DIE BISHERIGEN PARADIGMEN DER WIRTSCHAFTSWISSENSCHAFT
     
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  Pars-pro-Toto als eine primitive und längst überholte Denkweise:
  Die Produktionstheorie in der Zeit zwischen Smith und Keynes
       
 
Dass die [neoliberale] Lehre, sobald man sie in die Praxis umsetzte, streng und oft ungenießbar war, trug ihr den Ruf der Tugendhaftigkeit ein. ...
Dass sie ein großes Maß an sozialer Ungerechtigkeit und offenkundiger Grausamkeit als unvermeidliches Durchgangsstadium auf dem Wege des Fortschritts, und den Versuch, solche Dinge zu ändern, als etwas erklären konnte, was wahrscheinlich ... mehr Schaden als Nutzen stiften würde, empfahl sie der Obrigkeit. ...
Dass sie erheblich zur Rechtfertigung der freien Betätigung des Einzelkapitalisten beitrug, brachte ihr die Unterstützung der hinter der Obrigkeit stehenden vorherrschenden gesellschaftlichen Kraft ein.
 
    John M. Keynes, der größte Ökonom des 20. Jahrhundnerts    

Die moderne Wirtschaftswissenschaft beginnt mit dem berühmten Werk Wohlstand der Nationen von Adam Smith, das mit dem vollen Titel eigentlich heißt: Untersuchung über Wesen und Ursachen des Reichtums der Völker. „In den ersten vier Büchern erklärte ich“, teilt Smith gleich am Anfang dem Leser mit, „die Quellen ... aus denen die Güter stammen“. Ihm ging es also darum, herauszufinden, welche Faktoren die Produktion von Gütern bestimmen und wie sich die Produktivität steigern lässt. Seine Theorie der Produktion hat bekanntlich viele Jahrzehnte das Denken der Ökonomen maßgeblich beeinflusst, so dass sie eine gute Einführung in die Problematik der Produktion ist, die wir jetzt behandeln wollen. Außerdem ist es manchmal sehr angebracht, die behandelte Problematik in den historischen Kontext zu stellen, damit man ihren Sinn besser verstehen kann.

Wenn man Smith als Begründer der Volkswirtschaftslehre bezeichnet, ist damit nicht gemeint, er hätte die Wirtschaftswissenschaft - damals hieß sie noch Politische Ökonomie - erfunden. Natürlich nicht. Menschen mussten, seitdem sie in größeren Gemeinschaften leben, ökonomische Probleme lösen und haben sich über sie auch Gedanken gemacht. Smith hat „nur“ aus den vorhandenen Materialien ein logisches System oder, wie man es heute nennt, ein wissenschaftliches Paradigma, geschaffen. Heute verschweigt man gern, dass das von ihm entworfene System oder Paradigma aus dem Blickwinkel eines Moralphilosophen entworfen wurde, dass also Smith mit Leib und Seele ein Moralphilosoph war, erst an zweiter Stelle ein Ökonom. Ebenso gern wird weggelassen, dass er sich den ethischen Idealen der Aufklärung und des Humanismus zutiefst verpflichtet sah. Folglich ist sein „System der natürlichen Freiheit“ das glatte Gegenteil von dem, was man später als Wertneutralität bezeichnet, worauf seine „Nachfolger“, die Vertreter der „reinen“ Wissenschaft, so stolz sind.

Ein Paradigma ist bekanntlich immer auf eine ihm eigene Weise restriktiv und auch bei Smith konnte es nicht anders sein. Auch sein „System der natürlichen Freiheit“ hat seinen eigenen Begriffsapparat, in dem nur eine beschränkte Zahl der relevanten Begriffe Platz findet, mit denen folglich nur eine bestimmte theoretische Perspektive eröffnet und erfasst werden kann. Diese genau spezifizierten Begriffe bestimmen dann, was als ein theoretisches Problem formuliert werden kann und wie die Theoriebildung vor sich gehen kann. Zu den wichtigsten Begriffen dieses von Smith entworfenen („kodifizierten“) Begriffsapparats gehören vor allem die folgenden:

  • Regelungen als Wesen der freiheitlichen Ordnung
  • Konkurrenz, die gestreutes (kleines und mittelgroßes) Privateigentum voraussetzt
  • Staat als Ordnungsbewahrer, Umverteiler, Versorger mit öffentlichen Gütern (Ausbildung, Gesundheit, ...) und   gelegentlich (wo die Märkte versagen) auch Unternehmer
  • Arbeitsteilung, die „in der Regel“ mehr Kapital pro Arbeiter und damit auch Sparen bzw. Kapitalakkumulation voraussetzt

Die Begriffe, die zwar bei Smith zu finden sind, aber völlig im Hintergrund stehen, sind:

  • Nachfrageproblem
  • Technisches Wissen

Man wird jedoch bei Smith vergeblich nach dem Begriff Nutzen bzw. Nutzenfunktion suchen. Dieser Begriff wurde erst ein Jahrhundert nach seinem Tod von den Neoliberalen zu den Grundbegriffen der liberalen Lehre hinzugefügt. Abgesehen von dieser Innovation hat sich aber in dem Begriffsapparat der Nachfolger von Smith nichts Wesentliches geändert. Den Ökonomen ist es also bis heute - mehr als zwei Jahrhunderte nach Smiths Tod - nicht gelungen, aus dem begrifflichen Rahmen der alten Liberalen auszubrechen. Dies müsste jeden, der über die Entwicklung der Wirtschaftswissenschaft nachdenkt und nicht geistig gefangen in den engen Grenzen der Mainstream-Ökonomie ist, sehr beunruhigen. Die erfolgreichen (exakten) Wissenschaften haben nämlich in der gleichen Zeit schon mehrere Male ihren Begriffsapparat völlig umgekrempelt. Außerdem ist der „neue“ Begriff Nutzen bzw. Nutzenfunktion nur eine mathematisch aufgebauschte alte Trivialität aus der Betriebswirtschaft. Auch diesbezüglich kann man heute ein schlechtes Gefühl bekommen, wenn man an die Wirtschaftswissenschaft denkt. Eine grundlegende analytische Innovation in den erfolgreichen (exakten) Wissenschaften war nie ein alter Wein in neuen Schläuchen, sondern eine gedankliche Rebellion. Die ganze Leistung der neoliberalen (neoklassischen) Theorie bestand dagegen nur darin, dass sie mit dem neuen Begriff Nutzenfunktion im Stande war, die alten ökonomischen Gedanken mathematisch auszudrücken.

Stellen wir uns vor, Smith würde heute plötzlich auferstehen. Er würde sich zwar nicht ersparen können, ein paar Mathematiksemester richtig durchzuschwitzen, aber danach würde er nicht das geringste Problem haben, alles zu verstehen, was unsere „hochmodernen“ Wirtschaftsexperten und Ökonomieprofessoren verkünden. Und dies alles wäre für ihn schrecklich langweilig. Wenn dagegen ein Physiker aus Smiths Zeit auferstehen würde, würde er die Begriffe der heutigen Physiker kein bisschen verstehen: er würde zuerst nicht einmal glauben können, dass er sich unter Physikern befindet. Außerdem kann man auch mit Sicherheit davon ausgehen, dass Smith von der Realitätsfremdheit, Ignoranz und dem Zynismus seiner Nachfolger entsetzt wäre.

Eigentlich ist es noch sehr schmeichelhaft zu sagen, die neue liberale Lehre habe zu der alten Lehre von Smith nur wenig hinzugefügt und - von Keynes einmal abgesehen - gar keine echte Fortschritte gemacht. Traurigerweise hat sich die neue Markttheorie nicht einmal als fähig erwiesen, alle wichtigen Begriffe des „klassischen“ Liberalismus in sich aufzunehmen. Auch über diese Entwicklung in Richtung der Vereinfachung und Verengung der früheren theoretischen Perspektive würde Smith sehr staunen. Gerade durch die neue mathematische Sprache ist die ursprüngliche Sprache der klassischen Ökonomie zu einem verarmten, verkrüppelten und provinziellen Dialekt heruntergekommen. Auf diese Degenerierung des Smithschen Systems hat schon Marx in aller Deutlichkeit hingewiesen. Deshalb pflegte er die Nachfolger der Smithschen ökonomischen Theorie (von wenigen Ausnahmen abgesehen) als Vulgärökonomen abzustempeln und zu verhöhnen, also sie als jene zu bezeichnen, die das komplexe System der Smithschen „natürlichen Freiheit“ auf wenige Anhaltspunkte, man könnte sogar sagen Eselsbrücken reduziert haben. Er hat Recht, aber:

Herr Marx, immer mit der Ruhe. Sie haben doch genau dasselbe getan!

Als wir Marx dem wichtigsten Liberalen des 19. Jahrhunderts, John St. Mill, gegenübergestellt haben mehr, konnten wir bereits verblüfft feststellen, dass sich diese zwei Ökonomen oft nur durch unterschiedliche rhetorische „Schleier“ unterscheiden. Keiner von beiden hat zur ökonomischen Theorie etwas beigetragen, was wir heute noch anwenden und schätzen könnten. Aber dies gilt nicht nur für Marx und Mill. Deshalb wollen wir jetzt einen größeren Maßstab bzw. zeitlichen Rahmen wählen, um zu zeigen, dass in der Zeit zwischen Smith und Keynes trotz allem, was geschehen ist, keine wirkliche Entwicklung der ökonomischen Theorie stattgefunden hat, im Gegenteil. Es war eine Zeit, die immer mehr von Scharlatanen und Fantasten beherrscht wurde. Auch die neue mathematische Theorie war sozusagen nur eine große stinkige Blase, die dem fortschreitenden Verwesungsprozess der Degenerierung und Vulgarisierung der Smithschen Theorie entwich.

Die Zeit zwischen Smith und Keynes war die Zeit der Ideologen, nicht die der Wissenschaftler, so dass sie sich treffend als eine Zeit der konfessionellen Kriege charakterisieren lässt, als ein Kampf um die „einzig richtige“ Auslegung des Werks von Adam Smith. Für eine der zwei einflussreichsten „Konfessionen“ dieser Zeit ist die Bezeichnung Marxismus passend, für die andere, die „orthodoxe“ bzw. die „liberale“ nehmen wir die Bezeichnung Angebotstheorie. Mit Angebotstheorie soll also der (postklassische) Liberalismus der Zeit zwischen Smith und Walras sowie der nachfolgende Neoliberalismus erfasst werden. Aus dem nächsten Bild lässt sich auf einen Blick erfassen, welche Begriffe zu dem Begriffsapparat dieser zwei „Konfessionen“ gehören und wo die wesentlichen Unterschiede zwischen Marxismus und Angebotstheorie liegen:


 

 

Schon auf den ersten Blick merkt man, wie der Begriffsapparat von Smith bei Marx und den liberalen Angebotstheoretikern auf nur wenige Begriffe geschrumpft ist. So wie es bei den religiösen Konfessionen und Sekten üblich ist: Man wählt sich nur das „Wichtigste“ und „Wahrste“ aus den heiligen Schriften aus und folgt dem blind und psychopatisch, ohne Rücksicht auf Verluste und Folgen. Bei dem Verständnis der ersten zwei dieser Begriffe unterscheiden sich die Marxisten nur in wenigen Details von den Angebotstheoretikern. Erst bei der Auffassung darüber, wie sich die Preise bilden und bilden sollen, gehen die Meinungen auseinander. Dafür hat vor allem die neue mathematische Theorie gesorgt. Dieser produktionstheoretischen Problematik gilt jetzt unser Interesse, aber um sie im Kontext zu sehen, wollen wir vorerst auch die vorigen zwei Begriffe oder Kategorien kurz erörtern.

1 - Die Freiheit als „Quelle“ des Reichtums: Die Flucht in die Abstraktionen

Der Begriff Freiheit hat im 19. Jahrhundert immer mehr Begriffe wie Ordnung, Regelung, Konkurrenz, Staat und einige mehr ersetzt. So ist aus mehreren konkreten Begriffen ein abstrakter Begriff entstanden, der für alles und nichts steht. Nach der Marxschen philosophischen Auffassung ist die Freiheit das endgültige Ziel der Geschichte. Was die Freiheit nach dem Ende der Geschichte aber genauer bedeuten würde, das weiß man nicht so genau. Man könnte dies von der marxistischen Position aus auch gar nicht wissen, weil das „Reich der Freiheit“ erst nach der dialektischen (sprich: revolutionären) Umwandlung der kapitalistischen Wirtschaft und Gesellschaft kommen sollte. Die Freiheit sollte eine neue „Qualität“ sein, die mit der „Quantität“, aus der sie entspringt, gar nichts gemein hat. Mit der dialektischen Methode ist es gar nicht möglich, etwas vorherzusagen, folglich auch nicht, was die Freiheit bedeuten wird. Eine in der Tat geschickte Ausrede. Dass aber die Freiheit nach dem Ende der Geschichte kommen muss und wird, daran zweifelt man nicht im Geringsten. Der Philosoph und Prophet Marx weiß es einfach und das allein zählt. Bei den Liberalen bedeutet das Ende der Geschichte auch den universellen und absoluten Sieg der Freiheit: Warum? Auch hier weiß man es nicht genau. Es klingt aber gut, wenn es so wäre - nicht wahr? Also, wir sollen uns auf das Reich der Freiheit freuen und uns mit keinen unnötigen Fragen die Freude verderben lassen.

Die zukünftige Freiheit sollte nach Marx auch ökonomische Freiheit erfassen, genauer gesagt, diese vor allem. Erst recht ist genau diese Freiheit die Herzensangelegenheit der Liberalen. Was zu der zukünftigen Freiheit jedoch nicht gehören wird, da ist man sich auch einig, das ist die politische Freiheit. Sie wird nach Marx deshalb die letzte Revolution der Geschichte nicht überleben, weil sie keine richtige Freiheit ist: Sie sei nur eine ideologische Waffe der kapitalistischen Gesellschaft. Für die Liberalen ist die politische Freiheit, konkret der Staat und seine Institutionen, einfach nur ein Irrtum der Geschichte, den die Evolution beseitigen würde.

Die politische Freiheit braucht Marx in der zukünftigen Gesellschaft deshalb nicht, weil sie nur der Ausdruck und die Folge der Interessenkonflikte in den Klassengesellschaften ist. Weil es solche sozialen Konflikte in Zukunft nicht mehr geben wird, sollte auch die politische Freiheit einfach völlig überflüssig sein. Die Herrschaft über die Menschen, wie es so schön heißt, wird durch die Verwaltung der Sachen ersetzt werden. Genau das hat bereits einer der wichtigsten Vordenker des Sozialismus Saint-Simon (1675- 1755) prophezeit. Und die Demokratie? Weil sie im Widerspruch zur uneingeschränkten (individuellen) Freiheit steht, kann man sie ebenfalls nicht brauchen. Ein Mensch kann in der Tat auch dann nicht frei sein, wenn er sich der Entscheidung der Mehrheit fügen muss. Wie bei Marx so auch bei den Neoliberalen gilt also: Man kann nicht mit, sondern nur gegen die Demokratie und die Institutionen frei sein. Wenn uns Marx in dieser Hinsicht sympathischer ist, dann nur deshalb, weil er sich offen gegen die Demokratie und die Institutionen stemmt. Die Liberalen verheimlichen in der Regel ihre Absichten.

Die wirkliche Freiheit, die am Ende der Geschichte siegen würde, darin ist sich Marx mit den Liberalen einig, sei vor allem die uneingeschränkte ökonomische Freiheit. Abgesehen von der Frage der Eigentumsrechte, bedeutet diese Freiheit für Marx und die Liberalen vor allem völlige Entscheidungsfreiheit für die Produktionseinheiten und keine Einmischung des Staates in die Wirtschaft. Auch wenn Marx (an wenigen Stellen) über die Planung spricht, meint er dabei nichts anderes als eine dezentrale Koordinierung der autonomen Produktionseinheiten mit Gemeinkapital, deren Mitglieder natürlich das Recht haben, nach Belieben ihren Arbeitplatz zu wechseln.

Wenn sich Marx und die Liberalen so einig sind, drängt sich natürlich die Frage auf, ob die absolute, unbedingte und abstrakte Freiheit doch nicht die Vollendung der Smithschen Auffassung sein kann. Könnte es also sein, dass Smith noch nicht so weit war, alle zivilisatorischen Vorteile der uneingeschränkten Freiheit zu erahnen? Nein, dies kann nicht sein. Das dumme Geschwätz über die uneingeschränkte Freiheit war Smith sehr wohl bekannt. Die intellektuelle Neigung, die Freiheit zu dogmatisieren und zu verabsolutieren, führt uns nicht zu Smith, sondern zu seinen Vorgängern, den Physiokraten zurück. Schon diese, damals sehr einflussreichen französischen Ökonomen des 18. Jahrhunderts haben nämlich zwei Arten von Ordnung unterschieden: Die auf der uneingeschränkten Freiheit beruhende Naturordnung (ordre naturel) und die künstlich hergestellte Ordnung (ordre positif). Wenn die Menschen sich in ihrer Ordnung gegen die Naturordnung stellen, führe das nach ihrer Überzeugung zum wirtschaftlichen Niedergang. Es gibt Anzeichen dafür, dass auch Smith zunächst dem Einfluss der Physiokraten unterlag. Er schrieb sein epochales Buch mehr als ein Jahrzehnt lang und am Anfang wollte er es Quesnay, dem bedeutendsten Physiokraten widmen, hat es sich dann aber doch anders überlegt. Aber nicht nur das. Er richtete gegen Quesnay, der von Haus aus Arzt war, folgende ironische und bissige Bemerkung:

„Einzelne Ärzte haben sich in ihren Spekulationen offenbar eingebildet, man könne die Gesundheit des Menschen allein durch eine genau dosierte Diät und Bewegung schützen und erhalten, und jede, auch die kleinste Abweichung davon führe notwendigerweise zu entsprechender Krankheit oder Unpäßlichkeit ... Quesnay, selber Arzt und theoretisch hoch interessiert, scheint vom Staatskörper eine gleiche Vorstellung gehabt und geglaubt zu haben, auch dieser würde nur bei einer ganz bestimmten und genau dosierten Diät, nämlich bei vollständiger Freiheit und vollkommener Gerechtigkeit, aufblühen und gedeihen. ... Könnte ein Land nicht aufblühen, ohne daß es sich vollkommener Freiheit und Gerechtigkeit erfreut, so gäbe es keine Nation in der Welt, die jemals eine Blüte hätte erleben können.“ ... >

Wir können uns also denken, was Smith von der „Diät und Bewegung“ - heute „Hartz IV“ und „Flexibilisierung“ genannt -, welche uns die raffgierigen und rücksichtslosen Machteliten in den letzten Jahren verordnet haben, halten würde.

2 - Das Kapital als „Quelle“ des Reichtums: Ein Unsinn, den keiner loswerden konnte

Wann beginnen die Produktionsmittel zum Kapital zu werden und warum? Darüber ließen sich unzählige Dissertationen schreiben, aus denen man kaum klüger würde. Wenn man mit wenigen und mit einfachen Mitteln produziert, hat es bestimmt keine Berechtigung, aus ihnen einen zusätzlichen ökonomischen Begriff „Kapital“ zu machen. Aber was heißt da „wenig“? Die Grenze ist fließend. Sie wurde voraussichtlich schon im späten Mittelalter bzw. nach der Industriellen Revolution überschritten, so dass man seitdem die Produktionsmittel als einen eigenständigen Produktionsfaktor betrachtet und sie als Kapital bezeichnet. Es reichte dann nur ein kleiner Schritt, um in der Anhäufung bzw. der Akkumulation des Kapitals die Voraussetzung für eine steigende Produktion zu sehen. Wir haben bei der Analyse der Marxschen ökonomischen Theorie erwähnt, dass der Physiokrat Anne Robert Jacques Turgot (1727-1781) einer der ersten war, der dies so begriffen hat. Smith ist ihm gefolgt. So lesen wir bei ihm:

„Die Produktivkraft einer gleichen Zahl Arbeiter kann nur dann zunehmen, wenn mehr oder bessere Maschinen und Werkzeuge ... eingesetzt werden oder wenn Arbeitsteilung und Arbeitseinsatz zweckdienlicher, effizienter, werden. Beides erfordert in der Regel zusätzlich Kapital.“ ... >

Die Produktivität kann nach Smith also nur durch die Arbeitsteilung steigen, die „in der Regel“ mehr Kapital pro Arbeiter erfordert. Was ist aber mit dem Ausdruck „in der Regel“ wirklich gemeint? Etwa, dass die Produktivitätssteigerung „meistens“ oder vielleicht „mehr oder weniger“ eine größere Menge von Kapital benötigt? Wie dem auch sei, Smith war vorsichtig genug sich nicht „festzunageln“. Bestimmt hatte er auch ein bisschen Glück im Unglück. Die Tatsachen haben ihm anderthalb Jahrhunderte Recht gegeben: Der Kapitalbedarf pro Arbeiter, also der Kapitalkoeffizient, hatte bis zur Großen Depression der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts die Tendenz zu steigen. Danach steigt er aber nicht mehr. Wir haben bei der Erörterung der Marxschen Akkumulationstheorie auf konkrete empirische Untersuchungen hingewiesen mehr.

Erwähnen wir an dieser Stelle noch, dass Marx’ Vorgänger und Lehrer David Ricardo (1772-1823) einer der wenigen gewesen ist, die nicht mit dieser angeblichen Tendenz einverstanden waren, aber auch die Stimme dieses damals sehr berühmten und einflussreichen Ökonomen war die des einsamen Rufers in der Wüste. Er konnte die ausgebrochene Manie bei den Ökonomen, die Kapitalakkumulation zur Grundlage der ganzen ökonomischen Theorie zu machen, nicht mehr verhindern. Marx war von der Kapitalakkumulation geradezu besessen. Sie passte nämlich so wunderbar zu dem (unsinnigen) dialektischen „Gesetz“ über den Umschlag von Quantität in Qualität. Kein Wunder dass Marx seinem „Beweis“, dass die höhere „organische Zusammensetzung des Kapitals“ gleichzusetzen mit der Produktivität der Volkswirtschaft sei, fast den ganzen dritten Band des Kapitals widmet:

„Es gibt nur ein einziges Mittel, die materiellen Bedingungen der Menschheit zu verbessern: Das Wachstum des angesammelten Kapitals muß das Wachstum der Bevölkerung übersteigen. Je höher der Betrag des investierten Kapitals auf den einzelnen Arbeiter gerechnet ist, desto mehr und bessere Güter können produziert und konsumiert werden. ...
Alle pseudo-ökonomischen Lehren, welche die Rolle des Sparens und der Ansammlung von Kapital geringschätzen, sind absurd. Was den größeren Reichtum einer kapitalistischen Gesellschaft im Vergleich zu dem kleineren Reichtum einer nicht-kapitalistischen Gesellschaft bildet, ist die Tatsache, daß das verfügbare Angebot an Kapitalgütern in der ersteren größer ist als in der letzteren. Was den Lebensstandard der Lohnarbeiter in die Höhe gebracht hat, ist die Tatsache, daß die Menge der Produktionsmittel pro Kopf der Arbeiter, denen es um den Arbeitslohn geht, gewachsen ist.“ ... >

Verdammt! Was war das jetzt bitte? Diese Sätze könnten zwar vorbildlich im dritten Band des Kapitals stehen, sie stammen aber von Ludwig Mises 1881-1973), dem prominenten Neoliberalen und Marxhasser des vorigen Jahrhunderts. So wie Misses, haben auch (fast) alle anderen bedeutenderen Ökonomen bis Mitte des 20. Jahrhundertsdamals gedacht. Wir können beliebig viele Zitate von ihnen aufführen.

Um den Unterschied zwischen Mises bzw. den Liberalen bzw. den Neoliberalen und Marx näher zu erörtern, fangen wir mit dem folgenden Zitat von Mises an:

„Welcher der beiden Faktoren, Arbeit oder Kapital, verursachte den Zuwachs der Produktivität? Wenn wir die Frage so stellen, muß die Antwort lauten: das Kapital.“ ... >

Mises spricht von zwei Produktionsfaktoren. Arbeit und Kapital haben für ihn bzw. für die späteren Liberalen nichts gemeinsam. Bei Marx ist dies völlig anders. Bei ihm wird das Kapital auf die Arbeit zurückgeführt (wie bei Smith), und zwar in folgendem Sinne:

Auch für Marx ist natürlich der Kapitalist derjenige, der das für die Produktion nötige Kapital zur Verfügung stellt. Die ursprüngliche Form dieses Kapitals ist Geld. Mit ihm kauft der Kapitalist bzw. der Investor das reale Kapital (Produktionsmittel) und die Arbeitskraft. Die Arbeitskraft? Sollte es nicht Arbeit heißen? Genau hier beginnen sich Marx und die Liberalen zu unterscheiden. Was der Kapitalist nach Marx von dem Arbeiter kauft, ist die Erlaubnis, so und so viele Stunden über diesen zu verfügen, und zwar so, wie ihm dies passt. Drastischer ausgedrückt, der Arbeiter verpachtet an den Kapitalisten den eigenen Körper und Geist und somit auch die eigene Freiheit und Würde. Im Interesse des Kapitalisten liegt es natürlich, dass er in der vertraglich festgelegten Zeit so viel es nur geht aus dem gepachteten Arbeiter herauspresst. Dies versteht Marx unter dem Begriff Arbeit. Ihr (Tausch-)Wert ist auf dem Markt größer als das, was der Arbeiter (die Arbeitskraft) als Lohn ausbezahlt bekommt. Smith drückt diesen Tatbestand mit folgenden Worten aus:

„Der Wert, den ein Arbeiter dem Rohmaterial hinzufügt, lässt sich ... in zwei Teile zerlegen, mit dem einen wird der Lohn gezahlt, mit dem anderen der Gewinn des Unternehmers.“ ... >

Den von dem Kapitalisten einbehaltenen (entwendeten) positiven Rest nennt Marx Mehrwert. Der Kapitalist gibt nicht den ganzen Mehrwert aus, sondern einen Teil von ihm spart er und investiert. Er investiert also etwas, was genau genommen gar nicht ihm, sondern dem Arbeiter gehört.

Bemerkung: Der Mehrwert eines Unternehmers (Kapitalisten) ist nicht gleich dem Profit. Wenn man aber die ganze Wirtschaft (die Klasse der Kapitalisten) zusammen nimmt, ist die Summe der Mehrwerte gleich der Summe der Profite. Dem Beweis dafür widmet Marx den ganzen zweiten Band des Kapitals. Dieser Beweis war es, der die „bürgerlichen“ Ökonomen zur Verzweiflung trieb. Eigentlich ist Marx aber ein mathematischer Fehler unterlaufen, so dass sein „Beweis“ völlig wertlos ist. Die Summe der Werte ist nicht gleich der Summe der Preise. Die „bürgerlichen“ Ökonomen brauchten aber etliche Jahrzehnte, um den mathematischen Fehler zu entdecken. Ein in der Tat schlechtes Zeugnis für die Wirtschaftswissenschaft. Wenn man über diese Problematik spricht, sind zwei Namen wichtig: Ladislaus Bortkiewicz (1868-1931) und Francis Seton (1920 - 2002).

Marx hat also mit seiner Arbeitswert- und Akkumulationstheorie für eine große Unruhe in der Wirtschaftswissenschaft des 19. Jahrhunderts gesorgt. Die „bürgerlichen Vulgärökonomen“ standen vor einer gigantischen Herausforderung, dem etwas entgegenzusetzen. Es wurde klar, dass man den Profit von der Arbeit trennen und aus ihm einen authentischen Produktionsfaktor machen muss. Aber wie? Das Leistungsprinzip! Was der Markt einem schenkt, sei schon per Definition ein genaues Äquivalent für die vollbrachte Leistung. Dann klingt es so:

„Indem für alle Produktionsfaktoren Marktpreise gebildet werden, wird jedem die Bedeutung beigelegt, die seiner Mitwirkung am Ergebnisse der Produktion entspricht. Jeder Produktionsfaktor empfängt im Preise den Ertrag seiner Mitwirkung. Im Lohn bezieht der Arbeiter den vollen Arbeitsertrag. ...
Der Eigentümer entzieht niemand etwas. Niemand kann sagen, daß er entbehrt, weil ein anderer besitzt.“ ... >

Der Arbeiter verkauft also die Arbeit, und er bekommt für sie genau das, was sie produktiv leistet. Was dem Unternehmer übrig bleibt, ist wiederum dessen eigene Leistung. Natürlich wird der Kapitalist seine Leistung, also einen Teil seines Einkommens bzw. des Profits sparen, um zu investieren. Wenn er dadurch reich wird, ist das folglich das Ergebnis seines Sparens. Alleine die persönliche Einstellung zum Sparen ist also die richtige und endgültige Erklärung der sozialen Unterschiede, hören wir von den Nachfolgern Smiths. Wie oft müsste sich der Arme im Grabe umdrehen, wenn er das erführe?

Die ganze ökonomische Theorie zwischen Smith und Keynes dreht sich um die Formel, die jeder von uns gelernt hat, noch bevor er den Kinderschuhen entwachsen ist: Spare, spare, Häusle baue! Für die gierige und rücksichtslose Klasse der Kapitalbesitzer war diese raffinierte Spar- und Akkumulationstheorie fast so etwas wie ein Geschenk Gottes. Eigentlich hat diese Klasse bis heute keine bessere Erklärung und Rechtfertigung ihrer Macht und Privilegien als diese Spar- und Akkumulationstheorie: Die Verschwendung des Reichen ist nur die gerechte Entlohnung für seine Sparsamkeit. Dank dieser Theorie können wir uns z.B. auch erklären, wie man in den letzten Jahren zum Oligarchen in Russland (und in den anderen ehemaligen postkommunistischen Ländern) emporgestiegen ist: Indem man auf ein paar Wodka pro Tag verzichtete und manchmal die Wochenenden durcharbeitete.

Die spitzfindige Erfindung der Smithschen Nachfolger, dass das Kapital sozusagen die in Materie verwandelte Qual und Schmerz der Entsagung darstellt, konnte zwar Ruhm und Ehre der Reichen retten, ganz glücklich ließ es sich mit dieser Auffassung dennoch nicht leben. Sollte das Sparen allein die Produktivität einer Wirtschaft bestimmen, dann musste man ja richtige Angst vor der Planwirtschaft haben. Die Sparmöglichkeiten des Kapitalisten sind nämlich auf vielerlei Weise beschränkt:

  • Er muss einen Teil seines Profits für die Korruption der Politiker und Staatsbeamten verwenden, damit sie die Gesetze nach seinem Willen entwerfen. (Man kann sich diese Kosten nur dann sparen, wenn man - wie in Amerika - selber in die Politik geht.)
  • Er muss einen Teil seines Profits an Bildungseliten (Professoren, Experten, Analytiker, ...) und Medienbesitzer abtreten, damit sie für die Attraktivität und die Legitimität der kapitalistischen Klassenunterschiede sorgen.
  • Und er will sich natürlich für die „eigene Leistung“ auch etwas persönlich gönnen - das Leben in vollen Zügen genießen.

Dies alles konnte sich die sozialistische Wirtschaft sparen; außerdem konnte der Planer höhere Sparquoten von den Arbeitern verlangen. Wenn der Krieg zwischen Himmel und Hölle an der Kapitalmenge entschieden werden sollte, ließe sich daraus nur eins folgern, nämlich dass gerade das Marxsche Modell der historische Sieger sein müsste. Einige Liberale hatten in der Tat den Mut, diese unangenehme Perspektive offen auszusprechen, wie etwa der bekannte Ordoliberale Alexander Rüstow:

„Von der Höhe der Investitionsquote hängt das Tempo des wirtschaftlichen Fortschritts ab. Die Russen können trotz einer wesentlich geringeren Produktivität ihrer Wirtschaft infolge ihrer diktatorischen Staatsform aus diesem geringeren Sozialprodukt einen sehr viel höheren Betrag für Investitionszwecke herausquetschen. Sie können so ein Tempo des technischen und wirtschaftlichen Fortschritts vorlegen, mit Gewalt erzwingen, dem man mit westlichen Methoden nicht ohne weiteres folgen kann. Es ist durchaus nicht ausgeschlossen, daß sie das Ziel, Amerika einzuholen und zu überholen, das wir bisher immer als Propagandaschlagwort der Russen angesehen haben, mit dieser Methode des Zwangs, die wir ja nicht anwenden können, doch einmal erreichen. Auf jeden Fall ist das eine Situation, in der wir uns sehr hüten sollten, an eine Verringerung unserer Investitionsquote zu denken.“ ... >

Kein Wunder also, dass viele deutsche Ökonomen der Weimarer Zeit heimlich oder gar offen für die Diktatur schwärmten. Rüstow erwog die Außerkraftsetzung der gerade erst geschaffenen Weimarer Demokratie, indem er in Anlehnung an den rechts-konservativen Soziologen Carl Schmitt „eine befristete Diktatur“ empfahl, „sozusagen eine Diktatur mit Bewährungsfrist.“ Ein anderer, damals in der ganzen Welt bekannter deutscher Ökonom, Werner Sombart (1863-1941), der letzte Vorsitzende des Vereins für Socialpolitik bis zu dessen (zeitweiliger) Selbstauflösung 1936, Ehrendoktor vieler Universitäten und Ehrenmitglied der American Economic Association, ließ uns später in aller Klarheit wissen: „Der Führer, unser Führer“ - er meinte natürlich Hitler - „erhält seine Befehle direkt von Gott, dem Führer des Universums“.

Wenn die sozialistische Wirtschaft wirklich fähiger sein sollte, das Kapital schneller zu akkumulieren, als die private, was könnte dann die private Marktwirtschaft noch vor dem Untergang retten? Man musste sich wirklich etwas Raffiniertes ausdenken, aber was? Mises war einer, der auf das richtige Pferd setzte. Es mag stimmen, so die Stoßrichtung seiner Argumentation, dass die Planwirtschaft mehr einsparen bzw. investieren kann als die private Marktwirtschaft, sie wird aber mit dem Kapital nicht das Richtige tun. Nur der Markt alleine sei imstande. die Produktionsfaktoren rational anzuwenden. Mises war zwar mit seiner Art und Weise zu argumentieren nicht sehr überzeugend, aber sein Ansatz hat sich als nachbesserungsfähig erwiesen, und zwar dank der mathematischen Theorie von Walras und Pareto.

3 - Die Preisbestimmung als die Sackgasse der Wirtschaftswissenschaft des 19. Jahrhunderts

Wir haben bereits festgestellt, dass Walras mit seinem Gleichgewichtsmodell vor allem die Preise erklären wollte. Es war eine große Obsession der Ökonomen des 19. Jahrhunderts, das Geheimnis der Preise zu lüften: ihr „wahres“ oder „objektives“ Wesen zu bestimmen. Die erbitterten ideologischen Schlachten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts waren Schlachten im Namen der einzig richtigen Preise. Wenn man sich darüber Gedanken macht, leuchtet dies eigentlich ein: In allen anderen Fragen war man sich schon längs ziemlich einig. Die preistheoretischen Differenzen sind fast das einzige Forschungsfeld geblieben, wo man richtig aneinander geraten und sich profilieren konnte.

Nach Marx werden die Preise durch die Arbeitskosten (sogenannte „normale Arbeitszeit“) bestimmt. Dies gilt angeblich (in einer modifizierten Form) auch im Kapitalismus, und erst recht sollte dies in der Kommunistischen Wirtschaft gelten. Mises dagegen war einer der bekanntesten Verfechter der Marktpreise - der wichtigste im deutschsprachigen Raum. Die Marktpreise seien nach ihm nicht nur die richtigen, sondern die einzigen, mit denen sich effizient wirtschaften lässt. Weil die Planwirtschaft die richtigen Preise nicht kenne, so seine Schlussfolgerung, würde diese gar nichts richtig machen können. Die Planwirtschaft sei schlicht und ergreifend unmöglich. Nicht einmal z.B. eine Eisenbahnlinie zu bauen sollte sie fähig sein.

„Man stelle sich einmal einen ganz einfachen Fall vor. Bei einem Eisenbahnbau sind mehrere Linienführungen denkbar. Zwischen A und B liegt z. B. ein Berg. Man kann die Bahn über den Berg führen, man kann sie um den Berg herumführen und man kann sie in einem Tunnel durch den Berg durchführen. In der kapitalistischen Gesellschaftsordnung ist es ein Leichtes, zu berechnen, welche Linie am rentabelsten ist. Man ermittelt die Baukosten, die jede der drei Linien erfordern würde, und die Differenz der Betriebskosten, die der Verkehr auf jeder von ihr erfordern wird. Aus diesen Größen ist dann unschwer festzustellen, welche Strecke die rentabelste sein wird. Für die sozialistische Gesellschaftsordnung wären solche Rechnungen nicht durchführbar. Denn sie hätte keine Möglichkeit, die verschiedenartigen Qualitäten und Mengen von Gütern und von Arbeit, die hier in Betracht kommen, auf ein einheitliches Maß zu reduzieren. Vor den gewöhnlichen und alltäglichen Problemen, die die Wirtschaftsführung bietet, würde die sozialistische Gesellschaftsordnung ratlos dastehen, da sie keine Möglichkeit hätte, rechnerische Kalkulation vorzunehmen.“ ... >
„Ohne Wirtschaftsrechnung keine Wirtschaft. Im sozialistischen Gemeinwesen kann es, da die Durchführung der Wirtschaftsrechnung unmöglich ist, überhaupt keine Wirtschaft in unserem Sinne geben. Es gäbe kein Mittel, zu erkennen, was rationell ist. ...
Alles tappt hier im Dunkeln. Sozialismus ist Aufhebung der Rationalität und der Wirtschaft.“ ... >

Mises hat Rechtswissenschaften studiert, womit sich gewissermaßen erklären lässt, dass er so einen Schwachsinn über etwas labert, wovon er keine Ahnung hat. Alle seine „Argumente“ sind die eines Rechtsanwalts, und zwar eines, der merkt, dass seine Strategie nicht verfängt, und der sich dann immer wieder mit Schaum vor dem Mund und blutunterlaufenen Augen über den verdorbenen und destruktiven Charakter des Angeklagten ereifert:

„So würde die sozialistische Wirtschaft zu einem Chaos werden, in dem schnell und unaufhaltsam eine allgemeine Verarmung und ein Zurücksinken in die Primitivität unserer Vorfahren eintreten müßten.“ ... >
„Alle Bestrebungen, den Sozialismus zu verwirklichen, führen nur zur Zerstörung der Gesellschaft. Die Fabriken, die Bergwerke, die Bahnen werden stillstehen, die Städte werden veröden. Die Bevölkerung der Industriegebiete wird aussterben oder abwandern. Der Bauer wird zur Selbstgenügsamkeit der geschlossenen Hauswirtschaft zurückkehren. Ohne Sondereigentum an den Produktionsmitteln gibt es auf die Dauer keine andere Produktion als die von der Hand in den Mund für den eigenen Bedarf.“ ... >

Zweifellos besaß Mises ein seltenes Talent dafür, den Staat und seine Institutionen herabzusetzen und zu schmähen, die Politiker und Beamten zu korrupten Fieslingen und universellen Stümpern zu erklären und alle, die etwas am Kapitalismus zu kritisieren hatten, als hoffnungslose Dummköpfe und verkommene Demagogen zu verhöhnen. Dass solche Manieren in bestimmten Kreisen und Interessengruppen immer sehr geschätzt sind, lässt sich leicht verstehen, aber an sich überzeugt eine solche „Argumentation“ nicht. Kein Wunder, dass sich Mises immer bitter beklagt, dass es ihm „mit den Argumenten der Vernunft“ nicht gelinge, andere zu überzeugen. Damit meint er natürlich nicht die Menschen aus der Masse - von ihnen hat er sowieso nichts erwartet. Ihm fiel schwer zu begreifen, dass ihm nur wenige Bildungsbürger folgen wollten, ja sogar die aus der Klasse der Besitzenden konnte er nicht um sich scharen. So hat er einmal in seiner Wut den renommiertesten amerikanischen Neoliberalen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Milton Friedman, als Sozialisten bezeichnet, was für ihn den Inbegriff der größten Dummheit bedeutete.

Hat der Zusammenbruch des Kommunismus Mises Recht gegeben, dass die Planwirtschaft nicht realisierbar sei? Nein, die Gründe, warum sie versagt hat, waren ganz andere als die, welche er meinte erkannt zu haben. Es waren bestimmt nicht die Probleme der Preisbestimmung und schon gar nicht die der Kapitalakkumulation. Beides sind eigentlich falsche Probleme; sie sind die Reste des metaphysischen Denkens in der ökonomischen Theorie, sowohl der marxistischen als auch der neoliberalen. Etwas mehr über die wahren Ursachen dafür, warum der Kommunismus den Kapitalismus nicht „eingeholt und überholt hat“ steht im Anhang: Die Stärken und die Grenzen der zentral geplanten Wirtschaften mehr.

Aus der gut gefüllten Schmutzkiste von Mises können sich die Ideologen und Demagogen noch eine lange Zeit bedienen, aber der Liberalismus brauchte eine Theorie, die nicht nur alle anderen schlecht redet, sondern auch etwas aus sich heraus holt - also positive Inhalte zu bieten hat. Die mathematische Gleichgewichtstheorie von Walras und Pareto hat sich da als gute Alternative erwiesen. Es hat aber einige Zeit gedauert, bis man sich traute, mit ihr etwas zu tun zu haben, weil den wichtigen und seriösen Ökonomen von Anfang an klar war, dass Walras und Pareto nur den alten Wein in neue Schläuche gefüllt hatten.

Nachdem dann Pareto „bewiesen“ hatte, dass der Tausch nicht nur zum Gleichgewicht, sondern zur höchstmöglichen ökonomischen Effizienz führt, wurde es jedoch klar, dass die neue Theorie hervorragende ideologische Dienste leistet. Und dies sogar dann, wenn alle Akteure als Egoisten handeln. Seitdem sollte als „streng wissenschaftlich“ nachgewiesen gelten, dass die Marktwirtschaft eine (idioten-)sichere Einrichtung ist. Folglich konnte man nicht mehr daran zweifeln, dass die komplizierten Planentwürfe der Staatsbürokratie, in der sich angeblich Fehler auf Fehler reihen, nicht nur überflüssig, sondern auch gefährlich sind. Man brauchte keine Angst mehr davor zu haben, dass die autoritäre Planwirtschaft schneller Kapital akkumuliert. Auch wenn dies der Fall wäre, würde ihr dies trotzdem nichts helfen, weil sie nicht im Stande ist mit dem Kapital so rational umzugehen wie die Marktwirtschaft. Deshalb sollte die Marktwirtschaft der historische Sieger sein. Warum sollten aber die Marktpreise so viel besser sein als die durch Arbeit bestimmten Preise?

Wir haben bereits gezeigt, dass auf dem Markt jeder Konsument durch Tausch seinen Nutzen maximieren kann, ohne dabei anderen zu schaden, und zwar auch dann noch (bzw. gerade dann), wenn er als Egoist handelt. mehr Lässt sich aber das gleiche Prinzip auch auf die Produktion erweitern? Sind die Preise der Produktionsgüter, so wie sie durch Angebot und Nachfrage entstehen, auch die Preise, durch die ein im Sinne Paretos optimaler Zustand entsteht? Das wollen wir jetzt herausfinden. Zuerst schauen wir uns an, wie sich die neoliberale Theorie die Preisbildung auf dem Markt der Produktionsgüter vorstellt.

Der wichtigste Akteur auf dem Markt ist in der neoliberalen Theorie nicht der Kapitalist, sondern der Unternehmer. Auf den ersten Blick scheint dies kein großer Unterschied zu sein, aber dieser Eindruck täuscht. Stellen wir uns den Unternehmer als Manager vor, der das Ersparte von Omas und Opas Sparbuch investiert. Er entscheidet sich für Investitionen, die später ermöglichen werden, dass Güter preisgünstig produziert werden, aber nicht, weil der Unternehmer etwas Gutes tun will, sondern weil ihn die Konkurrenz dazu zwingt. Würde nämlich der Unternehmer seine Güter nicht preisgünstig anbieten können, dann würde es ihm nicht gelingen, sie auf dem Markt abzusetzen.

Der Druck der Konkurrenz zur Kostenminimierung zwingt den Unternehmer auch, die Löhne so niedrig wie möglich zu halten. Aber die niedrigen Löhne führen auch zu niedrigeren Preisen der Konsumgüter, so dass von diesen auch der Arbeitnehmer indirekt profitiert. Der Unternehmer hat zwar die Macht, dem Arbeiter zu kündigen, aber dem Arbeiter steht auch frei, sich einen Unternehmer auszusuchen, der mehr zahlt. Insoweit ist auf dem Markt weder der Unternehmer noch der Arbeiter benachteiligt oder bevorzugt. Findet der Unternehmer billigere Arbeiter und der Arbeiter ein Unternehmen, das ihn besser entlohnt, ist dies nicht nur für beide nützlich, sondern hat auch positive Folgen für die ganze Wirtschaft. Auf den Punkt gebracht: Der Markt drängt alle, die ihre Arbeit und Dienstleistungen anbieten, sich dort hinzubewegen, wo ihre Talente und Begabungen die beste Anwendung finden.

Walras und seine Nachfolger haben sich immer große Mühe gegeben zu zeigen, wie ungeheuer wichtig das, was der Unternehmer macht, für ein effizientes Wirtschaften ist. Folglich wurde für die unternehmerische Aktivität ein besonderer Begriff reserviert: Substitution bzw. substituieren. Der erste Ökonom, der die angeblich ungeheuerliche Bedeutung der Substitution erkannt habe, sei der deutsche Ökonom Johann Heinrich von Thünen (1783 - 1850), behauptet Joseph Schumpeter (1883-1950), einer der Hohenpriester des Neoliberalismus. Deshalb spricht er voll Begeisterung von Thünens „berühmtem Substitutionsgesetz“. Seltsamerweise war Thünen - kurz gefasst - ein staatsplanerischer Phantast und Schöpfer der Utopie von einem „Isolierten Staat“. Was bedeutet nun die Substitution bzw. substituieren? Im Duden lesen wir:

sub|sti|tu|ie|ren <aus gleichbed. lat. substituere>: austauschen, ersetzen, einen Begriff anstelle eines anderen setzen (Philos.).

Wenn also der Walrassche Unternehmer einen Arbeiter entlässt und einen anderen einstellt, so substituiert er ihn. Die Substitution bedeutet aber mehr: das Austauschen zwischen dem Kapital und der Arbeit. Gerade diese Art der Substitution ist nach der neoliberalen Auffassung der Schlüssel zum tieferen Verständnis der Funktionsweise der Marktwirtschaft. Deshalb verlangt sie unsere ganze Aufmerksamkeit. Wir bedienen uns eines Beispiels, um sie zu verdeutlichen.

Stellen wir uns einen kleineren Unternehmer vor, der eine Gaststätte besitzt. Er wird sich ständig bemühen, billigere Tellerwäscher für seine Küche zu finden, damit er die Preise seiner Gerichte zum Vorteil aller Bürger (Kunden) senken kann. Er wird es aber nicht nur dabei belassen. Er wird sich auch Gedanken machen, eine Geschirrspülmaschine zu kaufen. Würden die Tellerwäscher zu hohe Löhne verlangen, würde er in diese Maschine investieren: also die Arbeit durch Kapital ersetzen d.h. substituieren.

„Substitution hin, oder her“ - würde ein Kenner der alten liberalen Schriften jetzt verstimmt protestieren - „was aber ist daran bitte neu?“ Ja, abgesehen von dem Begriff Substitution ist diese Geschichte seit Smith schon unzählige Male erzählt worden. Die Details sind aber nicht gleich und genau auf diese kommt es an. Die Optimierung im Sinne der Substitution von Arbeit durch Kapital hat sich als Grundlage einer völlig neuen theoretischen Entwicklung erwiesen, die mit dem alten Liberalismus in mehreren Punkten gebrochen hat.

• Ene mene mu - und raus bist, Profit, du!

Im Gleichgewichtsmodell gibt es keinen Profit. Wie bitte? Ja, das was ein Jahrhundert nach Smith bei allen Ökonomen noch als selbstverständlich galt, hat man einfach unter den Tisch fallen lassen. Warum eigentlich? Es hat vor allem mit der Mathematik zu tun, was wir später genauer erörtern werden. Jetzt reicht dazu nur eine kurze Bemerkung dazu, dass nämlich das Gleichgewichtsmodell so konzipiert ist, dass es nur einen Preis pro ein Gut bzw. Produktionsfaktor gibt; sonst hat sein System von mathematischen Gleichungen keine Lösung. Die Mathematik ließ also den Konstrukteuren des Gleichgewichtsmodells dem Produktionsfaktor Kapital nur einen Preis zuordnen. Sie mussten sich also zwischen Zins und Profit entscheiden und sie entschieden sich für Zins. Was das Fehlen des Profits konkret bedeutet, verdeutlichen wir an unserem kleinen Beispiel mit der Gaststätte.

Wir können fest davon ausgehen, dass unser Gaststättenbesitzer bei jeder Gelegenheit an die „ökonomische Vernunft“ der Tellerwäscher appelliert hat, keine höheren Löhne zu verlangen. Nehmen wir an, diese haben auf höhere Löhne tatsächlich verzichtet. Folglich kaufte er doch keine Geschirrspülmaschine. Die Tellerwäscher wurden belohnt, indem sie ihre prekäre Arbeitsstelle behalten konnten. Wurde dies aber für die Wirtschaft als Ganzes nicht zu einem Nachteil? Musste nicht infolgedessen die Geschirrspülmaschinenfabrik ihre Produktion herunterfahren und eventuell auch einige Arbeiter entlassen? Ja, dies könnte durchaus der Fall sein, aber genauso könnte dies nur bedeuten, dass diese Fabrik ihre Produktion nicht - wie erhofft - erweitern konnte. Man kann doch davon ausgehen, dass ein seriöser Unternehmer seine Lage richtig einschätzt und dann mit einer Produktion beginnt, wenn die Nachfrage vorhanden ist. Wenn also die Unternehmer vernünftig handeln, verursacht die Lohnsenkung in einem Unternehmen keine realökonomischen Schäden in einem anderen. Sie ist aber von großem Nutzen für die Wirtschaft als Ganzes:

Fals unser Gaststättenbesitzer die „lohnbewussten“ Tellerwäscher nicht substituiert hat, steht nämlich die Kapital- bzw. Geldmenge, die nicht für den Kauf der Geschirrspülmaschine ausgegeben werden musste, für andere investive Zwecke zur Verfügung. Die Wirtschaft kann auf dieses Kapital zurückgreifen und wachsen oder - wie oben erörtert - die Produktivität steigern.

Da sieht man, wie der Lohnegoismus der Arbeiter - der noch durch die Gewerkschaften angestachelt wird - der Wirtschaft, der Gesellschaft und schließlich auch den Lohnempfängern selbst schadet. Die Mathematik hat also endgültig und exakt das nachgewiesen, was die Arbeitgeber schon immer gewusst haben. Hat sie es wirklich?

Das Gleichgewichtsmodell ist eine sehr komplizierte mathematische Angelegenheit und daher für einen Laien unverständlich. Die Schlussfolgerung, die aus diesem Modell hervorgeht und als zweifelsfrei nachgewiesen gilt, kann man aber auf eine einfache Formel zurückführen:

Auf der linken Seite dieser Gleichung stehen die Nettoeinkünfte der Wirtschaft, die eine bestimmte feste Größe darstellen, genau nach dem Grundsatz, dass man nur das verteilen kann, was erwirtschaftet wird. Der Profit (P) auf der rechten Seite entfällt natürlich gänzlich, die Ersparnisse (S) und Zinsen (Z) bleiben. Diese Mathematik sagt uns: Wenn die Lohnsumme (L) kleiner wird, müssen die Ersparnisse und die Zinsen - die Einkünfte von Oma und Opa - automatisch steigen. Weil die Zinsen nur ein kleiner Bruchteil der Anlage sind, wird also jede Lohnsenkung hauptsächlich in die Ersparnisse bzw. neue Investitionen fließen. Letzten Endes bedeutet dies, dass durch Lohnsenkungen jede Arbeitslosigkeit beseitigt werden kann bzw. muss. Anders gesagt, die Höhe der Arbeitslosigkeit wird durch die Arbeiter bestimmt, durch die Lohnansprüche derjenigen, die Arbeit schon haben:

„Die Versuche, höhere Lohnsätze zu erzwingen als diejenigen, die in einer freien Marktwirtschaft festgesetzt worden wären, führen zu Massenarbeitslosigkeit. ... Die Nationalökonomen haben diese Lehrsätze in einer unwiderlegbaren Weise bewiesen.“ ... >
„Es gibt also stets in der Volkswirtschaft einen Lohnsatz, bei dem alle Arbeiter Beschäftigung und jeder Unternehmer, der eine bei diesem Lohnsatz noch rentable Unternehmung ins Werk setzen wollte, die gesuchten Arbeiter findet. Diesen Lohnsatz pflegt die Nationalökonomie den statischen oder natürlichen Lohn zu nennen.“ ... >

Die Arbeitslosigkeit im echten Sinne des Wortes, als ein Versagen der Marktwirtschaft kann es also gar nicht geben. Der Fachmann sagt dazu auch: Die freiwillige Arbeitslosigkeit gibt es nicht. Eine „fraktionelle“, also eine punktuelle strukturelle Arbeitslosigkeit kann es natürlich geben, aber doch keine Massenarbeitslosigkeit. Dank dem „berühmten Substitutionsgesetz“ ist also auch das Geheimnis der Großen Depression vor knapp einem Jahrhundert gelüftet.

„Man verstand nicht, daß es sich nicht darum handelt, daß der ,,Arbeitslose“ überhaupt keine Arbeit findet, sondern darum, daß er nicht gewillt ist, für den Lohn zu arbeiten, den er auf dem Arbeitsmarkte für die Arbeit, die er zu leisten befähigt und bereit ist, zu erzielen in der Lage wäre. ... Die Arbeitslosigkeit ist ein Lohnproblem und kein Arbeitsproblem.
Im Gleichgewichtszustand der Volkswirtschaft gibt es keine unbeschäftigten Arbeitskräfte. Die ... Verschiebung der Lohnsätze hat immer wieder die Tendenz, sie zum Verschwinden zu bringen.“ ... >

Auf den Punkt gebracht, war die damalige Massenarbeitslosigkeit nichts anderes als eine Epidemie der Faulheit. Mit vollem Ernst wurde dies tatsächlich von vielen damaligen prominenten Liberalen behauptet. Folglich wussten sie alle, was man hätte tun müssen: Die Löhne sollten gesenkt und die Unterstützung der Arbeitslosen reduziert werden, damit sich die Arbeiter mehr um Arbeit bemühen. „Der Grund der Arbeitslosigkeit“, fasste es seinerzeit Schumpeter im Namen aller Liberalen zusammen, „heißt: Mangelhafte Beweglichkeit der Arbeit. ... Wäre Arbeit vollständig beweglich, d. h. könnten die Arbeiter, die in irgendeiner Branche arbeitslos sind, sich ohne weiteres auf andere Verwendungen umstellen, so würde es immer und notwendig eine Nachfrage für ihre Arbeit in anderen Industrien geben.“ Und Schumpeter folgert daraus triumphierend: „Die Wissenschaft bietet tatsächlich alles, was wir zum grundsätzlichen Verständnis der Erscheinung brauchen.“ ( Aufsätze zur Wirtschaftspolitik, S153 - 155.)

In keinem anderen westlichen Land hat man damals daran so fest geglaubt wie in Deutschland und in keinem anderen waren sich die Ökonomieprofessoren, Wirtschaftsexperten und alle anderen Eliten so einig, dass es eine andere Alternative nicht gäbe. Der (Reichs-)Kanzler Brüning stellte sich an die Spitze dieses erbärmlichen und verhängnisvollen Kreuzzuges gegen die Löhne und Sicherungssysteme. Übrigens stammte Brüning aus bescheidenen Verhältnissen und war Gewerkschafter. Mit einem Doppelklick auf erinnern wir an einige der charakteristischen Stationen an diesem Weg zum Untergang, die so unverkennbar all dem ähneln, was wir beim Kanzler Schröder neulich erlebt haben. Würde nun jemand sagen wollen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt?

• Das Beschäftigungsniveau als Ergebnis der Optimierungs zwischen Freizeit (Faulheit) und Einkommen

Wer nicht in die Geheimnisse der neoliberalen Zunft eingeweiht ist, wird zuerst sehr staunen, wenn man ihm jetzt sagt, dass sich die westliche Wirtschaft auch während der Großen Depression in einem im Sinne Paretos optimalen Zustand befand. Um das zu verstehen, braucht man nur das Thünensche „berühmte Substitutionsgesetz“ konsequent anzuwenden. Die Arbeitslosigkeit lässt sich nach dem gleichen Muster der Substitution erklären wie die Nutzenmaximierung auf dem Konsummarkt. Wir haben dieses Muster mit dem Beispiel des Tauschverhaltens des Milchtrinkers und des Würstchenessers verdeutlicht mehr. Der Milchtrinker substituierte dort seine Würstchen durch Milchpulverdosen. Im Prinzip tut auch ein Arbeiter, der zur Arbeit geht, nichts anderes. Er substituiert seine Freizeit durch Lohn oder umgekehrt, er verzichtet auf Lohn, um seine Freizeit zu genießen - je nachdem, wie seine persönlichen Präferenzkurven aussehen. Wenn es also die Arbeitslosigkeit gibt, ist sie nur freiwillig. Folglich ist auch eine Marktwirtschaft, in der es 10 ... 20, 30 Prozent Arbeitslose gibt, in einem  Pareto-optimalen Zustand.

Was man hier mit Worten so einfach beschreiben kann, lässt sich auch mathematisch problemlos formulieren. Wenn Freizeit und Arbeit monoton fallende Nutzenkurven sind, haben sie genau den gleichen Stellenwert im mathematischen Modell von Walras und Pareto wie jedes andere Gut. Die neoliberale Theorie hat also so verschiedene Güter wie Milch, Wurst, Arbeit, Freizeit, ... auf ein gemeinsames Wesen zurückgeführt. Ist das nicht faszinierend? Gewiss. Aber vor allem ist es ideologisch sehr nützlich:

Die Präferenz für die Freizeit bedeutet, frei gesprochen, nichts anderes als Faulheit. Also ist jedes Mitleid mit dem Arbeitslosen fehl am Platz und falsch. Ein Arbeitsloser ist ein faules und moralisch verkommenes Wesen, das es nur auf das hart verdiente Einkommen der fleißigen Menschen abgesehen hat. Jede Art der Arbeitslosenunterstützung bedeutet also, aus den Tätern Opfer zu machen. Jede Sozialhilfe ist so etwas wie ein legaler Raub.

Ich hoffe, lieber Leser, dass du jetzt nicht auch dein Restvertrauen in die Mathematik verloren hast. Wir werden im nächsten Beitrag aber zeigen, dass die Mathematik keine Schuld daran trägt, dass sie in die Hände von Fantasten, Scharlatanen und Ideologen geraten ist. Ja, du ahnst schon richtig, dass alles, was wir vorhin logisch, streng logisch geschlussfolgert haben, eigentlich so gut wie nichts mit der Mathematik zu tun hat. Es ist die Folge der Annahme, dass es Profit nicht gibt. Aber nicht nur dieser einen wahnwitzigen Annahme:

Die Vorstellung, durch niedrigere Löhne würde das vorhandene Kapital (der Kapitalstock) mehr Beschäftigung bringen und dieser Zustand wäre zugleich optimal bzw. effizient, ist produktionstechnisch völlig falsch. Das „berühmte Substitutionsgesetzt“ ist eine reine theoretische Empfindung, eine Schimäre, die allein im Rahmen des neoliberalen Gleichgewichtsmodells existiert, also in verwirrten Köpfen der realitätsfremden Theoretikern, sonst nirgendwo. Der Beweis dafür wurde vor etwa einem halben Jahrhundert während der bekannten „Cambridge-Cambridge-Auseinandersetzung“ erbracht. Diese Kontroverse war eine große Schlacht der Mathematiker, aber ihr Sinn lässt sich auch ohne Mathematik vermitteln. Das tun wir im nächsten Beitrag. Jetzt wollen wir nur noch - der Vollständigkeit halber - ganz kurz das „Substitutionsgesetz“ und das „Paretosche Optimum“ den früheren liberalen Auffassungen gegenüberstellen.

Smith wäre nie in den Sinn gekommen, dass Arbeitslosigkeit etwas mit Lohnniveau zu tun haben könnte. Auch für die wichtigsten Ökonomen der nachfolgenden Generation, etwa Malthus und Ricardo, wäre die Auffassung, dass es zwischen der Beschäftigung einerseits und dem Lohnniveau andererseits einen kausalen Zusammenhang gäbe, dummes Zeug oder im besten Fall ein schlechter Scherz gewesen. Sie waren scharfe Beobachter der Tatsachen und so etwas wie: niedrige Löhne = hohe Beschäftigung, haben sie nirgendwo gesehen, weil es einen solchen Zusammenhang nie gab und nie geben wird.

Aus einem weiteren Grund käme es bei den Grand Old Men des Liberalismus nicht in Frage, die Beschäftigung durch niedrigere Löhne zu erhöhen. Dies würde ihrer Auffassung von der Produktivität direkt widersprechen. Wenn nämlich mehr Kapital pro Beschäftigten für höhere Produktivität sorge, dann wäre es wahnsinnig, das Verhältnis des Kapitals zur Arbeit zu verringern.

Bemerkung: Bis zum Ende durchdacht, käme man dann auf die Idee, dass es besser wäre, den Arbeitslosen ein bedingungsloses Einkommen auszuzahlen, als sie zu beschäftigen und dadurch das Verhältnis zwischen dem Kapital und den Löhnen, als die Produktivität der Volkswirtschaft in Mitleidenschaft zu ziehen. Dies wäre natürlich ein Grund, der für das bedingungslose Grundeinkommen spricht. Das bedingungslose Grundeinkommen war bei den älteren Liberalen jedoch nie ein Thema. Sie hätten auf eine solche Idee nie kommen können, weil sie in der damaligen Zeit absurd gewesen wäre. Damals war bekanntlich die Überbevölkerung noch ein großes Problem, das sich durch ein bedingungsloses Grundeinkommen bestimmt noch vergrößert hätte. Es gibt natürlich auch andere gewichtige Argumente gegen das bedingungslose Grundeinkommen, die wir bereits beschprochen haben mehr.

Nun hat sich später herausgestellt, dass das Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit nichts über Produktivität aussagt, dass sich diesbezüglich (fast) alle älteren Liberalen gründlich getäuscht hatten. Etwas Besseres konnte der neoliberalen Theorie nicht geschehen. Seitdem konnte man über Substitution und Lohnsenkung als über exakt nachgewiesen und unbestrittene Wahrheiten feiern. Gerade deshalb ist die „Cambridge-Cambridge-Kontroverse“ ein Meilenstein der ökonomischen Theorie, weil sich dort eindeutig erwiesen hat, dass die neoliberale Theorie nur eine akademische Idiotie ist, die ihresgleichen suchen muss.

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