DIE BISHERIGEN PARADIGMEN DER WIRTSCHAFTSWISSENSCHAFT
     
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  Die heilige methodische Dreifaltigkeit der neoliberalen Theorie
  1 - Pars pro toto, 2 - Markt als Mechanismus und 3 - Mathematik als Beweis
 
 
Sowohl der liberale Fortschrittsglaube als auch der historische Materialismus kündeten von der Macht des Ökonomischen und bereiteten den neuen Glauben vor. ... Heute geschehen die Dinge aber nicht mehr im „Namen des Fortschritts“ oder im „Namen der Geschichte“, sondern eben im „Namen des Marktes“. Der Markt ist Gott geworden. Er ist inzwischen Weltreligion geworden. ...
Er hat seine Propheten, Priester und Missionare: etwa Börsengurus, in der Hausse wie Heilige verehrt, in der Baisse wie Ketzer verdammt. Ferner gibt es die universitären Dogmatiker, die ihre Theologie eher im spröden Gewand wissenschaftlicher Leitmaximen von den Kathedern verkünden. Dann gibt es die modernen Wanderapostel, die dem Gottesvolk verkünden, wie man sein ganzes Leben, seine Einstellung, seine Haltung ändern muss, um erfolgreicher Marktteilnehmer zu sein. Prosperität, Reichtum und Erfolg sind die Zeichen Gottes, dass man zu den Auserwählten gehört. Ihnen gehört das Himmelreich bereits auf Erden.
 
  Und der Markt ist Gott geworden, ein zorniger Zwischenruf von  Alois Weber (Gazette, 2006)    

1 - Pars pro toto, d.h. das Ganze ist nur die Summe seiner Teile

Der Tausch in unserem Beispiel hat sich für fast jeden Gefangenen als nützlich erwiesen, ohne für jemanden zum Nachteil zu sein. Man kann auch sagen, dass durch ihn der Nutzen jedes Teilnehmers maximiert wurde. Besonders wichtig dabei ist aber die Tatsache, dass dieses Ergebnis automatisch zustande kam. Der Tausch benötigte also keine übergeordnete Instanz, die ihn nach einer im Voraus entworfenen Strategie organisiert und durchgeführt hätte. Im Gegenteil: Jedem Tauschbeteiligten wurde frei überlassen, nach seiner eigenen Strategie zu handeln. Damit hat sich gezeigt, dass die Optimierung des ganzen Systems durch Optimierung seiner einzelnen Teile erreicht werden kann. Was für einen Teil gut und richtig ist, ist es auch für das Ganze. Wie ein Teil so auch das Ganze: Pars pro Toto.

Wie hätte man eigentlich die Güter anders bzw. besser verteilen können? Nehmen wir an, die Verwaltung des Gefangenenlagers wollte die Verteilung der Güter doch in die eigene Hand nehmen. Wie hätte sie überhaupt vorgehen sollen? Wir machen uns jetzt einige Gedanken darüber.

Den relativ einfachen Fall hätte man mit den Zigaretten und dem Wein. Man würde dem Nichtraucher keine Zigaretten und dem Abstinenten keinen Wein zuteilen. Aber was sollte man ihnen als Ausgleich anbieten? Es wäre doch recht und billig, dass man sie irgendwie „entschädigt“. Und wie sollte man dann die „überschüssigen“ Zigaretten und den Wein zwischen denen, die rauchen und trinken, verteilen? Bereits diese auf den ersten Blick ziemlich harmlosen Fragen, sind offensichtlich gar nicht so einfach. Und wenn wir dann über die Verteilung der restlichen Güter nachdenken, reiht sich eine schwierige Frage an die nächste. Nehmen wir an, einer mag Würstchen nicht besonders, trinkt aber dafür gerne Milch. So etwas sollte man freilich ebenfalls berücksichtigen. Nach welcher Formel finden wir nun heraus, wie viele Würstchen er weniger und wie viele Milchpulverdosen er mehr bekommen sollte? ... Wir sehen schon, dies alles würde für die Verwaltung des Gefangenenlagers nur viel Arbeit bringen, ohne dass man sich überhaupt je sicher sein könnte, zu einem zufrieden stellenden Ergebnis zu kommen. Daraus kann man nur folgern - und den Neoliberalen Recht geben -, dass eine Optimierung, die sich aus den Einzelteilen des Marktsystems heraus bildet, eine effizientere ist, als eine externe zentralistische. Ist aber die Verteilung, so wie sie auf dem Markt stattfindet, auch gerecht?

Alle herrschenden Klassen, die in den vorkapitalistischen Gesellschaften und später im Kommunismus das gesellschaftliche Produkt zentralistisch verteilten, waren der Überzeugung, dass nur sie der Garant einer gerechten Verteilung sein könnten. Ohne ihre Aufsicht würde jede Verteilung zu schweren Konflikten führen, ja sogar zum „Krieg aller gegen alle“ (Hobbes) ausufern. Die vormodernen Verteilungsklassen haben sich zugleich immer auf Werte und Moral berufen und wollten die Gesellschaft von der Rücksichtslosigkeit und Habgier der Einzelnen schützen. Individueller Egoismus sei angeblich etwas Böses, das die Gesellschaft nur schädigen oder sogar zersetzen würde. Die feudale Klasse hatte noch zusätzlich das Gottesgnadentum (Mandat von Gott) ins Spiel gebracht: sie würde angeblich in Gottes Auftrag handeln. Die Kommunisten sind diesseits der Moral geblieben und hatten die Verteilungsgerechtigkeit zum obersten Legitimierungsprinzip ihrer Herrschaft erhoben. Stimmt es aber wirklich, dass eine Güterverteilung, die keinen universellen und der Gesellschaft übergeordneten Prinzipien folgt, moralisch nicht zu rechtfertigen wäre? Wir versuchen diese Frage zuerst ganz praktisch zu beantworten.

Welchen Schaden könnten die Egoisten etwa in unserem Gefangenenlager anrichten? Nehmen wir wieder jenen Gefangenen als Beispiel, der Würstchen nicht besonders mag, aber desto lieber Milch trinkt. Wäre er ein Egoist, er würde seine Würstchen gegen die Milchpulverdosen tauschen und dabei versuchen, für ein Würstchen so viele Milchdosen wie nur möglich zu ergattern. Diejenigen, denen Würstchen besser als Milch schmecken, wären bereit mit dem Milchtrinker-Egoisten zu tauschen, aber nur wenn dieser für seine Würstchen einen „vernünftigen“ Preis vorschlagen würde. Sonst würde der Tausch nicht zustande kommen. War der Preis für die Würstchenesser annehmbar, dann bedeutet dies, dass der Milchtrinker-Egoist nicht nur seine eigene Lage, sondern auch die Lage der anderen verbessert hat, obwohl er dies überhaupt nicht im Sinne hatte. Im Umkehrschluss: Gerade wenn man dem „Egoisten“ - aus welchen Gründen auch immer - nicht erlauben würde, sich am Tausch zu beteiligen, würde man nicht nur ihm, sondern auch manchen anderen schaden. Da sind wir auf ein nicht gerade kleines ethisches Problem gestoßen. Wir haben vor uns einen klaren Fall, wo der Egoismus zweifellos nur nützliche Folgen hat, so dass es kaum möglich wäre, ihn des Bösen zu bezichtigen. Dies ist die Problematik, mit der sich die schottischen Moralphilosophen („Frühliberalen“) und auch Kant intensiv beschäftigten. Die Frühliberalen hätten den Egoismus (bei solchen Fällen) akzeptiert, Kant hätte sich mit seiner ganzen Autorität gegen ihn gestemmt. An dieser Stelle erwähnen wir nur beiläufig, wohin die von Kant vorgeschlagene Lösung konkret führen würde.

Nach der ethnischen Auffassung von Kant käme es immer auf den guten Willen an. Was würde dies in unserem konkreten Fall bedeuten? Nehmen wir an, der Milchtrinker lässt sich von der Kantschen hochtrabenden Ethik überzeugen und er würde nach ihrer Empfehlung (ihrem „kategorischen Imperativ“) handeln wollen. Er würde uns dann erklären und beteuern müssen, er tausche seine Würstchen für Milch nicht deshalb, um selber an mehr Milch zu kommen, sondern einzig und allein aus der Absicht, den anderen zu ermöglichen, mehr Würstchen erwerben zu können. Im Endergebnis würde aber alles auf dasselbe hinauslaufen. Wozu dann das moralische Pathos? Ja Herr Kant, wer das Gute predigt, sät oft genug nur Heuchelei - wenn nicht auch Zynismus! War es also gar nicht so falsch, was wir noch von David Hume gelernt haben, dass das Böse gar nicht so böse, und das Gute gar nicht so gut sein muss. Aber so oder so, bietet der menschliche Egoismus in unserem Fall keinen vernünftigen Grund dafür, das Tauschprinzip zu verlassen und jemandem zu überlassen, die Verteilung nach eigenem Gutdünken zu organisieren, um sie angeblich gerechter zu gestalten. Zumindest gilt dies für den Tausch in unserem Beispiel.

In einer richtigen Wirtschaft wird aber nicht nur getauscht, sondern auch produziert. Kann möglicherweise hier der Egoismus Schaden anrichten? Was würde es z.B. für eine Wirtschaft bedeuten, wenn ein Arbeiter auf eine besser bezahlte Stelle wechselt? Auch hier ist die Antwort einfach. Wenn ein Arbeiter irgendwo mehr verdienen kann, heißt dies, dass seine Arbeitskraft dort eine bessere Verwendung gefunden hat - sie schafft mehr Güter und erhöht das Sozialprodukt. Der Egoismus des Arbeiters ist also auch hier für die ganze Gesellschaft nützlich. Wie sieht es aber mit dem Egoismus des Kapitalisten aus? Der Kapitalbesitzer als Egoist ist natürlich bestrebt, seine Arbeitskräfte so niedrig wie möglich zu bezahlen. Dadurch kann er Produktionskosten sparen und seinen Gewinn steigern. Aber als Egoist muss dieser Kapitalist expandieren und seine Konkurrenten verdrängen, so dass er die Lohnersparnisse in neue produktivere Investitionen stecken muss, um seine Produkte zu verbilligen. Dadurch werden letztendlich die Käufer seiner Waren profitieren. Weil auch die lohnabhängigen Arbeiter zu den Käufern gehören, folgt daraus schließlich, dass die niedrigeren Löhne auch für sie nützlich sind. Wenn also der Staat oder die Gewerkschaft die Lohnsenkung verhindern, auch wenn dies in guter Absicht geschieht, schaden sie nur allen. Daraus lässt sich folgern, dass sich das Paretosche Optimierungsprinzip auch auf die Produktion erweitern lässt, dass man also nicht nur den Tausch, sondern auch die ganze Wirtschaft sich selbst überlassen soll. Sie würde sich also von alleine am besten optimieren, auch wenn man sie den Egoisten überlässt. Was einem Egoisten nützt, nützt auch der ganzen Wirtschaft: Pars pro toto.

Man stellt nun fest, dass sich alles, was der Markt tut, letztendlich zum Guten wendet. Es scheint, dass der Markt intelligenter und moralischer als jede ethische Strategie und jede Institution ist. Und zugleich ist er auf eine fast unfassbare Weise anspruchslos: Das Einzige, was er verlangt, ist, dass man ihn in Ruhe lässt - dass man ihm seine Freiheiten nicht nimmt. Man kann sich nur wundern, warum die Menschheit so lange brauchte, um dies zu begreifen. Aber wie dem auch sei, heute ist man so weit - so sieht es zumindest in diesem Augenblick aus. Das schon seit einem Jahrhundert verkündigte Evangelium der neoliberalen Theorie hat das Herz und den Verstand der Menschen ergriffen. Die Freiheit wurde zum Gott und der Markt zu seinem Paradies - zumindest zu einem real möglichen (second best) Paradies.

2 - Der Markt als ein Mechanismus, der von den Präferenzen in Bewegung gesetzt wird

Die Tatsache, dass die mathematischen Methoden der neoliberalen Theorie aus der klassischen Physik stammen, würde uns noch nicht das Recht geben, das Modell des allgemeinen Gleichgewichts als ein mechanisches Konstrukt zu bezeichnen (bzw. zu verunglimpfen). Die Mathematik der klassischen Physik war nämlich nie deren eigene Mathematik. Daran ändert auch die unbestrittene Tatsache nichts, dass die klassischen Physiker bei der Suche nach Lösungen für die damals dringlichen physikalischen Probleme zugleich auch die Mathematik immer wieder weiterentwickelt haben. (Dazu sei bemerkt, dass die von der Mathematik begeisterten Ökonomen nie etwas zur Entwicklung der Mathematik beigetragen haben.) Die Mathematik, egal zu welchem Zweck sie je entwickelt wurde, gehört nie einer bestimmten Wissenschaft an. Sie gehört immer allen Wissenschaften aber vor allem sich selbst an. Sie ist ein abstraktes logisches Denken, vornehmlich auf Quantitäten gerichtet. Dies ist gemeint, wenn wir sagen: Nur weil Walras und Pareto für die Lösung der ökonomischen Probleme die Mathematik angewandt haben, die sie als Ingenieure gelernt haben, müsste das Gleichgewichtsmodell nicht eine Maschine oder ein Mechanismus sein. Dies trifft dennoch zu, aber aus anderen Gründen. Wir erwähnen jetzt die wichtigsten von ihnen.

Die Welt der klassischen Mechanik ist atomistisch und deterministisch. Es ist eine Welt, in der sich Massenpartikel in einem unendlichen Raum bewegen, und zwar durch die Ursachen, die nicht irgendwo außerhalb dieses Raumes liegen, sondern immer und ausschließlich den Massenpartikeln innewohnen. Diese Ursachen nennt man bekanntlich Kräfte. Ein gutes Beispiel dafür, wie diese Kräfte wirken, ist die Bewegung der Himmelkörper. Die Gravitationskräfte, welche die Bewegung der Planeten bestimmen, sind die Eigenschaften der Massen der einzelnen Planeten und solange sich diese Massen nicht ändern, bleibt auch die Wirkung der Gravitationskräfte der Planeten unverändert. Zwei Massen (M1 und M2), die sich auf der Entfernung (L) von z.B. einem Kilometer befinden, werden sich also gegenseitig mit einer Kraft (F) anziehen, die immer gleich sein wird, wenn sich die Massen auf der gleichen Entfernung begegnen. In der Schule lernten wir diese Kraft mit Hilfe der folgenden einfachen Formel auszurechnen:

F  =  g • M1 • M2 / L2

Diese Formel drückt vielleicht das bekannteste Gesetz der Physik aus, das sogenannte Gravitationsgesetz. Nicht anders gelten auch die zahlreichen anderen Gesetze der Physik: also bedingungslos und universal. Genauer gesagt, daran haben die Physiker bis Anfang des 20. Jahrhunderts fest geglaubt. Dann tauchte ein gewisser Outsider Einstein auf und erklärte: Herrschaften! Nichts ist konstant! Weder die Masse noch der Raum! (April, April!) Es hat sich also irgendwann in der Physik herausstellt, dass die partikel-mechanische Sicht der Welt keine richtige Beschreibung der physikalischen Phänomene ist.

Aber, warum sollte die partikel-mechanische Sichtweise nicht für die ökonomische Theorie richtig sein? Es kann natürlich ein bisschen peinlich für die Wirtschaftswissenschaftler sein, wenn sie zugeben müssten, dass ihnen in zwei Jahrhunderten nichts Besseres eingefallen ist, als etwas aus dem Mülleimer der Physik herauszuholen und dies zum letzten Schluss der Weisheit zu erklären. Würde aber das partikel-mechanische Modell in der ökonomischen Theorie gut funktionieren, bräuchte man sich trotzdem seiner Herkunft nicht zu schämen. Übrigens funktioniert dieses Modell auch in der Physik immer noch einwandfrei, wenn es um die Phänomene geht, die nicht außerhalb der Reichweite unserer biologischen Sinnesorgane liegen, also in der Welt, die weder extra klein noch extra groß ist. Die entscheidende Frage ist aber, ob ein solches Modell die Funktionsweise der Marktwirtschaft wirklich zufrieden stellend abbildet.

Dies scheint aus mancherlei Hinsicht in der Tat so zu sein. Man kann nämlich kaum verneinen, dass in der ökonomischen Welt manches an die Welt der klassischen Physik erinnert. Dies lässt sich auch aus unserem Musterbeispiel Gefangenenlager entnehmen. Die Güter des Tausches lassen sich als freie Partikel in einem großen Raum begreifen, die sich anziehen und abstoßen. Und die Kräfte, durch die dies bewirkt wird? Diese Kräfte können die Präferenzen der Tauschakteure sein: ihre Vorlieben oder Neigungen in Bezug auf die Güter, die konkret zum Tausch angeboten werden. In unserem Beispiel würden zu den individuellen Vorlieben oder Neigungen etwa folgende gehören: Fleisch zu essen, zu rauchen, Würstchen zu essen, Wein zu trinken, ... Es kann also nicht ganz falsch sein, den Menschen als ein mechanisches Bündel von Präferenzen zu betrachten. Für die Existenz des Gleichgewichts und des Optimums wäre noch unbedingt wichtig, dass die Präferenzen bei den einzelnen Tauschteilnehmer eine gewisse (bzw. ausreichende) Konstanz besitzen. Gibt es diese?

Auf eine Konstanz der Präferenzen lässt sich aus den konstanten Tauschverhältnissen, die sich in der Praxis bilden, schließen. Auch im Gefangenenlager haben sich im Laufe der Zeit bestimmte Tauschverhältnisse bzw. sogenannte relativen Preise herausgebildet.

1 Fleischkonserve = 4 Würstchen = 4 Milchpulverdosen = 2 Zigarettenschachtel = 1l Wein = 40 Zuckerwürfel = 1 Rasiermesser = 20 Teebeutel = ...

Nimmt man beispielsweise an, eine Fleischkonserve kostet 8 €, dann ergibt sich aus dieser erweiterten Gleichung eindeutig, wie viel € auch alle andren Güter kosten. Konkret würde man dann folgendes bekommen:

  • 1 Würstchen: 2 €
  • 1 Milchpulverdose: 2 €
  • 1 Zigarettenschachtel: 4 €
  • 1 l Wein: 8 €
  • 1 Zuckerwürfel: 20 ct
  • 1 Rasiermesser: 8 €
  • 1 Teebeutel: 40 ct
  •     usw.

In der realen Wirtschaft werden die Güter immer gegen Geld getauscht, also gemäß der Preise (in einer bestimmten Währung), die als Geldpreise bezeichnet werden. Wenn wir uns diese „üblichen“ Preise anschauen, können wir feststellen, dass sie sich ständig ändern (meistens steigen sie), dass aber die Preisverhältnisse nicht so sehr schwanken. Diese Konstanz ist maßgeblich die Folge stabiler Bedürfnisse der Konsumenten. Der Mensch hat ziemlich feste Gewohnheiten - er ist mehr oder weniger Sklave seiner Bedürfnisse. Gäbe es diese Konstanz nicht, dann wäre sogar die Produktion nicht möglich: Was würde man produzieren, wenn sich nicht vorhersehen ließe, was sich die Kunden wünschen bzw. was sie kaufen werden?

Es gibt also genug plausible Gründe um anzunehmen, dass die Marktwirtschaft ein Muster zeigt, das der partikel-mechanischen Welt der Physik entspricht. Deshalb war es für die neuen Liberalen am Ende des 19. Jahrhunderts kein wirkliches Problem, alles, was in der klassischen Mechanik als relevant galt, in die ökonomische Theorie zu übernehmen. So erklärt Walras mit Stolz, dass er eine Lehre über den „Mechanismus der Konkurrenz“ entworfen hat,

„ ... welche die präzisen Definitionen, die wissenschaftliche Strenge der Schlüsse der reinen Mechanik in die reine Volkswirtschaftslehre einführt.“ ... >

Man fühlt sich heute fast unheimlich, wenn man ließt, wie die neoliberalen Klassiker über die Mechanik nur so schwärmen. Die klassische Mechanik ist für sie fast so etwas wie ein Ideal, an dem man die eigene „Wissenschaftlichkeit“ misst. In dieser Hinsicht ist die neoliberale Theorie nichts Besonderes; sie ist also nur ein typisches Produkt des Zeitgeistes. (Er näherte sich damals aber schleunigst seinem Ende zu, aber woher konnten die Neoliberalen dies ahnen.) Für diesen Zeitgeist war es die selbstverständlichste Sache der Welt, dass der Schöpfer des Universums die lebende Welt genau nach demselben Muster, heute würde man sagen „Code“, als die tote Natur geschaffen hat. Der wichtigste und überzeugendste Vertreter dieses Standpunkts auf unserem Kontinent im 18. Jahrhundert war die physiokratische Schule in Frankreich. Was die Sozialwissenschaften (und die Wirtschaftswissenschaften) lehren, so die Hauptbotschaft der Physikraten, das seien die „physischen Gesetze in Bezug auf die Gesellschaft“ (Dupont de Nemours) und „die physische Regel unserer Pflichten“. Kurz gefasst, die Sozialwissenschaften seien nach der physiokratischen Auffassung nichts anderes als eine „ökonomische Physik“ (Marquis de Mirabeau). „Die natürliche Ordnung ist die physische Verfassung, welche Gott selbst dem Universum gegeben hat, und durch die sich in der Natur alles vollzieht.“ „Die durch den Schöpfer der Natur geschaffene Ordnung“, sei „ein universelles und physisches Gesetz, das durch den Schöpfer der Welt errichtet worden ist“ (Dupont de Nemours).Kursiv von mir. Zitiert nach A. Rüstow, Das Versagen

Der wichtigste Pionier des Neoliberalismus im englischsprachigen Raum war William Stanley Jevons (1835 - 1882). Sein Bekenntnis zur klassischen Mechanik lässt einem einen eisigen Schauer über den Rücken laufen. (Kein Wunder, dass man heute vermeidet, Stundenten zu empfehlen, die Klassiker zu lesen.)

„Ich habe in diesem Werke den Versuch unternommen, die Volkswirtschaftslehre als eine Mathematik der Lust- und Unlustgefühle darzustellen. ... Die auf diese Weise behandelte Theorie der Wirtschaft zeigt eine auffallende Ähnlichkeit mit der Wissenschaft der statischen Mechanik, und die Gesetze des Tausches ähneln den Gleichgewichtsgesetzen eines Hebels, wie sie durch das Prinzip der virtuellen Geschwindigkeiten bestimmt sind.
...
Aber wie alle Naturwissenschaften mehr oder weniger deutlich auf den allgemeinen Grundsätzen der Mechanik beruhen, so müssen auch alle Zweige und Teile der Wirtschaftswissenschaft von bestimmten allgemeinen Grundsätzen beherrscht sein. Es ist gerade die Nachforschung nach jenen Grundsätzen - die Schilderung der Mechanik des Eigennutzes und der Nützlichkeit, welcher dieses Buch gewidmet ist.
...
Kehren wir indessen zum Gegenstande unseres Werkes zurück. Die hier entwickelte Theorie kann als eine Mechanik des Nutzens und des Selbstinteresses beschrieben werden.“ ... >

In dem Lande, das so stolz auf seine Industrielle Revolution war, und wo abstrakte Prinzipien der jenseitsverträumten Philosophen weniger geschätzt wurden als sich die Hände mit der Materie schmutzig zu machen, konnte sich Jevons in der Tat als ein richtiger Held fühlen, als er mit dem „Hebel“, dem Symbol der klassischen Mechanik, um sich warf.

3 - Die Mathematik als Lieferant der Beweise, die auf empirische Tatsachen nicht angewiesen sind

Als sich die Physik von dem partikel-mechanischen Modell verabschiedet hat, ist sie bekanntlich auch weiterhin eine mathematische Wissenschaft geblieben. Ihr neues Paradigma, die (fast legendäre) Relativitätstheorie, ist zwar auf eine andere Weise mathematisch als die Newtonsche Mechanik, aber weniger mathematisch ist sie jedoch nicht. Auch noch etwas hat sich nach dem Paradigmenwechsel nicht geändert: Die Auffassung der Physiker, was die Aufgabe der Mathematik in einer Wissenschaft ist und zu welchem Zweck sie nützlich ist. Wir verdeutlichen diese ihre Auffassung, indem wir zeigen, wie sie die Mathematik anwenden und was sie von ihr erwarten.

Wenn auch eine (exakte) Wissenschaft mathematisch ist, ihre Theorien beginnen nicht mit der Mathematik. Am Anfang jeder Wissenschaft steht eine allgemeine Vorstellung darüber, was in dem Teil der Wirklichkeit, den man erforscht, passiert. Diese Vorstellung wird dann in die mathematische Sprache „übersetzt“. Am Anfang dieser „Übersetzung“ ist das mathematische „Abbild“ dieser Vorstellung sehr abstrakt, in den weiteren Schritten versucht man es mit immer mehr Details zu vervollständigen, so dass zum Schluss ein System von Gleichungen steht. Der Praktiker übernimmt dann dieses System (oder Modell) von Gleichungen, „bestückelt“ es mit bestimmten empirisch gewonnenen Daten und rechnet es aus. Heute überlässt er diese Arbeit natürlich dem Computer. Auf diese Weise ist es z.B. möglich, für mehrere Jahrhunderte oder Tausende von Jahren zu bestimmen, wie sich die Planeten unseres Sonnensystems bewegen werden, oder den Weg einer Rakete zum Saturn genau zu bestimmen. Wie aufwendig diese Aufgaben sind, lässt sich aus der Tatsache entnehmen, dass sogar die stärksten Computer für sie Tage oder Wochen brauchen. Weil das Ergebnis dieser Rechnungen stimmt, gilt die Physik als eine exakte Wissenschaft. Um nicht nur bei der Physik zu bleiben, erwähnen wir noch, dass genau dasselbe Verfahren die Meteorologen bei ihren Wettervorhersagen nutzen.

Wie kann sich aber die Wirtschaftswissenschaft die Mathematik zunutze machen? Einer, der zu den ersten deutschen bedeutenden Neoliberalen zählt, Carl Menger (1840-1921) hat sich vornehmlich mit dieser Frage beschäftigt. Mit seinem Werk Untersuchungen über die Methode der Socialwissenschaften und der Politischen Oekonomie (1883) löste er den ersten Methodenstreit zwischen den deutschen Ökonomen und Sozialwissenschaftlern, der jahrelang andauerte aus. Menger war also nicht irgendjemand, sondern ein Schwergewicht: eine Autorität im deutschsprachigen neoliberalen Raum, so etwa wie später Mises und Hayek.

Die zentrale These von Menger ist, dass „die Erkenntniswege, die Methoden der theoretischen Nationalökonomie und der praktischen Wissenschaften von der Volkswirtschaft nicht die gleichen sein können“. Im Klartext, jede Wissenschaft würden sich sozusagen aus zwei völlig verschiedenen Wissenschaften zusammensetzen: aus einer theoretischen und einer praktischen Wissenschaft. Die erste, die sich angeblich gar nicht mit den empirischen Tatsachen beschäftigt, bezeichnet er entsprechend als theoretische, die zweite als historische Wissenschaft. Weil diese zwei Wissenschaften so verschieden sind, muss man sie unbedingt auseinander halten:

„Die Theorie der Volkswirtschaft darf in keinem Falle mit den historischen, oder mit den praktischen Wissenschaften von der Volkswirtschaft verwechselt werden. Die theoretische Nationalökonomie kann nie als eine historische, oder, wie manche wollen, als eine praktische Wissenschaft aufgefasst werden.“ ... >

Es verwundert nicht, dass sich gerade ein deutscher Ökonom für eine klare und endgültige Spaltung der Wissenschaft auf eine theoretische und eine praktische einsetzt. Die ganze deutsche Tradition zu philosophieren ist nämlich nur ein spitzfindiges Ringen mit der Platonschen Zwei-Welten-Vorstellung und folglich ein prätentiöser Versuch, an die Wahrheiten heranzukommen, die sich hinter den Tatsachen verstecken. Wir erinnern uns daran, dass die zwei wichtigsten Werke von Kant die Kritik der reinen Vernunft und die Kritik der praktischen Vernunft heißen. Von einer solchen Manie zum „reinen“ Denken getrieben, kann ein deutscher Philosoph die Tatsachen nie gering genug schätzen. „Desto schlimmer für die Tatsachen“ - droht er ihnen sogar, sollten sie sich erdreisten, nicht bedingungslos seinen Spekulationen Folge zu leisten. Mehr darüber haben wir schon in unserer Untersuchung des Marxismus gesagt.

Walras war zwar kein Philosoph, sondern ein Ingenieur -, und als solcher traute er sich seine ungewöhnliche Auffassung von zwei Arten der (Wirtschats-)Wissenschaft nur vage zu artikulieren: sie als seine Meinung und seinen Glauben hinzustellen:

„Es ist eine zwischen den Nationalökonomen noch nicht entschiedene Frage, ob die Volkswirtschaftslehre eine eigentliche Wissenschaft oder eine angewandte Wissenschaft ist. Ich meinerseits glaube nicht etwa, dass sie das eine und das andere zu gleicher Zeit wäre, denn eine Wissenschaft vermag nicht zu gleicher Zeit eigentliche und auch angewandte Wissenschaft zu sein.“ ... >

Wenn wir uns daran erinnern, dass Walras wegen seiner mangelnden Mathematikkenntnisse zweimal daran scheiterte (!), in die renommierte naturwissenschaftliche Hochschule Ecole Polytechnique aufgenommen zu werden, dass er voraussichtlich nie einen Abschluss als Ingenieur machte und dass seine zweite Neigung war Romane zu schreiben, könnte uns klarer werden, woher sein Eindruck kommt, dass sich die Nationalökonomen darüber uneinig seien, wie sie zu den Tatsachen stehen. Die „Frage, ob die Volkswirtschaftslehre eine eigentliche Wissenschaft oder eine angewandte Wissenschaft ist“ hat damals seine Vorgänger, die zu den bedeutenden Ökonomen gehören, nicht beschäftigt. Bei ihnen war es selbstverständlich, dass sich ökonomische Theorien immer auf die Praxis beziehen müssen. Auch aus diesem Umstand kann man schon ahnen, was für eine Zäsur der neue Liberalismus war.

Bemerkung: Dem Romancier und Phantast Walras ist es nie gelungen, seine Kollegen von dem Sinn der „reinen“ Volkswirtschaftslehre zu überzeugen. Er hat bekanntlich eine Annerkennung für seine Gleichgewichtstheorie nicht erlebt. Den Kennern der klassischen Ökonomie (Politischen Ökonomie) konnte er seine Erzählungen nicht verkaufen und die Naturwissenschaftler würden ihn nie ernst nehmen. Menger musste dies klar sein, so dass er den neuen liberalen Ansatz mit einem philosophischen Marketing durchzusetzen versuchte.

Zwei Arten von Wissenschaft - einerseits die „theoretische“ oder „reine“ und andererseits die „praktische“ oder „angewandte“ - gebe es deshalb, so Menger, weil es auch völlig verschiedene Arten von Gesetzen gibt (!). Eine Wissenschaft würde eine Art von Gesetzen, die andere eine andere Art erforschen:

„Man nennt die ersteren gemeiniglich Naturgesetze, die letzteren empirische Gesetze.“ ... >

Damit werden die Aufgaben klar aufgeteilt: Die theoretische ökonomische Wissenschaft würde die „Naturgesetze“, die praktische Wissenschaft die „empirischen Gesetze“ erforschen. Die „Naturgesetze“ hätten mit den Tatsachen nicht das Mindeste zu tun. Ihre einzige Aufgabe sei, so Menger weiter, „das Verständnis der Erscheinungen“ zu ermöglichen. Nun, welche „Naturgesetze“ hat man mit Hilfe vom Gleichgewichtsmodell entdeckt? Bisher konnten wir zwei erkennen. Es ist das „Gesetz“, dass die Wirtschaft spontan zum Gleichgewicht tendiert (Walras) und das „Gesetz“, dass sie sich durch die Optimierung ihrer Teile automatisch optimiert (Pareto). Da würde man aber gleich bemerken können, dass sich diese beiden „Gesetze“ auch aus einfachen Beispielen entnehmen ließen. Aus unserem Musterbeispiel über den Tausch im Gefangenenlager, aber auch viele weitere könnte man sich unschwer ausdenken. Allerdings! - würde der neoliberale Theoretiker entgegnen, aber woher könnten wir wissen, ob eine Schlussfolgerung, die sich aus solch einfachen Beispielen ergibt, überhaupt noch irgendwo und irgendwann ihre Gültigkeit besitzt? Ja, wir können dies in der Tat nicht wissen. Die mathematische Theorie der neuen Liberalen vom Ende des 19. Jahrhunderts sollte hier Abhilfe schaffen.

Man sollte den Tausch - so wie er sich aus den Beispielen verstehen lässt - in mathematischer Sprache auffassen: in ein System von Gleichungen schreiben. Wäre es dann möglich, mit den mathematischen Methoden zu zeigen, dass dieses System Schlussfolgerungen zulässt, die wir bereits aus den konkreten Beispielen bzw. aus der Betriebswirtschaft kennen, dann sollten diese Schlussfolgerungen als allgemein gültig betrachtet werden. Die Mathematik sei also der endgültige Beweis dafür, dass eine konkrete Erscheinung eine universelle Gültigkeit besitzt. Das sollte der wahre Sinn der „theoretischen“ oder „reinen“ Nationalökonomie, der Walraschen Theorie der Tauschwirtschaft sein.

Wie sieht es aber mit der „historischen“ oder „angewandten“ Wissenschaft aus? Wir haben bereits erwähnt, wie ein Naturwissenschaftler eine Theorie anwendet. Die angewandte Theorie in der Naturwissenschaft bedeutet nichts anderes als die „reine“ Theorie, um mit den Neoliberalen zu sprechen, auf einen konkreten Anwendungsbereich anzupassen. Manchmal geht dies durch mehrere Stufen, indem die letzte Stufe diejenige ist, in der die mathematische Gleichung mit den benötigten Daten vervollständigt und ausrechnet wird. Die angewandte Theorie bei den exakten Wissenschaften stellt also eine niedrigere Abstraktionsstufe der „reinen“ Theorie dar: nicht mehr und nicht weniger. Aus dem Gleichgewichtsmodell wird man aber auf diese Weise nie eine angewandte Theorie bekommen. Weil - wir wissen es schon von Walras und Menger - das Gleichgewichtsmodell ausschließlich zur „reinen“ Wirtschaftswissenschaft gehört, die mit den Tatsachen nie in Berührung kommen darf und kann. Aber wie dann? Wie gelangt man zu den Tatsachen? Na ja. So richtig weiß es bis heute keiner. Aber darüber später.

Abschließend fügen wir hier noch ein paar kopierte Ausschnitte aus dem Walrasschen Buch Mathematische Theorie der Preisbestimmung der wirthschaftlichen Güter hinzu, in dem er sein revolutionäres Gleichgewichtsmodell entwirft. Auf diesen Kopien sind Gleichungssysteme zu sehen, die in ähnlichen Variationen etwa die Hälfte des Buches ausmachen. Dass ein Buch über die Wirtschaft so aussehen kann, war bis dahin von den Ökonomen nicht in den wildesten Träumen vorstellbar. (So etwas würde man nur bei den Stundenten der Mathematik und der technischen Wissenschaften finden.) Was uns da Walras aber vorexerziert, ist nur der Anfang der mathematischen „Wirtschaftswissenschaft“, die jedoch gar keine Wissenschaft ist.


 

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