DIE REAL EXISTIERENDE MARKTWIRTSCHAFT (KAPITALISMUS)
     
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  B - Das Sparen und das allgemeine Gleichgewicht der Marktwirtschaft
  Die bestimmenden Faktoren des allgemeinen ökonomischen Gleichgewichts
       
 
Ersparnis und Investition sind die Bestimmten des Systems und nicht die Bestimmenden. Sie sind die Zwillingsergebnisse der Bestimmenden des Systems.
 
  John M. Keynes,  Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes, 1936.    

Keynes bezeichnete also Ersparnis und Investition als Zwillingsergebnisse von Faktoren, die er in der Fortsetzung des Zitats, das wir als Motto genommen haben, genau aufgeführt hat. Mit diesen Faktoren wollte er erklären, wann Ersparnisse und Investitionen übereinstimmen, oder - wie man es üblicherweise sagt - wann sie im Gleichgewicht sein werden. Sollte dieser Fall auftreten, dann würde es ihm zufolge zugleich bedeuten, dass die ganze Wirtschaft im Gleichgewicht sein wird. Aber haben seine Gegner, die Angebotstheoretiker, dies anders gesehen? Bestimmt nicht. Der Unterschied liegt anderswo. Die Angebotstheoretiker waren sich sicher, der Zins sei der Faktor, der schon alleine die Ersparnisse und die Investitionen immer ins Gleichgewicht bringt, und zwar in einer so kurzen Zeit, dass hier keine Quelle von irgendwelchen ernsthaften ökonomischen Störungen sein könne. Keynes dagegen meinte, dass neben dem Zins auch andere Faktoren dieses Gleichgewicht bestimmen, so dass die Angleichung der Ersparnisse und der Investitionen eine ziemlich komplizierte Angelegenheit sei und somit ein Ungleichgewicht sogar für eine längere Zeit andauern könne.

Die jetzt vorgestellte Auffassung über das Gleichgewicht bzw. Ungleichgewicht, ich nenne sie reale Nachfragetheorie, unterscheidet sich von diesen beiden Auffassungen in einem Punkt wesentlich. Bei ihr geht es nicht (nur) darum, wann und wie sich die Ersparnisse und die Investitionen angleichen. Das Gleichgewicht zwischen Ersparnissen und Investitionen ist in dieser Theorie nur eine erforderliche, aber nicht die ausreichende Bedingung des allgemeinen Gleichgewichts. Das wird schon aus der allgemeinen Gleichung des Sparens, die wir aus einem illustrativen Beispiel abgeleitet haben,mehr  sichtbar:

  Y' = I' = S'

Wie sich aus dieser Gleichung unmittelbar entnehmen lässt, kommt es zum allgemeinen Gleichgewicht erst dann, wenn Investitionen (I) und Ersparnisse (S’) gleich einer dritten Größe sind, dem Zuwachs an der Produktion der Produktionsgüter (Kapitalgüter) in der betrachteten Reproduktionsperiode (YK). Wir brauchen uns jetzt um keine präzise Definition dieser Größe zu bemühen, weil sie aus den folgenden Beispielen sehr leicht zu begreifen sein wird - viel leichter als es der erste Eindruck ahnen lässt. Vielleicht ist es angebracht, etwas darüber zu sagen, was wir im Folgenden unter Investitionen (I) und Ersparnissen (S) verstehen.

Wenn eine Maschine verschlissen ist und eine neue beschafft wird, ist das zwar eine richtige produktive Investition, aber sie interessiert uns nicht. Uns geht es nur um netto Investitionen, also um solche, die den Kapitalstock vergrößern (oder verringern), wie etwa die Erweiterung der Produktionskapazitäten mit einer zusätzlichen neuen Maschine. Der Apostroph auf dem Buchstaben I sollte dies zum Ausdruck bringen. Dem entsprechend werden wir das, was sich im Amortisationsfond ansammelt, also das, was man wegen des Verschleiß und des Verbrauchs der Produktionsmittel beiseite legt, nicht als Ersparnis betrachten. Uns geht es beim Sparen nur um das, was aus dem verfügbaren Nettoeinkommen während der betrachteten Reproduktionsperiode eingespart worden ist. Dies ist mit dem Apostroph auf dem Buchstaben S zum Ausdruck gebracht worden.

Die exogenen und die endogenen Faktoren des Gleichgewichts nach der allgemeinen Gleichung des Sparens

In der Fortsetzung des Satzes, der als Motto genommen wurde, sagt Keynes dezidiert, was zu den Faktoren gehört, die das Gleichgewicht zwischen Ersparnis und Investition bestimmen: der Hang zum Verbrauch, die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals und der Zinsfuß gehören dazu. Vereinfacht gesagt meint er damit Folgendes: (1) die Lust zum Sparen bzw. zum Verbrauchen, (2) die erhoffte Rendite aus den Investitionen und (3) die erwarteten Zinskosten der Investitionen. Man kann sich nicht des Eindrucks erwehren, dass ein Hauch von Psychologie durch diese Begriffe weht. Und das stimmt auch. Das Maß aller Dinge bei Keynes sind nicht die Dinge selbst, sondern das, was man von ihnen hält: was man „erwartet“: die „Erwartungen“. Deshalb sagt man nicht ohne Grund, dass bei Keynes die Zukunft über die Gegenwart herrscht. Das ist jetzt zwar nicht unser Thema, wir erwähnen es nur, um hervorzuheben, dass die von Keynes aufgezählten Faktoren, die das Gleichgewicht zwischen Ersparnis und Investition bestimmen, einen subjektiven Charakter haben. In der Sprache der Ökonomen würde man sagen, sie sind exogen, oder noch besser gesagt exogen-psychisch bestimmt.

Um den Missverständnissen vorzubeugen, soll aber gleich hervorgehoben werden, dass dies alleine die Bedeutung dieser Faktoren nicht schmälert. Sie bestimmen zweifellos die Handlungen der Wirtschaftsakteure in einem erheblichen Maße, so dass sie keinesfalls aus einer seriösen ökonomischen Theorie wegabstrahiert werden können und dürfen. Aber die ökonomische Theorie ist trotzdem kein Nebenfach der Psychologie, was den Ökonomen immer einfällt zu behaupten, wenn sie nicht mehr weiter wissen. Dies hat auch die bisherigen Nachfragetheorien angreifbar gemacht und ihrer Glaubwürdigkeit Abbruch getan.

In der realen Nachfragetheorie ist das anders. Sie ist im Wesentlichen auf objektiven Gegebenheiten aufgebaut. Die linke Variable der allgemeinen Gleichung des Sparens, also der Zuwachs an der Produktion der Produktionsgüter (YK), ist nämlich durch Faktoren bestimmt, die sich alle aus der aktuellen Lage der Wirtschaft ergeben. Deshalb ist es richtig, diese Faktoren des Gleichgewichts als endogen zu bezeichnen. Die allgemeine Gleichung des Sparens ist also sowohl durch exogene als auch durch endogene Faktoren bestimmt, und zwar auf eine Weise, wie es in der nächsten Abbildung dargestellt ist.

 
= =  
 
Die exogen-psychischen Faktoren:  
(Spezielle Gleichgewichtsbedingung)
• Die Lust zum Sparen bzw. zum Verbrauch
• Die erhoffte Rendite aus den Investitionen
• Die erwarteten Zins- und Lohnkosten
• usw.
 
Die endogenen Faktoren:  
• Die Preisschwankungen
• Das Produktiviätswachstum
• Das Wachstum
 

Das Gleichgewicht zwischen den Investitionen (I′) und den Ersparnissen (S′) wird uns in den folgenden Beiträgen wenig interessieren. Einerseits gehört dies zur monetären Nachfragetheorie, die schon anderswo erörtert worden ist. Andererseits wollen wir unsere ganze  Aufmerksamkeit auf die Besonderheiten der realen Nachfragetheorie richten. Deshalb werden wir im Weiteren einfach annehmen, dass Ersparnisse vollständig und unverzüglich investiert werden. Dieser Annahme haben wir zum Teil schon dadurch Geltung verschafft, indem wir das Geld völlig außer Acht gelassen haben. Das Einkommen kann bei uns folglich unmöglich durch die Geldhortung aus dem System abfließen. Damit ist nicht gesagt, dass dies immer und bedingungslos der Realität entspricht. Es ist unser Zugeständnis an die Methode. Dem lässt sich natürlich nichts vorwerfen. Bei der Theoriebildung muss bekanntlich immer etwas abstrahiert werden, und in unserem Fall sollte dies eben die Hortung des Geldes bzw. des Einkommens sein. Was sollte dann aber das Ungleichgewicht bedeuten?

Das Gleichgewicht und Ungleichgewicht, die ökonomischen Krisen und die praktische Wirtschaftspolitik

Wenn die Investitionen (I′) und die Ersparnisse (S′) übereinstimmen, dann kann es nach der von uns vertretenen realen Nachfragetheorie ein Ungleichgewicht dann geben - so wie es aus der obigen Gleichung offensichtlich ist -, wenn diese zwei Größen nicht gleich der Größe YK sind. Man wird sofort fragen, warum dies ein Ungleichgewicht bedeuten soll? Würde man sagen, dass dann die Nachfrage fehlt, hätte man damit noch nichts beantwortet, sondern nur die Frage tautologisch umgeformt. Dann müsste man klären können, wie die Nachfrage überhaupt fehlen kann. Innerhalb der monetären Nachfragetheorie lässt sich diese Frage schnell und leicht verständlich beantworten. Jeder kann nämlich sofort begreifen, dass die bereits hergestellten Güter nicht verkauft werden können, wenn die Menschen das Geld nicht aus der Hand geben. Was aber der Nachfragemangel in der realen Nachfragetheorie bedeutet, lässt sich leider nicht so einfach erklären. Wir werden zu dieser Erklärung erst nach mehreren Schritten gelangen.

Zuerst muss die allgemeine Gleichung des Sparens bewiesen werden. Wir können uns nämlich noch nicht sicher sein, ob sie überhaupt richtig ist. Wir sind zwar zu ihr durch ein schlüssiges Nachdenken gelangt, aber nur anhand eines Beispiels - der Bauer und der Weizenanbau -, das fast peinlich einfach war, so dass es verständlich ist, dass wir noch sehr skeptisch sein müssen. Außerdem ließ sich mit diesem Beispiel nur ein Faktor des Gleichgewichts berücksichtigen, nämlich die Preisänderung. Was tun?

Wir haben schon in den vorangegangenen Beiträgen, als wir die wertbasierten Theorien und ihr Verständnis der Produktion kritisch untersuchten, einiges vorbereitet, um die Richtigkeit der allgemeinen Gleichung des Sparens besser begründen und nachzuweisen zu können. Wir haben dort gezeigt, warum das Kreislaufmodell mit seinen distributiven und technischen Koeffizienten besser geeignet ist, die Produktion zu erfassen, als es die bisher vorhandenen Modelle imstande sind. Im methodischen Rahmen dieses Kreislaufsmodells werden wir genau zeigen können, dass das allgemeine Gleichgewicht von den oben aufgezählten Faktoren abhängt - von der Preisänderung, dem Produktivitätswachstums und dem Wachstum - und dass die allgemeine Gleichung des Sparens diesen Zusammenhang quantitativ genau erfasst. Damit wird zugleich auch ihre universelle Gültigkeit nachgewiesen werden. Deshalb ist die allgemeine Gleichung des Sparens ein starkes analytisches Mittel, das sich zu verschiedenen theoretischen Zwecken anwenden lässt. Zuerst wird es uns um die Analyse des Gleichgewichts und Ungleichgewichts mit ihrer Hilfe gehen.

Fügen wir an dieser Stelle noch hinzu, dass die Erklärung des Gleichgewichts, so wie sie aus dem Kreislaufmodell bzw. der allgemeinen Gleichung des Sparens folgt, einen festen Zusammenhang zwischen dem Gleichgewichts und dem Sparniveau aufzeigt. Damit sind wir zur endgültigen Antwort auf eine Frage gelangt, die Joan Robinson (1903-1983) - die man als Keynesianerin von der Cambridge-Cambridge-Kontroverse kennt - so formuliert hat:

„Die Sparsamkeit ermöglicht eine hohe Akkumulationsrate und behindert gleichzeitig ihre Realisierung. Dieses paradoxe Wirken der kapitalistischen Spielregeln ist eine der Hauptfragen, die wir durch ökonomische Analysen aufzuhellen hoffen.“

Die Größe YK ist sozusagen die „Marke“, welche das Sparen nicht überschreiten darf. Ist dies doch geschehen, fällt die Wirtschaft aus dem Gleichgewicht. Eine Besonderheit dieser „geheimnisvollen“ Größe ist darin zu sehen, dass sie statistisch messbar ist, so dass die allgemeine Gleichung des Sparens einen empirischen Bezug zur Wirtschaft hat. Auch darin sollte sich die reale Nachfragetheorie von ihren Vorgängern unterscheiden, von der monetären Nachfragetheorie und erst recht von den Angebotstheorien jeglicher Fassung. Wir steigen aus den Wolken der wilden metaphysischen Abstraktionen auf den Boden der Tatschen herunter.

Erwähnen wir vielleicht noch, dass es mehrere Gründe gibt, warum es sich als so schwierig erwiesen hat, die Verbindung zwischen dem Sparen und dem Gleichgewicht zu bemerken und zu begreifen. Die älteren Ökonomen - Smith eingeschlossen - konnten sich dieser Verbindung schon deshalb nicht bewusst sein, weil sie noch nicht ahnen konnten, dass die Marktwirtschaft Probleme mit dem Ungleichgewicht haben würde. Die wertbasierten Theorien haben sich dann durch ihre Objektivierung der Preise den Weg zu dieser Erkenntnis völlig verbaut, weil in ihrem theoretischen Entwurf jeder Unterschied zwischen dem nominalen und dem realen Sparen verschwunden ist. Erst das Kreislaufmodell bietet die methodische Grundlage dafür, zu zeigen, dass der nominalen Ersparnis keine reale korrespondieren muss und umgekehrt. Gerade wegen dieser Verschiedenheit ist es nicht einmal den schärfsten Beobachtern der Tatsachen gelungen dahinter zu kommen, was das Sparen mit dem Gleichgewicht zu tun haben könnte.

Nachdem wir geklärt haben, wie sich das Gleichgewicht bildet, wird sich ziemlich einfach erklären lassen, was das Ungleichgewicht bedeutet und damit auch der Nachfragemangel. Ohne jetzt vorzugreifen, soll nur bemerkt werden, dass der Nachfragemangel auch bei uns einen Zustand bedeuten wird, bei dem nicht alle Güter verkauft werden können, weil die dazu verfügbaren Einkünfte nicht ausreichen. Dies wird bei uns sogar auch dann auftreten können, wenn keine Einkünfte aus dem System abfließen und das Sparen den Investitionen gleich ist. Die Folge wird dann die allgemeine Überproduktion (general glut) sein. Das ist in der Tat eine gewagte Behauptung, aber wir werden alle dafür nötigen Beweise vorlegen. Einen Abschied von der allgemeinen Gleichung des Sparens - wie bereit angedeutet - wird dies jedoch nicht bedeuten. Erwähnen wir jetzt nur noch kurz, was wir mit ihr noch vor haben.

Wenn die Größe YK eine „Marke“ ist, welche das Sparen nicht überschreiten darf, kann man sich unschwer vorstellen, dass dies zu schweren Problemen führen kann. Die Menschen können nämlich so viel sparen und investieren, wie viel sie wollen. Wie die statistischen Erhebungen uns wissen lassen, ist das Sparen eine positive Größe, auch wenn sie sich sehr nahe der Null nähern kann, wie es in den letzten Jahren in den USA der Fall war. Eine negative Sparquote ist zwar auch möglich, aber solche Fälle sind in der Realität so selten, dass man sie einfach vernachlässigen kann. Mit der Größe YK verhält es sich aber ganz anders. Bei ihr ist es ganz normal - wie wir noch klären werden -, dass sie ins Negative abrutscht, und wenn dieser Fall eingetreten ist, klafft zwischen ihr und den Ersparnissen eine Lücke. Wenn man die Umstände, die dazu führen, näher erforscht, ergibt sich, dass die freie Marktwirtschaft nicht anders als zyklisch ablaufen kann. Unserer Analyse der Funktionsweise der Marktwirtschaft führt uns also zu einer Theorie der ökonomischen Zyklen. Weil diese eine Problematik für sich ist, werden wird sie nicht in diesem, sondern im nächsten thematischen Bereich behandeln. 

Nachdem wird herausgefunden und nachgewiesen haben, dass das Ungleichgewicht und schließlich auch die periodischen Krisen nicht durch ein Sparen, das absolut hoch ist, verursacht wird, sondern durch ein relativ hohes, im Sinne das es über die „Marke“ YK hinausgeht, sind wird ganz nahe bei dem Gedanken, dass nicht das Sparen, sondern die Größe YK die Ursache des Übels ist. Wir müssen schließlich in der Praxis dafür sorgen, dass sie nicht gefährlich absinkt oder gar abstürzt, und damit die ganze Wirtschaft mit sich reißt. Genauer gesagt, wir müssen diese Größe regeln. Wie man dies erreichen kam, welche Maßnahmen und Regelungen dazu am besten geeignet sind, werden wir erst in einem der weiteren thematischen Bereiche behandeln. Wir müssen nämlich davor noch einiges erledigen. In den Beiträgen, die jetzt folgen, geht es uns zuerst um die allgemeine Gleichung des Sparens - um das Gleichgewicht und Ungleichgewicht bzw. den Nachfragemangel.

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