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  Inhaltsverzeichnis zu diesem thematischen Schwerpunkt  


  3. Phase des ökonomischen Zyklus der Marktwirtschaft: Die Hochkonjunktur (Boom)
  Haben die Investitionen etwas mit dem Sparen bzw. Konsumverzicht zu tun?
       
 
Die Ersparnis in einem Jahr wird regelmäßig - wie die jährlichen Konsumausgaben - beinahe in der gleichen Zeit verbraucht, allerdings von anderen Personen. So wird der Teil des Einkommens, den ein Wohlhabender im Jahr hindurch ausgibt, in den meisten Fällen von Gästen und Dienstpersonal verbraucht, die für ihren Konsum nicht die geringste Gegenleistung bieten. Der Teil aber, den er jährlich spart und unmittelbar als Kapital investiert, um einen Gewinn zu erzielen, wird zwar auf gleiche Art und auch beinahe in der gleichen Zeit verbraucht, doch von ganz andern Leuten, nämlich von Arbeitern, Fabrikanten und Handwerkern, die ihren Jahreskonsum mit Gewinn produzieren.
 
  Adam Smith     
       
 
Kurz gesagt, Sparen macht reich und Verschwenden macht arm ... das heißt, mit anderen Worten: daß die Gesellschaft im ganzen um das reicher wird, was sie zum Unterhalt und zur Förderung produktiver Arbeit ausgibt und ärmer um das, was sie für Vergnügungen verbraucht.
 
  John S. Mill     
       
 
Akkumuliert! Akkumuliert! Das ist Moses und die Propheten!
 
  Karl Marx     

Kein Mensch kann lebenslang, von der Wiege bis zu Bahre, fortlaufend aus der eigenen produktiven Leistung Einkommen beziehen. Am Anfang und am Ende seines Daseins kann er dies überhaupt nicht, und dazwischen kommen immer wieder kürzere oder längere Zeitspannen, wo ihm dies nicht gelingt. Deshalb wird ein Teil des Einkommens seit eh und je gespart, oder wie der Volksmund sagt: unter die Matratze gelegt, worauf in den schlechteren Zeiten zurückgegriffen wird. Wenn ein Ökonom über das Sparen spricht, meint es aber etwas anderes.

In der ökonomischen Theorie steht das Sparen im Zusammenhang mit den Investitionen. Was einer eingespart hat, wird von einem anderen investiert. Das Sparen wird mit den Zinsen belohnt, so dass hinter dem Sparen eigene egoistische Interessen stehen, aber damit ist nicht schon alles gesagt. Angesichts der Tatsache, dass neue Investitionen neue Arbeitsplätze schaffen und Menschen in Lohn und Brot bringen, ist das „egoistische“ Sparen zu investiven Zwecken auch gesellschaftlich nützlich. Das haben die Ökonomen schon längst herausgefunden und den Sparer zum großen Helden und Wohltäter erklärt. Der Sparer opfert angeblich sein eigenes Wohlergehen für das Wohlergehen der ganzen Gesellschaft. Stimmt dies aber wirklich? Stimmt dies bedingungslos und immer? Oder noch anders formuliert: Kann die Wirtschaft nur dann wachsen, wenn die Individuen bereit sind zu sparen bzw. zu verzichten?

Um dies zu prüfen, bedienen wir uns jetzt unseres Standardbeispiels. Damit wir uns nicht unnötig mit lästigen mathematischen Arbeiten abplacken, überlassen wir diese Angelegenheit, wie bereits gewohnt, unserem Simulationstool.

Warum Sparen nicht immer gleich Sparen ist: nominales und reales Sparen

Um den folgenden Text gewissermaßen eigenständig zu machen, damit der Leser nicht ständig „zurückblättern“ muss, stellen wir unser numerisches Beispiel als Flussdiagramm noch einmal dar, mit einer kurzen Erklärung, die sich aber nur auf das unbedingt Nötige beschränkt.

   
      Nettoeinkommen:      
  Sektor 1: 1000  
  Sektor 2: 1000  
  Sektor 3: 2000  
4000  
 
    Konsumproduktion:    
  Sektor 1: 0  
  Sektor 2: 0  
  Sektor 3: 4000  
4000  

In unserem Beispiel produzieren die Sektoren 1 und 2 Produktionsgüter (Investitionen) und Sektor 3 Konsumgüter. Das Flussdiagramm zeigt diese dreisektorale Wirtschaft im stationären Zustand, der sich beliebig lange unverändert wiederholen lässt. Es ist unmittelbar ersichtlich, dass die Ströme bei jedem Sektor geschlossen sind: Was hinein fließt ist gleich dem was hinaus fließt. Die Tabelle rechts zeigt, dass dies auch für den Konsummarkt gilt: Die gesamte Nachfrage nach Konsumgütern (die Summe der externen Inputs aller Sektoren) ist gleich dem gesamten Angebot an Konsumgütern (dem Output des Sektors 3). Kurz gesagt: Die stationäre Wirtschaft in unserem Beispiel ist auf allen Ebenen und als Ganzes im Gleichgewicht.

Wir lassen jetzt die reale Produktion weiter so laufen, wie im Diagramm dargestellt: Sektor 2 soll alles an Sektor 1 liefern, dieser soll 3/7 an Sektor 2 und 4/7 an Sektor 3 liefern, und Sektor 3 alles auf dem Konsummark platzieren. Das Einzige, was sich ändern soll, sind die Preise, und zwar, indem die Einkünfte in jeder Reproduktionsperiode bei jedem Sektor um 3% steigen. Von dem Simulationstool, das für uns die mathematische Routinearbeit erledigt, bekommen wir das vollständige Ergebnis für mehrere Reproduktionsperioden:

     Gleichgewichtsbedingung:   YK  =  I  =  S      Zuwachs der Konsumgüterproduktion
 
60
 
139
 
237
 
346
156
 
466
172
 
592
185
 
725
195
 
863
204
 
1007
212
 
1156
220
 
1309
228
 
1468
235
 
1632
242
 
1800
250
 
  t+1     t+2     t+3     t+4     t+5     t+6     t+7     t+8     t+9     t+10     t+11     t+12     t+13     t+14    
  I1' 30   44   58   65   73   77   82   85   89   92   95   98   101   104  
      +       +       +       +       +       +       +       +       +       +       +       +       +       +
  I2' 13   26   32   39   42   46   48   51   53   55   57   59   60   62  
      +       +       +       +       +       +       +       +       +       +       +       +       +       +
  I3' 17   35   43   52   57   61   65   68   70   73   76   78   81   83  
  I'  60   105   134   156   172   185   195   204   212   220   228   235   242   250  
  K  6000   6060   6165   6298   6454   6626   6810   7005   7209   7421   7641   7869   8104   8346  
= = = = = = = = = = = = = =
  K1 2500   2530   2574   2632   2697   2769   2847   2929   3014   3103   3195   3290   3388   3490  
+ + + + + + + + + + + + + +
  K2 1500   1513   1539   1571   1610   1653   1699   1747   1798   1851   1906   1962   2021   2081  
+ + + + + + + + + + + + + +
  K3 2000   2017   2052   2095   2147   2204   2265   2329   2397   2468   2541   2617   2695   2775  
  S'%  1.5   2.5   3.1   3.5   3.7   3.9   4   4   4.1   4.1   4.1   4.1   4.1   4.1  

Was uns unser Simulationstool liefert, sind nur trockene Zahlen. Versuchen wir uns zuerst ein Bild darüber machen, was bei diesem Verlauf in den einzelnen Sektoren, sozusagen auf der Mikroebene, vor sich geht - jedoch ohne unnötige Details. Nehmen wir einfach an, dass zuerst einer von den Sektoren, welche die Produktionsgüter herstellen, seine Preise angehoben hat - aus welchen Gründen auch immer. Es ist natürlich für ein Unternehmen nie einfach, Preise anzuheben, ohne das Risiko, Marktanteile zu verlieren, aber die Preissteigerungen sind eine unbestrittene empirische Tatsache. Wegen der gestiegenen Preise der Produktionsgüter werden die Unternehmen, die diese Güter verbrauchen, höhere Kosten haben, was ihre reinen Gewinne (Nettoeinkommen) senken würde. Diese Unternehmen werden sich natürlich dagegen wehren, indem sie die Preise der von ihnen hergestellten Güter anheben. Aus dem so gestiegenen reinen Gewinn wird es ihnen schließlich möglich, den Preisanstieg der Zulieferer zu kompensieren, aber darüber hinaus auch die reale Kaufkraft ihrer Nettoeinkünfte wiederherzustellen. Das letztere sorgt automatisch für den Absatz aller Konsumgüter: Die Nettoeinkünfte aller drei Sektoren bleiben weiterhin gleich dem Angebot an Konsumgütern. Der interessierte Leser kann dies alles selber genau nachprüfen, indem er sich für jede Reproduktionsperiode Tauschtabellen anfertigt, wie wir es schon des Öfteren getan haben, um uns die Gleichgewichtszustände genauer anzuschauen.

Was für uns jetzt das Wichtigste ist, ist Folgendes: Weil der Preis steigt, muss jeder Sektor bzw. jedes Unternehmen einen Teil seines Nettoeinkommens für diese Teuerung abzweigen. Sonst würde er seine reale Produktion nicht mehr auf dem vorigen Niveau halten können. Und was bedeutet es, wenn man aus eigenem Nettoeinkommen nicht Konsumgüter, sondern Kapitalgüter kauft? Die Antwort ist eindeutig: Das bedeutet sparen.

In unserem Beispiel haben alle drei Sektoren gespart, wie sich aus den obigen Zahlenreihen   I1,   I2 und  I3  entnehmen lässt. Da muss man aber bemerken, dass in Wahrheit die Sektoren nie etwas tun, sondern es sind Wirtschaftakteure, also Menschen aus Fleisch und Blut, die - auch in unserem konkreten Fall - sparen und investieren. Es sind Menschen, die Einkommen beziehen, die im eigenen Interesse handeln, die sich dann überlegen, ob sie etwas einsparen wollen oder lieber nicht. Sie sind nicht gezwungen etwas einzusparen, aber aus der Erfahrung wissen wir, dass die Einkommensbezieher so etwas immer tun. Und wenn sie es getan haben, kann man diesen Menschen nicht sagen, dass sie nicht verzichtet (abstiniert) hätten. Von ihrem individuellen Standpunkt aus bedeutet die Entscheidung, nicht zu konsumieren, ohne Zweifel einen Verzicht (Abstinenz). In der letzten Zahlenreihe ist auch noch die gesamtwirtschaftliche Sparquote ausgerechnet: das prozentuale Verhältnis zwischen dem eingesparten und gesamten Nettoeinkommen der Wirtschaft. Aber wenn wir den Sparern zustimmen würden, dass sie etwas Gutes für die ganze Wirtschaft getan haben, bekommen wir ein nicht gerade kleines Problem.

Sind wir nicht explizit davon ausgegangen, dass sich in der Produktion die ganze Zeit gar nichts ändern soll? Ja, und unser Simulationstool hat sich daran auch streng gehalten. Wenn sich aber in der Wirtschaft (real) nichts geändert hat, konnte sie folglich auch nicht (real) wachsen, und dann hätte auch keiner etwas (real) investieren können. Das (reale) Kapital bei jedem Sektor ist in der Tat ständig wie am Anfang geblieben - also während der Reproduktionsperiode t. Trotzdem lässt sich nicht bestreiten, dass die Sektoren bzw. die Einkommensbezieher in jeder Reproduktionsperiode weniger verkonsumiert haben als sie (netto) verdient haben, so dass sie tatsächlich gespart haben. Sie hätten somit Verzicht geübt, aber kann dies wirklich stimmen, wenn die Wirtschaft als ein Ganzes die gleichen Mengen von Konsumgütern produziert und verbraucht hat wie am Anfang? Wenn das kein Widerspruch ist, was dann? Was tun?

Da kommt uns in den Sinn, dass in der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie behauptet wird, dass es zwischen den Mikro- und Makrophänomenen wesentliche Unterschiede geben kann. In der Wirtschaftswissenschaft wird wie in keiner anderen Wissenschaft diese Auffassung dermaßen kategorisch abgelehnt. Es gab aber immer scharfsinnige Denker, die sich nicht einreden ließen, dass die Wirtschaft sozusagen nur ein großes Unternehmen ist. Man erinnert sich hier an einen der größten deutschen Ökonomen, Friedrich List (1789-1846). Er hat in Bezug auf die Problematik eine Position bezogen, die an Klarheit und Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig lässt:

„Die Weisheit der Privat-Oekonomie sey auch Weisheit in der National-Oekonomie? ... Nein! in der National-Oekonomie kann Weisheit sein, was in der Privat-Oekonomie Thorheit wäre und umgekehrt.“ ... >

Das lässt sich leicht sagen, aber warum sollte dies auch richtig sein? Es lässt sich in der Tat nicht so einfach theoretisch argumentieren, warum das Ganze mehr als die Summe der Teile ist. Außerdem war List kein theoretisch denkender Mensch. Er zog seine scharfsinnigen Schlussfolgerungen und Verallgemeinerungen aus den empirischen Beobachtungen, die er auch nachträglich nicht tiefer analytisch begründete. Solche rein empirischen Erkenntnisse überzeugen reichen aber nicht, weil sich jede Menge von Tatsachen immer auf verschiedene Weise interpretieren lässt. Das war auch Lists Problem: Seinen Auffassungen fehlte eine überzeugende Theorie. Wir haben jetzt eine gute Gelegenheit, im Rahmen der Kreislaufmodells ihn darin zu bestätigen, dass in der Privat-Ökonomie wirklich etwas Weisheit sein kann, was in der Natinal-Ökonomie Torheit ist und umgekehrt, und zugleich zu zeigen, dass die Mathematik sehr nützlich sein kann, diesen Unterschied zu erklären. Wir bedienen uns dabei einer neuen Tabelle, die aus den Zahlen, die uns das Simulationstool geliefert hat, zusammengesetzt wird.

Σ Kt
Σ I'  t+1 Σ I'  t+2 Σ I'  t+3 Σ I'  t+4 Σ I'  t+5 Σ I'  t+6 ...
 
  Σ K t+2  = 
  Σ K t+3  = 
  Σ K t+4  = 
  Σ K t+5  = 
  Σ K t+6  = 
  Σ K t+7  = 
  Σ K t+8  = 
 6000 
 6000 
 6000 
 6000 
 6000 
 6000 
 6000 
  +  60 
  +  60    +  105 
  +  60    +  105    +  134 
  +  60    +  105    +  134    +  156 
  +  60    +  105    +  134    +  156    +  172 
  +  60    +  105    +  134    +  156    +  172    +  185 
... ... ... ... ... ... ...
 =  6060
 =  6165
 =  6298
 =  6454
 =  6626
 =  6810
...

In der linken Spalte dieser Tabelle steht für jede Zeile der Wert des Kapitals aller drei Sektoren vor der Preissteigerung (6000) - also während der die Reproduktionsperiode t. Wenn die Preise steigen, wird auch der Wert der Kapitalien in jeder nächsten Reproduktionsperiode größer. Der summarische Wert des Kapitals am Anfang jeder Reproduktionsperiode steht in der rechten Spalte der Tabelle. (Würde die Reproduktionsperiode genau ein Jahr dauern, wäre dies der summarische Wert des Kapitals, mit dem die Wirtschaft am 1. Januar um Mitternacht während jeder nächsten Reproduktionsperiode zu wirtschaften beginnt.) In den mittleren Spalten der Tabelle sind Ersparnisse bzw. Investitionen der Wirtschaft eingetragen, und zwar beginnend mit der Reproduktionsperiode t+1, bis zu der betrachteten Reproduktionsperiode. Es sind die Werte, die den dunkelgrünen Balken im obigen Bild entsprechen. Wir stellen für jede Zeile der Tabelle fest:

Der Wert des Kapitals am Anfang jeder Reproduktionsperiode entspricht dem Wert des Kapitals vor der Preissteigerung (6000), dem noch alle Ersparnisse bis zu der betrachteten Reproduktionsperiode subsumiert werden.

Dadurch bestätigt sich, was die Ökonomen schon seit langer Zeit behaupten, dass Sparer auch nur Käufer sind, aber Käufer, die besondere Güter kaufen, nämlich Kapitalgüter. Aber welche Kapitalgüter haben diese Käufer, die man auch Sparer nennt, gekauft? Diese Frage ist deshalb spannend, weil die reale Kapitalmenge in unserem Bespiel immer gleich geblieben ist. Dies ermöglicht nur eine Antwort: Diese Käufer bzw. Sparer konnten nur einen Teil des bereits vorhandenen Kapitals kaufen. Das Sparen war also nichts anderes als eine Umverteilung - ein Nullsummenspiel. Alle die gespart und verzichtet haben, haben etwas für sich selbst getan, für die Gesellschaft haben sie nicht das Geringste getan. Allerdings haben sie ihr auch keinen Schaden zugefügt.

Wir stellen also fest, dass Sparer nicht unbedingt Wohltäter sind, wie es in der traditionellen Theorie als selbstverständlich angenommen wird. Wenn Individuen sparen und investieren, bedeutet dies bei weitem noch nicht, dass die Wirtschaft als ein Ganzes ihr Kapital vergrößert („akkumuliert“). Wie Recht hatte also List, als er behauptete, dass „in der National-Oekonomie etwas Weisheit sein kann, was in der Privat-Oekonomie Thorheit wäre und umgekehrt“. Konkret heißt dies folgendes:

• Der nominale Wert der neuen Investitionen (Akkumulation) in einer Wirtschaft ist immer gleich ihren nominalen Ersparnissen.

• Die nominalen Ersparnisse sagen nichts darüber, wie viel in der Wirtschaft real investiert (akkumuliert) wurde.

Für den Fall, der in unserem Beispiel behandelt ist, gilt, dass von den nominalen Ersparnissen ein Anteil von 0% reale Ersparnisse (Verzicht) und Investitionen sind. Wir wollen aber wissen, wie dies bei anderen Umständen aussieht. Wir können zum Beispiel die Preise konstant halten und die Wirtschaft real investieren lassen. Am einfachsten ist es, auch diesen Fall von dem Simulationstool ausrechnen zu lassen, was aber dem Leser überlassen wird. Am Ende dieses Beitrags ist dafür alles vorbereitet. Man kann dort die gewünschte reale Wachstumsrate eingeben, das Simulationstool gibt die Ergebnisse zurück, aus denen sich eine Tabelle wie oben anfertigen lässt. Beim Wachstum ohne Preissteigerung würde sich ergeben, dass die nominalen Ersparnisse mit dem Anteil von 100% zum realen Kapital (Akkumulation) werden. In diesem Fall würde also nichts umverteilt, sondern es würde etwas völlig Neues geschaffen. Folglich wäre es in diesem Fall berechtigt, die Sparer als Wohltäter zu betrachten.

Mit unseren zwei Beispielen haben wir offensichtlich zwei Extreme erfasst. Wir können natürlich mit dem Simulationstool auch den Fall prüfen, wenn die Preise (der Produktionsgüter) steigen und die Wirtschaft zugleich real investiert. Hier wird der Anteil der realen Ersparnisse (und Investitionen) in den nominalen zwischen 0% und 100% liegen.

Auch mit dem Produktivitätswachstum kann das Simulationstool problemlos umgehen. Wenn wir neben der Preissteigerung und den realen Investitionen noch das Produktivitätswachstum berücksichtigen, und mit den Zahlen ein bisschen „spielen“, können wir schnell auf „verrückte“ Ergebnisse stoßen. Wenn die Wirtschaft real wächst und zugleich auch ihre Produktivität steigt, kann es durchaus vorkommen, dass beim nominalen Sparen der Kapitalbedarf sogar sinkt und der Konsum gleichzeitig steigt. Der nominalen Ersparnis würden dann also negative reale Investitionen entsprechen (sic!). Man kann diesbezüglich David Ricardo erwähnen, der diese Möglichkeit ausdrücklich vorgesehen hat, aber da war er so etwas wie ein weißer Rabe zwischen den Ökonomen. Die Produktivitätssteigerung - heute spricht man eher von technischem Wissen - war schon immer eine harte Nuss für die ökonomischen Theorien bzw. die Theorie des ökonomischen Wachstums. Deshalb verweilen wir noch ein bisschen bei dieser Problematik.

Der klassische Akkumulationsirrtum: Produktivitätssteigerung durch Sparen (Verzicht)

Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus hat sich noch einmal bestätigt, dass die Marktwirtschaft bisher die einzige bekannte ökonomische Ordnung ist, die spontan Innovationen schafft. Dies zu erklären haben sich die Ökonomen leider allzu leicht gemacht. Seit Turgot und Smith wurde bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts fast wie selbstverständlich angenommen, dass mit der Aufstockung des Kapitals (Investitionen) ziemlich alles getan ist, um die Produktivität zu steigern. Nicht wenige Ökonomen haben Kapitalakkumulation und Produktivitätssteigerung als sozusagen zwei Seiten derselben Medaille betrachtet - als Tautologie. Man kann diese Auffassung als einen der größten Irrtümer der klassischen Wirtschaftswissenschaft betrachten. Erstaunlich ist, wie lange dieser Irrtum nicht aus der Welt zu schaffen war. Das muss doch seine Ursachen haben. Erwähnen wir drei der wichtigsten:

1: Der Akkumulationsirrtum als Folge der Pars-pro-toto-Denkweise.

Die Produktionskosten bestehen aus den verschiedenen materiellen Kosten (Rohstoffe, Halbfabrikate, Energie, Maschinenverschleiß, ... ) und den verschiedenen Einkünften der Beschäftigten (Löhne, Gehälter, Profit, Managergehälter, Gratifikationen, ... ), vereinfacht ausgedrückt aus Kapitalkosten und Arbeitskosten. Stellen wir uns ein beliebiges Unternehmen vor, das Produktionsgüter herstellt, und stellen wir diese Kosten in einem Balken zusammen dar.

K a p i t a l k o s t e n A r b e i t s k o s t e n
    ←   Angebotspreis

Im nächsten Schritt lassen wir das Unternehmen eine arbeitssparende Produktionsmethode einführen, die einen Teil der Arbeitskosten überflüssig macht. Diese Einsparung reißt sozusagen in dem Kostengefüge eine Lücke, die wir als Q bezeichnen.

K a p i t a l k o s t e n Arbeitskosten Q
    ←   Angebotspreis

Es ist offensichtlich, dass wegen dieser Lücke Q das Verhältnis Kapital zu Arbeit im betrachteten Unternehmen gestiegen ist. Dies ist eine unbezweifelbare mikroökonomische Tatsache. Der fatale Fehler in dem Denken der Ökonomen bestand darin, diese Erkenntnis einfach auf die ganze Wirtschaft zu übertragen. Was haben sie dabei sträflich übersehen?

Verfolgen wir nun das Geschehen weiter. Das betreffende Unternehmen, da es - der Annahme folgend - Produktionsgüter herstellt, kann nur Unternehmen beliefern. Das heißt, seine Güter sind Investitionen bzw. Kapital eines zweiten Unternehmens. Und das bedeutet, dass die Lücke Q sozusagen auf die Seite des Kapitals gesprungen ist. Aus der makroökonomischen Sicht wurde aus der Arbeitsersparnis auf einmal eine Kapitalersparnis. In einer stark arbeitsteiligen Wirtschaft wird das zweite Unternehmen voraussichtlich auch Produktionsgüter herstellen, die es dann einem dritten Unternehmen liefert, natürlich zusammen mit der Lücke Q, die wieder auf der Kapitalseite platziert wird. Und dies kann sich noch weiter fortsetzen, bis die Lücke Q irgendwann ein Unternehmen erreicht hat, das Konsumgüter herstellt. Dann wird sie das System endgültig verlassen.

Aus dieser Überlegung können wir folgern, dass jede arbeitssparende Innovation immer auch eine Kapital sparende Innovation ist, ausgenommen bei den Herstellern von Konsumgütern. Weil es sich um quantitative Zusammenhänge handelt, müssen wir nicht bei der verbalen Argumentation bleiben. Die kreislauftheoretische Analyse stellt uns Mittel zur Verfügung, den ganzen Verlauf quantitativ genau zu verfolgen. Eigentlich haben wir schon im Rahmen des Kreislaufmodells die Auswirkung der arbeitssparenden Produktionsmethoden in verschiedenen Konstellation untersucht.dorthin Dort konnten wir feststellen, dass in einer Wirtschaft, die wächst und zugleich ihre Produktivität steigert, der Kapitalbedarf pro Arbeitsplatz sowohl wachsen als auch fallen kann. Die klassische Auffassung ist also nicht unbedingt falsch, sondern sie ist nur eine Halbwahrheit. Dies mag auf den ersten Blick harmlos aussehen, ist es aber nicht. Marx hat zum Beispiel diese Halbwahrheit zum tragenden Prinzip seiner ganzen ökonomischen Analyse gemacht und sie gegen die Wand gefahren.

2: Akkumulationsirrtum als Verteidigung des Reichtums:

Sollte das Sparen ein relevanter Faktor des Wachstums und Produktivitätswachstum sein, dann würde dies die Existenz der Klasse der Reichen rechtfertigen. Man könnte dann sagen, dass man bei der Arbeiterklasse nicht die Löhne erhöhen sollte bzw. dürfte, weil die Arbeiter diese nur verprassen oder verantwortungslos immer mehr Kinder in die Welt setzen würden (Malthus), der Kapitalist dagegen würde, durch die Konkurrenz gedrängt, seine höheren Gewinne sparen und investieren. Dies wird auch heute noch als Hauptargument bei jeder Umverteilung von unten nach oben benutzt. In den letzten Jahrzehnten wurde diese Argumentation besonders aggressiv vorgetragen. Wer sich diese nicht zu eigen machte, dem wurde einfach jegliche ökonomische Kompetenz abgesprochen.

Im Blick auf diesen klassischen Akkumulationsirrtum ist es leicht zu begreifen, warum bei Marx der Kapitalist nicht selten besser davon kommt als bei Smith. Der Kapitalist ist für Marx vor allem ein Sparer und nur am Rande ein Verschwender. Der Kapitalist kann angeblich gar nicht viel verschwenden, weil ihn die Konkurrenz zwingt, die Produktivität zu steigern, und dies kann er angeblich nur, indem er seinen Profit investiert. Die private Marktwirtschaft in dem Marxschen historischen Materialismus ist vor allem ein mörderischer Prozess sich ständig beschleunigender Produktion von Kapital, was natürlich nur auf Kosten der Konsumproduktion gehen kann. Aber so sinnlos, wie es auf den ersten Blick scheinen mag, ist diese kapitalistische Produktion des Kapitals wegen doch nicht. Im Gegenteil. Marx’ größter Lehrer Hegel würde hier von der List der Vernunft in der Geschichte sprechen. Und er würde auch sagen, dass die Eule der Göttin Minerva ihren Flug erst mit der einbrechenden Dämmerung beginne. Im gleichen Sinne sollte auch bei Marx die Geschichte den wahren Sinn der Produktion - für das Kapital anstatt für Bedürfnisse - erst nach der proletarischen Revolution enthüllen. Der Kommunismus würde nämlich vom Kapitalismus einen riesigen Vorrat an Produktivkräften erben, so dass dann sofort, durch eine simple Umlenkung eines Teils des bereits akkumulierten Kapitals in die Produktion von Konsumgütern, ein allgemeiner Wohlstand ausbrechen würde. Wie schade, dass diese so wunderbare Geschichte nur ein Hirngespinst eines deutschen Metaphysikers war.

3: Akkumulationsirrtum als Folge der Ontologisierung der Preise.

In jeder Wissenschaft gibt es unglückliche Entscheidungen. Ein Ansatz scheint am Anfang viel versprechend zu sein, er wird dann eine Zeitlang hartnäckig verfolgt, bis man merkt, dass man sich in einer Sackgasse verirrt hat. Einer dieser unglücklichen Ansätze in der ökonomischen Theorie war die Suche nach dem „Wert“. Der Wert sollte zu einem der wichtigsten Begriffe und Erklärungsprinzipien der Wirtschaftswissenschaft werden. Unter anderem - oder sogar vor allem - sollte der Wert die Preise erklären. Genauer gesagt, der Wert sollte das wahre Wesen des Preises sein. Der Preis im üblichen Sinne sollte sozusagen nur die Oberfläche sein, der Wert seine objektive oder reale Substanz oder Essenz. Es handelt sich offensichtlich um ein metaphysisches Konstrukt. Über dieses „Wertproblem“ und die Realmetaphysik der Preise haben wir schon einiges gesagt.dorthin Jetzt interessieren uns nicht die konkreten Lösungen, welche die Ökonomen für den Wert vorgeschlagen haben, sondern nur die allgemeinen Konsequenzen dieses theoretischen Ansatzes.

Nehmen wir für einen Augenblick an, es gibt irgendeine Substanz oder Essenz, welche die Preise objektiv und real bestimmt, auch wenn sie sich empirisch nicht messen lässt. Da stellt sich sofort die Frage, ob alles, was einen Preis hat, auch einen Wert haben muss. Die älteren Ökonomen waren in dieser Hinsicht gar nicht rigoros, sie haben großzügig Ausnahmen zugelassen, die Neoliberalen haben hier eine radikale Position eingenommen. Mit dem Walraschem Modell bzw. dem Paretoschen Optimum sollte angeblich analytisch „streng“ nachgewiesen werden, dass dies bei der perfekten Konkurrenz der Fall wäre. Wir haben über diesen „Beweis“ schon einiges gesagt. Jetzt geht es nicht um Details, sondern nur darum, dass es im neoliberalen Modell keine üblichen Preise gibt. Was sich durch den Tausch bildet, sind feste quantitative Verhältnisse zwischen den Gütern, also relative Preise. Wir haben dies mit einem Beispiel, mit dem Tausch in einem Gefangenenlagerdorthin verdeutlicht:

1 Fleischkonserve = 4 Würstchen = 4 Milchpulverdosen = 2 Zigarettenschachteln = 1l Wein = 40 Zuckerwürfel = 1 Rasiermesser = 20 Teebeutel = ...

Aus diesem Zusammenhang folgt, dass jedes Gut sein Äquivalent in jedem anderen hat. Folglich lässt sich auch jedes nicht materielle Gut mit jedem beliebigen materiellen Gut messen. Das gilt auch für die Einkünfte. Der nominale Wert jedes Einkommens hat sein Äquivalent in einer bestimmten Menge von realen Gütern. Daraus folgt, dass jeder, der aus seinem Einkommen spart, eine der Sparsumme entsprechende Menge von realen Gütern zu Investitionsgütern gemacht hat. Schließlich kann das Sparen immer nur ein realer Verzicht (Abstinenz) an Konsum sein.

Bei Marx verlief die Suche nach dem Wert ein bisschen anders. Der Wert sollte natürlich auch bei ihm dem wahren Preis entsprechen, aber in der kapitalistischen Wirtschaft sollte dies aus prinzipiellen Gründen nicht möglich sein. (Erst im Kommunismus wird man dafür sorgen, dass die Preise genau den „Werten“ entsprechen.) Genauer gesagt, auf der Mikroebene weichen die Preise von den Werten ab, und zwar dann, wenn Konkurrenz herrscht. Die Details brauchen uns auch jetzt nicht zu interessieren, nur die Schlussfolgerung der Marxschen Analyse, dass sich die Abweichungen der Preise von den Werten auf der Makroebene gegenseitig aufheben. (Die Summe der Preise sei gleich der Summe der Werte.) Folglich muss hinter den Ersparnissen auf der Makroebene auch eine bestimmte Wertmenge stehen, so dass durch das Sparen auch die reale Kapitalmenge der Wirtschaft steigen muss. Da trifft sich Marx mit den Neoliberalen.

Marx Hauptwerk heißt Das Kapital, womit eigentlich eine voranschreitende Kapitalakkumulation gemeint ist, auf der seine ganze Theorie der historischen Entwicklung aufgebaut ist, so dass das Kapital symptomatisch für das Scheitern der ganzen Marxschen ökonomischen Theorie ist. Seltsamerweise sprach sogar Engels von mathematischen Fehlern bei Marx, die er jedoch nicht für wesentlich hält. Nein, übliche Fehler wären in der Tat kein Problem, Marx fehlten jedoch die passenden analytischen und mathematischen Methoden und Techniken. Sollte man das bedauern? Womöglich schon. Hätte schon er die kreislauftheoretische Methode auf den richtigen analytischen und mathematischen Weg gebracht, wäre die Wirtschaftswissenschaft von dem Modell von Walras und Pareto, von dieser geistigen Onanie, womöglich verschont geblieben. Aber dürfen wir Marx verübeln, dass er nicht mehr erreicht hat? Bestimmt nicht. Seine Idee, das ökonomische Wachstum kreislauftheoretisch zu modellieren, war an sich ein genialer Einfall. Dass er weitere Fortschritte nicht machen konnte, kann man ihm nicht vorwerfen.

Der interessierte Leser kann über die Marxsche Theorie der kapitalistischen Akkumulation und über die Problematik des Kapitals im Allgemeinen etwas mehr in unseren früheren Beiträgen nachlesen:

 
 Die defekten Grundlagen der Marxschen ökonomischen Theorie
 
Wie Marx auf den Pfad der Ökonomie bzw. des Kapitals geriet
  ba20f
 
Ein fauler Zaubertrick zur Umwandlung von Kapital in Produktivität
  ba20g
 
Die Revolution als die Entbindung einer kapitalschwangeren Wirtschaft
  ba20k

Die Geld- bzw. Sparschwemme: Wo sind die Ersparnisse, die nicht investiert worden sind?

Im Jahre 1966 gaben die zwei bekanntesten amerikanischen Marxisten des 20. Jahrhunderts, Paul A. Baran und Paul M. Sweezy in ihrem gemeinsamen Buch Monopolkapital - Ein Essay über die amerikanische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, Folgendes zur Kenntnis:

„Wo der Abschreibungswert sehr hoch ist wie im heutigen Monopolkapitalismus, ist es durchaus möglich, daß die Wirtschaft allein aus dieser Quelle alle ihr rentabel erscheinenden Investitionen zur Einführung von Neuerungen (neuen Produkten wie neuen Verfahren) bestreiten kann.“ ... >

Es scheint, dass sich Baran und Sweezy nicht bewusst waren, dass sie damit die Bankrotterklärung der ganzen Marxschen ökonomischen Theorie offen gelegt haben, einschließlich des dialektischen und historischen Materialismus. Aber eins muss man diesen Marxisten doch zugute halten. Sie haben den Tatsachen den Vorrang vor der Theorie gegeben und damit als vorbildliche Wissenschaftler gehandelt, was für Ökonomen keine Selbstverständlichkeit ist. Die statistischen Erhebungen sagen nämlich Folgendes: Vor der Großen Depression ist das Kapital der westlichen kapitalistischen Volkswirtschaften (pro Beschäftigten) tendenziell gestiegen, so wie es die klassischen Ökonomen und Marx erwartet haben, seitdem jedoch nicht mehr. Die Produktivität ist aber immer weiter gestiegen, und sie steigt immer noch, sogar schneller als je. Es geschah also mit dem Kapital etwas, worauf die auf dem (realen) Sparen basierendenherkömmlichen Theorien völlig unvorbereitet waren.

Wie schon lange zuvor, wurde auch nach der Großen Depression in allen diesen Volkswirtschaften fleißig gespart. Deutsche und Japaner waren traditionell die tüchtigsten: sie sparten etwa 10%, andere westeuropäische Länder und Amerikaner etwas weniger. Was geschah dann mit diesen Ersparnissen, wenn die reale Kapitalausstattung (Kapitalkoeffizient) in den westlichen Wirtschaften nicht gestiegen ist? Wo sind sie verblieben? Dass mit den Ersparnissen etwas nicht stimmt, fühlt auch der einfache Bürger, dem die Begriffe wie Produktivität, Kapital, Akkumulation usw. nichts sagen. Er weiß nämlich, wie man ihm ständig den Verzicht auf Lohnerhöhung predigt, und wie man den Reichen ständig Steuersenkungen nachgeschmissen hat, damit sie angeblich investieren und neue Arbeitsplätze schaffen können. Warum aber diese Ersparnisse dann die neuen Arbeitsplätze nicht geschaffen haben? Wo ist das ganze eingesparte Geld geblieben? Wenn die Ersparnisse nicht als reale Investition in die Wirtschaft geflossen sind, hätte das Sparen irgendwo eine Geldschwemme verursachen müssen.

Eine falsche Theorie versucht man am meisten mit angeblich spezifischen Umständen (Ad-hoc-Hypothesen) zu retten. Zu diesen gehört in unserem Fall auch die Globalisierung. In Bezug auf unsere Problematik kann man dann sagen, dass die unterentwickelten Länder an Kapitalmangel leiden - was an sich stimmt -, so dass bei der uneingeschränkten Kapitalwanderung unsere Ersparnisse in diese Länder hätten fließen können. Aber in welche? Neben China findet man kaum Länder, wo man nennenswerte Investitionen tätigte, wobei ausgerechnet die Chinesen mit ihrer Sparquote von fast 30% zu den Weltmeistern des Sparens gehören. Die Berufung auf den durch die Globalisierung ermöglichten Kapitalexport greift auch deshalb kurz, weil die Globalisierung nicht schon nach der Großen Depression begann, als der Kapitalkoeffizient aufgehört hat zu steigen, sondern erst viel später.

Nach der sogenannten „Finanzkrise“ im Herbst 2008 ist es üblich, die Banken für alles verantwortlich zu machen. Soll man bei ihnen auch nach den Ersparnissen suchen? Könnte es sein, dass die Banken irgendwelche riesigen Speicher besitzen, wo die Ersparnisse aufbewahrt wären? Schwer vorstellbar. Dies ließe sich nicht verheimlichen, und hätte sich schon längst herumgesprochen. Man kann sagen, dass das heutige Geld nicht Gold- und Silbermünzen sind, wie wir es von Dagobert Duck kennen, sondern hauptsächlich Buchgeld. Aber nach dem Herbst 2008 wurde klar, dass die Banken nicht einmal solches Geld vorrätig haben. Sonst müssten die Regierungen nicht in einer Nacht- und Nebelaktion riesige „Finanz-Schirme“ für sie aufspannen. Oder haben die Banken alle getäuscht? Für das Buchgeld würde man in der Tat keine auffälligen Speicher brauchen, solches Geld ließe sich schließlich gut verheimlichen und verstecken, aber es spricht nichts dafür, dass die Banken ihre Buchgelder versteckt hätten. Wie sollten die Banken eigentlich existieren können, wenn Spargelder bei ihnen überwiegend brach liegen würden? Und dasselbe lässt sich auch für Börsen sagen. Mit verstecktem Geld würde man doch nicht spekulieren können. Es gibt zwei Erklärungen, wo das Geld bzw. die Ersparnisse geblieben sind.

1:  Eine Erklärung lässt sich schon direkt aus der von uns oben durchgeführten Analyse des Sparens entnehmen. Die Preissteigerung - unabhängig davon, ob die Wirtschaft zugleich real wächst oder nicht - saugt Ersparnisse auf, denen keine realen Investitionen entsprechen. Ein Teil der Ersparnisse ist also dadurch aufgebraucht und damit spurlos verschwunden. Warum spurlos?

Denken wir darüber nach, dass unsere Gehälter als Buchgeld auf die Konten der Beschäftigten ausbezahlt werden. Wenn ein Teil davon eingespart wird, reicht die Bank dieses Geld einem Unternehmer, der dafür Investitionsgüter kauft. In diesem Augenblick ist unser Buchgeld verschwunden. Unser Geld gibt es nicht mehr. Man könnte jetzt aber erwidern, dass der Sparer sein Geld irgendwann zurückbekommt. Das stimmt, aber erst nach einer gewissen Zeit. Mit neuen Investitionen produziert nämlich das Unternehmen irgendwelche Waren, die er vor hat zu verkaufen. Würde ihm dies nicht gelingen, es wird kein Geld entstehen und die Sparer werden nie irgendwelches Geld zurückbekommen. Normalerweise wird es aber dem Unternehmen gelingen, seine Waren zu verkaufen, dann wird auf seinem Konto Buchgeld auftauchen, das auf das Konto der Sparer umgebucht werden kann. Es ist also nicht dasselbe Geld, das der Sparer irgendwann zurückbekommt.

Nun stellen wir uns vor, dass die Wirtschaft abgestürzt ist. Dann haben viele Unternehmen Probleme, ihre Produktion abzusetzen. Solange sie ihre Produktion nicht abgesetzt haben, besitzen sie kein Geld, so dass sie auch ihre Kredite nicht zurückzahlen können. In solchen Situationen geschieht immer wieder das Schlimmste: Viele Sparer wollen ihr Geld nicht irgendwann zurückhaben, sonder sofort. Deshalb waren die „Finanz-Schirme“ im Herbst 2008 sinnvoll. Sie haben in der Tat die Sparer davon abgehalten, ihr erspartes Geld zurückzuverlangen. Aber die ganze Angelegenheit ist noch nicht ausgestanden. Die Banken haben das Geld der Sparer im großen Umfang veruntreut. Das ist der nächste, noch wichtigere Grund für das Verschwinden des Geldes.

2:  Die Banken reichen nicht alle Ersparnisse ihrer Klienten an die (reale) Wirtschaft weiter. Sie „investieren“ auch in die Produkte der Börsen. Solche „Investitionen“ wurden in den letzten Jahrzehnten in immer größerem Umfang praktiziert, ohne dass die Banken die Sparer darüber in Kenntnis setzten. Die Produkte der Börsen sind aber meistens Nullsummenspiele, wo die Betreiber dieser Spiele - wie bei den Glücksspielen - immer gewinnen, die Verluste zahlen die Spieler, konkret die Sparer. Mit dieser Art des Sparens, das nichts als eine staatlich legalisierte Ausplünderung der Bürger ist, beschäftigen wir uns in den nächsten Beiträgen. Damit sind wir zu einem ökonomischen Thema gelangt, das nach der „Finanzkrise“ wie kaum ein anderes spannend und populär ist, aber gerade deshalb ist es angebracht, schon im Voraus ein paar klärende Worte zu sagen, um möglichen Missverständnissen vorzubeugen.

Das heutige Finanzsystem ist ein immer weiter aufgebauter raffinierter Mechanismus für die Umverteilung des Einkommens von unten nach oben. So ist die Finanzwirtschaft zu einem riesigen Parasiten mutiert, der die Produktion aussaugt und die Gesellschaft zersetzt. Als solche übt sie eine große Anziehungskraft auf die rücksichtlosesten und kriminellsten Menschen aus. Dies alles stimmt, so dass es unbedingt nötig ist, möglichst schnell manches im Finanzsystem radikal zu ändern. Aber da sollte man sich vor falschen Hoffnungen hüten. Sogar wenn uns dieses Vorhaben vorbildlich gelingen würde, eine problemlos funktionierende Wirtschaft werden wir damit nicht bekommen. Es täuschen sich alle, die für den zyklischen Verlauf der freien Marktwirtschaft die ganze Schuld beim Finanzsystem, oder bei den Börsen oder überhaupt beim Geld suchen. Die Ursachen, warum die freie Marktwirtschaft immer wieder zusammenbricht, werden wir bei der Untersuchung der nächsten Phase des ökonomischen Zyklus, des Abschwungs (Rezession) klären.

 

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  Gesamtzahl der Reproduktionsperioden    [2-8]   eingeben    
  Reale Investitionsquote in dem Sektor 2 soll    %  [ 0-12]   betragen    
  Preissteigerung (bei allen Sektoren) soll   [ 0-10]  %  betragen    
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YK :     Wert der insgesamt hergestellten Produktionsgüter ( Sektor 1 +  2 )  
YK' :     Zuwachs von YK  in Bezug auf die vorige Reproduktionsperiode  
I1', I2', I3' :    Neue nominale Investitionen der Sektoren 1,  2  und  3
S'% :     Summe aller Ersparnisse in Bezug auf Summe der Nettoeinkünfte aller Sektoren in Prozentpunkten    
P  :     Summe aller Preise in Bezug auf die der vorigen Reproduktionsperiode in Prozentpunkten    
Cc  :    Wert der insgesamt hergestellten Konsumgüter ( Sektor 3 )  in konstanten Preisen  
ω  :    Verhältnis Kapital : Arbeit (Nettoeinkommen) für die ganze Wirtschaft
 (als Referenzpreise gelten die Preise der Reproduktionsperiode t )  
 
 
   
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