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  Inhaltsverzeichnis zu diesem thematischen Schwerpunkt  


  Die Grundannahmen der nachfragetheoretischen Erklärung der Zyklen
  Gleichgewicht und Ungleichgewicht als zwei eigenständige Zustände
       
 
Eine jede Lehre, wenn sie ein System, d. h. ein nach Prinzipien geordnetes Ganzes der Erkenntnisse sein soll, heißt Wissenschaft.
 
    Immanuel Kant, der bedeutendste deutsche Philosoph des 18-ten Jahrhunderts    
 
Greifen wir irgendeinen Band heraus ... so sollten wir fragen: Enthält er irgend einen abstrakten Gedankengang über Größe und Zahl? Nein. Enthält er irgendeinen auf Erfahrung gestützten Gedankengang über Tatsachen und Dasein? Nein. Nun so werft ihn ins Feuer, denn er kann nichts als Blendwerk und Täuschung enthalten.
 
    David Hume, der bedeutendste angelsächsische Philosoph des 18-ten Jahrhunderts    

Sobald die Wissenschaft etwas zum Problem erklärt, tauchen viele Theorien mit eigenen Lösungsvorschlägen auf, die miteinander konkurrieren, bis eine von ihnen sich endgültig durchsetzt. Manchmal kann dieser Wettbewerb der Theorien sehr lang dauern, wie es auch mit den Theorien über die ökonomischen Zyklen in der kapitalistischen Marktwirtschaft der Fall ist. Diese Zyklen kennt man nämlich schon seit zwei Jahrhunderten, aber es gibt immer noch keine Theorie, die sie überzeugt erklärt. Um den Überblick nicht zu verlieren, muss man sie klassifizieren. Dazu stehen mehrere Kriterien zur Verfügung. In einem der vorigen Beiträge haben wir gezeigt, dass sich die wichtigsten Theorien der ökonomischen Zyklen in vier Gruppen einordnen lassen, je nach dem, wer für den Absturz der Wirtschaft verantwortlich gemacht wird. Man kann die Theorien auch nach den Ursachen klassifizieren, welche den periodischen Absturz der Wirtschaft angeblich auslösen. Diese Ursachen lassen sich auch systematisieren und klassifizieren. So kann man sie in zwei Gruppen aufteilen, je nach dem, ob sie außerhalb der Wirtschaft liegen oder aus ihrer Funktionsweise hervorgehen. Man spricht dann von exogenen und endogenen Theorien der ökonomischen Zyklen. Wir zeigen jetzt kurz, warum die exogenen Theorien nichts taugen und welchen Bedingungen eine endogene Theorie genügen muss, damit sie wirklich wissenschaftlich ist.

Die exogenen Theorien: Die Zyklen als von „draußen“ verursachtes ökonomisches Phänomen

Der Pionier und Gründervater des britischen Neoliberalismus, Stanley Jevons (1835-1882), hat sich eine Theorie der ökonomischen Zyklen ausgedacht, die so auffällig exogen ist wie kaum eine andere. In seinem fanatischen Glauben an die ordnenden und selbstheilenden Kräfte des freien Marktes konnte er sich nur etwas Überirdisches vorstellen, das die Funktionsweise eines angeblich so perfekten und stabilen Mechanismus wie die Marktwirtschaft ernsthaft beeinträchtigen könnte. In seinen Bemühungen, eine solche überirdische Ursache zu finden, wurde Jevons schließlich fündig: die Sonnenflecken. Die Sonnenflecken sind dunkle Stellen auf der sichtbaren Sonnenoberfläche (Photosphäre), die kühler sind und daher weniger sichtbares Licht abstrahlen als der Rest der Oberfläche. Die Zahl und die Größe der Sonnenflecken unterliegen einer Periodizität von durchschnittlich 11 Jahren, was als Sonnenfleckenzyklus bezeichnet wird. Die ökonomischen Zyklen sollten nun von dieser Sonnenaktivität verursacht werden.

Es ist also gar nicht so verkehrt zu sagen, dass der Neoliberalismus seinen Ursprung in den Sternen hat. Wie wir wissen, war genau dies mit der klassischen Mechanik schon zwei Jahrhunderte zuvor der Fall. Das damals von den Physikern entworfene partikel-mechanische Modell wurde als die Auflösung des größten Geheimnisses des Universums verstanden, des Geheimnisses nach dem die Himmelskörper ihre Wege gestalten sollten. Mit diesem Modell - das die neuen Liberalen am Ende des 19. Jahrhunderts der klassischen Mechanik abgekupfert haben - wurde die Astronomie auf feste Grundlagen gestellt, aber nicht nur. Dieses Modell hat sich als erstaunlich erfolgreich erwiesen, auch die Bewegung der Körper auf der Erde quantitativ genau zu beschreiben. In der ökonomischen Theorie ist es dagegen bisher nie gelungen, zumindest einen kleinen ersten Schritt auf die Erde mit diesem Modell zu tun. Das stolze neoliberale „Referenzmodell“ ist für immer irgendwo in den Sternen stecken geblieben, aber nicht als Astronomie, sondern als eine neue Astrologie.

Auch die Sonnenflecken konnte Jevons nie auf den Boden der ökonomischen Tatsachen herunterholen. Die konkreten Gründe des Versagens seiner Theorie der ökonomischen Zyklen brauchen uns jetzt schon deshalb nicht zu interessieren, weil der Sonnenfleckenzyklus im Durchschnitt um ein Viertel länger ist als der Zyklus der Marktwirtschaft. Wie kann dann überhaupt das Erste die Ursache für das Zweite sein? Wie kann man auf eine Melodie im 4/4 Takt einen Walzer im 3/4 Takt tanzen? Es sei denn, man ist taub. Und das waren die Neoliberalen schon von Anfang an, taub und blind den Tatsachen gegenüber. Die Sonnenfleckentheorie der ökonomischen Zyklen ist nur eines von zahlreichen Beispielen.

Die Innovationstheorie von Schumpeter ist ebenfalls eine eindeutig exogene Theorie der ökonomischen Zyklen. Was hat sie mit den Tatsachen zu tun? Ein Naturwissenschaftler, Ingenieur und Techniker würde sie nur für einen schlechten Witz halten. Aber sie hat Schumpeter nie um Rat gebeten. Ein bisschen Glück hatte er auch. Als er seine Theorie veröffentlichte, im Jahre 1912, war es nämlich so, dass man sich auf die ökonomischen Zyklen noch bedenkenlos verlassen konnte. Aber nach dem Zweiten Weltkrieg begann die kapitalistische Wirtschaft einen fast grausamen Streich mit Schumpeter zu spielen. Die Zyklen sind drei Jahrzehnte lang einfach ausgeblieben, aber nicht nur das. Dies war eine Periode der kapitalistischen Entwicklung, in der die Produktivität so schnell gestiegen ist, wie nie zuvor - und auch nie mehr danach - in der Geschichte der Marktwirtschaft. Die empirischen Tatsachen haben die Theorie Lügen gestraft. Man kann also folgern, dass auch die Innovationen keine fremden Mächte sind, welche die angeblich sonst problemlos funktionierende Marktwirtschaft periodisch aus dem Gleichgewicht bringen.  

Auch die verschiedenen Psychologisten, die alle Probleme der freien Marktwirtschaft auf die angebliche Welle des Optimismus und des Pessimismus zurückführen, sprechen die freie Marktwirtschaft von jeder Schuld für ihre periodischen Anstürze frei. Sie sind aber die einzigen, die kein Problem mit der Zyklusdauer haben. Sie sind in der günstigen Lage, dass ihre „psychologische Welle“ zeitlich mit dem konjunkturellen Zyklus der Wirtschaft immer perfekt übereinstimmt. Wen soll es auch wundern: Sie haben Ursache und Wirkung umgekehrt. Wenn die Wirtschaft brummt, sind die Menschen tatsächlich optimistisch und wenn sie zusammenbricht pessimistisch. Wie anders sollte es auch sein? Wenn die Menschen optimistisch sind, sind sie folglich auch geneigt, mehr zu investieren und das Geld auszugeben, wenn sie pessimistisch sind, investieren sie kaum noch, sondern sie horten lieber das Geld. Man will manchmal nicht glauben, dass so etwas für eine seriöse Erklärung der ökonomischen Zyklen gehalten wird. Sie ist vor allem ein sicheres Zeichen der Verzweiflung. Die Stimmungen und Erwartungen sind immer nur Zufluchtsorte der gescheiterten ökonomischen Theorie, in der eine Tautologie als Erklärung unterschoben wird. Das gilt unabhängig davon, ob die Psychologisten angebots- oder nachfrageorientierte Ökonomen sind.

Wenn man über die exogenen Theorien nachdenkt, kommt einem schnell die Theorie des „deterministischen Chaos“ in den Sinn. Es ist eine ziemlich neue naturwissenschaftliche Theorie, die rein mathematisch zeigt, wie sich schon geringfügige Abweichungen in den Anfangsbedingungen zu schaurigen Effekten aufschaukeln können. Die Bezeichnung Schmetterlingseffekt ist die bekannte bildhafte Veranschaulichung dieses Effekts: Der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien kann im Prinzip einen Tornado in Texas auslösen. Ende der 80er-, Anfang der 90er-Jahre wurde die Chaostheorie euphorisch gefeiert. Die Wirtschaftswissenschaftler, vor allem die fanatischen Verteidiger der ökonomischen Freiheit, haben sich große Hoffnungen gemacht, in der Chaostheorie endlich eine „mathematisch streng“ nachgewiesene Erklärung gefunden zu haben, um die Marktwirtschaft endgültig von jeglicher Schuld für alle ihre Katastrophen zu befreien. Aber schon nach wenigen Jahren ist es still um die Chaos-Theorie geworden. War sie doch nur eine der vielen Sackgassen bzw. ein Alibi für die Freiheitsfanatiker? So sieht es aus. Und wir können uns auch denken warum.

Es ist zweifellos richtig, dass jede Kleinigkeit eine Ursache mit sehr fürchterlichen Folgen sein kann. Ja, sie kann es sein, aber sie muss es nicht. Nehmen wir ein Beispiel aus dem täglichen Leben. In der Luft, die wir einatmen und an den Gegenständen, die wir berühren, gibt es ungeheuerliche Mengen von Bakterien und Viren. Man hat sogar herausgefunden, dass die Computer-Tastaturen mehr von solchen Keimen beherbergen als der Toilettensitz. Dies alles spricht eindeutig dafür, dass wir ständig krank sein müssten - dass wir sogar mehrere Krankheiten gleichzeitig haben müssten. Aber das trifft bekanntlich nicht zu. Offensichtlich ruft jede Ursache ständig auch Gegenwirkungen hervor, die dann die Ursache immer weiter ausbremsen und abschwächen, bis sie ihre Wirkung vollständig einbüßt. Deshalb sind die Theorien, die ihre ganze Argumentation auf Ursachen legen, wie eben die exogenen Theorien der ökonomischen Zyklen, völlig wertlos und sogar unwissenschaftlich.

Sollten die Ursachen der zyklischen Fortentwicklung der freien Marktwirtschaft doch irgendwo draußen liegen, würden sie übrigens jemandem nach zwei Jahrhunderten bestimmt auffallen. Weil dies nicht der Fall ist, müssen wir endgültig davon ausgehen, dass die Ursachen des periodischen Zusammenbruchs der Marktwirtschaft nicht irgendwo draußen, sondern in der Marktwirtschaft selbst liegen.

Die endogenen Theorien: Die Zyklen als in der Wirtschaft selbst entstandenes Phänomen

Warum sind die Erklärungen der ökonomischen Zyklen, die auf die äußeren Ursachen setzen, sogar unwissenschaftlich? Weil sie im strengen Sinne des Wortes gar keine Erklärungen sind. Sie bedeuten nichts anderes und nichts mehr als nur ein in der wissenschaftlichen Sprache verpacktes primitives „Denken“ nach dem Muster von „Gut und Böse“. Hier das Gute, das für seine innere Ruhe und ewige Ordnung sorgt, dort das Böse, durch das die heile Welt des Guten attackiert und gestört wird. Bei solcher primitiven Sicht der Welt ist es folglich völlig überflüssig, sich überhaupt Mühe zu geben, die Funktionsweise des angeblich „Guten“ zu erklären und zu verstehen. Die ganze Aufmerksamkeit wird nach draußen gelenkt, und alle Mühen werden auf die Verhinderung bzw. Vernichtung des „Bösen“ ausgerichtet.

Bei den endogenen Erklärungen der ökonomischen Zyklen ist dies ganz anders. Sie beginnen mir einer Vorstellung darüber, wie die Marktwirtschaft funktioniert. Das heißt, eine endogene Erklärung setzt ein theoretisches Modell der Marktwirtschaft voraus, oder wie Kant es ausdrücken würde, ein System: „ein nach Prinzipien geordnetes Ganzes“ von Gedanken. Nur diese Vorgehensweise lässt sich als wissenschaftlich bezeichnen. Jedes wissenschaftliche Modell in der ökonomischen Theorie muss zumindest folgenden zwei Anforderungen genügen:

1) Es muss imstande sein, einen stabilen Zustand zu beschreiben und zu erklären, wie sich dieser Zustand eine Zeit lang von ganz alleine (spontan) erhalten kann. Dieser Zustand wurde von den älteren Ökonomen als Ordnung bezeichnet, heute benutzt man vorzugsweise den Begriff Gleichgewicht dafür. Die Theorie muss deshalb den Zustand des Gleichgewichts artikulieren und begründen können, weil die Erfahrung zeigt, dass die freie Marktwirtschaft in der Tat jahrelang die Produktion und die Beschäftigung problemlos steigern kann.

2) Weil aber auch die periodischen ökonomischen Abstürze genauso eine unbestreitbare Tatsache der Marktwirtschaft sind, muss innerhalb eines richtigen theoretischen Modells auch die wellenartige Bewegung erklärbar sein. Es muss erklärbar sein, warum ein für einige Zeit stabiler Zustand der Wirtschaft, also das Gleichgewicht, verlassen wird und wie sich dies genau gestaltet. Die Tatsache allein, dass der Absturz offensichtlich zwangsläufig immer wieder vorkommt, spricht eindeutig dafür, dass wir es mit einem eigenständigen Phänomen zu tun haben, das man als Ungleichgewicht bezeichnen kann. Dass das Unleichgewicht nur ein „noch nicht“ oder „nicht mehr“ erreichtes Gleichgewicht ist, sondern dass es eine eigentümliche Konstellation von Faktoren bedeutet, zeigt auch die Tatsache, dass die Wirtschaft nach dem Absturz nicht selten lange braucht, bis sie durchstartet, obwohl alle ihre Akteure genau das weiter machen wollen, was sie bei der Erholung und Hochkonjunktur mit Erfolg getan haben. Es reicht also nicht zu sagen, dass das Ungleichgewicht nur eine Abwesenheit des Gleichgewichts ist. Es ist ein authentischer Zustand, der auch theoretisch klar und eindeutig artikuliert und begründet werden muss.

Für das neoliberale partikel-mechanische Modell lässt sich zweifellos behaupten, dass sich in seinem Rahmen das allgemeine Gleichgewicht analytisch (mathematisch) genau formulieren lässt. Es lässt sich auch schlüssig erklären, wie dieses Gleichgewicht spontan dazu neigt, stabil zu sein, dass es also ein Zustand ist, bei dem kleine Abweichungen nach der inneren Logik des Modells schnell wegkorrigiert werden. Die Richtigkeit dieser Erklärung bestätigt die Tatsache, dass die strukturellen Disproportionalitäten - die es ganz bestimmt immer gibt und geben wird -, die die Erholung und die Hochkonjunktur für längere Zeit nicht wesentlich behindern können. Aber gerade deshalb können solche Disproportionalitäten nicht als Ursache für die periodischen Abstürze der Marktwirtschaft in Haft genommen werden. Beim Absturz handelt es sich nämlich nicht mehr um punktuelle und partielle Erscheinungen, sondern mehr oder weniger werden alle Unternehmen in Mitleidenschaft gezogen. Ein solcher Zustand lässt sich innerhalb des neoliberalen Modells auf keinerlei Weise theoretisch deduzieren und artikulieren. Es kommt deshalb nicht überraschend, dass der neoliberale Theoretiker Robert J. Barro resignierend zugeben musste:

„Unsere Theorie ist auf keinen Fall imstande, massive Output- und Beschäftigungseinbrüche zu erklären.“ ... >

Im neoliberalen Modell des allgemeinen Gleichgewichts ist also kein Ungleichgewicht vorgesehen und auch nicht möglich. Nachdem alle Versuche, das Ungleichgewicht analytisch zu formulieren misslungen sind, blieb schließlich den Neoliberalen für die Erklärung der ökonomischen Zyklen nur eine Möglichkeit übrig: auf die exogenen Ursachen zurückzugreifen. Bereits der erwähnte Jevons musste sich dessen bewusst sein. Da aber seine Sonnenfleckentheorie ein ordentlicher Unsinn war, musste man anderswo nach den exogenen Ursachen Ausschau halten. Da hat sich bald herausgestellt, dass das Modell von Walras geradezu prädestiniert für das primitive Denkmuster des Kampfes des Guten gegen das Böse ist. Wir haben dazu schon etwas gesagt, jetzt fassen wir es kurz zusammen.

In dem neoliberalen Modell der Marktwirtschaft, genauer gesagt in dem System der Gleichungen, auf dem es aufgebaut ist, gab es keinen Platz für die Profite. Daraus folgt, dass die Unternehmen ständig an der Grenze der Rentabilität wirtschaften. Ihre Preiskalkulationen sind sozusagen immer auf Kante genäht, so dass das ganze Marktsystem extrem empfindlich für Kostenänderungen ist. Lokale Kostenschwankungen kann es noch gut verkraften, aber nicht diejenigen, die alle Unternehmen gleichzeitig von „draußen“ betreffen. Dazu gehören die makroökonomischen Zins- und Lohnschwankungen. Wenn etwa auf Druck der „inkompetenten“ oder „demagogischen“ Politiker die Bankzinsen gesenkt werden, so Mises und Hayek, beschleunigt sich das Investieren der Unternehmen dermaßen, dass sich die Wirtschaft bald überschlägt. Eine noch größere Gefahr würde angeblich von den Gewerkschaften drohen. Sie würden die Arbeiter auf unverschämte Lohnsteigerungen hetzen, durch welche dann die Unternehmen unter der unerträglichen Kostenlast flächendeckend abstürzen.

In der kreislauftheoretischen Erklärung der ökonomischen Zyklen, die wir in den nächsten Beiträgen vorlegen, werden wir nicht nur auf solche infame Annahmen verzichten können, sondern auf jegliche Einflusse von draußen. Wir werden also eine konsequent endogene Erklärung der ökonomischen Zyklen vorlegen. Dies wird deshalb möglich sein, weil im kreislauftheoretischen Modell das Gleichgewicht und Ungleichgewicht zwei eigenständige Zustände sind, die sich aus sich heraus analytisch artikulieren lassen. Das heißt, dass sich im Rahmen der kreislauftheoretischen Analyse der Ablauf des ganzen Zyklus aus demselben gedanklichen Kontext herleiten lässt. Die Erklärung der nächsten Phase des Zyklus wird also nicht irgendwelche anderen Annahmen nötig haben, als diejenigen, mit denen die Analyse schon begonnen hat. Die Erklärung der ökonomischen Zyklen wird also keine spitzfindigen Ad-hoc-Hypothesen brauchen, so dass sie den strengsten formalen Kriterien genügen wird, die man an eine Theorie stellen kann. Anders gesagt, sie endogenisiert oder internalisiert alle Faktoren, die sie für ihre Erklärung benötigt. Das ist das Wesentliche, was den wissenschaftlichen Fortschritt schon immer ausmachte, hat der Erkenntnistheoretiker Imre Lakatos herausgefunden:

„Alle Beispiele zeigen, wie die Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme viele Probleme, die andere Historiographien als externe Probleme angesehen hatten, in interne Probleme verwandelt.“ ... >

Aber die innere Konsistenz und Geschlossenheit alleine machen eine Theorie bzw. ein Modell noch nicht wissenschaftlich. Wenn ein theoretisches Modell etwas über die Erfahrung sagen will, wenn mit ihm richtige Prognosen möglich sein sollen, müssen einige seiner Begriffe bzw. Größen (Variablen) eindeutig und genau bestimmten empirischen Erscheinungen zugeordnet werden können: den Tatsachen. Das theoretische Modell einer seriösen Wissenschaft muss also „irgendeinen auf Erfahrung gestützten Gedankengang über Tatsachen und Dasein enthalten“, wie es David Hume unmissverständlich zusammenfasste. Ist dem nicht so, dann „werft es ins Feuer, denn es kann nichts als Blendwerk und Täuschung enthalten“. Auch die kreislauftheoretische Erklärung der ökonomischen Zyklen muss dieser Anforderung ohne Abstriche genügen. Wir werden sehen, wie ihr dies gelingen wird.

 
 
   
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