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  Inhaltsverzeichnis zu diesem thematischen Schwerpunkt  


  3. Phase des ökonomischen Zyklus der Marktwirtschaft: Die Hochkonjunktur (Boom)
  Wie die „Wirtschaftswissenschaftler“ die Tatsachen „wissenschaftlich“ leugnen
       
 
Die mystischen Erklärungen gelten als tief, die Wahrheit ist, dass sie noch nicht einmal oberflächlich sind.
 
    Friedrich Nietzsche    
       
 
Okay, ich sollte noch sagen, dass ich niemanden in seinem Glauben stören will, wir haben schließlich Religionsfreiheit. Es würde umgekehrt genügen, wenn die Gläubigen aufhörten, von ihrem Glauben als Wissenschaft zu reden.
 
    Hermann Keske    

Unsere Analyse des ökonomischen Wachstums im Rahmen des Kreislaufmodells ist eine reale Analyse, also eine, in der das Geld vorerst wegabstrahiert wird. Das bedeutet natürlich eine Vereinfachung der Wirklichkeit, aus methodischen Gründen, die aber nur auf der unteren Ebene der Analyse zulässig ist. Wir werden also noch einiges zur Problematik des Wachstums sagen müssen, vor allem was die Finanzierung der Investitionen betrifft. Aber bevor wir damit anfangen, ist es angebracht, dass wir uns an dieser Stelle ein bisschen mit der neoliberalen Auffassung über das Wachstum auseinandersetzen. Dies ist vor allem deshalb erforderlich, weil unsere kreislauftheoretische Analyse zu einem Ergebnis geführt hat, mit dem auch die neoliberale Analyse, die von dem partikel-mechanischen Modell ausgeht, einverstanden wäre: Eine Wirtschaft kann im Prinzip ohne Nachfrageprobleme sparen und investieren und damit wachsen.

Es ist in den Wissenschaften keine Seltenheit, dass man zum gleichen Endergebnis kommt, obwohl sich die Wege unterscheiden. Weil es aber nicht ökonomisch ist, zwei Erklärungen zu haben, muss man sich dann für eine, natürlich für die bessere, entscheiden. Aber welche ist die bessere? Eins der Kriterien ist, unter mehreren Erklärungen diejenige zu wählen, die formal einfacher (Ockhams Rasiermesser) ist. Das mit der Einfachheit ist aber immer eine heikle Sache: Wenn jemand etwa mit der Mathematik vertraut ist, wird ihm eine mathematische Erklärung einfacher erscheinen, dem anderen jedoch eine andere. Deshalb müssen die Tatsachen als das letzte Kriterium gelten. Dies klingt plausibel und einfach, aber, wie man zu sagen pflegt, der Teufel steckt im Detail. Die Prüfung einer Theorie durch empirische Tatsachen ist eine komplizierte Angelegenheit, und zwar aus mehreren Gründen.

Man muss zuerst die Tatsachen sammeln und das ist gar nicht immer einfach. Nicht alle Tatsachen sind im gleichen Maße griffig und messbar. In unserem Modell ist zum Beispiel die Variable Produktivität wichtig, es ist aber bekannt, dass in unserem Fach bis heute noch ungeklärt ist, wie man die Produktivität - also den technischen Fortschritt - messen kann. Es war also nicht zufällig, dass wir oben, nach unserer allgemeinen Analyse des Wachstums, in einem zusätzlichen Beitrag gerade den Zusammenhang zwischen Wachstum und Preisniveau empirisch belegt haben. Das Preisniveau ist nämlich eine ziemlich leicht zugängliche empirische bzw. statistische Größe, die Produktivität ist es jedoch nicht, so dass wir einen solchen empirischen Nachweis für die Produktivität nicht beigefügt haben. Wir sollten dies aber nicht überbewerten. In den Wissenschaften ist es nicht ungewöhnlich, dass sich nicht alle theoretischen Größen direkt messen lassen; die Richtigkeit einer Theorie wird dann durch die Folgen bestätigt, welche innerhalb der Theorie der nicht direkt messbaren Variable (Größe) zugeschrieben werden. Für den wissenschaftlichen Fortschritt ist es nicht wichtig, was eine Wissenschaft nicht kann oder noch nicht kann, sondern was sie kann.

Eine weitere Schwierigkeit, was die Tatsachen betrifft, ist die, dass es keine im strengen Sinne „objektiven“ Tatsachen gibt. Die Sinneseindrücke fügen sich nicht spontan und automatisch zu Tatsachen. Die Tatsachen werden immer interpretiert; eigentlich müssen sie interpretiert werden, noch bevor man sie sammelt und misst, was man auch als Definieren bezeichnet. Die Theorie geht also den Tatsachen voraus. Man sagt dazu auch, dass die Tatsachen sich erst dann melden, wenn der Wissenschaftler nach ihnen ruft.

Erwähnen wir an dieser Stelle noch kurz, dass die Wissenschaftler sehr spät, erst vor einem Jahrhundert etwa begonnen haben, sich für den Zusammenhang zwischen den (wissenschaftlichen) Theorien und den empirischen Tatsachen zu interessieren. Sie waren betäubt durch ihre großen Fortschritte, vor allem in den technischen Wissenschaften, die sie zu der naiven Vorstellung von der Objektivität der Tatsachen geführt haben. In dieser Hinsicht waren die Philosophen, die am Anfang der Moderne die „Objektivität“ der Tatsachen thematisiert und in Frage gestellt hat, viel weiter - man erinnert sich an David Hume und Immanuel Kant. Zum Umdenken hat die modernen Wissenschaftler erst die Problematik in der Physik gebracht, als sich herausgestellte, das es unmöglich ist, mit dem partikel-mechanischen Modell die Phänomene der Mikro- und Makrowelt zu forschen und zu erklären. Seitdem hat auch die Erkenntnistheorie wichtige Fortschritte gemacht. Eines der besten Bücher über die Tatsachen, das im letzten Jahrhundert geschrieben worden ist, ist Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache von Ludwik Fleck. Dieses Buch war dann Ansporn auch für Thomas Kuhn, der dann das - meiner Meinung nach - wichtigste Werk der Erkenntnistheorie des vorigen Jahrhunderts verfasst hat: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen.

Wenn man die Schwierigkeiten der Bestimmung und Messung der Tatsachen im Sinne hat, kann man sich schnell vorstellen, dass dies den wissenschaftlichen Hochstaplern Möglichkeiten öffnet, die Tatsachen zu manipulieren, um ihre falschen Theorien zu retten. Die neoliberale Theorie ist da das beste Beispiel. Sie ist eine falsche Theorie, die gar nichts mit der Realität zu tun hat, so dass die mehr als ein Jahrhundert alte „Weiterentwicklung“ dieser Theorie im Großen und Ganzen die Suche nach Spitzfindigkeiten ist, wie man sie gegen die Tatsachen immunisiert. Auch die Erklärung des ökonomischen Wachstums ist eine Erklärung gegen die Tatsachen, was wir uns in den nächsten Beiträgen genauer anschauen werden. Jetzt wollen wir an einer Stelle die zu diesem Zweck am meisten angewandte Manipulation der Tatsachen erläutern - im Allgemeinen.

Es soll noch bemerkt werden, dass wir hier nicht die ganz niedrigen Manipulationen und Fälschungen der Tatsachen im Sinne haben, die absichtliche Verwendung von falschen statistischen Methoden oder die Verfälschung der Ergebnisse, was jede herrschende Klasse bzw. die bei ihr dienenden Experten gern betreiben. Uns geht es um Manipulationen und Fälschungen auf einem, wenn man es so sagen kann, höheren intellektuellen Niveau. Auf die „intelligenten“ Manipulationen und Fälschungen der Tatsachen muss man immer dann zurückgreifen, wenn man Kinder und Studenten sozialisieren will - also wenn man überzeugte Anhänger der Ideologie der herrschenden Klasse züchtet. Eine herrschende Machtelite, die keine „intelligenten“ Täuschungen und Lügen für die Rechtfertigung ihres parasitären und ausbeuterischen Daseins hat, wird ihr Selbstvertrauen verlieren, und dann trennt sie nur ein kurzer Schritt vom „Friedhof der Eliten“ - was zuletzt mit der kommunistischen Herrschaft der Fall war.

Ontologische Wahrheiten statt empirische Tatsachen

Schon in der vorzivilisierten Zeit hatte sich der Mensch für seine Ahnen und Götter eine separate Welt herbei gedacht, eine die mit der alltäglichen Welt nichts gemeinsam haben sollte. Platon hat diese mythische Vorstellung aufgegriffen und daraus seine Philosophie der Wirklichkeit aus zwei Welten entworfen. Die eine Welt, in der die reinen Ideen wohnten, sollte in jeder Hinsicht perfekt sein, die zweite Welt dagegen, die wir mit unseren Sinnen erfahren können, sollte nur eine schlechte Kopie der ersten sein, also eine Welt der unterentwickelten und defekten Ideen. Diese Philosophie wurde vor mehr als zwei Jahrtausenden im christlichen Abendland fast völlig verdrängt; erst am Anfang der Moderne wurde sie zu neuem Leben erweckt. Warum diese metaphysische Leiche überhaupt wiederbelebt wurde, lässt sich mit den sozialen, politischen und ökonomischen Änderungen erklären.

Am Ende des Mittelalters begann eine neue Epoche der Menschheit, die später als Kapitalismus bezeichnet wird, und zwar vornehmlich auf der britischen Insel. Der kontinentaleuropäische, sich auf Gottesgnadentum berufende Feudalismus setzte alles in Bewegung, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten, die Philosophie sollte diesem Kampf die geistigen Waffen liefern. Mit der mittelalterlichen Scholastik ließ sich aber das Vordringen der neuen Ideen nicht aufhalten. Die der reaktionären feudalen Klasse dienenden Philosophen mussten dies berücksichtigen und ihr altes elitäres Gewissen (und Geschwätz) in neue Begriffe einpacken. Zu den wichtigsten Begriffen der Moderne gehört auch der Begriff Wissenschaft, so dass man sich also nicht zu wundern braucht, dass das Wort Wissenschaft eines der beliebtesten Worte der reaktionären Philosophen geworden ist, zu denen vornehmlich die deutschen gehören. Die Wissenschaft, auf die diese Philosophen so stolz waren, war aber nie eine, die sich mit den empirischen Tatsachen zu beschäftigen hätte, sondern mit dem, was sich angeblich hinter den Tatsachen befindet - also mit der platonischen Welt der perfekten Ideen. Haben die Philosophen unserer westlichen Nachbarn ehrgeizig über die Eignung der Ratio für die empirischen Wissenschaften diskutiert - letztendlich um den Massen „ihr Los zu verbessern“, wie Smith es ausdrückte - haben unsere größten klassischen Philosophen sich verbissen mit der Kritik der Vernunft (Ratio) beschäftigt, um herauszufinden, was die Vernunft als Werkzeug zur Erklärung der Realität alles nicht kann und was alles gegen sie spricht. Nicht von ungefähr steht das Wort „Kritik“ sogar in den wichtigsten Titeln der deutschen Philosophen. Sie haben alles Mögliche getan, um die Vernunft aus der Position der Vernunft heraus zu schwächen und damit auch die empirischen Wissenschaften zu verunglimpfen.

Heute brauchen wir gar nicht mehr darüber zu diskutieren, was Wissenschaft ist. Es gibt keine Wissenschaft ohne, und schon gar nicht trotz der Tatsachen. Die Tatsachen haben keine tiefere Bestimmung und keine verborgenen ontologischen Inhalte. Es gibt kein „wirkliches“ Sein hinter den Tatsachen, und sogar wenn es dieses Sein gäbe, wir würden es nie mit der „reinen Vernunft“ - wovon Kant noch überzeugt war - erfahren können. Die Tatsachen sind nur das, was sie sind, also das, was sich mit unseren Sinnen und Messgeräten über sie erfahren lässt, mehr aber nicht. Das war der neue wissenschaftliche Geist vom Anfang der Moderne, die Entscheidung, dass das rationale Denken mit den Tatsachen beginnt und endet. Sogar die Mathematik als an sich rein abstraktes Denken hat deshalb eine so wichtige, wenn nicht sogar die entscheidende Rolle bei der Geburt des neuen wissenschaftlichen Geistes gespielt, weil sie sich als eine hervorragende Methode bewährt hat, an die Tatsachen heranzukommen. Die Variablen in den mathematischen Formeln und Gleichungen beziehen sich bei den exakten Wissenschaften auf bestimmte empirische Größen, die sich messen lassen.

Der Philosoph Karl R. Popper (1902-1994) spricht völlig zu Recht über die verhängnisvolle Vorliebe für die ontologischen Denkweisen („essentialistische Methoden“) in den Sozialwissenschaften, welche die Naturwissenschaften schon längst überwunden haben. Und er folgert daraus: „Dies ist meiner Meinung nach einer der Hauptgründe ihrer Rückständigkeit. Aber viele Denker, die diese Situation bemerkt haben, fällen ein anderes Urteil. Sie halten den Unterschied der Methoden für notwendig, und sie glauben, dass er eine ,wesentliche‘ Verschiedenheit zwischen den ,Naturen‘ dieser beiden Untersuchungsfelder widerspiegle.“ ... >  Damit nehmen sie sich das Recht, nicht die „Oberfläche“ der Wirklichkeit untersuchen zu müssen, also die Tatsachen zu beachten, sondern ihre innere Beschaffenheit, die so genannte Natur an sich oder a priori. Es heißt, man müsse gerade auf diese Weise verfahren, weil man damit nach dem forscht, was die Tatsachen trägt (universalia ante res).

Die neu entstandene Wirtschaftswissenschaft - damals Politische Ökonomie genannt - war dem neuen empirischen Geist treu und sich mit Tatsachen beschäftigt und ihre Autorität bedingungslos anerkannt. Auch Marx - ein Meisterdenker aus Deutschland - hat noch seine (fehlerbehafteten) ökonomischen Analysen immerhin in Bezug zu den empirischen Tatsachen gestaltet, aber er konnte der Versuchung doch nicht widerstehen, das alles zusätzlich noch in eine platonische Ontologie - dem dialektischen und historischen Materialismus - einzubetten. Es ist bei ihm immerhin noch möglich, das eine von dem anderen zu trennen. Die endgültige Verschmelzung der Wirtschaftswissenschaft mit der Metaphysik wurde aber erst mit dem partikel-mechanischen Modell der Dampflokingenieure Walras und Pareto vollendet. Man muss kein Mathematiker sein, um dies herauszufinden. Dazu reicht schon festzustellen, dass es in diesem Modell keine einzige Variable gibt, die sich irgendwie einer empirischen Variablen eindeutig zuordnen lässt, geschweige dass man etwas empirisch messen könnte. Das Marktmodell von Walras, das heute in dem ökonomischen Mainstream stolz als Referenzmodell bezeichnet wird, ist sozusagen eine Wirtschaftswissenschaft der platonischen Unterwelt der „reinen“ Ideen. Dem Modell gegenüber steht die Welt der unterentwickelten und defekten Tatsachen. Diese neoklassische Wende in der bürgerlichen Ökonomie war der komplette Verrat an der Wissenschaft. Die abstrakte Sprache der Mathematik hat die bereits kompromittierte Sprache der Metaphysik ersetzt. So endete das Abenteuer der neuen Liberalen in der Welt von Gut und Böse - sie wurde zu einer menschenverachtenden Ideologie der herrschenden Klassen.

Eine solche doppelte Bestimmung betrifft in der neoliberale Theorie auch die Größen, die das Wachstum bestimmen, wie etwa Zins, Löhne, Steuern, Ersparnisse und andere. In der „reinen“ Theorie des allgemeinen Gleichgewichts - in dem Referenzmodell - gibt es „wahre“ Größen, diese sind aber nicht dasselbe, was sich empirisch ermitteln oder messen lässt. Das werden wir uns im Detail anschauen.

Die Dialektik der Wahrheit trotz und gegen die Tatsachen

Es gibt aber auch andere „intelligente“ Möglichkeiten, die theoretischen Ergebnisse vor der Realität zu schützen, ohne die statistischen Tatsachen „brutal“ zu leugnen. Eine von diesen Möglichkeiten verdankt man dem Umstand, dass sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt, so dass es auch nicht möglich ist zu überprüfen, wie die Tatsachen sich geändert hätten, wenn die Umstände in der Vergangenheit anders gewesen wären. Einfacher gesagt: Mit der Geschichte lässt sich nicht experimentieren. Damit wird der Phantasie, die Vergangenheit zu interpretieren, Tür und Tor geöffnet. Eine der abstrusesten Interpretationsarten erfolgt nach folgendem Muster.

Ein Mensch traute den Ärzten nicht über den Weg und er konnte sich nicht vorstellen, irgendwann zu einem Arzt zu gehen. Als er einmal sehr krank wurde und seine Schmerzen ins Unerträgliche stiegen, ließ er doch einen Arzt zu sich bitten. Der kam, behandelte den schwer kranken Patienten und dieser wurde nach gewisser Zeit wieder gesund. Der Arzt, höchst zufrieden mit seiner Arbeit, stellte dem Patienten die Rechnung, und dann erlebte er sein blaues Wunder. Nicht nur, dass der Patient diese Rechnung nicht begleichen wollte, sondern er machte ihm sogar schwere Vorwürfe: hätte der Arzt ihn nicht behandelt, wäre er noch schneller gesund geworden.

Dieses Muster der Manipulation der Tatsachen wird am häufigsten benutzt, um die ökonomischen Maßnahmen durch den Staat zu verleumden. Wenn sich die Lage nach den staatlichen Eingriffen verschlechtert, heißt es dann, der Staat habe etwas falsch gemacht, und wenn er gar nichts gemacht hat, gilt er als schuldig, weil er nichts - die angeblich „richtigen Reformen“ - vorgenommen habe. Haben die staatlichen Eingriffe die Lage doch verbessert, dann heißt es, ohne sie hätte sich die Lage noch schneller und stärker verbessert. Ob der Staat etwas tut oder nicht tut, er macht also immer etwas falsch und ist immer schuldig. Folglich kann es nur ein Staatsversagen geben, nie ein Marktversagen.

Auf diese Weise wird zum Beispiel immer wieder von den Neoliberalen geleugnet, dass die nachfragetheoretischen Maßnahmen nach der Großen Depression erfolgreich waren. Es wird unisono behauptet: Hätte der Staat nach der Großen Depression gar nichts gemacht, hätte er einfach alles dem freien Markt überlassen, wäre die Erholung der Wirtschaft schneller erfolgt und sie wäre auch stärker ausgefallen. Im originalen Wortlaut kann es etwa so klingen:

„Man kann, zum Beispiel, schnell übereinkommen, daß im Amerika des 19. Jahrhunderts Steuerquote, Wirtschaftsregulierung und Lebensstandard vergleichsweise niedrig waren, während im 20. Jahrhundert Lebensstandard, Steuern und Regulierung relativ hoch waren. War jedoch im 20. Jahrhundert der Lebensstandard höher wegen der höheren Steuern und Regulierungen oder trotz der höheren Steuern und Regulierungen, d. h., würde der Lebensstandard noch höher sein, wären Steuern und Regulierungen so niedrig geblieben wie während des 19. Jahrhunderts? Ebenso könnte man schnell übereinkommen, daß Sozialausgaben und Kriminalitätsraten in den 1950er Jahren niedrig waren und daß beide nun vergleichsweise hoch sind. Hat jedoch die Kriminalität wegen oder trotz der steigenden Sozialausgaben zugenommen, oder haben Kriminalität und Sozialausgaben nichts miteinander zu tun und die Gleichzeitigkeit beider Phänomene ist lediglich zufällig? Die Fakten geben keine Antwort auf diese Fragen, und alle statistischen Manipulationen der Daten können an dieser Tatsache nichts ändern. Die Geschichtsdaten sind logisch kompatibel mit unvereinbaren rivalisierenden Interpretationen, und Historiker, insofern sie lediglich Historiker sind, haben keine Möglichkeit, sich zugunsten der einen oder anderen Interpretation zu entscheiden.“ ... >

Der Autor dieser „geistreichen“ Argumentation heißt Hans-Hermann Hoppe. Er ist ein fanatisierter Jünger von Mises und Hayek, also von den menschenverachtendsten und verlogensten Gestalten des österreichischen bzw. des deutschsprachigen Neoliberalismus. In den folgenden Beiträgen werden wir uns anschauen, wie man solche Manipulationen auch zur Verteidigung der neoliberalen Wachstumstheorie vor den Tatsachen konkret anwendet.

Nicht die Medizin, sondern die Dosierung sollte falsch sein

Es stimmt bei Weitem nicht, dass die Sozial- bzw. Wirtschaftswissenschaften gar keine praktischen Experimente machen können. Das können sie. Alles was wir in den letzten Jahren und Jahrzehnten erlebt haben, waren eigentlich nichts anderes als ganz normale Experimente, genauer gesagt neoliberale Experimente: Agenda 2010, Wachstumsbeschleunigungsgesetz, ... Es hat seine Gründe, warum die Experimente nicht bei ihrem richtigen Namen benannt werden. Wenn man Experiment sagt, meint man üblicherweise darunter einen Versuch, oder gar ein Wagnis, mit einem nicht sicheren Ausgang. Das was von den sich geistig prostituierenden Experten aus den privaten Stiftungen, Instituten und Denkfabriken vorgeschlagen wird, sollte aber der Weisheit letzter Schluss sein. Es sollte über alle Zweifel erhaben sein und damit als alternativlos gelten. Wenn dann die Politik diesen Vorschlägen gefolgt ist und trotzdem erfolglos war, wird erklärt: Die Medizin war richtig, nur die Dosierung unzureichend. Wenn es um das Wachstum geht, ist die angeblich einzig richtige Medizin die Senkung der Zinsen, Löhne und Steuern. Verschlechtert sich danach die Lage, dann heißt es, die Dosierung sei noch nicht ausreichend.

In den nächsten Beiträgen wollen wir uns nun genauer anschauen, wie diese „wissenschaftlichen“ Manipulationen und Fälschungen der Tatsachen konkret aussehen.

 
 
   
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