home suche  
 
  Inhaltsverzeichnis zu diesem thematischen Schwerpunkt  


  3. Phase des ökonomischen Zyklus der Marktwirtschaft: Die Hochkonjunktur (Boom)
  Warum steigende Löhne das Wachstum beschleunigen anstatt es zu bremsen
       
 
Es ist nicht die absolute Höhe des nationalen Wohlstandes, sondern seine kontinuierliche Zunahme, von welcher ein Anstieg der Arbeitslöhne abhängt. Und es sind folglich nicht die wohlhabenden Länder, in denen der Arbeitslohn am höchsten ist, sondern jene, die sich am schnellsten entwickeln oder am raschesten reich werden. England ist sicherlich im Augenblick viel reicher als irgendein Teil Nordamerikas, doch sind die Löhne dort wesentlich höher als irgendwo in England.
 
    Adam Smith, der Begründer der Wirtschaftswissenschaft und geistiger Urvater der Marktwirtschaft   
       
 
Der Neoliberalismus hat eben nicht hie und da ein paar Flunkereien oder Lügen verwandt: Er ist eine einzige Lüge über die Welt, die Lüge, wir alle müssten „unser Leben als Unternehmen begreifen“, die Lüge vom vollständig rationalen Markt, die Lüge vom „Kostenfaktor Mensch“, die Lüge von der Rendite, die „immer gut für alle“ sei. Und er ist der Versuch, die reale, diffuse, widersprüchliche, aber auch bunte Welt dieser Abstraktion mit aller Gewalt anzupassen.
 
    Lester C. Thurow, bekannter amerikanischer zeitgenössischer Ökonom   

Die Löhne sind zweifellos Kosten, so dass sie das Wachstum im Prinzip auf gleiche Weise beeinflussen wie die Zinsen. Deshalb gilt manches, was wir schon über Zinsen herausgefunden haben, im Wesentlichen auch für die Löhne. Das werden wir nicht noch einmal im ganzen Umfang wiederholen, sondern nur kurz erwähnen, unsere ganze Aufmerksamkeit soll dem gelten, wodurch sich die Löhne (als Kosten) von den Zinsen (als Kosten) unterscheiden. Zwei dieser Unterschiede sind besonders relevant und folgenreich: Zum einen lassen sich die Löhne viel schwieriger quantitativ erfassen, zum anderen kann man sie nicht beliebig absenken, wie Zinsen, wo man bis auf Null gehen kann. Beides öffnet noch mehr Raum für „intelligente“ Manipulationen und Täuschungen.

Ontologische Wahrheiten statt empirische Tatsachen

Wir haben bereits erörtert, wie sich die neoliberale Theorie des ökonomischen Wachstums mit dem Begriff „natürlicher Zins“ gegen die Tatsachen immunisiert. Analog zum „natürlichen Zins“ wäre es auch problemlos möglich, jeder empirischen Größe einen Doppelgänger aus dem metaphysischen Jenseits herzuzaubern. So hätten wir einen „natürlichen Lohn“ bekommen. Mit ihm konnten sich die Neoliberalen jedoch nicht anfreunden. Vor allem deshalb nicht, weil der Begriff schon lange Zeit zuvor besetzt war, und zwar nicht so, wie man ihn in der neoliberalen Wachstumstheorie gebrauchen konnte. Die Frühliberalen sprechen nämlich vom „natürlichen Lohn“, wenn sie so etwas wie Existenzminimum für die Arbeiterklasse meinen. Marx hat dann den „natürlichen Lohn“ zu einem Schreckgespenst des Kapitalismus hochstilisiert: Der Kapitalismus würde der Arbeiterklasse immer nur den „natürlichen Lohn“ zahlen, also die Arbeiter immer an der Grenze ihrer biologischen Existenz halten. Deshalb ist es gut verständlich, dass die neue „Vulgarisatoren“ der klassischen Ökonomie, um mit Marx zu sprechen, nichts von dem „natürlichen“ Lohn wissen wollten.

Der „natürliche Zins“ ist im Grunde nichts anderes als ein anderer Name für den Gleichgewichtszins in dem Walrasschen mathematischen Modell des allgemeinen Gleichgewichts. In dem Modell gibt es auch einen Gleichgewichtslohn, so dass die neoliberale Theorie de facto einen „natürlichen Lohn“ hat. Dieser Lohn hat mehrere besondere Eigenschaften. Es ist ein Lohn, bei dem es keine Arbeitslosigkeit geben würde, genauer gesagt: Es würde dann nur eine sogenannte „natürliche Arbeitslosigkeit“ geben. Diese wäre ein Zustand, bei dem jeder, der arbeiten will, auch Arbeit finden würde - er könnte eventuell nur kurzfristig arbeitslos sein, während seiner Umqualifizierung oder bei einem Firmenwechsel. Bei der „natürlichen Arbeitslosigkeit“ würden also nur diejenigen arbeitslos sein, die sich vor der Arbeit drücken. Nach der Theorie wäre eine solche „natürliche Arbeitslosenquote“ auch praktisch immer erreichbar, wenn der Staat aufhören würde, sich in die Wirtschaft einzumischen und wenn es keine Gewerkschaften gäbe. Die Vertreter dieser Theorie wollen uns aber nie eine konkrete Zahl nennen, wie viel Prozent der Arbeitslosigkeit „natürlich“ wäre und wie hoch dann Löhne sein sollten; man hätte dann ihre Theorie praktisch testen können, und sie wissen, dass dies eine richtige Blamage für sie wäre. Sie können nur im Rahmen ihres Referenzmodells zeigen, dass es so etwas gibt und damit soll man sich zufrieden geben.

Wenn man sich anschaut, wie der Gleichgewichtslohn zustande kommt, werden seine anderen, fast vornehmen Eigenschaften sichtbar. Gehen wir von einem Zustand aus, bei dem die Arbeitslosigkeit „übernatürlich“ hoch ist. Nehmen wir dann an, die Politiker ließen sich „zur Vernunft bringen“ und kürzten Sozialausgaben und schleiften Arbeitsrechte. Dann sinken die Löhne und es lohnt sich wieder zu investieren. Warum? Die Frühliberalen - und Marx - würden einfach sagen: durch sinkende Löhne seien die Profite gestiegen und diese könnten investiert werden. Aber bei den Neoliberalen gibt es Profite gar nicht. Diejenigen die investieren sind bei ihnen einfach nur Sparer. Aber wie dem auch sei, ob Kapitalist oder Sparer, man ist sich seit Smith bis heute einig - vor allem im ökonomischen Mainstream -, dass niedrigere Löhne mehr Investitionen bedeuten. Irgendwann sind die neuen Investitionen fertig und sie werden in Betrieb genommen. Dann steigt die Beschäftigung und schließlich steigen auch die Löhne - weil die steigende Nachfrage immer die Preise steigen lässt. Dadurch werden die Investitionen immer weniger rentabel, so dass sich das Sparen und Investieren immer mehr verlangsamt. Irgendwann sind die Löhne so hoch, dass neue Investitionen nicht mehr rentabel sind und das ist der Stand, bei dem die Löhne sozusagen ihr „natürliches“ Niveau erreicht haben. Man spricht von Löhnen, die der „wahren“ (Grenz-)Produktivität des Produktionsfaktors Arbeit entsprechen, so dass bei diesen Löhnen die Arbeitskraft genau das bekommt, was sie „objektiv“ leistet. Und natürlich auch die „wahre“ Arbeitslosigkeit ist verschwunden. So wunderschön und gerecht wäre die Welt der freien Marktwirtschaft - natürlich in der Theorie.

Eine Zwischenbemerkung: Die neoliberale Theorie des allgemeinen Gleichgewichts ist in sich formal (und mathematisch) stimmig, aber nur um den Preis der Kastration der Profite. Mit diesem Modell der Marktwirtschaft ist den Verfechtern der kapitalistischen Klassengesellschaft endlich der Durchbruch gelungen. Es lieferte die lange gesuchte intellektuell belastbare Grundlage für alle ideologischen Märchen über die Freiheit und den Kapitalismus überhaupt. Wenn es keine Profite gibt, dann kann es schließlich auch keine Kapitalisten geben, und wenn es auch sie nicht gibt, dann könnte ihnen nicht einfallen, dass sie anstatt zu investieren alles verprassen, dann würden die Löhne weiter fallen und sie würden noch mehr bekommen, was sie verprassen könnten ...

Die Realität hat sich noch nie von einer Theorie beeindrucken oder einschüchtern lassen. Auch von der neoliberalen Theorie nicht. Alle Erhebungsdaten bestätigen, dass nicht niedrige Löhne und hohes Wachstum, sondern hohe Löhne und ein hohes Wachstum zusammen fallen. Was tut ein überzeugter Theoretiker, dem sich die Tatsachen dermaßen verweigert haben? „Desto schlimmer für die Tatsachen“ - hat schon Hegel gesagt. Nun haben die Jünger von Walras die Ärmel hochgekrempelt und sich nach „intelligenten“ Strategien umgeschaut, wie man den empirischen Tatsachen ein Schnippchen schlagen kann. Auf die Lohnquote konnte man sich am meisten verlassen.

Die Lohnquote ermisst den Anteil der Löhne am Gesamteinkommen in einer Wirtschaft. Dieser Anteil steigt, wenn die Wirtschaft begonnen hat zu wachsen, weil dann die Nachfrage nach Arbeitskräften steigt. Dieser Tatbestand ist natürlich nicht im Sinne der Theorie. Außerdem widerspricht hier das Kostenprinzip dem Konkurrenzprinzip - genauso wie bei den Zinsen -, was die innere Konsistenz der neoliberalen Theorie zersetzt. Der rettende Anker ist der Absturz der Wirtschaft, mit dem jedes Wachstum in der freien Marktwirtschaft irgendwann endet. Für ihn kann man nun die davor steigende Lohnquote verantwortlich machen. Im Absturz sollte man den endgültigen Beweis sehen, dass die Lohnsteigerung das „Gift für das Wachstum“ ist, das jedoch nicht sofort wirkt, sondern erst nach einer bestimmten Zeit. Man hört dann unisono die bekannten Vorwürfe: Hätten die Arbeiter nicht so rücksichtslos und gierig die Löhne in die Höhe getrieben, dann hätte sich das Wachstum immer weiter fortgesetzt. Dass dies nicht stimmt, dass es nicht die hohen Kosten sind, die das Wachstum abwürgen, werden wir später beweisen, wenn wir die nächste Phase des ökonomischen Zyklus, den Abschwung (Rezession), untersuchen werden. Aber würden wir dann mit der Lohnquote nicht Probleme haben?

Nein, wir werden es nicht haben. Die Lohnquote ist nicht eine quantitative Aussage über den Lohn, wie es vorgetäuscht wird. Wir haben es hier mit einer Art fehlerhaften Schlussfolgerung zu tun, die in der Logik als ignoratio elenchi bekannt ist. Der logische Fehler besteht hierbei darin, dass eine andere Behauptung bewiesen wird, als die in Frage stehende. Damit wird zwar ein gültiger Beweis geliefert, aber der betrifft nicht die eigentliche Problematik, zumindest nicht direkt, man tut jedoch so, als ob es so wäre. Und genau das ist auch der Fall mit der Lohnquote. Wenn man sie sich genauer ansieht, wird schnell deutlich, dass sie den absoluten Lohn, der einzig relevant für das Wachstum im Sinne der Theorie sein kann, sehr ungenau oder sogar völlig falsch abbildet. Während des Aufschwungs ist es wirklich so, dass die Lohnquote die Steigerung der realen (absoluten) Kaufkraft der Löhne wiedergibt, aber wenn das Wachstum stockt, oder während des Abschwungs, ist die Sachlage eine völlig andere. 

Wenn das Wachstum stockt oder die Wirtschaft abstürzt, haben mehr oder weniger alle Unternehmen Absatzprobleme. Ihre Gewinne bleiben sozusagen in den unverkäuflichen Gütern eingefroren - in den Gütern, die sich in den Lagern stapeln. Dieser Rückgang der Profite lässt sich nur unwesentlich mildern, indem die Firmen die Löhne schnellstmöglich auf ein vertraglich vereinbartes und tariflich verpflichtendes Minimum herunterfahren. So ergibt sich der Fall, dass die reale Kaufkraft der Löhne fällt, aber die Lohnquote trotzdem steigt. Kann dies ein empirischer Beweis dafür sein, dass hohe Löhne an allem Schuld sind?

Lassen wir Großzügigkeit walten und nehmen wir für einen Augenblick an, der Verlauf der Lohnquote innerhalb des ökonomischen Zyklus beweise, was die neoliberale Theorie beweisen will, dass die Löhne (neben den Zinsen) an allem Schuld sind. Man fragt sich dann verstört, wann die Löhne eigentlich überhaupt steigen dürfen? Während der Depression und des Aufschwungs natürlich auf keinen Fall, weil sie das Wachstum erwürgen würden, während der Hochkonjunktur ebenfalls nicht, weil sie dann unausweichlich die Wirtschaft zum Absturz bringen würden. Auf den Punkt gebracht: Die Löhne dürfen nie steigen! Das ist die unverblümte Botschaft derjenigen, die in Adam Smith ihren Urvater sehen. Der hat aber was andres gemeint:

„Über hohe Löhne klagen, heißt daher nichts anderes, als über die notwendige Folge und Ursache höchster Prosperität des Landes jammern.“ ... >
„Unsere Kaufleute und Unternehmer klagen zwar über die schlimmen Folgen höheren Löhne, da sie zu einer Preissteigerung führen, wodurch ihr Absatz im In- und Ausland zurückgehen, doch verlieren sie kein Wort über die schädlichen Auswirkungen ihrer hohen Gewinne.“ ... >

Auch hier ist die Sprache dieses großartigen Wissenschaftlers und Humanisten klar und präzise: Die hohen Löhne sind sowohl „Folge“ als auch „Ursache“ des ökonomischen Wachstums. Die ursprüngliche liberale Theorie hatte in der Tat den Wohlstand für alle im Sinne. Was ein Jahrhundert später als Neoklassik oder Neoliberalismus kam, war ein Verrat an dem ursprünglichen Liberalismus. Der neue Liberalismus wurde zur Ideologie der Klasse der Kapitalbesitzer, zur Rechtfertigung der Ausbeutung und Entrechtung der Arbeiterklasse. Man hat diese Ideologie in den letzten Jahrzehnten auf Biegen und Brechen durchgesetzt, und zwar mit einem erstaunlichen Erfolg, wie es die Diagramme unten zeigen.

   

In Deutschland, das schon seit langer Zeit eine der raffgierigsten, rücksichtlosesten und räuberischsten Machteliten der ganze Welt hat,... >fiel die Lohnquote sogar so stark, dass die absoluten Löhne, also die reale Kaufkraft kaum gestiegen ist. Alles was der Produktivitätszuwachs der deutschen Wirtschaft gebracht hat, endete im Einkommen der Reichen und der Reichsten der Gesellschaft. Diese Umverteilung von unten nach oben sollte angeblich Arbeitsplätze schaffen. Würde diese Theorie stimmen, dann wäre die Wirtschaft in den letzten drei Jahrzehnten so schnell gewachsen wie nie zuvor. Das war bei Weitem nicht der Fall, aber dazu kommen wir gleich. 

Die Dialektik der Wahrheit trotz und gegen die Tatsachen

„Was messbar ist, messen, was noch nicht messbar ist, messbar machen“, so Galilei. Nur Tatsachen, die man zu Zahlen „machen“ kann, lassen sich nämlich mit der mathematischen Logik weiter behandeln. Berechnungen brauchen Erhebungsdaten. Aber das ist leichter gesagt als getan. Nicht alles lässt sich gut messen. Dann bleibt nichts anderes übrig, als auf Worte zurückzugreifen, und diese lassen sich nur beschränkt einer präzisen Logik unterordnen. Sie sind ziemlich beliebig und sehr biegsam, so dass mit ihnen verfasste „Modelle“ eine ziemlich willkürliche und schwammige Angelegenheit sind. Die Realität ist viel komplizierter als wahr/falsch und weniger/gleich/mehr. Wenn sich wörtlich erfasste Größen nicht quantitativ vergleichen lassen, steht auch kein Kriterium zur Verfügung um herauszufinden, was wichtig und was unwichtig ist. Schon Kinder wissen nämlich, dass sich Äpfel und Birnen nicht vergleichen lassen. Dann bleiben nur Gefühl und Einschätzung übrig, die unterbewusst auf unsere Interessen und Triebe zurückgreifen. Hier schlägt die Stunde der Rhetoriker, Literaten und Ideologen. Mit ihrer blühenden Phantasie konstruieren sie die Vergleiche zwischen den Tatsachen, so wie sie sie brauchen. So hatte uns damals, während der Großen Depression, ein Liberaler mit der folgenden Interpretation der Löhne überrascht:

„Ein europäischer Arbeiter lebt heute unter günstigeren und angenehmeren äußeren Verhältnissen als einst der Pharao von Ägypten, trotzdem dieser über Tausende von Sklaven gebot und jener nichts anderes hat, um seine Wohlfahrt zu fördern, als die Kraft und die Geschicklichkeit seiner Hände.“ ... >

Das war keine Rede am Stammtisch des unverfrorenen Packs der „Wirtschaftskapitäne“ und Reichen während der großen Depression, sondern ein „wissenschaftliches“ Argument aus dem traurig vertrockneten Gehirn des damals großen Meisters des Neoliberalismus Ludwig Mises - des Lehrers von Friedrich Hayek. Aber könnte seine Aussage nicht doch stimmen? Man kann nämlich fragen: Konnte sich ein Pharao damals eine Armbanduhr, einen Kinobesuch, einen Telefonanruf, eine Zugfahrt oder eine Zahnplombe leisten? Natürlich nicht. 

Wie auch immer die neoliberale Theorie ihr Stück inszeniert - dessen können wir uns sicher sein -, am Ende wird der Arbeitnehmer als negativer Held entlarvt und für die moralische Empörung zur Schau gestellt. Und weil gegen das Böse alle Mittel gerechtfertigt sind, ist es kein Wunder, dass die grimmigen Apostel der Freiheit nie zögern, wenn es um die Wahl der Mittel geht. Haben sie nicht etwa auch den Faschismus bejubelt? Erinnern wir uns noch, was Mises, der Leuchtturm des damaligen europäischen Liberalismus, noch geschrieben hat:

„Es kann nicht geleugnet werden, daß der Faszismus und alle ähnlichen Diktaturbestrebungen voll von den besten Absichten sind und daß ihr Eingreifen für den Augenblick die europäische Gesittung gerettet hat. Das Verdienst, das sich der Faszismus damit erworben hat, wird in der Geschichte ewig fortleben.“ ... >

Oh klägliches Geschlecht! Die Millionen von Arbeitslosen in allen europäischen Staaten hat Mises aber gesehen. Hätte er ihnen „ansteckende Faulheit“ bescheinigt, wie es zum guten Ton der Liberalen gehört, so wäre dies allein schon abstoßend genug. Mises ließ es aber nicht dabei bewenden. Denjenigen, die nicht alles so sehen wollten, wie er, hat dieser orthodoxe Lehrer des reinen Liberalismus nicht nur einfach Urteils- und Denkvermögen aberkannt, sondern er hat sie für geistig krank erklärt. Besserwisserisch machte er auch Psychologen, sogar Freud, schwere Vorwürfe, dass dieser diese ausgelaugten, entwurzelten und verzweifelten Kreaturen nicht für psychisch krank erklärt habe. Es handele sich bei ihnen angeblich um eine akute Paranoia aus Neid und Gier. Mises hat für diese sogar einen passenden klinischen Namen vorgeschlagen: Fourier-Komplex.

„Mit Rationalismus kann man freilich nicht bis zu dem Sitze des Widerstandes gegen den Liberalismus gelangen; dieser Widerstand geht nähmlich nicht von der Vernunft aus, sondern von krankhafter seelischer Einstellung: von Ressentiment und von einem neurasthenischen Komplex, den man nach dem französischen Sozialisten Fourier-Komplex nennen könnte.
Wie schwer ist es, gegen den Fourier-Komplex anzukämpfen. Hier liegt eine schwere Erkrankung des Nervensystems, eine Neurose vor, die mehr die Psychologie interessieren sollte als die Politiker. Doch man kann an ihr heute nicht vorübergehen, wenn man die Probleme der modernen Gesellschaft untersucht. Bedauerlicherweise haben sich die Ärzte bisher kaum noch mit den Aufgaben befaßt, die ihnen der Fourier-Komplex bietet; selbst Freud, der große Meister der Seelenforschung, und seine Schule haben in ihrer Neurosenlehre diese Dinge kaum beachtet, wenn es auch der Psychoanalyse danken muß, daß sie den Weg, der allein zur Erkenntnis dieser Zusammenhänge führt, aufgespürt hat.“ ... >

Ist es also nur eine Unterstellung, die Vordenker der unbeschränkten individuellen Freiheit unter den Generalverdacht eines gezielten akademischen Schwindels zu stellen? Oder habe ich vielleicht noch etwas übersehen?

Mises und Hayek sind tot, aber ihre Saat des Bösen ist in den letzten Jahrzehnten aufgegangen. Erwähnen wir jetzt nur einen aktuellen Fall, den Erfolg des Buches Deutschland schafft sich ab des neoliberalen wissenschaftlichen Hochstaplers und elitären Menschenhassers Tilo Sarrazin. Die Zielscheibe seines sozialdarwinistischen Angriffs sind neben den Standardverdächtigen, nämlich die sozial Schwachen und Arbeitslosen, die Islam-Gläubigen. Es ist leicht verständlich: Juden gibt es in Deutschland kaum mehr. Und durch Beschimpfen und Beleidigen sollte man diese integrieren? Wenn man bedenkt, dass die Juden in Deutschland damals schon kurz davor standen, sich vollständig zu assimilieren, die sogenannten „Mitbürger mit Migrationshintergrund“ werden sich heute gut überlegen müssen, was für sie zu gewinnen wäre, wenn sie sich bedingungslos assimilieren würden, wie es von Sarrazin ohne wenn und aber verlangt wird.

Wenn man ein bisschen mehr über Mises, Hayek, Sarrazin ... nachdenkt, kommen einem die Worte des Historikers Jacob Burckhardt in den Sinn. „In der Tierwelt“ - schrieb er - „sterben Bastarde aus oder die sind von Anfang an unfruchtbar. Im geschichtlichen Leben ist alles voll Bastardtum“. Was aber noch mehr beunruhigt, ist, dass Sarrazins neue-alte kleine Geschichte der neokonservativen und neoliberalen Genetik und Eugenik zum meist verkauften Buch in Deutschland im Jahre 2010 wurde. Irgendwie reimt sich das mit der Agenda 2010. Endlich wurde der pragmatische Zynismus der heutigen Sozialdemokratie auf das Niveau einer Vision gehoben.


Nicht die Medizin, sondern die Dosierung sollte falsch sein

Von den Vertretern der falschen Theorien in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften wird in der Regel auch immer behauptet, dass es in der Gesellschaft bzw. Wirtschaft unmöglich sei, Experimente zu machen. Auch mit den Löhnen nicht. Das ist sehr merkwürdig. Was sind etwa die Mindestlöhne? Man hat in sehr vielen Ländern Mindestlöhne ausprobiert und nirgendwo hat sich herausgestellt, dass sie Arbeitsplätze vernichten. Es gab immer wieder sogar statistische Erhebungen, aus denen sich folgern ließ, dass die Mindestlöhne die Zahl der Beschäftigten erhöht haben. Man kann auch hier natürlich auf verschiedene Weise die Theorie gegen die Tatsachen immunisieren. Man kann etwa sagen: Wenn die Beschäftigung nach der Einführung der Mindestlöhne gestiegen ist, wäre sie ohne Mindestlöhne deutlich stärker gestiegen. Man kann auch sagen, wie es in Deutschland üblich ist, dass sich die Erfahrungen der anderen nicht einfach übertragen lassen. In Deutschland würden die Mindestlöhne ganz bestimmt Arbeitsplätze vernichten, weil in Deutschland andere Umstände herrschen als anderswo.

Könnte es wirklich stimmen, dass die Umstände in Deutschland so einzigartig sind? Zweifel sind angebracht. Man bekommt nämlich einen völlig anderen Eindruck, was die angeblichen deutschen Umstände betrifft, wenn es sich um Maßnahmen handelt, die sich gegen den Lohn und die Rechte des Beschäftigten richten. Jede solche Maßnahme, die irgendwo in der Welt spukt und durchgesetzt wurde, wird von den deutschen Machteliten und der sich bei ihnen geistig prostituierenden Experten mit größter Begeisterung registriert und herbeigeredet. Es heißt dann übereinstimmend, solche Maßnahmen würden bestens auf deutsche Verhältnisse passen. Dank der korrupten politischen Nomenklatura wurden immer mehr von solchen Maßnahmen in Deutschland „erfolgreich“ angewandt, aber die versprochenen Erfolge sind - wie überall - ausgeblieben. Das wird dann immer auf die gleiche Weise „erklärt“: Wenn die Lohnsenkung ihre Wirkung nicht entfaltet hat, hat man also die Löhne noch nicht genug gesenkt. Anders als bei Zinsen, kann man Löhne nicht auf Null senken. Was kann man dazu noch sagen?

Hohe Löhne bringen nicht nur mehr Wachstum, sondern auch höhere Produktivität

Was in der neoliberalen Theorie - in ihrem partikel-mechanischen Modell - als falsch gilt, kann in dem Kreislaufmodell eine richtige Schlussfolgerung sein, und das gilt auch für die Löhne. Das liegt nicht an irgendwelchen formalen logischen oder mathematischen Fehlern, sondern wir haben es mit zwei verschiedenen Denkweisen oder noch besser gesagt Paradigmen zu tun. Entscheiden können dann nur Tatsachen, und die sind auf der Seite des Kreislaufmodells. Die Erklärung, warum Löhne und Wachstum (positiv) korrelieren ist im Kreislaufmodell natürlich die gleiche, die wir auch schon auch für den Zins vorgelegt haben. Es ist eine Erklärung, die für die Kosten im Allgemeinen gilt. Kurz zusammengefasst:

„Wenn steigende Löhne die Preise (der Produktionsgüter) zum Steigen bringen, steigt die Nachfrage - genauer gesagt: es wird möglich mehr zu sparen und zu investieren, ohne dass dies Nachfragemangel verursacht -, so dass sich dadurch auch das Wachstum beschleunigen kann und umgekehrt.“

Mehr zur Lohnsenkung braucht man nicht zu sagen. Zur Vervollständigung erwähnen wir noch die seit mehreren Jahrzehnten von den Neoliberalen propagierte Maßnahme Steuersenkung. Durch sie sollte auch erreicht werden, dass die Löhne sinken, so dass sich dadurch das Wachstum beschleunigen würde. Weil es in der neoliberalen Theorie keine Profite gibt, würde die Steuersenkung natürlich automatisch mehr Investitionen bedeuten. Dieser Zusammenhang wird mit der sogenannten Laffer-Kurve (1974) auf eine einfache Weise veranschaulicht. Es wird überliefert, dass Arthur B. Laffer diese Kurve zum ersten Mal auf einer Serviette eines Washingtoner Restaurants skizzierte. Das würde in der Tat passen. Als die Ökonomen an der Laffer-Kurve noch mit einem müden Lächeln vorbeigezogen sind, wurde sie zum schlagenden Argument der konservativen Politiker Reagan und Thatcher in ihrem Kreuzzug für die Umverteilung von unten nach oben. Ihr Erfolg liegt natürlich nicht in der Idee, die der Laffer-Kurve zugrunde liegt, diese ist nur ein hanebüchener Unsinn, sondern sie hat die niedrigsten Motive ins Spiel gebracht. Die zu hohen Steuern, so das dumme und dreiste Geschwätz, würde nichts anderes bedeuten als eine gewaltige Verschwendung der parasitären Staatsbürokratie und Sozialmissbrauch. Was hat nun die Steuersenkung gebracht?

     ... >
 

Die Lohnsenkungen sollten die Arbeitslosigkeit beseitigen, die nach dem „goldenen Zeitalter“ nach dem Weltkrieg irgendwann begonnen hat tendenziell zu steigen und die Keynesianer konnten dagegen nichts tun. Nach der neoliberalen Konterrevolution ist sie aber gestiegen und später auf hohem Niveau geblieben. Eigentlich ist die wahre Arbeitslosigkeit noch stärker gestiegen, als es sich aus dem Diagramm entnehmen lässt, da die offiziellen statistischen Daten fortdauernd „kreativ nachgebessert“ worden waren. Das durchschnittliche Wachstum ist von 4.8% auf 3.2% heruntergegangen - wobei ohne China alles noch schlimmer wäre. Ein Unterschied von 1.6 Prozentpunkten mag nicht sehr groß erscheinen. Doch hätten wir sie gehabt, wäre das BIP heute um 50% größer. Fast in einem Jahr könnten wir unsere Staatschulden tilgen. Im nächsten Jahr könnten wir etwa alle unsere Straßen, Schienennetze, Verkehrsanlagen sowie Kulturbauten aller Art, Theater, Krankenhäuser, Kirchen, Schulen, Universitäts- und Forschungsinstitute, Bäder, Sportanlagen, Schwimmhallen, Altersheime und Bibliotheken auf den neusten Stand bringen, ...

Wenn man bedenkt, dass in den letzten Jahrzehnten eine richtige Industrielle Revolution stattgefunden hat, die voraussichtlich noch erfolgreicher war als alle vorherigen, lässt sich vermuten, dass die ökonomischen Ergebnisse der westlichen Volkswirtschaften in den letzen Jahrzehnten nicht nur ein Misserfolg, sondern ein richtiges Desaster sind. Man bekommt hier das Gefühl, dass eine Marxsche Prophezeiung in Erfüllung geht:

„Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen, oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt haben. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um.“ ... >

Es sind aber keine geheimnisvollen Kräfte der Geschichte, die das bewirken. Diese Entwicklung hat nur noch wieder einmal bestätigt, dass langfristig betrachtet die niedrigeren Löhne niedrigere Produktivität bedeuten. Warum dem so ist, hat bereits die Reswitching-Analyse im Rahmen des Kreislaufmodells v2.x endgültig geklärt.dorthin

Naja, sogar eine Uhr die steht, zeigt zweimal am Tag die Zeit richtig. Auch die neoliberale, auf dem Kostenprinzip begründete Wachstumstheorie ist nicht unbedingt und immer falsch. Man kann sie auf die internationale Konkurrenz anwenden und dann ist sie zumindest nicht ganz falsch. Zwischen den Volkswirtschaften herrscht bekanntlich Verdrängungskonkurrenz, und die Wirtschaft, der es besser gelingt Kosten zu senken, kann den anderen Volkswirtschaften die Märkte wegnehmen und dort expandieren. Auf diese Weise, also durch Lohndumping wurde zum Beispiel die deutsche Wirtschaft zum Exportweltmeister. Die deutschen Machteliten haben wieder einmal einen totalen Krieg vom Zaun gebrochen, diesmal den Totalen ökonomischen Krieg. Wie früher, so auch diesmal auf dem Rücken der eigenen Bevölkerung, und auch diesmal sieht es so aus, als ob er noch zu gewinnen wäre. Warten wir ab, was das neue Stalingrad sein wird.

Die Auswirkung der Lohnsenkung auf den Außenhandel erwähnen wir jetzt nur nebenbei. Das ist jetzt nicht unser Thema. Wir sind bisher stillschweigend von einer geschlossenen Volkswirtschaft ausgegangen, und dass soll sich auch weiterhin nicht ändern. Außerdem geht es uns jetzt konkret um den Zusammenhang des Wachstums und der Löhne innerhalb eines ökonomischen Zyklus.

 
 
   
  70   zum Diskussionsforum caDF40B