch Maschinen. Diese verschleißen sich und geben damit einen Teil des erwarteten Preises für ihren Ersatz in die fertigen Erzeugnisse weiter, wofür der Käufer bezahlen muss. Auf diese Weise entsteht so etwas wie ein „Einkommen für die Maschinen“: der Amortisationsfonds. Nun kann eine Maschine schlecht ihr „Einkommen“ verteidigen. Den Arbeitern wird es nicht schwer fallen, sich aus dem Amortisationsfonds das zu holen, was ihnen nach eigenem Gutdünken „rechtmäßig zusteht“. So etwas lässt sich eine zeitlang nicht merken, erst wenn die Maschine endgültig verschlissen ist und eine neue als Ersatz gekauft werden muss, stellt man fest, dass es kein Geld dafür gibt. Die Belegschaft hat ihr gemeinsames Kapital sozusagen verspeist. Es wird natürlich nicht jeder Gruppe gelingen, ihre Ansprüche auf demokratischem Wege geltend zu machen, es würde aber schon reichen, wenn sich nur einige wenige durchsetzen.

Die einzige Lösung, die sich Smith vorstellen konnte, war die, das Kapital jemandem in Privatbesitz zu geben. Wenn ein Besitz jemandem persönlich gehört, kann man sich völlig darauf verlassen, dass er für den Erhalt dessen Wertes sorgen wird. Die unerwünschten „Nebenwirkungen“ dieser Lösung kann man sich aber auch leicht denken. Zu den Befugnissen des Kapitalbesitzers wird dann notwendigerweise auch gehören, darüber zu entscheiden, was die Beschäftigten geleistet haben und welchen Anteil sie aus dem erwirtschafteten Produkt erhalten sollten. Wenn die Kapitalbesitzer auch nur beschränkt moralische und rationale Menschen sind, und das sind sie, denn andere gibt es gar nicht, werden sie ihre Macht missbrauchen. Ihnen werden immer tausende Gründe einfallen, warum die Belegschaft eigentlich immer mehr bekommt, als sie „wirklich“ geleistet hat. Darüber war sich Smith völlig im Klaren. Wen wundert es da noch, dass er immer wieder mit harschen Worten die Gier und die Ungerechtigkeit der Arbeitgeber beklagt. Er konnte die Kapitalbesitzer schon deshalb nicht schonen, weil - wie wir es schon gesehen haben - für ihn der Profit der Kapitalbesitzer nur ein Abzug von dem ist, was die Arbeiter erwirtschafteten, also keine Entlohnung für irgendeine Leistung. Zugespitzt gesagt war der Profite für ihn ein parasitäres Einkommen, das man aber hinnehmen muss als Strafe für moralische und rationale Beschränktheit der Menschen.

Die Lösung von Smith, die Macht im Betrieb dem Kapitalbesitzer in die Hände zu geben, ähnelt auf den ersten Blick der politischen Konzeption des absolutistischen Herrschers (Leviathan) von Hobbes. Wenn die Menschen dermaßen böse seien, so die Argumentation von Hobbes, dass sie sich in die uneingeschränkte Freiheit entlassen gegenseitig umbringen würden, dann wäre für sie die Alternative, unter einem Tyrannen zu leben, eindeutig von Vorteil. Wir haben schon gesehen, dass diese Schlussfolgerung nicht die einzig zwingende ist, auch wenn die Menschen beschränkt moralische und rationale Wesen sind. Ein anderer großer Denker der Moderne, Spinoza, hat die Grundlagen für eine andere, eine demokratische Ordnung ausgearbeitet. Die Regeln sollten dafür sorgen, dass die Macht des einen mit der Macht des anderen neutralisiert wird. Dieser Lösung liegt die Formel zugrunde, die Menschen seien zwar zu schlecht und zu unvernünftig, um ohne Regeln und Institutionen auszukommen, sie seien aber gut und klug genug, um sich die nötigen Regeln und Institutionen zu geben. Im Sinne von Aristoteles: „Wir können den Wind nicht ändern, aber wir können die Segel anders setzen.“ Die ökonomische Lösung von Smith ist die Konkurrenz zwischen vielen Kapitalbesitzern auf dem freien Markt. Es handelt sich dabei im Prinzip auch um eine geregelte Ordnung, in der die Kapitalbesitzer ihre Macht gegenseitig beschränken, so dass die Arbeitnehmer die Gewinner sind. Aber darum ging es uns jetzt nicht, sondern um die Smithsche Lösung für die mikroökonomische Effizienz, für die entscheidend ist, dass das Kapital - abgesehen von wenigen Ausnahmen - im privaten (individuellen) Besitz ist. Was uns Smith noch konkret dazu sagte, werden wir uns im nächsten Beitrag genauer anschauen. Jetzt nur noch eine Bemerkung dazu:

Als sich Smith mit den ökonomischen Fragen beschäftigte, gab es noch keine Sozialisten, die das private Eigentum an Produktionsmitteln (Kapital) bestritten hätten. Der Ruf zurück in den Naturzustand von Rousseau - auf vier Pfoten, wie sich Voltaire darüber lustig machte - war noch kein Sozialismus. Es ging damals noch nicht um privater versus nicht privater Besitz (Kapital). Auch für Smith stellte sich die Frage nicht so, sondern er wollte herausfinden, wann ein Unternehmen effizienter arbeitet: Wenn es vom Besitzer des (privaten) Kapitals selbst verwaltet wird oder wenn dieser die Verwaltung einem Management überlässt. Smith kommt zu dem Ergebnis dass ein Unternehmen nur dann effizient wirtschaften kann, wenn sich der Eigentumsbesitzer persönlich um das Geschäft kümmert und lehnt folgerichtig das Managermodell, also Aktiengesellschaften, entschieden ab. In seiner Untersuchung der Aktiengesellschaft war es nicht relevant, ob die Aktien dem Staat oder privaten Besitzern gehören, deshalb trifft seine Kritik der Aktiengesellschaften erstaunlich gut auch auf die nichtprivaten sozialistischen Eigentumsformen zu.

 
 
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