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  Inhaltsverzeichnis zu diesem thematischen Schwerpunkt  


  2. Phase des ökonomischen Zyklus der Marktwirtschaft: Die Erholung (Aufschwung)
  Allgemeine Überlegungen über Nachfragemangel, Produktion und Wachstum
       
 
Von einem Aufschwung kann nur gesprochen werden, wenn Produktion und Beschäftigung infolge steigender Nachfrage wiederum zu steigen beginnen. Denn zum Wesen des Konjunkturanstieges gehört es, daß eine steigende Produktion einen mühelosen Absatz findet ... Irgend etwas muß geschehen, was dem Stagnierungs- oder Schrumpfungsprozeß Einhalt gebietet, und das kann nur eine im ganzen steigende Nachfrage sein.
Unser Hauptaugenmerk muß sich daher zunächst auf die Frage konzentrieren, welches die Faktoren sind, die möglicherweise eine steigende Nachfrage hervorzurufen vermögen. Auf den ersten Blick erscheint diese Aufgabe kaum lösbar. Die Tatsache, daß in allen Bereichen der Produktion ein Zuviel vorhanden ist, daß immer mehr Fabriken stillgelegt und Arbeiter entlassen werden, vor allem aber, daß die Preise eine nach unten gerichtete Tendenz aufweisen, scheint zunächst überhaupt keinen Anhaltspunkt dafür zu bieten, wie nunmehr plötzlich eine steigende Nachfrage entstehen könnte.
 
    Gerhard Kroll, ein deutscher Ökonom, hervorragender Erforscher der Großen Depression (1929)    

Wir haben in den vorigen Beiträgen festgestellt, dass während der Depression die Ersparnisse, sogar wenn diese vollständig und unverzüglich investiert werden, eine Nachfragelücke aufreißen, so dass dadurch die wirtschaftliche Aktivität zusätzlich gedrosselt wird, anstatt dass das Wachstum angestoßen wird. Wie treffend hat es also Joan Robinson formuliert, als sie sagte, dass „die Sparsamkeit eine hohe Akkumulationsrate ermöglicht und gleichzeitig ihre Realisierung behindert“. Für das Wachstum reicht es also nicht schon aus, wenn die Investitionen den Ersparnissen folgen. Dies kann nur als eine notwendige, aber nicht schon ausreichende Bedingung des Wachstums betrachtet werden. Wenn während des konjunkturellen Tiefstands wegen der Lohn- und Steuersenkungen Preise fallen, was eine normale Erscheinung ist, verschlechtern sich die Voraussetzungen für das Wachstum zusätzlich, weil durch die Preissenkung der Nachfragemangel noch größer wird. Daraus ließe sich schlussfolgern, dass eine Wirtschaft, die einmal in der Depression steckt, nie mehr wachsen würde. Wie würde sich aber diese Schlussfolgerung mit den Tatsachen vertragen?

Die Depression kann in der Tat lange dauern, manchmal so lange, dass sich nicht mehr von einer Phase des ökonomischen Zyklus sprechen lässt, sondern von ökonomischer Stagnation. Auch so etwas kennt man aus der zwei Jahrhunderte langen Geschichte der Marktwirtschacht allzu gut. Als am Anfang des 19. Jahrhundert die junge Marktwirtschaft diese Erfahrung zum ersten Mal machte, gaben sogar die wichtigsten Ökonomen dieser Zeit die Hoffnung auf, dass die Marktwirtschaft jemals noch wachsen würde. Sie sprachen von einer „säkularen Stagnation“. Zu diesen „Ökonomen Pessimisten“ - wie man sie später nannte - gehörten unter anderen auch Malthus (1766-1834) und Ricardo (1772-1823). Auch später wurde die Marktwirtschaft von schweren Depressionen heimgesucht, bei denen auch Endzeitstimmung herrschte und sogar immer weniger Ökonomen glauben konnten, dass diese je enden würden. Die Arbeitslosigkeit und die Armut sind dann immer größer geworden, und irgendwann sind die sozialen Konflikte eskaliert. Man erinnert sich an die Bürgerkriege in Frankreich im 19. Jahrhundert und die Revolutionen und Weltkriege im 20. Jahrhundert. Mit Recht sagt man also, dass der Kapitalismus den Krieg in sich trägt, wie die Wolke den Regen.

Für solche länger andauernden und scheinbar nicht enden wollenden Verläufe der Depression bietet unsere Untersuchung der Depression in der Tat eine analytisch gut begründete Erklärung. So weit so gut, würde man sagen. Aber sie greift zu kurz. Die Depressionen waren meistens doch eine vorübergehende Erscheinung, nach der die Marktwirtschaft wieder - mehr oder weniger aus eigener Kraft - zu wachsen begann. Gerade weil dies meistens der Fall war, büßt unsere bisherige Analyse der Depression viel von ihrer Glaubwürdigkeit ein. Desto mehr, wenn man bedenkt, dass sich in dieser Analyse nicht einmal Ansatzpunkte erblicken lassen, wie die Depression je überhaupt überwunden werden könnte. Aber auch damit nicht genug. Der aufmerksame Leser, vor allem wenn er fachkundig ist, wird sich gut vorstellen können, dass unsere Analyse noch ein weiteres, nicht gerade geringes Problem mit den Tatsachen bekommen wird, wenn wir mit ihr die Erholung (Aufschwung) zu erklären versuchen werden. Es handelt sich nämlich um ein altbekanntes Problem, das für alle bisherigen Nachfragetheorien charakteristisch ist. Deshalb ist es angebracht, auch dieses sozusagen gattungsspezifische Problem anzusprechen.

Dass unsere kreislauftheoretische Analyse der Depression in den vorigen Beiträgen konsequent nachfrageorientiert war, ließ sich in keinem Augenblick bezweifeln. Es war nämlich immer der Nachfragemangel, der verhindert hat, dass die Wirtschaft zu wachsen beginnt. Diese nachfragetheoretische Position werden wir auch weiterhin nicht verlassen, woraus sich folgern lässt, dass wir für die Erholung der Wirtschaft mehr Nachfrage brauchen werden. Aber was bedeutet „mehr Nachfrage“ überhaupt? Die mikroökonomische Antwort auf diese Frage ist natürlich sehr trivial: Jeder neue Kunde bedeutet schon „mehr Nachfrage“. Das ist richtig, aber mit der Problematik des makroökonomischen Gleichgewichts lässt sich mit einer solchen Auffassung von „mehr Nachfrage“ so gut wie nichts anfangen. Dort wird jeder Verkäufer auch als ein Käufer und jeder Käufer auch als ein Verkäufer erfasst, und wenn man dies berücksichtigt hat, ist die Nachfrage immer und unbedingt gleich dem Angebot. Dieses Argument, bekannt als das Saysche Gesetz, wird seit Anfang des 19. Jahrhunderts sehr erfolgreich gegen die Nachfragetheorie ins Feld geführt. „Mehr“ oder „weniger“ Nachfrage in Bezug auf was? - fragten die Verfechter des Sayschen Gesetzes provokativ. Angesichts der unbestrittenen Tatsache, dass die Summe der erzielten Einkünfte (Nachfrage) immer gleich der Summe der Kosten (Angebot) ist, wird sogar behauptet, dass „mehr“ oder „weniger“ Nachfrage sinnlose Ausdrücke sind.

Viele gescheiterten Versuche der nachfrageorientierten Ökonomen des 19. Jahrhunderts, dem Sayschen Gesetze etwas entgegenzusetzen, ließen nicht selten den Eindruck entstehen, die Nachfragetheoretiker würden nicht schlüssig und widerspruchsfrei denken können. So ist die Nachfragetheorie des 19. Jahrhundert immer wieder schnell gescheitert. Sie wurde erst erfolgreich, als im 20. Jahrhundert „mehr“ oder „weniger“ auf nur eine einzige Erklärung reduziert wurde: auf „mehr“ oder „weniger“ Lust zu konsumieren. Der Nachfragemangel wurde als Geldhortung interpretiert, so dass sich die Nachfragetheorien seitdem vornehmlich mit der Psychologie und der Geldpolitik beschäftigen. Im Rahmen solcher Denkmuster müsste die Erholung der Wirtschaft durch mehr Lust zu konsumieren bedingt sein. Sollte diese psychologische Erklärung zutreffen, hätte man beobachten müssen, dass durch die angeblich gestiegene Nachfrage nach Konsumgütern die Preise dieser Güter am Ende der Depression zu steigen beginnen. Durch diese Nachfrage nach Konsumgütern würde schließlich auch die Nachfrage nach den Produktionsgütern steigen, so dass irgendwann auch die Preise dieser Güter allmählich zu steigen beginnen würden.

Die Tatsachen unterstützen aber diese psychologische Erklärung der Nachfrage nicht. Fast immer ist die Reihenfolge der Preissteigerung bei der Erholung (Aufschwung) eine umgekehrte: Zuerst beginnen die Preise der Produktions- bzw. Investitionsgüter zu steigen, die der Konsumgüter folgen ihnen nach einem bestimmten zeitlichen Abstand. Der nachfragetheoretische Ansatz scheint also völlig ungeeignet zu sein, die Erholung zu erklären. Aber nicht nur hier hat die bisherige Nachfragetheorie empirische Probleme mit den Preisen. Ohne weit vorzugreifen erwähnen wir nur ganz kurz, dass die konjunkturelle Phase des Abschwungs mit einer Preissenkung der Produktionsgüter und nicht der Konsumgüter beginnt, was logischerweise der Fall sein müsste, wenn die Abwärtsbewegung der Wirtschaft etwas mit einer plötzlichen und ansteckenden Unlust zu konsumieren zu tun hätte.

Alle diese Tatsachen waren schon den alten Ökonomen bekannt, so dass es nicht verwundert, dass die Nachfragetheorie vom Anfang des 19. Jahrhunderts so schnell und so vollständig aus der Wirtschaftswissenschaft verschwunden ist. Es ist interessant, in diesem Zusammenhang zu erwähnen, dass sogar Marx den nachfragetheoretischen Ansatz dermaßen unterschätzt bzw. verachtet hatte, dass er ihn nicht einmal für kritikwürdig hielt. An seinem Verhältnis zu den Begründern der Nachfragetheorie lässt sich dies am deutlichsten erkennen. Es ist bekannt, mit welcher Heftigkeit und mit welcher Verachtung er dem „Pfaffen“ Malthus alles Mögliche vorgeworfen hat - er sollte ein moralisches Ungeheuer sein, das die Armen einfach verhungern lassen würde -, aber als ein Nachfragetheoretiker wurde er von ihm nie verspottet. Sismondi dagegen wurde von Marx hoch geschätzt, vor allem wegen seiner sozialen Besinnung - und der Arbeitswertlehre -, aber dass er ein Nachfragetheoretiker war, erfährt man aus Marx Schriften nie. Marx muss sich wohl dabei gedacht haben, dass er ihm dadurch schaden würde. Erwähnen wir dazu noch, dass Marx auch von der Auffassung über die angeblich sparsamen und entsagungsvollen Reichen bzw. Kapitalisten, ohne die die klassische (monetäre) Nachfragetheorie nie auskam, nie etwas gehalten hat. Ihm war natürlich die wertaufbewahrende Funktion des Geldes bestens bekannt, und es ist ihm nie entgangen, dass während der Krisen das Geld gefragt und begehrt wird wie nie zuvor, aber solche „Liquiditätsvorliebe“, um mit Keynes zu sprechen, hielt er für eine der Folgen und nicht für die Ursache der wirtschaftlichen Probleme.

Nachdem die angebotstheoretischen Maßnahmen während der Großen Depression keine Verbesserungen gebracht hatten, haben sich die Regierungen mit dem Mut der Verzweiflung über die Argumentationsschwächen der Nachfragetheorie hinweggesetzt und auf ihre Rezepte zur Stärkung der Nachfrage zurückgegriffen. Trotz der unzähligen Beschwörungen und Beteuerungen aller „seriösen“ Ökonomen dieser Zeit, wie die staatlichen Konsumausgaben (deficit spending) mit absoluter unbezweifelbarer Sicherheit zur Katastrophe führen würden, haben sich diese als ein großer Erfolg erwiesen. „We are all Keynesians now“ - hörte man sogar aus dem Munde eines Friedmans. Aber nach drei Jahrzehnten begann der Stern der Nachfragetheorie zu sinken. Die Regierungen wollten immer noch den Keynesianern glauben, dass nachlassendes Wachstum und steigende Arbeitslosigkeit die Folge der verminderten Lust zu konsumieren seien, und demzufolge haben sie versucht, mit weiteren Ausgaben für mehr Konsum zu sorgen und damit die ökonomische Lage zu verbessern. Sie waren aber damit immer weniger erfolgreich. Mehr Nachfrage nach den Konsumgütern führte vor allem zur Preissteigerung, anstatt zu mehr Wachstum und Beschäftigung. Die alten Gegner haben dafür das Wort Stagflation geschmiedet. Wieder einmal haben die Preise die Nachfragetheorie im Stich gelassen.

„Der radikale Wandel in der Wirtschaftstheorie“ - verkündete dann Milton Friedman bei der Verleihung des Nobelpreises für Ökonomie (1976) - „ist nicht das Ergebnis eines ideologischen Krieges. Verantwortlich ist fast ausschließlich die Macht der Ereignisse. Die Erfahrung zeitigte weit mehr Wirkung, als der mächtigste ideologische oder politische Wille es vermocht hätte“. Das war nun wiederum zu viel der Bescheidenheit. Sollte der Sinn der Wirtschaft nicht darin bestehen, Löhne zu drücken und Reiche immer reicher zu machen, kann man heute, nach drei Jahrzehnten der siegreichen neoliberalen Konterrevolution, feststellen, dass die angebotstheoretischen Maßnahmen nirgendwo bessere, in vielen Bereichen jedoch deutlich schlechtere Ergebnisse erbracht haben, als damals die nachfragetheoretischen. Nachdem die Marktwirtschaft im Herbst 2008 abgestürzt ist, können nur die dogmatischen Realitätsverweigerer und ideologischen Betrüger behaupten - etwa Hayeks Jünger -, dass die empirischen Ergebnisse der letzten drei Jahrzehnten besser seien als die des „Goldenen Zeitalters“ des Kapitalismus nach dem Zweiten Weltkrieg. „Der radikale Wandel in der Wirtschaftstheorie“, war also doch „fast ausschließlich … das Ergebnis eines ideologischen Krieges“. Aber nur fast. Die Nachfragetheoretiker können sich mit den praktischen Ergebnissen ihrer Maßnahmen rühmen und als Sieger fühlen. Sie waren in der Tat die ersten und bisher die einzigen, die den lang erwarteten Beweis geliefert haben, dass eine funktionierende und menschenfreundliche Marktwirtschaft möglich ist. Rein theoretisch betrachtet stehen sie jedoch nach drei Jahrzehnten seit der Keynesschen Revolution fast mit leeren Händen da. Angesichts dessen ist es angebracht darüber nachzudenken, was bisher in der Nachfragetheorie falsch gelaufen ist.

Erkenntnistheoretische Überlegungen über das Scheitern der bisherigen (monetären) Nachfragetheorien

Was Keynes im Bereich der sogenannten reinen Theorie hinterlassen hat, war zweifellos sehr dünn. Seiner angeblich „allgemeinen Theorie“ fehlten belastbare analytische Grundlagen, die ein neues nachfragetheoretisches Paradigma tragen könnten. Das erklärt schon, warum sich ein Paradigmenwechsel, den sich Keynes zweifellos als Ziel gesetzt hat, nicht realisieren ließ. Es ist zwar richtig, dass es ihm gelungen ist, einige mehr oder weniger bekannten Thesen überzeugender zu begründen als seine Vorgänger, vor allem die Motive der Sparer, aber das war ziemlich alles, was neu war. Zugleich hat er alles andere, was im reichen, aber wenig schlüssigen Gedankengut seiner Vorgänger zu finden war, weggeräumt. Keynes hat also - wie bereits schon mehrere Male hervorgehoben - der Nachfragetheorie zum Sieg verholfen, indem er die frühere Ideenvielfalt geopfert hat. Das waren sehr ungünstige Umstände für einen Paradigmenwechsel. Aber damit nicht genug. Keynes hat sich nie vollständig von dem angebotstheoretischen Ansatz befreien können. Seine Erklärung der Ursachen des Abschwungs (Krise) - die auf die angeblich sinkende Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals und auf die hohen Zinsen zurückgeht - ist die Angebotstheorie in Reinkultur. Dazu kommen wir noch später. Schon Keynes war also nie ein konsequenter Nachfragetheoretiker, desto leichter konnten sich seine Nachfolger damit abfinden, sich mit der von Keynes so verschmähten „klassischen Lehre“ - wie er sie nannte - zu arrangieren. Heute wissen wir, dass sie dies besser unterlassen hätten, aber hinterher ist bekanntlich jeder klüger. Deshalb versuchen wir, die Nachfolger von Keynes zu verstehen, indem wir uns in ihre damalige Lage versetzen.

Im Rausche des Sieges ist man bekanntlich nie sehr vorsichtig und ist dem Gegner gegenüber milde eingestellt. Auch rein erkenntnistheoretisch betrachtet, lässt sich den (Neo-)Keynesianern kaum vorwerfen, dass sie die Nähe zu dem ehemaligen Gegner gesucht haben. Man kennt Beispiele aus anderen Wissenschaften, wo das „friedliche“ Nebeneinander mehrerer, sich logisch widersprechenden Ansätzen die Wissenschaft sogar voran gebracht hat. Man denke etwa an die physikalische Theorie des Lichtes. Die Physiker sind sich bekanntlich bis heute nicht einig, ob das Licht, seiner „wahren“ Natur nach, eine elektromagnetische Welle oder ein Teilchen ist. Zuerst waren sie sich alle absolut sicher, dass das Licht eine elektromagnetische Welle ist, aber von dieser Annahme ausgehend, sind immer neue Phänomene aufgetaucht, für die sie keine Erklärung finden konnte. Zugleich stellte sich heraus, dass diese Phänomene doch erklärbar sind, wenn man bereit ist anzunehmen, dass das Licht Teilchencharakter hat. Aber innerhalb der neuen, der sogenannten Quantentheorie, ließ sich leider vieles nicht erklären, was man schon viel früher im Rahmen der elektromagnetischen Theorie problemlos erklären konnte. Nun blieb den Physikern nichts anderes übrig, als die doppelte Natur des Lichtes (Welle-Teilchen-Dualismus) zu akzeptieren. Das verursacht ihnen immer noch gewisse Kopfschmerzen, so dass sie darüber am liebsten nicht sprechen, aber sie haben gelernt, damit zu leben.

Diese und andere Erfahrungen lassen uns wissen, dass auch ohne Paradigmenwechsel wissenschaftliche Fortschritte möglich sind. Nicht ganz zu Unrecht behauptet also der Erkenntnis- und Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend, dass auch in der Wissenschaft alles erlaubt ist, sozusagen „alles geht“ (anything goes), was zum praktischen bzw. empirischen Ergebnis führt. Übertragen auf die Wirtschaftswissenschaft wäre es also nicht verwerflich, wenn für die Erklärung der Phänomene der Marktwirtschaft zwei Ansätze nötig wären: ein nachfragetheoretischer und ein angebotstheoretischer. Der nachfragetheoretische Ansatz würde die Stagnation (bzw. den Abschwung und die Depression) und der angebotstheoretische Ansatz das Wachstum (bzw. die Erholung und die Hochkonjunktur) erklären. Nur so lässt sich heute begreifen, warum Keynes’ Nachfolger immer mehr Brücken zur „klassischen Lehre“ gebaut haben. Sie haben sich eine „Synthese“ auf der gleichen Augenhöhe erhofft. Was daraus wurde, kennen wir: Im Endergebnis haben sie den neoliberalen Kreuzzüglern die Fallbrücken überreicht, über die diese die Enklaven der Keynesschen Theorie erstürmt und schließlich annektiert haben.

Und nun scheint auch unsere kreislauftheoretische Analyse der Depression in die Sackgase zu geraten, weil sie, wie man es von den Nachfragetheorien schon gut kennt, ungeeignet ist, Erholung zu erklären. Wir haben zwei Möglichkeiten, wie wir voran gehen können. Eine Möglichkeit wäre anzunehmen, dass die Nachfolger von Keynes damals etwas falsch gemacht haben, so dass nur deshalb die Nachfragetheorie an der Seite der „klassischen Lehre“ verkümmert und schließlich abgestorben ist. Wäre dem so, dann würde nichts dagegen sprechen, eine neue „Synthese“ zu wagen. Die zweite Möglichkeit wäre, den Mut zu fassen und zu versuchen, ohne die „klassische Lehre“ auskommen, also einen neuen Ansatz bzw. ein neues Paradigma zu wagen. Es gibt gute Gründe, die für die letztere Wahlmöglichkeit sprechen. Einerseits sind alle angebotsorientierten ökonomischen Theorien - die neoliberale eingeschlossen -, trotz ihrer bewundernswerten Durchsetzungskraft, schon von ihrer Grundidee her falsch. Genauer gesagt, sind sie nur reine Ideologien der Reichen und der Kapitalbesitzer, die in der Wirtschaftswissenschaft nichts verloren haben. Andererseits sind wir auf die Hilfe der Angebotstheorie doch nicht angewiesen, auch wenn bis jetzt alles danach aussieht.

Warum uns die neoliberale Theorie des ökonomischen Wachstums nichts zu bieten hat

Laut der neoliberalen Theorie müsste man auch während der Depression - wie eigentlich immer - nur mehr sparen und investieren, dann würde die Wirtschaft spontan zu wachsen beginnen. Eventuell fügt man noch hinzu, dass vorübergehend noch ein bisschen die Löhne heruntergehen müssten. Diese Auffassung ist betriebswirtschaftlich (mikroökonomisch) bestimmt richtig. Wenn nämlich ein Betrieb aus den Lohnersparnissen investiert und mit den weitern Lohnkürzungen auch noch die Preise seiner Produkte senkt, wird er bestimmt größere Chancen haben zu expandieren, als jene Betriebe, die kein Lohndumping betreiben. Walras und Pareto haben diese schlichte mikroökonomische „Erkenntnis“ auf die ganze Wirtschaft übertragen und sie damit zur makroökonomischen Wahrheit verallgemeinert.

 Solche pars-pro-toto Verallgemeinerungen waren natürlich schon immer in den ökonomischen Theorien gang und gäbe. Neu bei den Neoliberalen ist, dass sie solche Verallgemeinerungen im Rahmen eines mathematischen Modells (eines Systems von Gleichungen) ausgeführt haben. Sollte sich etwas auch in mathematischer Sprache verallgemeinern lassen, so ihre Auffassung bzw. Überzeugung, dann sollte dies als ein nicht mehr widerlegbarer Beweis dafür gelten, dass die frühere verbale Verallgemeinerung richtig war. So sollte die Mathematik im Rahmen des neuen mathematischen Modells - unter anderem - dafür bürgen, dass die Ersparnisse immer den Investitionen entsprechen und dass ihre Übereinstimmung schon völlig ausreicht, damit eine freie Marktwirtschaft wächst. Wir wollen jetzt kurz darüber nachdenken, ob sich dies in dem neoklassischen mathematischen Modell wirklich „rigoros“ nachweisen lässt.

Der neoliberale Ökonom wird sofort fragen, ob wir mathematisch genug kompetent sind, um alles begreifen bzw. beurteilen zu können. Wir antworten ihm unverzüglich und direkt: Der Sinn bzw. der Unsinn der neoliberalen Produktions- und Wachstumstheorie lässt sich genauso gut begreifen, auch wenn man kein Mathematiker ist - möglicherweise dann noch einfacher. Uns geht es nämlich nicht um die mathematischen Details, sondern um die Idee, die hinter dem neoliberalen partikel-mechanischen Modell steckt.

Denken wir darüber nach, wie das Modell des allgemeinen Gleichgewichts konzipiert ist. Es kann - rein formal-mathematisch betrachtet - beliebig viele Wirtschaftsakteure („Auktionatoren“) und beliebig viele Güter erfassen. Die Wirtschaftsakteure und die Güter sind sozusagen die konstitutiven Bestandteile (Objekte) dieses Modells. Ferner wird postuliert, dass es Zusammenhänge ausschließlich zwischen den Wirtschaftsakteuren und den Gütern gibt; zwischen den Wirtschaftsakteuren untereinander soll es dagegen keine geben und zwischen den Gütern ebenfalls nicht. Der Zusammenhang, oder noch besser ausgedrückt, der Bezug der Wirtschaftsakteure zu den Gütern ist rein psychisch: es sind Lust- und Unlustgefühle. Man bezeichnet sie als Präferenzen, damit sich alles nicht so hedonistisch und albern anhört, wie es tatsächlich ist. Die Gefühle bzw. Präferenzen der Wirtschaftsakteure den Gütern gegenüber sollten sich quantifizieren lassen und als solche in Form von mathematischen Funktionen (Formeln) geschrieben werden können. Diese Funktionen, als ein System von Gleichungen, stellen die Grundlage (axiomatische Basis) des Modells dar. Alles andere, was der neoliberale Theoretiker über die Marktwirtschaft zu sagen hat, wird mit den Mitteln der (reinen) Mathematik abgeleitet (deduziert).

Das neoliberale Gleichgewichtsmodell hat also psychische Fundamente, und das ganze Gebäude, das auf ihm steht, besteht ausschließlich aus der virtuellen mathematischen Substanz. In dieser Hinsicht bedeutete die neoliberale Theorie einen radikalen Bruch mit der ganzen damaligen Wirtschaftswissenschaft. Sie lehnt strikt ab, den Gütern irgendwelche objektiven Eigenschaften beizumessen. Die Güter besitzen ausschließlich solche Eigenschaften, die sich aus dem psychischen Bezug der Wirtschaftsakteure zu ihnen herausgebildet haben. Hat man Konsumgüter im Sinne, lässt sich dies noch verstehen und gewissermaßen sogar rechtfertigen. Es liegt nämlich nahe, dass die Entscheidungen darüber, welche Güter die Wirtschaftsakteure konsumieren wollen, im Grunde psychisch motivierte Entscheidungen sind. Wenn also im Modell die Wirtschaftsakteure auf die Konsumgüter Eigenschaften projizieren, die ausschließlich auf die Lust- und Unlustgefühlen der Wirtschaftsakteure zurückgehen, lässt sich dagegen kaum etwas vorbringen. Aber wie sieht es mit den Produktionsgütern aus?

Konsumgüter sind bekanntlich Ergebnis eines, nicht selten sehr langen, Produktionsprozesses. Sie existierten zuerst als Produktionsgüter, so dass es berechtigt ist, diese als frühere Stadien der Konsumgüter zu begreifen. Folglich ist es nicht ganz abwegig zu sagen, dass die Produktionsgüter bereits die psychischen Eigenschaften der zukünftigen Konsumgüter in sich tragen, jedoch in einer noch nicht ausgereiften Form. Man sollte aber vorsichtig sein, wenn man mit einer dermaßen metaphorischen Sprache über die Realität spricht. Vergleicht man nämlich ein konkretes Konsumgut mit den Produktionsgütern, aus denen sich dieses im Prozess der Produktion herausbildet, wird man normalerweise kaum physikalische Ähnlichkeiten zwischen ihnen finden. Bekanntlich sind die Produktionsgüter sogar völlig ungeeignet, irgendwelche Bedürfnisse des Menschen direkt zu befriedigen. In den allermeisten Fällen erfährt ein Stück der rohen Natur auf seinem Wege zum Konsumgut erhebliche Veränderungen, die nicht weniger umfangreich sind als etwa die zwischen der Raupe und dem sich aus ihr entwickelten Schmetterling. Man könnte bezüglich dieses Vergleichs anmerken, dass die Biologen in der Raupe und dem Schmetterling trotzdem eine und dieselbe biologische Spezies sehen und dass ihnen keiner deswegen etwas vorwirft. Das stimmt, aber einem Biologen würde nicht einmal im Scherz einfallen, aus den Eigenschaften des Schmetterlings rekursiv den Körperbau und die Lebensweise der Raupe abzuleiten und zu erklären. Oder bedienen wir uns eines anderen Vergleiches, der sogar sehr gut zu unserer Problematik passt. Es sind in der Tat unsere Lust- und Unlustgefühle, die darüber entscheiden, welche Nahrung wir zu uns nehmen. Es stimmt genauso, dass in unserem Verdauungssystem das verarbeitet wird, wofür sich zuvor unsere Gefühle „entschieden“ haben. Trotzdem wäre es unmöglich, aus den Lust- und Unlustgefühlen den Prozess der Verdauung und des Metabolismus zu erklären. Es spricht nichts dagegen anzunehmen, dass auch der Unterschied zwischen den Gefühlen und der Güterproduktion nicht kleiner ist, so dass es ebenfalls unmöglich wäre, aus den Lust- und Unlustgefühlen den Prozess der Produktion zu erklären. Man würde es fast nicht glauben wollen, aber die neue marktradikale liberale Theorie am Ende des 19. Jahrhunderts hat sich mit allem Ernst vorgenommen, genau das zu tun. Carl Menger, der wichtigste Vorkämpfer für diesen Ansatz im deutschsprachigen Raum, hat sogar mit Begeisterung und Stolz verkündet, dass die Wirtschaftswissenschaft „ein noch nicht ausgebauter Zweig der Psychologie“ sei. Wie absurd es auch klingen mag, aus den psychologischen Grundlagen hat sich tatsächlich eine einflussreiche und angesehene ökonomische Theorie zur Verteidigung der Marktwirtschaft entwickelt. Sogar die Nachfragetheoretiker - wie gerade besprochen -, als es ihnen nicht gelungen ist zu erklären, wie die Marktwirtschaft doch die Depression überwinden und zeitlang bestens funktionieren kann, haben die Hilfe der „klassischen Lehre“ in Anspruch genommen. Das sind zweifellos genug ernste Gründe, um darüber nachzudenken, ob sich mit Hilfe von Lust- und Unlustgefühlen nicht doch die Produktion und das Wachstum erklären lassen. Geben wir also der neoliberalen Produktions- und Wachstumstheorie noch eine Chance.

Die Lust- und Unlustgefühle brauchen in der Wirtschaftswissenschaft nicht so verstanden zu werden, wie sie in den allgemeinen Wörterbüchern bzw. Lexika gedeutet sind. Man kann sie als eine sozusagen tiefer liegende Abstraktionsstufe für den Bezug des Menschen zu den Gütern interpretieren bzw. definieren. Dies bedeutet, den Begriff Gefühle aus den üblichen konkreten Zusammenhängen zu lösen, also ihn zuerst zu entleeren, um ihn dadurch universeller zu machen, so dass er sich daraufhin auf mehr konkrete Anwendungsbereiche anwenden lässt, als dies ursprünglich der Fall gewesen ist. So etwas kennt man als die Methode der abnehmenden Abstraktion. Nun wollen wir herausfinden, ob sich möglicherweise auf eine solche Weise die produktionstechnischen Eigenschaften psychologisch erfassen lassen.

Anstatt Lust- und Unlustgefühle sagen wir einfach Nutzen. Es lässt sich in der Tat verallgemeinernd sagen, dass die Güter deshalb gekauft werden, weil sie nützliche Eigenschaften besitzen. Produktionsgüter sind aber auf eine andere Art nützlich als Konsumgüter. Ihre nützlichen Eigenschaften beziehen sich auf die Produktion. Ferner lässt sich mit Sicherheit davon ausgehen, dass die Käufer von Produktionsgütern bzw. die Unternehmer in ihrem nutzenbestimmten Bezug zu den Produktionsgütern auch die realen produktionstechnischen Eigenschaften berücksichtigen. Würden sie dies nicht tun, wäre es für sie unmöglich, überhaupt etwas Sinnvolles mit solchen Gütern anzufangen. Bildlich gesprochen ließe sich also sagen, dass die produktionstechnischen Eigenschaften von den Gefühlen („Präferenzen“) sozusagen huckepack getragen werden können. Der Begriff Nutzen wäre dann also die untere Abstraktionsstufe, die produktionstechnischen Eigenschaften ihre Konkretisierung.

Es lässt sich nicht bestreiten, dass eine solche Auffassung einen gewissen Sinn hat. Solange man auf der verbalen Ebene bleibt, also die Funktionsweise der Marktwirtschaft in der gewöhnlichen Sprache beschreibt, lässt sich dem kaum etwas entgegensetzen. Soweit so gut. Aber gerade die neue liberale Theorie am Ende des 19. Jahrhunderts hat sich von der gewöhnlichen Sprache verabschiedet. Es hieß bei ihr, dass der verbalen Analyse logische Strenge und Präzision fehlten, so dass man unbedingt auf die präzisere und strengere mathematische Sprache übergehen müsste. Die Kenntnisse der Wirtschaftswissenschaft sollten nur dann als zuverlässig gelten, wenn sie sich als ein System von Gleichungen modellieren lassen oder aus diesem System mit mathematischen Methoden abgeleitet werden können - wie in den technischen Wissenschaften. Die neoliberale Theorie war also eine Wende in der Wirtschaftswissenschaft auch in dem Sinne, dass die mathematische Sprache bzw. Analyse die verbale verdrängt hat. Wenn der Mathematik eine solche Relevanz zuerkannt wird, ändert sich auch bei der Deutung der Präferenzen bzw. des Nutzens einiges.

Es lässt sich in der Tat nicht bestreiten, dass Wörter der gewöhnlichen Sprache sehr biegsam und schwammig sind, so dass in sie vieles hineininterpretiert werden kann, was allzu oft zur Beliebigkeit führt. In der mathematischen Sprache dagegen werden den Begriffen bzw. den Variablen enge Grenzen auferlegt und zwar aus einem einfachen Grund: Soll das System von Gleichungen lösbar sein, wird der Gültigkeitsbereich der Variablen in zweierlei Hinsicht beschränkt: einerseits in Bezug auf die numerischen Werte, welche jede der Variablen einnehmen kann, und andererseits was die quantitative Form des Verhältnisses einer jeden Variablen zu allen anderen betrifft. Die Bauweise („Konstruktion“) des Systems von mathematischen Gleichungen entscheidet also im Wesentlichen darüber, was die Variablen sind bzw. was sie überhaupt sein können. Sie sind nicht mehr der grenzenlosen literarischen und rhetorischen Phantasie ausgeliefert. In unseren Fall bedeutet dies, dass im mathematischen Modell des Gleichgewichts nur bestimmte Eigenschaften der Produktionsgüter und bestimmte Beziehungen zwischen ihnen erfasst werden können. Es lässt sich eindeutig bestimmen, welche es konkret sind und warum gerade sie und nicht irgendwelche anderen.

Walras hat sein psychologisch konzipiertes Modell zuerst für den Markt der Konsumgüter entwickelt (1874) und es erst später (1877) auf den Bereich der Produktionsgüter erweitert. Er hat dabei nur seine zuvor mathematisch entwickelte Form des Verhältnisses zwischen dem Konsumenten und Konsumgütern auf das Verhältnis zwischen den Unternehmern und Produktionsgütern übertragen und damit verallgemeinert. Das war dann schon alles. Der psychische Bezug des Konsumenten zum Konsumgut zeigt die Eigenschaft der fallenden Intensität bei zunehmender Menge, die sich aus der Sättigung der Bedürfnisse ergibt, und diese quantitative Eigenschaft sollte schließlich auch für den Bezug der Wirtschaftsakteure zu den Produktionsgütern gelten. Wie gesagt, ohne diese Eigenschaft - mathematisch gesprochen ohne die negative erste Ableitung - wäre das System von Gleichungen nicht lösbar. Dann gäbe es unter anderem auch kein Gleichgewicht mehr und das Pareto-Optimum wäre ebenfalls nicht möglich. Diese mathematische Eigenschaft des Walrasschen Modells hat nun gravierende Folgen, was die Auffassung der Produktion betrifft. Jetzt können nicht alle beliebigen produktionstechnischen Eigenschaften der Produktionsgüter von den Gefühlen (Präferenzen) der Wirtschaftsakteure „huckepack“ getragen werden, sondern nur diejenigen Eigenschaften, für die es gilt, dass ihre Intensität mit der Menge abnimmt. Um welche produktionstechnische Eigenschaft könnte es sich dann handeln? Gibt es sie überhaupt? Ja, es gibt eine solche Eigenschaft tatsächlich. Die mathematischen Ökonomen mussten nicht einmal nach ihr suchen, weil sie schon den klassischen Ökonomen gut bekannt war. Eigentlich war sie nicht einmal deren originelle Entdeckung, sondern es handelt sich um eine sehr alte und allgemein bekannte Tatsache aus der Landwirtschaft.

Wird ein Volksstamm sesshaft und beginnt er, Landwirtschaft zu betreiben, bebaut er zuerst den besten bzw. fruchtbarsten Boden. Wenn sich seine Mitgliederzahl vergrößert hat, muss mehr Boden nutzbar gemacht werden. Dieser zusätzliche Boden kann aber nicht mehr so fruchtbar sein, weil die Fläche des guten Bodens begrenzt ist. Je mehr Boden bebaut wird, desto kleiner werden also die Erträge. Ricardo hat auf diesem Prinzip der fallenden Erträge seine ganze Produktions- und Verteilungstheorie aufgestellt. Folglich war es Ricardo - nicht etwa Gossen -, der die Grundidee für die ganze neoklassische (marginalistische) Wende in der „bürgerlichen Ökonomie“ geliefert hat. Diese Tatsache wird vornehmlich deshalb verheimlicht, weil Ricardo auch von Marx, wegen seiner Arbeitswertlehre, hochgeschätzt wurde. Man kann in der Tat sagen, dass Ricardo der Stammvater der beiden dominanten Entwicklungsrichtungen in der ökonomischen Theorie des 19. Jahrhunderts ist: des Marxismus und des Neoliberalismus. Keynes hat diesen großartigen Sieg Ricardos mit prägnanten Worten beschrieben:

„Weil Malthus nicht deutlich erklären konnte ... wie und warum die wirksame Nachfrage unzureichend oder übermäßig sein könne, mißlang ihm die Bereitstellung eines alternativen Aufbaus, und Ricardo hat England so vollständig erobert wie die Heilige Inquisition Spanien. ... Das große Rätsel der wirksamen Nachfrage, mit dem Malthus gerungen hatte, verschwand aus der wirtschaftlichen Literatur.
Der völlige Sieg Ricardos erscheint merkwürdig und rätselhaft. Er muß dem Umstand zugeschrieben werden, daß die Doktrin in hohem Maße der Umwelt angepaßt war, in die sie geworfen wurde. Daß sie Schlüsse zog, die grundverschieden waren von dem, was der gewöhnliche ungebildete Mann erwartet hatte, hat ihr intellektuelles Prestige offenbar nur gesteigert. Daß ihre Lehre, aufs wirkliche Leben übertragen, hart und oft ungenießbar war, verlieh ihr Tugend. Daß sie geeignet war, einen mächtigen und logisch konsequenten Überbau zu tragen, gab ihr Schönheit. Daß sie erklären konnte, daß eine Menge sozialer Ungerechtigkeiten und scheinbarer Grausamkeiten unvermeidliche Zwischenfälle im Fortschrittsplan seien und daß jeder Versuch, solche Zustände zu ändern, im ganzen voraussichtlich mehr Harm als Gutes bringen würde, empfahl sie der Obrigkeit. Daß sie den uneingeschränkten Tätigkeiten der einzelnen Kapitalisten eine gewisse Rechtfertigung gewährte, zog ihr die Unterstützung der herrschenden sozialen Macht zu, die hinter der Obrigkeit stand .“ ... >

Die Kritiker haben schon damals Ricardo entgegen gehalten (Henry C. Carey, Henry George, …), dass die Fruchtbarkeit des Bodens nicht das einzige Kriterium für die Entscheidung ist, welcher Boden konkret angebaut wird. Boden muss zum Beispiel sicher vor Überfällen sein, und es kommt auch noch einiges hinzu, aber all diese Faktoren sind entweder selten oder schwach, oder beides, so dass sie dem Prinzip der fallenden Erträge nichts anhaben konnten. Es ist etwas anderes, was dieses Prinzip obsolet macht, nämlich das Produktivitätswachstum. Die Malthussche pessimistische Prognose, die Produktivität in der Landwirtschaft würde nur linear und die Bevölkerung geometrisch wachsen, haben sich bisher als falsch erwiesen. Schon in der Landwirtschaft konnten ausreichende Produktivitätsfortschritte gemacht werden, um die Bevölkerung immer besser zu ernähren. Weit größere Steigerungen der Produktivität konnten später in der Industrie erzielt werden. In der Industrie gibt es sogar auch dann keine fallenden Erträge, wenn man das Produktivitätswachstum nicht berücksichtigt. Zum Beispiel muss die zweite Fabrik für Fahrräder nicht weniger produktiv sein als die erste, die dritte Fabrik nicht weniger als die zweite usw.

Vorläufig zusammengefasst kann man also sagen, dass die Übertragung des Prinzips der Sättigung der Bedürfnisse aus dem Bereich der Konsumgüter auf den Bereich der Produktionsgüter eine Vergewaltigung der Realität war. Es wurde der Produktion eine Eigenschaft aufgezwungen, die für sie eine sehr geringe Bedeutung hat, meistens aber gar keine. Alle andere produktionstechnischen Eigenschaften, weil sie mit der fallenden Intensität („Produktivität“) nichts zu tun haben, werden dagegen wegabstrahiert. Erwähnen wir jetzt nur eine von ihnen, die, wie keine andere für die Produktion charakteristisch ist, dass nämlich in der Produktion nicht zwischen einzelnen Produktionsgütern gewählt wird, sondern zwischen ihren Kombinationen. Dem Konsumenten ist es bekanntlich frei überlassen sich zu entscheiden, welche Konsumgüter er konsumieren will und in welchen Mengen. Alles kann mit allem kombiniert werden und sogar in beliebigen Proportionen. Deshalb gibt es Menschen, die „komisch“ und „unvernünftig“ konsumieren. Aber wie ungewöhnlich und auffällig jemand sein Leben gestaltet, lässt sich als sein uneingeschränktes Recht auf die persönliche Freiheit verstehen. Bei den Produktionsgütern ist dies jedoch nicht der Fall. Über Geschmack lässt sich nicht diskutieren, die Produktion hat aber mit dem Geschmack gar nichts zu tun. Dies haben wir bei der Reswitchingproblematik schon näher erörtert.mehr

Abschließend kann man also sagen, dass das neoliberale Modell, das heute stolz als Totalmodell der Marktwirtschaft bezeichnet wird, nur in einer Hinsicht total ist: in seiner totalen Verfehlung, die Produktion analytisch zu artikulieren und sie in seine Erklärung der Funktionsweise der Marktwirtschaft zu integrieren. Der ganze neoliberale Ansatz, die sogenannte „marginalistische Revolution“, lässt sich treffend mit der bekannten lustigen Geschichte von dem Betrunkenen vergleichen, der seinen verlorenen Schlüssel unter der Laterne sucht, weil es dort heller ist. Das Prinzip der fallenden Intensität bei der wachsenden Menge (Grenznutzenprinzip) ist keine hohe wissenschaftliche Attraktion, sondern nur eine metaphysische Halluzination. Unverblümt ausgedrückt, gehört das theoretische Wagnis von Walras und Pareto, die Produktion durch Gefühle („Präferenzen“) in ein Modell der Marktwirtschaft zu integrieren, zu den größten Torheiten der westlichen Zivilisation. Wäre es mit diesem Irrsinn nicht möglich, die Lohnsenkung und die Umverteilung von unten nach oben zu verteidigen, wäre die psychologische Wende in der Wirtschaftswissenschaft am Ende des 19. Jahrhunderts eine kurze, schon längst vergessene Episode in der Geschichte der Wirtschaftswissenschaft.

Wie unbrauchbar das Modell des allgemeinen Gleichgewichts ist, Produktion und Wachstum zu analysieren, bezeugt indirekt die Tatsache, dass in den neueren neoliberalen Wachstumstheorien nicht mehr dieses „Totalmodell“ als Grundlage genommen wird, sondern auf aggregierten Größen basierende makroökonomische Modelle, die nichts anderes als mathematische Ein-Gut-Modelle sind, übergegangen wurde. Ein schärferer Schwenk ist nicht denkbar. Dort ein Modell, mit dem sich angeblich die Marktwirtschaft „prinzipiell“ bis zum letzten Detail erfassen lässt - deshalb wird es als Totalmodell bezeichnet -, hier reduziert man die ganze Wirtschaft auf ein Unternehmen, auf ganz wenige „Aggregate“. Sogar Robert M. Solow, der sich große Verdienste auf dem Gebiet der neoklassischen Wachstumstheorie erworben hat, stellt nachdenklich fest:

„Ich meine nicht, daß derartige Modelle direkt zu einem wirtschaftspolitischen Rezept oder auch nur zu einer eingehenderen Diagnose führen. ... Die Aufgabe, in einem größeren Maße ökonometrische Modelle auf der Grundlage irgendwelcher analytischer Einsichten, die sich aus einfachen Modellen ergeben, zu konstruieren, ist sehr viel schwieriger und weniger aufsehenerregend. Aber dafür wird der Herr wohl die graduierten Studenten geschaffen haben. Wahrscheinlich wird er sich etwas dabei gedacht haben.“ ... >

Warum wir die Hilfe der neoliberalen Theorie des ökonomischen Wachstums nicht brauchen

„Nur Komplexität kann Komplexität reduzieren“ - behauptet der Soziologe, Philosoph und Gesellschaftstheoretiker Niklas Luhmann, und dies zu Recht. Wenn man die Theorien der erfolgreichen (Natur-)Wissenschaften betrachtet, lässt sich in der Tat nicht übersehen, dass sie immer umfangreicher und unübersichtlicher sind. Aber mit der Komplexität wuchs bei ihnen auch der Bezug zur realen Welt. Wie es unsere kurze Untersuchung der neoliberalen Theorie zeigte, gilt für ihre Modelle, in welcher Variante auch immer, beides nicht. Sie sind auf ihrem untersten Niveau - man sagt auch axiomatische Basis dazu - erschreckend einfach, und nur äußerst dürftig empirisch relevant. Die darauf aufgestellten mathematischen Aufbauten, durch welche die neoliberalen Modelle einen so monumentalen und imposanten Eindruck bieten, haben gar keinen Bezug zur Realität mehr. Es ist ausgeschlossen, dass man mit diesen Modellen Wissenschaft betreiben kann. Würden wir sie nicht für eine reine ideologische Mogelpackung halten, dann könnten sie nichts anderes sein als nur die uralte Metaphysik im mathematischen Gewand. Deshalb stimmt es nicht einmal, dass die neoliberalen Produktions- und Wachstumsmodelle besser als nichts sind. Sie sind schlicht und ergreifend nutzlos.

Für unser Kreislaufmodell - mit technischen und distributiven Koeffizienten - haben wir schon festgestellt, dass es mathematische Werkzeuge bietet, mit denen sich Kumulation, Gerichtetheit und Struktur analytisch artikulieren lassen. Das Modell ist also schon auf seinem untersten analytischen Niveau deutlich komplexer als das neoliberale partikel-mechanische. Darüber hinaus hat diese Komplexität des Kreislaufmodells einen festen und relevanten empirischen Bezug: Kumulation, Gerichtetheit und Struktur sind sehr wichtige Eigenschaften der Produktion und des Wachstums, auf jeden Fall unvergleichbar wichtiger, als die (angeblich) fallenden Erträge. Eine komplexe und realitätsbezogene axiomatische Basis (Grundlage) ist aber nur eine Voraussetzung für eine erfolgreiche Wissenschaft. Darüber hinaus muss ein theoretisches Modell geeignet sein, funktionale Zusammenhänge vom untersuchten Phänomen zu erklären. So sollte ein ökonomisches Modell, unter anderem, auch ökonomische Zyklen erklären können. Diesem Anspruch muss auch unser Kreislaufsmodell genügen. Genau das haben wir auch vor nachzuweisen.

Wir haben bereits gesehen, dass sich im Rahmen des Kreislaufsmodells eine stagnierende und immer weiter schrumpfende Wirtschaft erklären lässt, und damit auch die Phase des ökonomischen Zyklus, die man als Depression bezeichnet. Aber die Depression endet irgendwann, manchmal sogar nach einer kurzen Zeit. Ein solcher Ausgang der Depression scheint aber im Rahmen der kreislauftheoretischen Erklärung nicht denkbar zu sein. Wie wir festgestellt haben, müsste jeder Versuch der Wirtschaft zu wachsen scheitern, weil das Sparen zu investiven Zwecken immer zum Nachfragemangel führte. Der fachkundige Leser - wie bereits erwähnt - konnte hier den alten Widerspruch der Nachfragetheorie erblicken, der nie zufriedenstellend gelöst werden konnte und schließlich die Nachfragetheoretiker in die Arme der neoliberalen Theorie trieb. Wir werden aber keine solche Hilfe von den neoliberalen Modellen in Anspruch nehmen, weil die Werkzeuge des Kreislaufsmodells völlig ausreichen, auch den Wachstumsbeginn analytisch zu artikulieren.

Unsere bisherige Untersuchung der Depression scheint deshalb in die Sackgasse zu geraten, weil wir einiges wegabstrahiert haben. Wir haben - unter anderem - stillschweigend angenommen, dass während der Depression die Produktionsmethoden (technische Koeffizienten) unverändert bleiben. Anders gesagt, wir haben den technischen Fortschritt nicht berücksichtigt. Wir haben also das nicht berücksichtigt, woran sich die Marktwirtschaft am meisten von allen anderen ökonomischen Ordnungen unterscheidet. Sie bringt ständig neue Produktionsmethoden und Produkte hervor, und diese setzen innovative Investitionen voraus. Diese Innovationen sind, gleichgewichtstheoretisch betrachtet, anders als die „gewöhnlichen“ Investitionen, von denen wir bei der Untersuchung der Deflation stillschweigend ausgegangen sind. Sie ermöglichen Ersparnisse, die, wenn sie investiert werden, keinen Nachfragemangel verursachen. Mit ihnen lässt sich die Wirtschaft auf den Wachstumspfad bringen, und dann ist es schon kein Problem mehr für sie, zu wachsen. Weiter zu wachsen kann sie dann auch mit „gewöhnlichen“ Investitionen, wie wir es schon feststellen konnten.

Die innovativen Investitionen befähigen die Wirtschaft aus eigener Kraft, also ohne staatliche Hilfe, die Depression zu überwinden. Man sagt dazu auch spontan. Von einer spontanen Überwindung der Depression kann gewissermaßen auch dann gesprochen werden, wenn die Wirtschaft externe Märkte erobert und sich dort, durch Exportüberschüsse, des eigenen Angebotsüberschusses entledigt. In diesem Fall haben wir keine geschlossene Wirtschaft mehr, sondern eine, die sich auf Kosten der anderen Wirtschaften rettet. Man sagt dazu auch exogen. Die geschädigten Wirtschaften versuchen immer sich dagegen zu wehren, so dass die externen Märkte bzw. die Exportüberschüsse nie ganz spontan entstehen. Sie sind vor allem die Folge der politischen und militärischen Übermacht eines Landes.

Das Problem des Nachfragemangels lässt sich auch durch schuldenfinanzierte Investitionen lösen. Diese Lösung zur Überwindung der Depression ist eine endogene, die zwar nicht immer, aber sehr oft und hauptsächlich, nur durch den Staat bzw. die Politik realisierbar ist.

Es gibt noch eine weitere Möglichkeit, die Wirtschaft auf den Wachstumspfad zu bringen: durch staatliche Konsumausgaben. Die Empfehlung dies zu tun, ist eine direkte Konsequenz der Auffassung der monetären Nachfragetheorien - auch der von Keynes -, dass die Unterkonsumption die Ursache des Nachfragemangels sei. Diese Auffassung ist nur sehr bedingt richtig, so dass die aus ihr abgeleitete Lösung des Nachfrageproblems auch nur bei bestimmten Umständen erfolgreich anwendbar ist.

 
 
   
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