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  Inhaltsverzeichnis zu diesem thematischen Schwerpunkt  


  3. Phase des ökonomischen Zyklus der Marktwirtschaft: Die Hochkonjunktur (Boom)
  Die Idee des Kreislaufes: Die einzige Möglichkeit Wachstum zu modellieren
       
 
Das Modell ist häufig „schlauer“ als sein Anwender. Damit meine ich Folgendes: Sobald man gezwungen ist, seine Gedanken zu ordnen und in den systematischen Rahmen eines kohärenten (d. h. widerspruchsfreien) Modells zu stellen, wird man nolens volens zu Schlussfolgerungen gedrängt, die man eigentlich nie im Sinn hatte, oder man wird sogar gezwungen, liebgewordene Überzeugungen aufzugeben. Deshalb ist jemand, der ein noch so einfaches und trivial klingendes ökonomisches Modell begriffen hat, häufig auf eine bestimmte Art weitaus klüger als jemand, der tausend Fakten parat hat, viele schöne Anekdoten zu erzählen vermag und mit großen Worten um sich zu werfen versteht, jedoch über keinen kohärenten, die Gedanken ordnenden, disziplinierenden Rahmen verfügt.
 
    Paul Krugman , bekannter amerikanischer Ökonom, Nobelpreisträger (1929)    
       
 
Die Volkswirtschaftslehre ist eine Wissenschaft von Denken in Modellbegriffen, verbunden mit der Kunst, Modelle zu wählen, die anwendbar sind auf die gegenwärtige Welt.
 
    John M. Keynes, der wichtigste Ökonom des 20. Jahrhunderts    

Der neoliberalen (Grenznutzen-)Theorie wird schon seit ihrem Entstehen immer wieder vorgeworfen, dass sie hedonistisch sei. Dieser Vorwurf ist aber von weit her geholt. Es ist natürlich richtig, dass die Gefühle - Walras benutzte den Ausdruck Genuss - der Anfang und das Ende der neoliberalen Theorie sind, dass ihr ganzes Gebäude sozusagen aus psychischen Komponenten aufgebaut ist, aber gerade deshalb kann das Totalmodell auch geistige Bedürfnisse berücksichtigen. Der Konsument in der neoliberalen Theorie braucht kein geistloser Genussmensch zu sein, dem es nur um Wurst, Party und Reizwäsche geht, sondern ihm ist es auch frei überlassen, seinen Nutzen mit einem Buch, einem Gemälde und einer Theaterkarte zu maximieren. Das eigentliche Problem der neoliberalen Theorie ist ein anderes. Unter den Bedürfnissen des neoliberalen homo oeconomicus versteht man nichts mehr als Pavlowsche Instinkte, deren quantitative Form immer einer einfachen Sättigungskurve entspricht. Nur diese monoton fallende Form des Nutzens macht es nämlich möglich, den Markt als ein mathematisches System von Gleichungen zu modellieren, dessen Lösung ein allgemeines Gleichgewicht ist - analog dem Gleichgewicht der Kräfte in der klassischen Physik. Es ist also keine Übertreibung, wenn man sagt, dass die Neoliberalen den rational handelnden Menschen auf dem Altar der Methode opfern - ihn auf eine organische Maschine degradieren. Der Mensch lässt sich aber nicht auf eine einfache Summe von Bedürfnissen reduzieren. Er ist ein soziales und rationales Wesen, das nicht instinktiv, sondern strategisch handelt. Er maximiert seinen Nutzen langfristig, durch Verfolgung bestimmter Strategien. Deshalb war der Versuch der spieltheoretisch orientierten Ökonomen, die „Maschine“ durch „Spiel“ zu ersetzen, ein guter Ansatz, auch wenn er seine Schwächen hatte, wovon wir schon kurz geschrieben haben.mehr

Diese Einwände sind schon ziemlich alt und gut bekannt, es lässt sich aber trotzdem nicht bestreiten, dass der Mensch als Konsument in vielen Situationen durch blinde innere Triebe geleitet ist, und da deutet die neoliberale (Grenznutzen-)Theorie sein Verhalten richtig. Außerdem hat ein Mensch, der sein ganzes Lebenlang eine Routinearbeit verrichtet und mit seinem Verdienst gerade so eben überleben kann, keine Möglichkeit, strategisch zu handeln. Er muss seine elementaren Bedürfnisse befriedigen und für die gilt eben das Prinzip der Sättigung. Ein solcher Mensch ist in der Tat nicht viel mehr als eine einfache Summe von Instinkten - eine organische Maschine. Deshalb müssen wir der neoliberalen Theorie zugestehen, dass sie den Tausch auf dem Markt der Genussgüter ziemlich gut beschreibt. Einen Rest, den sie nur dürftig oder gar nicht erklären kann, gibt es natürlich, aber dies ist kein ernsthafter Einwand gegen sie. Es gibt bekanntlich keine Theorie, die wirklich alle empirischen Erscheinungen und deren Variationen auf ihrem Forschungsgebiet erklären kann. Die neoliberale (Grenz-)Nutzentheorie bleibt somit die beste Theorie für die Erklärung des Tausches auf dem Markt der Konsumgüter. Für den Tausch auf dem Markt der Produktionsgüter gilt das nicht, dort ist sie unbrauchbar bzw. falsch.

Das Problem der neoliberalen Theorie mit dem Tausch auf dem Markt der Produktionsgüter beginnt schon damit, dass der Mensch keinen direkten psychischen Bezug zu einem Produktionsgut hat. Da hilft auch die Spitzfindigkeit nicht weiter, den ursprünglichen Begriff Genuss auf ein höheres Abstraktionsniveau anzuheben, ihn zum Nutzen umzutaufen. Es gibt keine Nutzenfunktion in unserem Kopf für eine Schraube, einen Ziegel oder einen Klumpen Erz. Die Kaufkraft (der Preis) solcher Gegenstände ist durch eine komplizierte Macht- und Besitzstruktur bestimmt. Davon wollte die neoliberale Theorie nie etwas wissen, was natürlich leicht zu verstehen ist: Würde sie die sogenannte primäre Besitzverteilung in ihr Kalkül einbeziehen, wäre sie analytisch überfordert. Nichts von dem, was sie sonst als der Weisheit letzten Schluss preist, ließe sich dann auf dem mathematischen Wege beweisen. Das Referenzmodell des ökonomischen Mainstreams war schon bei Walras ein analytisch geschlossenes Denksystem - sozusagen aus sich heraus kanonisiert. Das hat ihm aber nicht geschadet, im Gegenteil. Gerade deshalb fand es großen Anklang bei den Ideologen der Kapitalbesitzer. Diesen wurde nämlich schnell klar, dass diese Theorie sie nie verraten, sich nie gegen ihre Interessen richten würde.

Die Abwesenheit der Macht- und Besitzstruktur in der neoliberalen Theorie, also ihre soziale Blindheit, ist nur eine der Stellen, wo sie unterkomplex ist. Das schieben wir aber jetzt beiseite. Sie ist nämlich schon als „wertfreie“ und „reine“ Theorie in noch einer Hinsicht erschreckend unterkomplex, so dass sie für den Markt der Produktionsgüter gar nicht anwendbar ist. Wie wir im vorigen Beitrag erörtert haben, sind in der Produktion nicht die individuellen Güter und Dienste nutzen- bzw. kostenrelevant, sondern ihre Kombinationen. Deshalb maximieren die Unternehmer ihren Nutzen anders als die Konsumenten. Der Konsument entscheidet sich, indem er den Nutzen eines Gutes mit dem Nutzen eines anderen vergleicht, und bei solchen Vorgehen gibt es - wegen der Sättigung der Bedürfnisse - in der Tat so etwas wie Grenznutzen. Der Unternehmer entscheidet sich aber nicht zwischen einzelnen Produktionsgütern, sondern zwischen ihren Kombinationen (Produktionsmethoden). Die Grenzproduktivität der einzelnen Produktionsfaktoren, als Pendant zum individuellen Grenznutzen der Konsumgüter, ist ein rein akademisches Phantasieprodukt, dem in der Realität nichts entspricht. Sie dient nur dem ideologischen Zweck, die Einkünfte der Menschen, die nichts leisten, sondern nur besitzen, als verdient zu rechtfertigen.

Das Totalmodell von Walras geht also bei der Erklärung des Tausches der Produktionsgüter von völlig falschen Annahmen aus, und schließlich ist es auch als Theorie über die Produktion und damit auch über das Wachstum unbrauchbar. Die Flucht der neoliberalen Wachstumstheoretiker in Eingutmodelle, bei denen diese Problematik vertuscht ist, war schließlich weder ein Versäumnis noch eine Verkettung von ungünstigen Umständen. Die neoliberalen makroökonomischen Eingutmodelle sind die Folge der Erkenntnis, dass das Totalmodell ein analytisch vollendetes und in sich geschlossenes Denksystem ist, dem sich nicht etwas hinzufügen lässt, ohne dabei seine innere Konsistenz - auf die man so unendlich stolz ist - zu opfern. So hat man die Wachstumstheorie auf die Grundlagen eines Eingutmodells gestellt, in dem die ganze Wirtschaft auf einen Betrieb reduziert wird, und dieses Modell mit den „Erkenntnissen“, die sich aus dem „Totalmodell“ ableiten lassen, gespickt. Bei so viel Ratlosigkeit darf nicht wundern, dass auch noch im Jahre 1969 der Nobelpreisträger John Hicks feststellen musste:

„Die meisten von denen (die eine umfassendere Erklärung des allgemeinen Geschichtsverlaufs geben möchten) werden Marxsche Kategorien oder modifizierte Versionen davon gebrauchen, weil kaum geeignete Alternativen vorhanden sind. Es ist allerdings schwer verständlich, dass in den hundert Jahren nach dem Erscheinen von Das Kapital ... kaum etwas anderes hervorgebracht worden ist.“ ... >

Marx hat das ökonomische Wachstum gänzlich auf der Idee des Kreislaufs aufgebaut. Das waren die ersten Schritte, auf dem Wege das der quantitativen Analyse des Wachstums. Deshalb bietet sich an, zuerst zu zeigen, was er da alles geleistet hat.

Das Wachstum (Kapitalakkumulation) in den Marxschen Reproduktionsschemata

Wenn vom Kreislaufmodell gesprochen wird, ist es angebracht, bei dem französischen Physiokraten François Quesnay (1694-1774) anzufangen. Wegen seines Kreislaufmodells, das er als Tableau économique bezeichnete, war er eine Zeitlang sehr berühmt. Sogar von Adam Smith wurde er sehr geschätzt, auch wenn dieser mit der quantitativen Analyse so gut wie nichts anzufangen wusste. Das Kreislaufmodell von Quesnay ist im nächsten Bild links dargestellt. Diese Darstellung hat nicht die ursprüngliche Zickzack-Form, sondern die von uns immer benutzte Form für Kreisläufe, der sich üblicherweise die moderne Graphentheorie bedient.

 
Manufakturen:
Bauer:
Konsumgüter
Konsumgüter
 
Abteilung 1:
Abteilung 2:
Konsumgüter

 

 

Die Wirtschaft war bei Quesnay noch weitgehend feudal. Ein Jahrhundert später war sie schon kapitalistisch, vor allem in England, wo Marx seine Zuflucht vor der preußischen Ständeordnung und dem Obrigkeitsstaat fand. Aus kleinen Handwerkern sind industrielle Monopole gewachsen und die Landwirtschaft schrumpfte immer weiter. Folglich hat Marx die Wirtschaftsakteure anders als Quesnay aufgeteilt: Der „Abteilung 1“ hat er die Hersteller von Investitionsgütern, der „Abteilung 2“ die von Konsumgütern zugeordnet. Aus den vorigen Bildern ist offensichtlich, dass Marx das Kreislaufmodell von Quesnay zugleich erheblich vereinfacht hat. Es lässt sich annehmen, dass seine Absicht war, die Analyse zu vereinfachen, aber dann hat er sich getäuscht. Gerade dies  wurde ihm - meiner Meinung nach - zum Verhängnis, worüber ich schon das Wichtigste geschrieben haben.mehr

Das wirtschaftliche Geschehen sollte sich nach Quesnay in Jahreszyklen - was der Länge des Naturzyklus in der Landwirtschaft entspricht - immer auf gleiche Weise wiederholen, so dass dieses Kreislaufmodell zugleich einen endgültigen Zustand einer optimal funktionierenden (feudalen) Wirtschaft darstellen sollte. Das Modell endete also mit einem stationären Zustand, so dass es als statisch bezeichnet werden kann. Das hat sich bei Marx geändert. Er hat die Idee des Kreislaufs auf das Phänomen ökonomisches Wachstum angewandt. Man kann ihn deshalb mit Recht als Vater der ökonomischen Wachstumstheorien bezeichnen. Dass die „bürgerlichen Ökonomen“ dieses Verdienst von Marx nie anerkennen würden, bedarf keiner Erklärung. Aber nicht nur Marx, sondern auch kreislauftheoretisches Denken schlechthin blieb für sie ein Tabu, was auch unschwer zu verstehen ist. In den Kreislaufmodellen wäre es zum Beispiel kaum möglich, Profite wegzuanalysieren.

Das erste Modell des ökonomischen Wachstums, die Marxschen Reproduktionsschemata der erweiterten Reproduktion, beinhalten zweifellos auch Einfälle von tiefer Einsicht, aber man sollte gleich hinzufügen, dass sie mit großen Fehlern behaftet sind. Einerseits waren sie eine sehr primitive quantitative Analyse, und andererseits war bei Marx oft der Wunsch der Vater des Gedankens. Das „Gesetz“ der fallenden Profitrate und der steigenden organischen Kapitalzusammensetzung waren etwas, woran Marx schon seinen ganzen Glauben verschenkte, noch bevor er sie mit seinen Reproduktionsschemata „nachweisen“ konnte. Dies haben wir schon anderswo erörtert.mehr Trotzdem ist es Marx gelungen, mehrere ökonomisch relevante Merkmale des Wachstums herauszufinden. Zwei von ihnen verdienen unsere Aufmerksamkeit: die Reallokation und die Produktionskoeffizienten.

 Reallokation des Kapitals (Produktionsmittel) als Voraussetzung des Wachstums

Das obige Bild, in dem das bekannte Marxsche numerische Beispiel dargestellt ist, entspricht einem stationären Zustand, den Marx einfache Reproduktion genannt hat. Auch in diesem stationären Zustand gibt es natürlich Profite (Mehrwerte), aus denen es folglich problemlos wäre zu sparen. Das Problem würde aber beim Investieren in Erscheinung treten: Es gibt nämlich im stationären Zustand keine zur Verfügung stehenden realen Kapitalgüter, die man sich aus den möglichen Ersparnissen anschaffen könnte. Die Produktionsgüter, welche die Abteilung 1 herstellt, entsprechen mengenmäßig genau dem, was diese Abteilung selbst und die Abteilung 2 benötigen. Es bleibt der Wirtschaft schließlich nichts anderes übrig, so die Schlussfolgerung von Marx, als dass die Abteilung 1 weniger Investitionsgüter der Abteilung 2 überlässt, um mit ihnen die eigene Produktion so erweitern. Das versteht man unter Reallokation. Ihre Folge ist, dass dann die Produktion der Konsumgüter für eine gewisse Zeit gedrosselt werden muss. Wir haben diesen Rückgang der Konsumgüterproduktion am Anfang des (extensiven) Wachstum bereits untersuchtdorthin Dort haben wird den ganzen Verlauf in der Form der Balkendiagramme vom Simulationstool darstellen lassen, die wir hier noch einmal zur Veranschaulichung beifügen:

     Gleichgewichtsbedingung:   YK  =  I  =  S      Zuwachs der Konsumgüterproduktion
 
0
 
200
 
480
 
280
 
640
0
 
640
0
 
640
0
 
640
0
 
640
0
 
640
0
 
640
0
 
640
0
 
640
0
 
640
0
 
 
 
-240
 
-480
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
  t+1     t+2     t+3     t+4     t+5     t+6     t+7     t+8     t+9     t+10     t+11     t+12     t+13     t+14    

Wenn wir über die Reallokation nachdenken, fällt uns ein, dass es eine Umlenkung der Güter in Richtung Produktion auch in den neoliberalen Modellen gibt. Die treibende Kraft dafür sollten angeblich niedrigere Zinsen, Löhne und Steuern sein. Beim genaueren Nachdenken merken wir aber, dass sich die neoliberale Auffassung über die Umschichtung der Güter (und Dienste) in einer Hinsicht deutlich von der Reallokation im Kreislaufmodell unterscheidet.

U m s c h i c h g t u n g R e a l l o k a t i o n          
  beliebiges Gut    →  Produktionsgut    Produktionsgut    →  Produktionsgut (Abteilung 1)  
 →  Konsumgut    ↑    Produktionsgut (Abteilung 2)  

Wenn die Reallokation keine Entscheidung zwischen Produktion und Konsum ist, sondern eine innerhalb der Produktion, ist schon über die Anwendung der Güter entschieden, so dass die Preise der betreffenden, konkret gesprochen Zinsen, kein Faktor des Wachstums sein können - zumindest nicht ein direkter. Auch aus einem weiteren Grund können die (sinkenden) Zinsen die Reallokation nicht relevant begünstigen. Da die Reallokation einen Rückgang der Produktion von Konsumgütern verursacht - wie es der hellgrüne Balken zeigt - beißt sich die Katze in den Schwanz. Warum sollten horribile dictu die Unternehmer bei sinkendem Konsum überhaupt investieren wollen, egal wie stark die Zinsen - oder auch noch Löhne und Steuern - fallen würden? Welche Vorsehung muss dem Investor ständig zur Seite stehen und ihm versichern, dass er trotz schrumpfender Konsumnachfrage neue Investitionen wagen soll? Auch hier kommt die Absurdität des ganzen akademischen Geredes vom „sich selbst regulierenden Markt“ klar zum Vorschein.

 Verbrauch der Produktionsfaktoren im festen Verhältnis zueinander

Das Tableau économique von Quesnay und die Reproduktionsschemata von Marx waren in zweifacher Hinsicht richtige quantitative Analysen der Produktion: Bei ihnen wurden eindeutige quantitative Zusammenhänge zwischen den Sektoren berücksichtigt und die Zusammensetzung der Kosten innerhalb der Sektoren wurde konstant gehalten. Beides ist richtig und nötig, wenn man die Struktur der Produktion - die trotz aller Marktfreiheiten eine ziemlich feste Größe ist - in die ökonomische Analyse einbeziehen will. Was Quesnay und Marx getan haben, war also im Grunde richtig, ihre Methoden, damit etwas anzufangen, waren jedoch schwach oder falsch. Wir fassen dies jetzt nur ganz kurz zusammen.

Die Recheneinheit in diesen klassischen Kreislaufmodellen war immer die Werteinheit. Hinter dem Wert stand die Vorstellung, dass es etwas Objektives gibt, die der Menge der Leistung entspricht, die für die Produktion einer Ware nötig ist. Folglich sollte der „wahre“ oder „gerechte“ Preis so genau wie möglich dem Wert entsprechen. Im Grunde war der Wert nichts anderes als nur ein metaphysisches Konstrukt.dorthin Er war ein Irrweg, ein Hindernis für die Weiterentwicklung der kreislauftheoretischen Analyse. Wie bekannt, haben die Marxisten jahrzehntelang nach Marx Tod nur die Zahlenbeispiele aus dem Kapital dogmatisch zelebriert, die bürgerlichen Ökonomen wollten davon nichts wissen. Man musste also die Kreislauftheorie im ersten Schritt von der Metaphysik der Werte befreien und im nächsten die reale Ebene (Güter und Dienste) von der Preisebene trennen. Ein Bild aus dem bekannten Buch von Piero Sraffa (Warenproduktion mittels Waren) schildert, wie sich die reale Ebene der Produktion begreifen und darstellen lässt.

 

Auf dieser realen Ebene war es möglich, technische Koeffizienten als Verhältnis des verbrauchten Produktionsguts zu dem hergestellten Gut zu definieren. Das war der Begin der nächsten Entwicklungsstufe für die Kreislauftheorie. Wir haben zu den technischen Koeffizienten schon einiges mehr gesagt.dorthin Erst mit solchen Koeffizienten war es möglich, die Produktion als ein Gleichungssystem zu schreiben - in das sich schließlich auch Preise einbeziehen ließen. Ihnen ist zu verdanken, dass das ökonomische Kreislaufmodell nach fast zwei Jahrhunderten eine strenge mathematische Form bekommen hat und in ihrem Rahmen die Anwendung der üblichen mathematischen Mittel möglich wurde. Dies war ein großer Fortschritt, so dass es angebracht ist, von der Kreislaufanalyse v2.x zu sprechen. Das herrschende neoliberale partikel-mechanische Modell wurde zum ersten Mal von einem mathematisch gleich gut ausgerüsteten und durchtrainierten Konkurrenten herausgefordert. Die Marxsche quantitative Analyse des Wachstums in der Form tabellarisch vorgelegter Zahlen, die man eher nach dem Gefühl als aus irgendwelchen zwingenden Zusammenhängen hin und her schiebt und variiert, wäre dann die Kreislaufanalyse v1.x.

Hier könnte sich aber die Frage aufdrängen, ob es überhaupt nötig war, das Kreislaufmodell mathematisch zu gestalten. Diese Frage ist umso mehr berechtigt, wenn man bedenkt, dass die neoliberale Theorie, die vor allem eine starrsinnige Mathematisierung der Wirtschaftswissenschaft war, derartig versagt hat. Wir haben über die Frage der Mathematik schon einiges gesagt, jetzt fassen wir dies nur kurz zusammen.

Warum sollte die Wirtschaftswissenschaft mathematisch sein?

Heben wir zuerst hervor, dass es die Mathematik in der Form des partikel-mechanischen Modells in der Physik war, die den modernen Wissenschaften ihren grandiosen Siegeszug ermöglicht hat. Auch später war die Mathematik in der Regel „dabei“, wenn die Wissenschaft größere Fortschritte gemacht hat. Heute wissen wir, dass dieses schicksalhafte Bündnis der Wissenschaft mit der Mathematik kein Zufall war. Einerseits ist es eine Folge davon, dass es in der Natur feste quantitative Zusammenhänge gibt, die sich schließlich mit keinen anderen Mitteln so gut behandeln lassen, als eben mit mathematischen. Andererseits ist die Mathematik eine Kunst mit einer sehr seltsamen Eigenschaft. Der britische Mathematiker und Philosoph Alfred Whitehead (1861-1947) hat das Letztere auf den Punkt gebracht:

„Die Originalität der mathematischen Wissenschaft liegt darin, dass in ihr Beziehungen zwischen Dingen zutage treten, die, bis die menschliche Vernunft eingreift, ganz uneinsichtig sind.“ ... >

Einfacher ausgedrückt, die Mathematik führt zu Schlussfolgerungen, die sich sowohl dem gesunden Menschenverstand als auch den gewohnten Gewissheiten nie offenbaren würden oder die ihnen sogar diametral widersprechen. Dass die Mathematik so etwas überhaupt vollbringen kann, ist aber nicht die Entdeckung der Moderne. Erinnern wir uns etwa an Eratosthenes, der um 240 v. Chr. mit seiner Gradmessungs-Methode den Erdumfang mathematisch bestimmt hat. Er verglich die Winkelhöhen des Sonnenhöchststandes in Ägypten zwischen Alexandria und Syene (das heutige Assuan), die sich um 7° 12’ Grad unterscheiden, und davon ausgehend fand er heraus, dass die Erde sphärisch sein muss, mit einem Radius von zwischen 6000 und 8000 Kilometern. Der genaue Wert beträgt 6370 Kilometer.

Aus den Zahlen konnte also Eratosthenes mit Hilfe von mathematischen Methoden zu einer empirischen Erkenntnis gelangen, die der ganzen historischen Erfahrung widersprach, wonach die Erde eine Scheibe sein musste. Das ist sehr erstaunlich, wenn man bedenkt, dass unser Kopf - so muss es wohl sein - immer auf die gleiche Weise denkt, und trotzdem kommt man den mathematischen Methoden folgend zu Ergebnissen, die man vorher nicht ahnen konnte. Das hat die Wissenschaften so mächtig gemacht - die Naturwissenschaften auf jeden Fall. Da drängt sich die Frage auf, ob auch in der Wirtschaftswissenschaft so etwas möglich ist/wäre, ob sie überhaupt eine quantitative bzw. mathematische Wissenschaft sein könnte? Die Voraussetzung dafür wäre, dass sich die ökonomischen Größen quantifizieren bzw. messen lassen. William Stanley Jevons (1835 - 1882), der wichtigste Pionier des Neoliberalismus im englischsprachigen Raum, hatte diese Frage auf eine überzeugende Weise beantwortet.

„Der Überfluß unseres Zahlenmaterials ist erstaunlich. Es gibt keinen Schreiber oder Buchhalter im Lande, welcher nicht damit beschäftigt wäre, zahlenmäßige Daten für den Volkswirt aufzuzeichnen. Die Rechnungsbücher im Privathaushalte, die großen Hauptbücher der Kaufleute, Bankiers und öffentlichen Ämter, die Kurszettel über Aktien, die Preislisten, Bankausweise, die Nachrichten über den Geldmarkt, über Zoll und andere Regierungseinkünfte, alle diese sind voll von zahlenmäßigen Daten, um die Volkswirtschaftslehre zu einer exakten mathematischen Wissenschaft zu machen. Tausende von Foliobänden statistischer, parlamentarischer und anderer Berichte harren der Arbeit des Forschers.“ ... >

Wo Jevons Recht hat, hat er Recht. Nur hat er trotzdem etwas durcheinander gebracht. Was er aufgezählt hat, sind zweifellos ziffernmäßige Daten, jedoch nicht solche, mit denen die neoklassische Gleichgewichtstheorie umgeht. Die ziffernmäßigen Daten der neoklassischen Gleichgewichtstheorie sind bekanntlich Lust- und Unlustintensitäten bzw. Präferenzen. Und Daten dieser Art sind aber dort, wo Jevons sie suchen will, ganz und gar nicht zu finden. Das neoklassische Modell ist zwar ein quantitatives, seine Quantitäten sind aber immer nur rein fiktive Größen. Erst durch Kreislaufmethoden ist es der mathematischen ökonomischen Theorie gelungen, die messbaren empirischen Tatsachen zu erreichen. Erwähnen wir ein paar Beispiele dazu.

Die von Wassily Leontief entwickelte Input-Output-Analyse ist an sich ein Verfahren der empirischen Wirtschaftsforschung, das für praktische makroökonomische Analysen eingesetzt werden kann. Dank dieser kreislauftheoretischen Methode hat man mit einem allgemein verbreiteten Irrtum des ökonomischen Mainstreams aufgeräumt, den man verharmlosend als das Leontief-Paradox bezeichnet. (Immer wenn sich herausgestellte, dass die neoliberale Theorie Unsinn produziert hat, will man ein Paradox dahinter sehen.) Die produktivere Wirtschaft sollte nach der neoliberalen Auffassung (Heckscher-Ohlin-Theorem) auf dem Markt komparative Vorteile bei den Gütern erzielen, in denen es mehr Kapital und weniger Arbeit gibt. Nach Wassily Leontiefs (1905-1999) empirischer Untersuchung der Wirtschaftsstruktur der USA hat sich aber ergeben, dass die reichlich mit Kapital ausgestatteten USA im internationalen Handel Produkte exportieren, welche mit einer relativ hohen Arbeitsintensität hergestellt wurden, und Güter importieren, die relativ kapitalintensiv produziert wurden.

Durch die Arbeiten des Neoricardianers Piero Sraffa (1898-1983) ist der ökonomischen Theorie das gelungen, was man von den exakten mathematischen Wissenschaften kennt und was Whitehead in dem obigen Zitat für die Mathematik gesagt hat. Dank der mathematischen Methoden ließ sich nachweisen, dass die am weitesten verbreiteten Auffassungen über die Funktionsweise der Marktwirtschaft falsch sind. Die Substitution der Arbeit durch das Kapital, wie man es in der neoliberalen Theorie sagt, also die Auffassung, dass niedrigere Löhne mehr Arbeitsplätze schaffen, ist ein Irrtum. Mögen die Unternehmer und Geschäftsleute davon überzeugt sein, dass ihre Erfahrung dies tagtäglich bestätigt - so unmissverständlich und zwingend, wie die Erfahrung über die Erde als Scheibe - sie irren sich. Die Kreislaufanalyse hat in dem großen Kampf Cambridge gegen Cambridge die neoliberale marginalistische Analyse in die Flucht geschlagen.dorthin Die älteste Erfahrung, dass höhere Löhne in einer Marktwirtschaft mit Wachstum und Produktivität korrelieren, wurde nun theoretisch einwandfrei bestätigt. Dass die neoliberale Theorie dies überleben konnte, und zwar als ob nichts geschehen sei, ist nur einer der weiteren Beweise, wie die Wirtschaftswissenschaft meilenweit von einer exakten Wissenschaft entfernt ist.

Schon diese Beispiele sind ein ausreichendes Zeugnis, dass es durchaus möglich ist, mit mathematischen Mitteln auch in der ökonomischen Theorie zu Erkenntnissen zu gelangen, die ohne die Mathematik ganz uneinsichtig wären. Zu weiteren Ergebnissen dieser Art werden wir kommen, wenn wir die Kreislaufanalyse mit distributiven Koeffizienten erweitern, und zwar was das ökonomische Wachstum betrifft. Diese Weiterentwicklung der kreislauftheoretischen Analyse haben wir schon als Kreislaufmodell v3.0 bezeichnet. Bevor wir etwas mehr dazu sagen, noch eine kurze Bemerkung.

Gerade das allumfassende Versagen der neoliberalen Theorie ist ein Beispiel dafür, wie man alles falsch machen kann, wenn man der Wirtschaftswissenschaft leichtfertig die Mathematik aufsetzt. Man muss sich immer fragen, ob man sie wirklich nötig hat. Die Medizin hat zum Beispiel der Mathematik nicht viel zu verdanken, trotzdem ist sie eine exakte Wissenschaft  mit der Wirtschaftswissenschaft aber nicht zu vergleichen. Möglicherweise wäre der Fortschritt der Medizin viel bescheidener ausgefallen, wenn sie unbedingt hätte mathematisch sein wollen. Die bloße Anwendung mathematischer Techniken garantiert noch nicht die wissenschaftliche Qualität einer Methode. Auch im Bereich der Astrologie wird zum Beispiel mit umfangreichen, für außenstehende Laien zutiefst beeindruckenden Formeln geprahlt, und ebenso wie beim Bonitätsrating bedarf es einiger Erfahrung und solider Schulung, diese Verfahren „kompetent“ anzuwenden und die Ergebnisse danach „interpretieren“ zu können. Die mit mathematischer Akrobatik erzielten praktischen Ergebnisse ähneln dann sehr den Prognosen, die besagen, dass das Wetter ungefähr gleich bleiben werde, wenn sich die Umstände nicht wesentlich ändern. Dass solche Stümper in der „Wirtschaftswissenschaft“ in den westlichen Gesellschaften noch derartig angesehen sind, kann nicht anders erklärt werden, als dass sie Handlanger der Reichen und Mächtigen sind.

Trotzdem soll und darf die Wirtschaftswissenschaft den mathematischen Weg nicht vollständig verlassen. Was können die verbalen Alternativen zu der mathematischen Wirtschaftswissenschaft bisher vorweisen? Erwähnen wir zwei aktuelle Beispiele. Die Gesellianer kennen auch keine quantitative Analyse, so dass sie zu absurden Behauptungen gelangt sind, wie etwa, dass es der Wirtschaft unmöglich sei, Zinsen zu erwirtschaften und zu bezahlen. Dass dies schon im Totalmodell möglich ist, in den Kreislaufmodellen sowieso, das interessiert sie nicht im Geringsten. Die Debitisten, eine kuriose deutsche Kreuzung von Keynes und Hayek, gehen dann noch einen Schritt weiter und erklären, dass die Wirtschaft ohne neue Kredite und Schulden gar nicht funktionieren kann. Die Kredite bzw. Schulden sind für sie schließlich die geheimnisvolle Substanz, aus der sich das Wachstum nährt, so dass „ohne Schulden nichts geht“. So viel Unfug ist sogar in der Wirtschaftswissenschaft nicht üblich. Wenn man darüber nachdenkt, kann man nur sagen: Die Mathematik ist nicht alles, aber ohne Mathematik ist in der Wirtschaftswissenschaft alles nichts.

Die Kreislaufanalyse v3.x und die allgemeine Gleichung des Sparens

Die Kreislaufanalyse mit den technischen Koeffizienten ist immer noch statisch geblieben, genauer gesagt komparativ-statisch. Das heißt, in ihrem Rahmen ist es möglich, den Strukturwandel in der Produktion zu untersuchen, also zu simulieren und zu verfolgen, wie sich die Produktionsmethoden ändern, wenn sich bestimmte makroökonomische Faktoren ändern. Man kann dann vergleichen, welcher endgültige Zustand für eine Wirtschaft besser wäre. Das ist aber noch keine Analyse des ökonomischen Wachstums. Erst wenn man auch noch distributive Koeffizientendorthin benutzt, lässt sich die Produktion als ein in der Zeit fortschreitender Prozess mathematisch genau nachbilden, der auch expandieren kann, so dass man dann ökonomisches Wachstum analysieren kann. Zugleich kann dann dieses Wachstum unter dem Aspekt der Analyse des allgemeinen Gleichgewichts untersucht werden, was bisher nur dem neoliberalen Totalmodell vorbehalten blieb.

Aus dieser kreislauftheoretischen Analyse folgen „ungewöhnliche“ Schlussfolgerungen, die bei jedem erfahrenen Unternehmer Verwunderung auslösen würden. Man kann sich dann gleich denken, dass sie auch dem widersprechen, was in der neoliberalen Theorie als schon längst endgültig nachgewiesen gilt. Dort ist die Spar- und Investitionssumme ein psychisch zustande gekommenes Ergebnis: Die einen sparen, und zwar mehr, wenn die Zinsen steigen, die anderen sind bereit, diese Ersparnisse zu investieren, je mehr, je niedriger der Zins ist. Und wenn man sich irgendwo in der Mitte trifft, ist es dann das, was eine Wirtschaft als Ganzes spart und investiert. Nach unseren kreislauftheoretischen Untersuchungen kommt das allgemeine Gleichgewicht jedoch nicht schon dann zustande, wenn sich die Investitionen und Ersparnisse einander angeglichen haben. Dies ist nur die notwendige, aber nicht auch die hinreichende Bedingung des allgemeinen Gleichgewichts. Darüber hinaus müssen diese beiden Größen auch noch der Größe  YK  entsprechen.

 
= =  
 
  spezielle Gleichgewichtsbedingung
 allgemeine  Gleichgewichtsbedingung
YK′ :     Produktionszuwachs von Produktionsgütern
(Rohstoffe, Halberzeugnisse und Maschinen)
I′  :     Nettoinvestitionen
S′  :     Nettoersparnisse
 

Den numerischen Wert der Variablen  YK  bekommt man, wenn man von der Summe aller hergestellten Produktionsgüter in der betrachteten Reproduktionsperiode die Summe aller hergestellten Produktionsgüter der vorigen Reproduktionsperiode subtrahiert. Ist die gesparte und investierte Summe größer oder kleiner als  YK , dann befindet sich die Wirtschaft im Ungleichgewicht. Wir haben bereits spezifiziert, von welchen Faktoren die Variable  YK  abhängt, und zwar von:

  • Preisschwankungen
  • Produktivitätswachstum  (Innovationen)
  • Wachstum

In den nächsten Beiträgen werden wir zeigen, wie während der Hochkonjunktur all diese Faktoren in eine Richtung wirken, so dass das Wachstum dadurch begünstigt und eine Zeitlang beschleunigt wird.

 
 
   
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