DIE BISHERIGEN PARADIGMEN DER WIRTSCHAFTSWISSENSCHAFT
     
home inhalt suche
 
      blättern  ( 11 | 19 )


  Der Markt ist kein Mechanismus, da der Mensch kein Kräftebündel ist
  Strategien statt Gleichgewicht: Wäre die Spieltheorie ein besseres Paradigma?
       
 
Die [neoliberale] mikroökonomische Theorie ist nicht grundsätzlich richtig, und die eigentlichen Probleme der Ökonomie sind durch eine unbefriedigende mikroökonomische Theorie bedingt. ... Um eine sinnvolle Alternative zu bieten, müsste man zunächst eine neue Mikroökonomie entwickeln, die mit makroökonomischen Problemen konsistent ist, und dann auf dieser Basis eine neue Makroökonomie konzipieren.
 
    Lester C. Thurow, ein bekannter US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler    

Wir haben schon darauf hingewiesen, was die neoliberale Theorie am liebsten tut, wenn sie sich verzettelt und nicht weiter kann: Sie vereinfacht das Problem bedenkenlos und brutal immer weiter, bis irgendwann die Schlussfolgerungen möglich sind, die zu ihrem ideologischen Bild passen. Aber - würde da der Laie fragen - warum sollte man bei der Analyse nicht stufenweise vorgehen: Zuerst lässt man vieles weg, um feste Grundlagen für die ökonomische Theorie aufzustellen und in den nächsten Schritten werden dann immer mehr Einzelheiten hinzugefügt und draufgesetzt? Diese theoretische Vorgehensweise ist im Prinzip richtig und üblich, aber nicht immer anwendbar. Man kann nämlich nicht im ersten Schritt etwas weglassen, weil es nicht in ein Denksystem (Paradigma) passt, und im nächsten dasselbe dennoch - durch irgendeine Hintertür - einschmuggeln. Damit wird die Konsistenz des Denksystems zerstört. Was schon auf einer früheren Abstraktionsstufe weggelassen wird, weil es „stört“, wird auch auf den nächsten Niveaus „stören“. Dies gilt vor allem für die tragenden Säulen einer jeden Theorie. In der neoliberalen Theorie bzw. ihrem  Gleichgewichtsmodell ist diese wichtigste Säule die Nutzenkurve. Wollte man dieses Modell zum „Totalmodell“ weiterentwickeln, müsste man folglich die Nutzenkurve immer besser an die Realität anpassen, und genau da liegt das Problem. Tut man dies, wird alles, was man bereits mühselig aufgebaut hat, hinfällig. Dazu wollen wir jetzt etwas mehr sagen.

Um zu verdeutlichen, worum es geht, kommen wir noch einmal auf eines unserer Beispiele zurück, auf das mit dem Würstchenesser. Nehmen wir an, dieser setzt sich zum Mittagessen an den Tisch und beginnt seine Lieblingswürstchen eins nach dem anderen genüsslich zu verspeisen. Jedes weitere verspeiste Würstchen schmeckt ihm natürlich immer weniger, und genau das schildert die monoton fallende Nutzenkurve. Sie drückt auf eine mathematische Weise die Sättigung der biologischen Bedürfnisse aus. Dass die Sättigung der Bedürfnisse eine Tatsache ist, lässt sich nicht im Geringsten bezweifeln. Wie bereits erwähnt, hat Gossen diese Tatsache zum Gesetz (1854) erhoben:

Die Größe eines und desselben Genusses nimmt, wenn wir mit der Bereitung des Genusses ununterbrochen fortfahren, fortwährend ab, bis zuletzt Sättigung eintritt. Das erste Gossensche Gesetz

Der Vollständigkeit halber kann jetzt erwähnt werden, dass dieses „Gesetz“ auch als Bernoullische Hypothese (Daniel Bernoulli, 1700 -1782) bekannt ist und schon bei dem englischen Utilitaristen Jeremy Bentham (1748 - 1832) von großer theoretischer Bedeutung war. Hermann Gossen (1810-1858) kann man so viel verdanken, dass er die Idee der Sättigung der Bedürfnisse genauer formulierte und sie in der ökonomischen Theorie heimisch machte.

Es ist auch nicht ganz uninteressant zu erwähnen, dass es die Psychologie als Wissenschaft noch nicht gab, als Gossen sein „Gesetz“ formulierte. Als die Psychologie begann sich zu etablieren, meinte Carl Menger in den ökonomischen Ansätzen und Modellen, die auf der „Mechanik der Gefühle“ fußen, „einen noch nicht ausgebauten Zweig der Psychologie“ erblickt zu haben. ... > Nun wissen wir, dass dieser „Zweig der Psychologie“ nie ausgebaut worden ist und, dass sich weder Gossen noch seine Nachfolger in der Psychologie je einen Namen gemacht haben. Offensichtlich sind ihre psychologischen „Gesetze“ für die Psychologie zu trivial, um ihnen überhaupt Aufmerksamkeit zu schenken. Wenn es um die Präferenzen bzw. Bedürfnisse geht, ist für die Psychologie etwas anderes von Bedeutung. Nicht ihre Existenz an sich, dies bleibt unbestritten, sondern die Tatsache, dass sich die Bedürfnisse zeitlich hinauszögern lassen, und nicht nur das: sie lassen sich sehr oft verdrängen und unterdrücken oder auch mit anderen Bedürfnissen substituieren. Die Bedürfnisse, wenn man sie genauer betrachtet, sind also nicht auf eine Nutzenkurve festgelegt, wie es uns die neoliberalen Terrible Simplificateurs vorgaukeln. Die Eigenschaft, die als Sättigung bezeichnet wird, gibt es zweifellos, sie ist aber keine dominante Eigenschaft der Bedürfnisse. Schon bei Tieren ist dies nicht immer der Fall, beim Menschen erst recht nicht. Wird dies berücksichtigt, verliert die neoliberale Theorie den Boden unter den Füßen, und zwar aus mehreren Gründen.

Die infinitesimale („klassisch-mechanische“) Mathematik wird unbrauchbar

Wie sieht die Nutzenkurve wirklich aus, wenn unser Würstchenesser 10 Würstchen für einen Monat hat, so dass er jeden dritten Tag eine isst? So, wie es im nächsten Bild dargestellt ist.

Wo bleibt nun die Sättigung der Bedürfnisse? Nirgendwo. Ein Mensch isst Würstchen deshalb, weil sein Körper bestimmte Stoffe benötigt, um funktionieren zu können. Die Sättigung ist ein psychisch „formuliertes“ Signal, dass ein Bedürfnis des Organismus nach Nahrung besteht bzw. befriedigt werden soll. Ist man sich dieses Bedarfes bewusst, braucht man diese Signale nicht. Wenn man älter ist, isst man mehr oder weniger aus Gewohnheit, für das Funktionieren des Organismus ist dies aber völlig in Ordnung. Wo die Gewohnheit beginnt, hört die Optimierung auf: Man versorgt sich einfach mit bestimmten Bedarfsgütern. In einem Haushalt macht dies normalerweise die Hausfrau, indem sie, ohne die Mitglieder ihrer Familie zu fragen, einmal pro Monat in einen großen Supermarkt fährt, wo sie die üblichen 50 Würstchen, 20 Fischkonserven, 4 Zahnpastatuben u.s.w. kauft.

Man muss viel Phantasie haben, um anzunehmen, die Hausfrau habe im Kopf nicht nur ihre eigenen, sondern auch die Nutzenkurven aller Familienmitglieder und deshalb würde sie genau die richtigen Nahrungsmittel in ihren Einkaufswagen legen. Viel plausibler ist anzunehmen, dass unser Konsum nicht so sehr durch die Optimierung, sondern vornehmlich durch Gewohnheiten bestimmt ist, die sich durch die Nachahmung der Gewohnheiten der sozialen Gruppe (Schicht) herausbilden, zu der man gehört oder gern gehören würde. Würde dies nicht stimmen, wäre die ganze Werbung sinnlos. Deshalb hatten die kommunistischen Planer die Güterproduktion gar nicht so falsch geplant, wie es die Marktverfechter vorgegaukelt haben - die Planwirtschaft hatte ganz andere Probleme und Schwächen.

Die immer größeren Zweifel an der Nutzenkurve haben dazu geführt, dass man die ursprüngliche Konzeption des sog. kardinalen Nutzens durch eine andere ersetzte, mit der Konzeption des sog. ordinalen Nutzens. Viel Aufmerksamkeit verdient diese „Nachbesserung“ nicht, deshalb hier nur ein paar kurze Bemerkungen über sie:

Bei der Konzeption des ordinalen Nutzens interessiert man sich nicht für den Nutzen jeder einzelnen Konsumeinheit, sondern man vergleicht den gesamten Nutzen für eine bestimmte Zeitspanne. Um bei unserem Beispiel zu bleiben, würde dies bedeuten, dass jeder Konsument im Kopf herausfinden kann, ob ihm 10 Würstchen und 5 Fischkonserven mehr Nutzen pro Monat bringen würden, als etwa die Kombination 9 Würstchen und 6 Fischkonserven, angenommen beide Kombinationen kosten gleich viel. Wenn man alle solche Kombinationen in einem Koordinatensystem als Punkte einträgt und verbindet, bekommt man die bekannte  „Indifferenzkurve“. Könnte es sein, dass wir Menschen wirklich solche Fähigkeiten haben, dass wir solche Indifferenzkurven im Kopf haben, nach denen wir dann entscheiden?

Durch die Konzeption des ordinalen Nutzens bzw. die Indifferenzkurven hat man das Gleichgewichtsmodell formal von dem Gleichgewichtsmodell der mechanischen Kräfte entähnlicht. Das Prinzip der Sättigung der Bedürfnisse ist aber geblieben, so dass die Indifferenzkurven irgendwie die Nutzenkurven in sich tragen, aber nicht mehr auf der Oberfläche. Mit der Mathematik kann man aus den Indifferenzkurven in der Tat auch die „üblichen“ Nutzenkurven herausbekommen. Es wäre also gar nicht falsch zu sagen, die neue Konzeption hat die Nutzenkurven nur tiefer in den Bereich der Abstraktionen hinein verschoben. Die Indifferenzkurve war vor allem die Antwort der Neoliberalen auf den ständigen Vorwurf der Nichtmessbarkeit des Nutzens. Nun hat man sich des Problems scheinbar entledigt, indem man die Nutzenkurve durch ein metaphysisches Konstrukt ersetzt hat.

Diese Entwicklung der neoliberalen Theorie, also die Praxis, den bestehenden Abstraktionen immer neuere Abstraktionen hinzuzufügen, erinnert an die Entwicklung der Astronomie vor Kopernikus. Die davor gültige geozentrische Theorie beruhte auf den sog. Epizyklen, auf der Vorstellung, dass sämtliche Himmelskörper auf durchsichtigen Kristallkugeln befestigt sind, die sich in idealen Kreisbewegungen mit unterschiedlicher, aber konstanter Winkelgeschwindigkeit bewegen. Nun hat aber jede neue genauere Beobachtung des Himmels dieses theoretische Modell immer wieder in Bedrängnis gebracht. Dann hat man noch kleinere Epizyklen („Kristallkugeln“) hinzugefügt, dann noch kleinere u.s.w. Dieses theoretische „Monster“ (Kopernikus) konnte also alles ex post erklären, aber nichts im voraus, so dass der ganze Ansatz jede Glaubwürdigkeit verlor.

So wie damals die Epizyklen, haben auch die Verpackung der „alten“ Nutzenkurven in die Indifferenzkurven und die anderen mathematischen Aufbauten der neoliberalen Theorie nur in einer Hinsicht geholfen: In zusätzlichen mathematischen Abstraktionen eingehüllt, konnte sich die Theorie noch besser vor allen Einflüssen aus der Realität schützen. Man hat sie noch besser gegen die Tatsachen immunisiert. Die Ideologen können sich nach dieser Innovation wirklich auf die Schulter klopfen. Mit einer seriösen Wissenschaft hat dies jedoch gar nichts zu tun gehabt. Um mit dem Erkenntnistheoretiker Imre Lakatos zu sprechen, die Indifferenzkurven waren ein sicheres Zeichen der Degenerierung des neoliberalen Marktmodells. Marx würde sagen: der Vulgarisierung.

Es wundert also nicht, dass man auch nach völlig neuen Ansätzen bzw. Paradigmen in der ökonomischen Theorie suchte - jenseits des (Grenz-)Nutzenprinzips. Ein wichtiger Versuch, die Nutzenkurven durch etwas zu ersetzen, was die Realität besser wiedergibt, kam auch von der Spieltheorie. In einer Hinsicht war diese ökonomische Theorie wirklich revolutionär: Sie hat sich von der essentialistischen Auffassung der Preise, die im ganzen 19. Jahrhundert souverän alle ökonomischen Lehren beherrschte, verabschiedet. Was bedeutet aber essentialistisch?

„Essentialismus ist die Bezeichnung für die philosophischen Auffassungen, die davon ausgehen, dass die Essenz der Existenz vorausgeht. Oder anders ausgedrückt: Hinter der Welt der Erscheinungen gebe es eine Sphäre unveränderlicher Ideen oder Wesenheiten. Hier lägen die Ursachen dafür, warum die Dinge, Tatbestände, Prozesse etc. so existieren, wie sie existieren. Der Essentialismus unterscheidet konsequent zwischen Sinnlichem (Wahrnehmungen) und Übersinnlichem (Metaphysischem), zwischen Realem und Idealem, zwischen „nur“ Wirklichem und Wesentlichem.“ Peter Möller: Philolex - Ein Online-Lexikon zur Philosophie ... >

Essentialistische Denkweise, wenn es um die Theorie der Preise geht, bedeutet, dass der Preis irgendeine Substanz ermisst, die real einem Gut innewohnt, auch wenn sie selbst nicht unbedingt empirisch messbar ist. Der gerechte Preis ist dann der quantitative Ausdruck dieser Substanz (Essenz). Bei Marx war diese geheimnisvolle Substanz die (abstrakte) Arbeit, bei den Neoliberalen der (Grenz-)Nutzen. Wenn es aber eine solche, sei es sichtbare oder unsichtbare, aber auf irgendeine Weise doch real existierende Essenz oder Substanz nicht gibt, wenn sie nur ein Produkt der blühenden Phantasie schwachbrüstiger ökonomischer Denker ist, was kann dann der Preis überhaupt bedeuten?

Die Antwort hat uns eigentlich schon Smith vorgeschlagen, nur keiner hat ihn richtig verstanden. Kurz gefasst: Der Preis ist ein gesellschaftliches Verhältnis. Smith hat also schon im 18. Jahrhundert die ökonomische Theorie einmal auf den Weg der Wissenschaft geführt, indem er sich nicht mehr dafür interessiert hat, was der Preis ist, sondern wie er sich bildet. Aber ein dauerhafter Durchbruch ist ihm nicht gelungen. Die Stümper und Scharlatane mit ihren essentialistischen Wert- bzw. Preistheorien - sei es den „objektiven“ (Marx) oder „subjektiven“ (Neoliberale) - haben die neue ökonomische Wissenschaft wieder in den Morast der metaphysischen Spekulationen geführt. Erst vor wenigen Jahrzehnten hat nun die Spieltheorie einen ernsthaften Versuch unternommen, die Preise von irgendwelchen mystischen und metaphysischen Essenzen zu befreien und sie anders zu erklären. Sie hat - nach fast zwei Jahrhunderten - gewissermaßen an Smith angeknüpft.

Die Handlungen bzw. Strategien als bestimmende Faktoren der Preise

Wenn man aber sagt, die Spieltheorie knüpft an die ökonomische Lehre von Smith an, bedeutet dies nur so viel, dass sie einige Aspekte von Smith übernommen hat, und zwar jene, die von der neoliberalen Theorie besonders sträflich vernachlässigt worden sind. Der Markt, von dem im Gleichgewichtsmodell ausgegangen wird, ist nämlich von der Annahme her ein atomistischer Markt, auf dem jedes Gut von vielen hergestellt (angeboten) und auch von vielen gekauft (nachgefragt) wird. Die Realität ist aber immer eine andere. Dies hat die Spieltheoretiker veranlasst, sich gegen die Nutzentheorie, in welcher Version auch immer, zu stellen. Sie wollten der Tatsache Rechnung tragen, dass für einen nicht vernachlässigbaren Teil der Güter nicht die Konkurrenz den Preis bestimmt, sondern dass er mehr oder weniger von den Monopolen (und Oligopolen) festgesetzt bzw. diktiert wird. Solche Preise sind dann höher, als wenn es eine perfekte Konkurrenz gäbe. Die neoliberale Theorie bzw. ihr Gleichgewichtsmodell hat dies einfach übersehen, weil man davon ausgegangen ist, dass sich die Konkurrenzverhältnisse in den realen kapitalistischen Wirtschaften im Laufe der Zeit immer weiter verbessern werden. Dass man sich diesbezüglich getäuscht hat, wird heute kaum jemand bestreiten. Der Kapitalismus entwickelte sich beschleunigt zu einer überwiegend monopolistisch dominierten Wirtschaft und Gesellschaft, genau so, wie es Marx immer und nachdrücklich behauptet hatte.

Wozu sollte dann ein theoretisches Modell gut sein, in dem von der Annahme der atomistischen Konkurrenz ausgegangen wird? Mit Recht sagt Oskar Morgenstern (1902-1977), einer der Begründer der Spieltheorie: Würde man die Macht der Monopole in der realen Wirtschaft berücksichtigen, würde dies

„zu erheblichen Revisionen in unseren Auffassungen über die Natur der ökonomischen Zusammenhänge führen. Der Glaube an die einfache Determiniertheit der Wirtschaft ist schwerlich aufrechtzuerhalt.“ ... >

Vor allem bringt die Spieltheorie eine erhebliche Revision in der Auffassung über den Menschen mit sich. Der Mensch im Walrasschen Modell ist zum einen denkbar einfach konstruiert und zum anderen moralisch ziemlich harmlos. Weil er nur ein Haufen von Nutzenkurven ist, von denen er automatisch (kausal und reflexiv) gelenkt wird, trägt er kaum eine Verantwortung dafür, was er tut und lässt. Der ursprüngliche neoliberale homo oeconomicus ist nur ein höriger Vollstrecker seiner Bedürfnisse. Er handelt im echten Sinne des Wortes nicht, sondern er reagiert nur. Zugespitzt ausgedrückt, der Mensch in der neoliberalen Theorie ist nur ein Sklave seiner Bedürfnisse (und ein Arbeitstier). In der Spieltheorie ist der Mensch ein komplexes und einfallsreiches Wesen. Er ist imstande, seine Bedürfnisse zeitlich zu strecken und zu verschieben, sie durch andere Bedürfnisse zu ersetzen und andere über eigene Bedürfnisse zu täuschen. Ein solcher Mensch hat viel mehr Möglichkeiten, auf die Preise Einfluss auszuüben, als der neoliberale. Er kann strategisch handeln und sich als solcher mit anderen verbünden, sogar in böser Absicht: um eigene Interessen auf Kosten der Interessen des Rests der Gesellschaft durchzusetzen. Er ist nicht mehr harmlos, wie der homo oeconomicus im Gleichgewichtsmodell, sondern er kann sogar für die ganze Gesellschaft auch sehr gefährlich sein. Das alles hat noch Smith, der als Ökonom in seiner Seele immer ein Moralphilosoph geblieben ist, klar gesehen und sehr befürchtet. Darüber wird aber schon lange kaum mehr gesprochen, aus Gründen, die sich leicht erraten lassen. Ein solcher Mensch passt nicht in die brave, d.h. verlogene Welt seiner Nachfolger. Es wird uns von ihnen aber gebetsmühlenartig wiederholt, wie sich Smith vor einem allzu starken Staat gefürchtet und angeblich die „unsichtbare Hand“ des Marktes bevorzugt habe (was - nebenbei gesagt - gar nicht stimmt), aber es wird gern verschwiegen, dass ihm die Machenschaften der Klasse der Besitzenden nicht weniger geheuer waren. So lesen wir bei ihm:

„Nur selten, so wurde behauptet, war von Zusammenschlüssen der Unternehmer, häufig dagegen von solchen der Arbeiter zu hören. Wer aber daraus den Schluß zieht, Unternehmer würden sich selten untereinander absprechen, kennt weder die Welt, noch versteht er etwas von den Dingen, um die es hier geht. Unter Unternehmern besteht immer und überall eine Art stillschweigendes, aber dauerhaftes und gleichbleibendes Einvernehmen, den Lohn nicht über den jeweils geltenden Satz zu erhöhen. Ein Verstoß gegen dieses Einverständnis wird als ein äußerst unfreundlicher Akt betrachtet.“ ... >

Aber nicht nur Lohnabsprachen hat Smith den Unternehmern unterstellt, sondern viel mehr.

„Jedem Vorschlag zu einem neuen Gesetz oder einer neuen Regelung über den Handel, der von ihnen kommt, sollte man immer mit großer Vorsicht begegnen. Man sollte ihn auch niemals übernehmen, ohne ihn vorher gründlich und sorgfältig, ja, sogar misstrauisch und argwöhnisch geprüft zu haben, denn er stammt von einer Gruppe von Menschen, deren Interesse niemals dem öffentlichen Wohl genau entspricht, und die in der Regel vielmehr daran interessiert sind, die Allgemeinheit zu täuschen, ja, sogar zu missbrauchen. Beides hat sie auch tatsächlich bei vielen Gelegenheiten erfahren müssen.“ ... >

Daraus folgt aber nicht, dass die Unternehmer nach Smith die schlechteren Menschen wären, sondern es waren für ihn einfach die Menschen, die genug Macht hätten, um auch richtig schlecht und böse sein zu können. Dies ist etwas völlig anderes. Smith als Moralphilosoph und Anthropologe konnte sich nicht vorstellen, dass der Mensch seine irrationalen und destruktiven Triebe unterdrücken kann, wenn er sehr mächtig geworden ist. Deshalb war für ihn und für die anderen Vordenker des Liberalismus (Thomas Hobbes, John Locke, David Hume) sehr wichtig zu wissen, woher die Macht stammen könnte. Ja, der Staat besitzt viel Macht, deshalb waren die Frühliberalen für die Beschränkung der Macht der Staatsbürokratie. Sie sind aber nie da stehen geblieben. Für sie war auch klar, dass Macht auch aus dem Eigentum an Produktionsmitteln stammt, und diese Macht haben sie nicht für weniger gefährlich gehalten. Aus diesem Grund hat sich - ironischerweise - gerade der erste große ökonomische Liberale Hobbes, für einen starken Staat (Leviathan) eingesetzt. Aber prinzipiell lässt sich für alle Frühliberalen sagen, dass sie, um zu verhindern, dass die neue Klasse der reichen Bürgerlichen ihre Macht missbraucht und gegen den Rest der Gesellschaft richtet, Regeln verlangten. Nicht also die Freiheit, sondern die Regeln waren die wichtigste Komponente der „natürlichen“ Ordnung der Begründer des Liberalismus.

Regeln sind auch in der Spieltheorie von außerordentlicher Bedeutung, aber ihre Regeln haben mit denen bei den Frühliberalen nicht viel gemeinsam. Sie sind nicht die Regeln, nach denen soziales und ökonomisches Leben institutionell organisiert werden soll, sondern solche, die zwischen den Individuen in bestimmten typischen Situationen gelten. Folglich liegen im Zentrum des Interesses der Spieltheoretiker nicht die Regeln, sondern die Strategien, nach denen unter den gegebenen Regeln „gespielt“ wird: 

„Gegenstand der Spieltheorie ist die Analyse von strategischen Entscheidungssituationen. Die Spieltheorie liefert eine Sprache, mit deren Hilfe sich solche Situationen (Interessenkonflikte und/oder Koordinationsprobleme) analysieren lassen. Man kann sie nämlich als Spielsituationen beschreiben, bei denen jeder Spieler nach gewissen Regeln strategische Entscheidungen trifft. Viele ökonomische Fragestellungen weisen die oben erwähnten Eigenschaften auf.“ ... >

Unterstreichen wir noch einmal: Die Spieltheoretiker interessiert vor allem, wie unter den bestimmten Regeln die realen Menschen handeln, und nicht, welche Regeln für die Wirtschaft und Gesellschaft besser wären und wie man zu ihnen gelangen könnte. In dieser Hinsicht hat die Spieltheorie die Komplexität der frühliberalen Theorie nie erreicht. Aber auch als solche ist sie immer noch deutlich komplexer und damit vollständiger und realitätsnäher als die ursprüngliche neoliberale Theorie. Wie bereits gesagt, sie bietet ein völlig anderes Menschenbild als die neoliberale Theorie. Der Mensch im neoliberalen Modell ist nur daran interessiert, das Beste bzw. preislich Günstigste für sich auszuwählen, und hält sich streng an die Konkurrenzregeln. Der Spieler ist ein völlig anderer Mensch. Er versucht auch, und zwar nicht nur ausnahmsweise, die Regeln zu unterlaufen und sie zu seinem eigenen Nutzen zu ändern.

Natürlich kann man sagen, dass alles, was der Spieler tut, letztendlich auf den Bedürfnissen oder Präferenzen beruhe, wie es schon beim homo oeconomicus der Fall war. Aber sicher! Worauf sonst sollte die Motivation des Menschen sonst beruhen, wenn nicht auf seinen biologischen und geistigen Bedürfnissen oder Präferenzen? Es macht aber einen großen Unterschied, ob die Präferenzen im Sinne der Pawlowschen Reflexe den Menschen manipulieren, wie es uns die Nutzenkurve glauben lassen will, oder ob alles viel komplizierter ist. Weil das Letztere zutrifft, musste die neoliberale Theorie dies auch berücksichtigen. Nichts würde dagegen sprechen, den Walrasschen Entwurf für die unterste theoretische Stufe zu nehmen und dann in den nächsten Schritten auch die Strategien der Marktakteure zu berücksichtigen. Erst dann könnte man behaupten, die neoliberale Theorie würde uns etwas darüber sagen, was in der Marktwirtschaft „wirklich“ passiere, wie sie „wirklich“ funktioniere, so dass sie tatsächlich ein „Totalmodell“ darstelle. Eine solche Weiterentwicklung des Gleichgewichtsmodells ist aber völlig ausgeblieben. Die monoton fallende Nutzenfunktion ist ungeeignet, dass man auf sie noch Strategien setzt. Die ganze Mathematik, mit der man sich Jahrzehnte abmühte, wäre dann völlig unbrauchbar und eine andere, der neuen Komplexität gewachsene Mathematik ist noch keinem eingefallen.

Auch für die Wirtschaftswissenschaft - insoweit sie logisch streng aufgebaut ist, was mit der neoliberalen Theorie bestimmt der Fall ist - gilt also, was Thomas Kuhn herausgefunden hat (Wissenschaftliche Revolutionen), dass die neuen wissenschaftlichen Durchbrüche ein neues Paradigma verlangen. Die Spieltheorie sollte dieses neue Paradigma der ökonomischen Theorie werden, es ist ihr aber letztendlich nicht gelungen.

Warum die Spieltheorie ihre Chance endgültig verspielt hat

In den 80er Jahren hat die spieltheoretische Forschung eine Fülle von interessanten Resultaten über das menschliche Verhalten und Handeln hervorgebracht, die auf ganz unterschiedliche ökonomische Fragestellungen anwendbar sind. Wie zeigen im nächsten Beitrag, wie sich die Theorie der komparativen Vorteile, mit der man die Globalisierung rechtfertigt, spieltheoretisch analysieren lässt und mit welchem (erstaunlichen) Ergebnis. Aber die Begeisterung mit der Spieltheorie hat nicht lange gedauert. Bei der praktischen Anwendung ihrer Resultate auf die einzelnen Teilgebiete der Ökonomie stellte sich nach anfänglicher Euphorie häufig eine gewisse Ernüchterung oder gar Enttäuschung ein. Die große Zahl denkbarer Optionen für konkrete Situationen vermittelt vielfach den Eindruck scheinbarer Beliebigkeit der analytischen Ergebnisse. Die Spieltheorie verzettelte sich sozusagen. Aber die Inflation der Lösungen, aus denen man dann „nicht klüger wird“, ist nicht die einzige Ursache, warum es der Spieltheorie misslungen ist, zu einem neuen Paradigma zu werden. Auch andere Gründe dürften sehr gewichtig sein:

Die Spieltheorie war immer auf einzelne typische Fälle beschränkt, so dass sie sozusagen immer eine mikroökonomisch orientierte Theorie blieb. Darüber hinaus hat sie die Regel der freiheitlichen Ordnung, also den Ordnungsrahmen des freien Marktes, stillschweigend mehr oder weniger immer akzeptiert. Sie hat sich also nicht - wie die Frühliberalen - für die Regeln für eine bessere Ordnung interessiert. Dies ist ein bisschen merkwürdig, wenn man bedenkt, dass der Mensch in der Spieltheorie - so wie schon bei den Frühliberalen - ein moralisch widersprüchliches und unvollkommenes Wesen ist, der als solches immer wieder auch Spielverderber ist, mit gezinkten Karten zu spielen versucht und einen schlechten Verlierer abgeben kann.

Als im Grunde individualistisch orientiert, hat sich die Spieltheorie nicht richtig für die Macht der sozialen Gruppen interessiert. Die „bösen“ Spieler beschränken sich in der Realität nicht nur darauf, jeder für sich zu mogeln und die Spielregeln zu ändern, um ihre Lage zu verbessern. Sie schmieden auch die Spielstrategien, mit denen eine Gruppe gegen den Rest der gutwilligen, also weniger raffinierten oder weniger mächtigen Spieler obstruiert. So hat die Spieltheorie ihre große Chance verpasst, die bösen Strategien der Neoliberalen und Globalisierer in den letzen Jahrzehnten zu analysieren. Eigentlich schade. Keine andere der etablierten Theorien wäre nämlich so gut wie sie geeignet zu erklären, wie die westlichen Machteliten die gigantische Umverteilung von unten nach oben erfolgreich durchführten.

In einer Hinsicht ist die Spieltheorie in Bezug auf die neoliberale Theorie ein großer Schritt zurück. Sie kann nämlich mit zahlenmäßigen Größen nur wenig anfangen. Sie ist keine richtige quantitativ-mathematische Analyse. Sollte sie es sein? Jevons, einer der Pioniere des Neoliberalismus, hatte ganz bestimmt Recht, als er behauptete, dass die Ökonomie eine mathematische Theorie sein muss, weil ihr so viele zahlenmäßige Daten zur Verfügung stehen wie keiner anderen Sozialwissenschaft. Und er hatte Recht. In der Tat können sich nicht einmal alle exakten Naturwissenschaften auf so viele zahlenmäßige Daten stützen wie die Wirtschaftswissenschaft. Deshalb wäre es sehr seltsam, wenn diese Daten von der ökonomischen Theorie nicht berücksichtigt und genutzt werden könnten. Wir nützen sie aber - würden die Spieltheoretiker sagen. Ja, aber nicht so, dass man aus ihnen direkt relevante Schlüsse ableitet. Es reicht nämlich noch nicht aus, wenn man sagt, dass die strategischen Entscheidungen natürlich auch die zahlenmäßigen Daten berücksichtigt hätten. Auch ein Arzt reagiert auf bestimmte Weise, wenn die Anzahl der roten Blutkörperchen kleiner oder größer als normal ist, aber dies hat mit der Mathematik nichts zu tun. Folglich ist auch die Spieltheorie keine mathematische Wissenschaft, nur weil sie sich der zahlenmäßigen Daten bedient, und alles spricht dafür, dass es ihr auch nicht gelingen wird, die Mathematik in sich zu integrieren. Wie bereits gesagt: Man kann nicht zuerst etwas aus dem Denksystem (Paradigma) weglassen, weil es sich (logisch) nicht unterbringen lässt, und es dann  hinterher durch die Hintertür doch einschleusen.

  zum nächsten Beitrag  
 
schmaler
schmaler
   
  42