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  Inhaltsverzeichnis zu diesem thematischen Schwerpunkt  


  3. Phase des ökonomischen Zyklus der Marktwirtschaft: Die Hochkonjunktur (Boom)
  Das spekulative Sparen als staatlich legalisierte Plünderung der Bürger (1)
       
 
Wir helfen den Unternehmen zu wachsen, indem wir ihnen helfen, Kapital zu bekommen. Unternehmen, die wachsen, schaffen Wohlstand. Und das wiederum ermöglicht es den Menschen, Jobs zu haben, die noch mehr Wachstum und noch mehr Wohlstand schaffen. ... Ich bin bloß ein Banker, der Gottes Werk verrichtet.
 
    Lloyd C. Blankfein, der Chef der profitabelsten US-Großbank Goldman Sachs   

In unserer Analyse des Wachstums, bei der wir uns eines dreisektoralen numerischen Beispiels bedient haben, pflegten wir einfach zu sagen: „Sektor X spart und investiert“. Das war aber eine sehr allgemeine Aussage, die in dieser Form einiges weggelassen hat. Wenn man sich so ausdrückt, lässt sich zwar schnell rüberbringen, was gemeint ist, aber wörtlich darf man diese Aussage doch nicht nehmen. Zum Teil wäre sie dann sogar falsch.

Genau genommen sind es nicht die Sektoren, die investieren. Investiert wird immer von einzelnen Unternehmen, die zu einem der Sektoren gehören. Aber nur deswegen ist es trotzdem noch nicht falsch zu sagen, dass „ein Sektor investiert“. Viel problematischer ist es zu sagen, dass ein „Sektor spart“. Es ist nämlich nicht so, dass die Sektoren bzw. Unternehmen nur aus eigenen Ersparnissen investieren können. Das kann zwar auch der Fall sein, aber ein Sektor bzw. die ihm zugehörigen Unternehmen investieren eher aus den Ersparnissen, die sich anderswo in der Wirtschaft gebildet hatten. Der Grund dafür ist einfach. Die erwirtschafteten Gewinne der einzelnen Unternehmen reichen normalerweise nicht aus, die Investitionen im richtigen Augenblick nur aus eigenen Ersparnissen zu finanzieren. Das ist das Problematische an der Äußerung, dass „ein Sektor spart“. Diese unpräzise oder gar falsche Ausdrucksweise ist nur auf einem hohen Abstraktionsniveau hinnehmbar. Sobald wir mehr ins Detail gehen, kommen wir am Finanzsystem der Wirtschaft nicht vorbei. Mit dem Finanzsystem sind Banken, Börsen und Kredite (Geld) gemeint. Diese Einrichtungen der Wirtschaft sind es, die dafür sorgen, dass Ersparnisse zu Investitionen werden und die Wirtschaft dadurch wächst. Da drängt sich aber die Frage auf, ob die Problematik des Investierens bzw. der Finanzierung der Investitionen an der Stelle, wo wir den ökonomischen Zyklus der Marktwirtschaft jetzt gerade untersuchen, überhaupt relevant ist.

Bei unserer bisherigen Untersuchung der Hochkonjunktur (Boom) stand das Wachstum im Zentrum unseres Interesses, weil es zweifellos das wichtigste Merkmal dieser Phase des ökonomischen Zyklus ist. Das Wachstum bedeutet Investitionen, die folglich finanziert werden müssen, so dass unsere Wachstumsanalyse unvollständig bleiben würde, wenn wir das Finanzsystem völlig außer Acht ließen. Aber es ist aus noch einem Grund angebracht, über Finanzierung - also über Banken, Börsen und Kredite (Geld) - etwas mehr zu sagen. In der letzten Zeit ist das Finanzsystem das in ökonomischen Debatten am meisten diskutierte Thema. Das liegt daran, dass die Marktwirtschaft in der ganzen Welt, vor allem in der EU und in den USA, im Herbst 2008 zusammenbrach, was man als Finanzkrise bezeichnete. Mit diesem Ausdruck  wurde nahe gelegt, dass die Ursache der ökonomischen Probleme, die seitdem nun schon mehrere Jahre andauern und die noch Schlimmeres ahnen lassen, irgendwo im Finanzsystem zu suchen wären. Für viele Ökonomen gilt das als eine unbestrittene Wahrheit. Stimmt aber diese Auffassung überhaupt?

Wie wir noch zeigen werden, handelte es sich dabei in Wahrheit um einen üblichen zyklischen Zusammenbruch der freien Marktwirtschaft, also um einen ganz normalen ökonomischen Absturz des Kapitalismus bzw. der freien Marktwirtschaft. Unter solchen plötzlichen Abstürzen leidet die freie Marktwirtschaft bekanntlich seit ihrer Geburt. Sie sind sozusagen ihr genetischer Defekt, und damit werden sie für immer ihre normale und typische Eigenschaft bleiben. Dass diese Abstürze einige Jahrzehnte lang nach dem Weltkrieg ausgeblieben, oder besser gesagt ziemlich harmlos ausgefallen sind, ist auf die Wirtschaftspolitik zurückzuführen, die der Theorie von Keynes zu verdanken ist, mit der die westlichen Machteliten das Vordringen des Kommunismus verhindern wollten, was ihnen schließlich auch gelungen ist. Der bekannte zeitgenössische amerikanische Ökonom Lester Thurow hat dies neulich in seinen Überlegungen über Die Zukunft der Weltwirtschaft (2003) auf den Punkt gebracht:

„Wie wir gesehen haben, erwiesen sich Marx' im 19. Jahrhundert gemachte Voraussagen über die Zukunft des Kapitalismus nicht deshalb als falsch, weil seine Analyse falsch gewesen wäre, sondern weil man bewusste Maßnahmen ergriff, um ihn zu widerlegen.“ ... >

Nachdem man später vom Weg der keynesianischen Wirtschaftspolitik abgegangen ist, was vor allem mit dem Scheitern des kommunistischen Experiments zu tun hat, sind die katastrophalen Wirtschaftskrisen mit ihrer unerbittlichen Gesetzmäßigkeit zurückgekehrt. Was also im Herbst 2008 geschah, war nichts anderes als eine Rückkehr in die kapitalistische Normalität. Die Krise im Herbst 2008 war insoweit nur eine der vielen weiteren empirischen Beweise dafür, dass die in die Freiheit entlassene Marktwirtschaft nicht nachhaltig funktionieren kann, und dass daran bisher nichts etwas ändern konnte; auch der technologische Fortschritt nicht, der die Produktivität so schnell steigen lässt, wie es sich vielleicht nicht einmal Marx vorstellen konnte, der wie kaum ein anderer an die Fähigkeit des Kapitalismus, die Produktivität zu steigern, geglaubt hat. Auch nach der Dritten industriellen Revolution, nach dem größten Sprung in der Entwicklung der Produktivkräfte aller Zeiten, ist die freie Marktwirtschaft eine Ordnung geblieben, die immer wieder abstürzt und die für die große Mehrheit der Bevölkerung nur Unterdrückung, Ausbeutung und Armut bedeutet, so wie es von Marx beschrieben wurde.

In unserer Analyse der nächsten Phase des ökonomischen Zyklus, die man als Abschwung oder Rezession bezeichnet, wird sich zeigen, dass die Ursache der Krisen der freien Marktwirtschaft doch nicht im Finanzsektor liegen, so dass schon die Bezeichnung der ökonomischen Ereignisse im Herbst 2008 als Finanzkrise falsch ist. Wenn aber trotzdem so viele von der Finanzkrise sprechen und von ihr fest überzeugt sind, müsste das auch bestimmte Gründe haben - würde man zumindest meinen. Versuchen wir zuerst sie herauszufinden. 

Warum Symptome mit Ursachen und Diagnosen mit Erklärungen verwechselt werden

Bedienen wir uns eines Vergleichs aus der Medizin. Bei vielen Krankheiten ist es üblich, dass sie sich mit Fieber ankündigen. Das Fieber der ökonomischen Krankheit der Marktwirtschaft, die man als zyklische Krise bezeichnet, ist ein massenhaftes Auftreten der Zahlungsunfähigkeit. Die Banken und Börsen sind dann die ersten, die Absatz- und Geldprobleme bei den Unternehmen diagnostizieren und darauf sofort reagieren. Sie versuchen sich Hals über Kopf von ihren Beteiligungen an insolventen Unternehmen zu trennen. Dann stürzen die Börsen und das ganze Finanzsystem ab. Dies ist das Fieber, also das erste und am deutlichsten sichtbare Symptom der sozusagen genetisch bedingten „Krankheit“ der freien Marktwirtschaft, genannt zyklische Krise. Es ist aber nicht ihre Ursache.

Man kann schon aus mangelndem Wissen heraus ein Symptom für die Ursache halten, aber genauso aus ideologischen Gründen. Im ersten Fall hat man es mit einem Irrtum, in zweiten mit Interessen zu tun. Könnte es sein, dass es im Interesse der kapitalistischen Machteliten liegt, dass beim ökonomischen Zyklus die Symptome und die Ursachen verwechselt werden und die Diagnose zur Erklärung gemacht wird?

Sollte es sich im Herbst 2008 nicht um einen „normalen“ Zusammenbruch des freien Marktes handeln, sondern um eine Finanzkrise, dann hätten wir es „nur“ mit einer Störung des Gleichgewichts zu tun gehabt, die man auf eine Verkettung ungünstiger Umstände oder auf menschliches Versagen zurückführen könnte. Es wäre dann unangemessen, Fragen  nach der Verteilung der Macht, des Reichtums und der Privilegien zu stellen. Wenn überhaupt, dann müssten nur persönliche Konsequenzen gezogen werden, am besten nicht einmal in juristischer, sondern nur in moralischer Form. Man würde die Verantwortlichen im Finanzsystem wegen ihrer angeblichen Rücksichtslosigkeit und Raffgier öffentlich tadeln und anprangern. Schließlich würde man die Ursachenforschung auf Fragen der Moral und der menschlichen Natur umlenken und den Philosophen überlassen. Ernsthafte praktische Konsequenzen gäbe es dann aber keine. Die Systemfrage würde man nicht stellen. Darin besteht der wahre Sinn der Bemühungen unserer Machteliten, den Zusammenbruch der Wirtschaft im Herbst 2008 zur Finanzkrise zu verklären. Wie man sagt: Wenn sich falsche Fragen durchsetzen lassen, braucht man sich um die Antworten gar nicht mehr zu kümmern.

Es ist auch nicht schwer herauszufinden, warum in der Wirtschaft selbst, vor allem in der Mittelschicht, also bei den kleinen Unternehmen, den Bauern und den Handwerkern die Auffassung so verbreitet ist, wir hätten es seit dem Herbst 2008 nur mit einer Finanzkrise zu tun. Diese Auffassung lässt sich mit den persönlichen Erfahrungen in der realen Wirtschaft gut vereinbaren. Nach dem Ausbruch einer Krise haben die kleinen Unternehmer, Bauern und Handwerker Probleme neue Kredite zu bekommen. Sie wollen glauben, sie hätten nur kurze und vorübergehende Absatz- und Liquiditätsprobleme, deshalb sind sie über alle Maßen über ihre bisherigen Freunde, die Banker, verärgert, die ihnen nicht mehr trauen und nicht bereit sind, weitere Kredite zu genehmigen oder weil sie dafür höhere Zinsen und zusätzliche Sicherheiten verlangen. Die Akteure der Realwirtschaft führen das auf die Gier und Bosheit der Banker zurück. Nun sind die Banker bestimmt keine besseren Menschen als die „Realwirtschaftler“, aber wie sollen sie anders reagieren in Zeiten, in denen die reale Wirtschaft sehr gefährdet ist? Man könnte hier eigentlich der Realwirtschaft moralische Vorwürfe machen, weil sie so rücksichtslos ist, während der Krise zu versuchen, ihre Risiken auf die Banken abzuwälzen.

Eine Rettung des Kapitalismus auf Kosten des Finanzsystems wurde schon während der Großen Depression ausprobiert, vor allem in Deutschland. Gemeint ist der Nazismus, oder noch allgemeiner gesprochen, Faschismus. Die Ideologie des Faschismus war bekanntlich nie gegen das private Kapital gerichtet, sondern nur gegen das Geld. Das erklärte Ziel des Faschismus war es, das „schaffende Kapital“ von dem „raffenden Kapital“ zu befreien: die „Brechung der Zinsknechtschaft“. Erinnern wir uns daran, wie fast unglaublich erfolgreich diese Ideologie war. Eigentlich war der Faschismus in den westlichen kapitalistischen Gesellschaften die erste Massenbewegung nach der Reformation, der Kommunismus war es nie. Der Faschismus wurde von allen Klassen und Schichten der Gesellschaft getragen, vor allem übte er mit seiner geldfeindlichen Ideologie eine unheimliche Wirkung auf die mittleren Schichten aus. Es gibt manche Soziologen, die aus den empirischen Untersuchungen über die Wahlgepflogenheiten und Parteizugehörigkeiten sogar folgern, dass „die klassischen faschistischen Bewegungen den Extremismus der Mitte darstellt“.... >

Es war auch deshalb immer ziemlich einfach, das Finanzsystem für alle Übel des Kapitalismus verantwortlich zu machen, weil das Geld nie in der Geschichte einen guten Ruf genossen hat. Wer sich mit dem Leihen und Ausleihen des Geldes beschäftigte, war schon immer moralisch verdächtig. Dazu haben auch viele Religionen mit ihrer pauschalen Verachtung des Geldes nicht unwesentlich beigetragen. „Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen“, wird im Neuen Testament von Paulus verkündet. Für den einfachen Menschenverstand müsste dies zur Verurteilung derjenigen führen, die mit Geld umgehen, weil ihnen doch keine „echte“ Arbeit bescheinigt werden kann. Seltsamerweise haben auch die säkularisierten Denker erstaunlich wenig Achtung für Leistungen gezeigt, bei denen es sich um keine körperlichen Anstrengungen handelt - abgesehen natürlich von den schönen Künsten und den philosophischen Grübeleien. Welcher Ethiker ist in der Geschichte nicht übers Geld hergefallen? Der Judenhass war die unausweichliche Konsequenz solchen Denkens, also einer Mischung aus Dummheit und Vorurteilen. Das Pech der westeuropäischen Juden bestand also darin, dass sie sich insbesondere mit dem Geld beschäftigt haben, auch wenn dies nicht unbedingt ihre freie Wahl gewesen ist. Man hat ihnen nämlich im Mittelalter viele andere Gewerbemöglichkeiten vorenthalten oder gar verboten. Als dann die Große Depression ausbrach, wurde ihnen die ganze Schuld für die Unfähigkeit der freien Marktwirtschaft nachhaltig zu funktionieren, in die Schuhe geschoben. Die Erbsünde der freien Marktwirtschaft wurde mit dem Genozid an den Juden gesühnt.

Man muss nicht an die Wiederholung der Geschichte glauben, aber es ist beunruhigend, wie für die erste schwere ökonomische Krise nach der Großen Depression heute die gleichen Sündenböcke ausgemacht wurden und wie wieder einmal alles auf Störungen im Finanzsystem zurückgeführt wird. Man hat wieder einmal Symptome mit Ursachen und Diagnosen mit Erklärungen verwechselt. Deshalb ist es angebracht, etwas mehr über die Funktionsweise des Finanzsystems zu sagen, um einige  Auffassungen bzw. Vorurteile darüber, was im Finanzsystem vor sich geht, richtig zu stellen. Sonst könnte man Probleme an den falschen Stellen suchen oder, was viel schlimmer wäre,  das sprichwörtliche Kind mit dem Bade auszuschütten.

Zwei Aufgaben des Finanzsektors: Ersparnisse ansammeln und Kaufkraft aktivieren

Die Wirtschaft braucht ausreichende Finanzmittel, um richtig funktionieren zu können. Diese muss ihr jemand zur Verfügung stellen. Die Frage ist nur, ob man dazu die Banken und Börsen nötig hat, oder ob es auch anders ginge. Die einzige übrig gebliebene Möglichkeit wäre, es den Individuen frei zu überlassen, dass sie sich das Geld gegenseitig leihen. Denken wir kurz darüber nach, wie dies funktionieren würde.

Gehen wir von der Situation aus, die jeder von uns auf die eine oder andere Weise kennt. An einem schönen Tag klingelt es an der Tür. Es ist ein naher Verwandter oder ein guter Freund. Sein Besuch würde unseren schönen Tag nur bereichern - denken wir und freuen uns. Und unsere Unterhaltung beginnt so wie man es sich nur wünschen kann. Auf einmal wird uns aber - ganz vorsichtig und nett - die Frage gestellt, ob wir ihm eine etwas größere Geldsumme ausleihen könnten. Wie man so sagt, wurden wir auf dem falschen Fuß erwischt. Beim Geld hört die Freundschaft auf, sagt schon der Volksmund. Dieser Spruch ist bestimmt nicht einfach so entstanden, sondern es verstecken sich dahinter die Erfahrungen vieler Generationen. Wo liegt das Problem?

Unsere Verwandten und Freunde finden immer irgendwelche plausiblen Erklärungen dafür, warum sie es verdient hätten, dass wir ihnen das Geld leihen, und zwar ohne Zins, oder zumindest ohne den Zins, den sie anderswo zahlen müssten. Sie wissen aber nicht immer genau, wann sie uns das Geld zurückzahlen werden, und wenn sie den Termin verstreichen lassen, finden sie es selbstverständlich, dass wir Verständnis für ihre Erklärung haben. Das alles macht uns als Verleiher missgünstig. Wenn wir dann auch noch erfahren, dass unsere Verwandten oder Freunde das Geld für gewerbliche Zwecke brauchen, wo man immer mit dem Risiko des Scheiterns rechnen muss, ist es mit unserem Verständnis erst recht vorbei. Woher können wir überhaupt wissen, ob unser von ihm geschäftlich verwendetes Geld eine Chance auf dem Markt hat? Und schließlich was tun, wenn unser Verwandter oder Freund dann trotz seiner Fähigkeiten und Gewissenhaftigkeit - wenn wir überhaupt bereit wären ihm diese anzuerkennen - pleite geht?

Zusammengefasst: Auf der verwandtschaftlichen oder freundschaftlichen Basis hätten bestimmt nie größere Investitionen zustande kommen können. Das ist sogar aus objektiven Gründen fast nie möglich. Die umfangreichen Investitionen verlangen nämlich mehr Mittel, als sich aus dem Einkommen der zu einem Kreis gehörigen Verwandten und Freude ansammeln bzw. sparen lässt. Für größere finanzielle Mittel braucht man also besondere Institutionen, die das Leihen und Verleihen des Geldes auf eine viel größere Zahl von Sparern und Investoren erweitert: Banken und Börsen. Ihre Größe führt zu mehr Professionalität und Effizienz. Ihnen ist es möglich die Geldgeschäfte im Rahmen der Gesetze und ohne persönliche Rücksichten so zu betreiben, dass sie Gläubiger wirklich zwingen können, ihre Verpflichtungen ernst zu nehmen. Außerdem können sich die Banken und Börsen Marktanalytiker leisten, die das Risiko der potenziellen Investitionen besser abschätzen können, was sich nicht nur für die Banken und Börsen selbst auszahlt, sondern zugleich auch die potenziellen Kreditnehmer vor übereiligen und übereifrigen Entscheidungen schützt. Die Größe der Finanzdienstleister bietet auch mehr Sicherheit für die Einlagen. Wenn etwas schief geht, muss nämlich der Sparer keinen Totalverlust erleiden. Weil die Banken viele Gläubiger haben, kann man die einzelnen Pleiten, die sich nie gänzlich vermeiden lassen, aus den Gewinnen der erfolgreichen Gläubiger kompensieren.

Auch noch einen weiteren wichtigen Vorteil bieten die Banken, den es beim privaten gegenseitigen Finanzieren nicht gibt und nicht geben kann. Unsere Verwandten und Freunde müssen über ein Einkommen, das sie eventuell bereit wären auszuleihen, verfügen. Zuerst wird gespart und erst dann ausgeliehen und investiert. Das ist der „normale“ Weg, der aber im heutigen Finanzsystem kaum von Bedeutung ist. In Wahrheit ist es längst umgekehrt: Die Banken leihen Geld aus, das sie noch nicht besitzen. Man sagt dazu auch, dass sie das Geld aus nichts schaffen - creatio ex nihilo. Kredit wird nicht mit Ersparnissen finanziert, sondern Ersparnisse entstehen aufgrund von Kredit. Wenn Kredit durch Kapitalbeschaffung realisiert wird, wird nämlich die Einzahlung gleichzeitig zur Auszahlung, so dass die Investition (Auszahlung) der Ersparnis (Einzahlung) nur folgt. Man kann schließlich vom Kredit der Banken als von vorgeschossenen oder vorweggenommenen Ersparnissen sprechen. Wir haben diesen Vorgang auch quantitativ genau untersucht, mit unserem numerischen Beispiel.dorthin

Über die gerade kurz erörterte Nützlichkeit der Kredite bzw. der Investitionen und damit über der Zweckmäßigkeit der Banken und Börsen sind sich die meisten Ökonomen seit langer Zeit einig. In dieser Hinsicht haben sie nichts falsch verstanden. Man kann ihnen etwas anderes vorwerfen. Zu oft wurden von ihnen die Verdienste des Finanzsektors auf seine Bereitstellung der Kredite für die Wirtschaft reduziert. Ihre Sorge galt fast ausschließlich den besseren unternehmerischen Bedingungen. Das entspricht dem Geiste des angebotstheoretischen Denkens. Selten und nur am Rande haben die Ökonomen den Finanzsektor auch aus dem nachfragetheoretischen Gesichtspunkt heraus betrachtet. Folglich haben sie übersehen, dass die Sammlung der Ersparnisse zugleich dazu dient, dass das erwirtschaftete Einkommen den Weg zurück in den Wirtschaftskreislauf findet. Sonst könnte niemals die Nachfrage für das Angebot ausreichen.

Der Zins als Voraussetzung für das Entstehen der industriellen Zivilisation

Jede Aktivität verursacht materielle Ausgaben und benötigt Menschen, denen man Gehälter bezahlen muss. Diese Kosten lassen sich nicht anders als nur aus dem Gewinn des Kreditnehmers bzw. Investors bezahlen. Diese Zahlung nennt man Zins. Ohne Zins würden also die Banken nicht funktionieren können. Darüber hinaus muss auch dem Sparer etwas erstattet werden, sonst würde er seine Ersparnisse zuhause aufbewahren. Dies alles setzt voraus, dass der Zins gesellschaftlich akzeptiert und juristisch erlaubt ist, was in der Geschichte alles andere als selbstverständlich war. Der größte Widerstand gegen den Zins kam immer von den Religionen. In der Bibel ist es bekanntlich so, dass - im Alten Testament – der Zins verboten ist, auch wenn nicht bedingungslos, im Neuen Testament wird diese Frage nicht besonders behandelt. Das Letztere war möglicherweise entscheidend dafür, dass es irgendwann doch möglich wurde, das Zinsverbot aufzuheben. Erst dann waren im Westen Bedingungen geschaffen, dass sich Finanzsysteme entwickeln, die große Investitionen in Gang setzen konnten.

Ganz anders ist es im Islam, wo die Zinsen bedingungslos verboten sind. Das könnte einer der wichtigsten Gründe sein, warum vor einigen Jahrhunderten die islamische Kultur begonnen hat zu stagnieren, auch wenn gerade dort Jahrhunderte lang die besten Voraussetzungen für die Entwicklung einer freien Marktwirtschaft herrschten. Was sind nämlich die orientalischen Basare, wenn nicht freie private Märkte, wie wir sie aus dem Bilderbuch des Liberalismus kennen. Diesen Basaren war es zu verdanken, dass viele Handwerke entstanden sind und sich entwickelt haben, schon in einer Zeit, als die Wirtschaft im Abendland kaum was mehr als nur primitive Landwirtschaft und Viehzucht war. Die Historiker schätzen, dass die abendländische Produktivität im Mittelalter etwa 10% von dem betragen hat, was das römische Reich zu der Zeit seiner höchsten Blüte erreichte. Kein Wudner, dass noch im ausgehenden 14. Jahrhundert die höchstgebildeten islamischen Gelehrten, wie etwa der Ibn Chaldum, nur geringeres Interesse am christlichen Europa gezeigt hatten. „Weiß Gott, was dort vorgeht“, schrieb er. Es galt als selbstverständlich, dass von den Barbaren des Nordens nichts zu lernen sei.

Aber irgendwann wachte das Abendland plötzlich auf. Die Marktwirtschaft hat sich also aus freien Stücken entwickelt und nicht aus den Basaren, also nicht als eine Fortentwicklung der im Morgenland schon längst existierenden freien Märkte. Durch die Aufhebung des Zinsverbots wurde es im Abendland möglich, das Sparen und das Investieren im großen Stil zu betreiben. Damit wurde die Voraussetzung für eine arbeitsteilige industrielle Produktion geschaffen. Möglicherweise hatte Adam Smith auch all dies im Sinne gehabt, wenn er dermaßen auf Sparen und Arbeitsteilung bestanden hat. Erst die Zinsen waren der Hebel der Akkumulation des Kapitals, und damit haben sie maßgeblich zum Entstehen des Industriezeitalters beigetragen.

Die Unterschiede zwischen dem konservativen und spekulativen Sparen

Wir haben bisher stillschweigend angenommen, dass der Sparer bei der Bank sein Geld festverzinslich anlegt. Für Kleinsparer ist dies in der Tat die beste Entscheidung, weil es sich für ihn nicht auszahlen würde, nach den besten Einlagen für seine kleinen Geldmengen zu suchen. Dies würde ihn zeitlich und fachlich überfordern. Das macht seine Bank für ihn, bei der er seine kleinen Summen festverzinslich eingelegt hat. Diese finanziert aus seinem Geld neue Investitionen ohne sein Wissen, sie trägt schließlich allein auch das Risiko, aber sie macht auch Gewinne, aus denen der Sparer einen Teil als Zins erhält. So hat der Sparer eine Sicherheit, aber er hat auch nicht viel verdient.

Es gibt auch Einkommensbezieher, die so viel sparen können, dass es sich für sie lohnt, sich selbst Unternehmen zu suchen, bei denen sich am besten investieren lässt. Wenn man über Aktien redet, sind solche Ersparnisse bzw. Investitionen gemeint. Die Banken, die schon wegen der Platzierung von kleinen Ersparnissen (Festgelder) den Markt erforschen müssen, können solche spekulativen Sparer bzw. Investoren beraten. Dafür lassen sie sich natürlich auch etwas bezahlen. In einem solchem Fall tragen die Banken, die man auch Investmentgesellschaften nennt, kein Risiko, so dass sie nicht viel verdienen können, aber sie können auch nichts verlieren. Der Sparer verdient an den Aktien in der Form der Dividende, die im Prinzip der Anteil am Profit des Investors ist, wenn aber der Investor Pleite geht, hat er alles verloren.

Das Sparen in der Form von Aktien und Dividenden unterscheidet sich also deutlich von dem Sparen mit Sparbuch und Zinsen. Jede dieser zwei Formen der Finanzierung hat ihre Vorteile und Nachteile. Deshalb haben beide ihre Berechtigung. Die Börsen sind die bessere Wahl für diejenigen, die sich leisten können, größere Summen zu verlieren, aber sie können auch zu großem Reichtum verhelfen. Nicht immer, aber immer wieder ist ein so entstandener Reichtum verdient, also ein Segen für die ganze Gesellschaft, und zwar dann, wenn dank Aktien Investitionen realisiert wurden, mit welchen die Produktivität gestiegen ist oder neue Produkte entwickelt wurden. Man könnte meinen, diese Aufgabe der Aktionäre würden auch die Banken verrichten können. Die Erfahrung hat jedoch gezeigt, dass die Banken die privaten „Spekulanten“ nicht ersetzen können. Wo sind nämlich die erfolgreichen Investitionen in neue Technologien und Produkte in den kommunistischen Planwirtschaften geblieben? An den Banken mit gut geschultem Personal konnte es damals bestimmt nicht fehlen - die gab es dort bekanntlich immer. Die zentral geleitete Wirtschaft hat nirgendwo derartig versagt, als bei der Produktion von Innovationen, was zwar nicht allein die Folge von ineffizienten Banken war, aber auch.

Wir stellen also fest, dass das Finanzsystem, Kredit und Zins eingeschlossen, trotz allem, was in den letzten Jahrzehnten geschah, kein Werk des Teufels ist. Sogar die Spekulation erledigt gesellschaftlich und ökonomisch nützliche Aufgaben, die sich nur mit privaten Banken und Börsen erfolgreich erledigen lassen. Mit einem Wort: Wir brauchen sie. Wenn sie nicht ersetzbar sind, aber trotzdem immer wieder viel Schaden, ja sogar Unheil anrichten, wie es in der letzten Zeit der Fall war, dann müssen wir uns Gedanken machen, wie wir das in Zukunft verhindern können.

Heben wir noch einmal hervor, dass wir in unserer Untersuchung der nächsten Phase des ökonomischen Zyklus, des Abschwungs (Rezession) genau zeigen werden, dass das massenweise Auftreten der Insolvenz nicht die Ursache des Zusammenbruchs der freien Wirtschaft ist und schon gar nicht darf man dafür das Finanzsystem verantwortlich machen. Die Expansion und Kontraktion des Kredits sind nur die am deutlichsten erkennbaren Symptome des ökonomischen Zyklus, so dass die Geschehnisse im Herbst 2008 keine unvermeidliche Folge dessen ist, was irgendwelche finsteren Gestalten in den Banken und Börsen betrieben haben. Damit ist jedoch keinesfalls gesagt, dass in den letzten Jahrzehnten in der Finanzwelt alles gut funktioniert hat, im Gegenteil. Die „Geschäftsmodelle“ der Banken und Börsen waren nichts Anderes als eine staatlich legalisierte Plünderung der Bürger. Wie diese Plünderung genau vor sich geht, können die Bürger meistens nicht verstehen, doch ihr Gefühl, hintergangen worden und ausgeplündert zu sein, ist richtig. Dieses Gefühl bzw. das ihm folgende Entsetzen, die Empörung und Wut haben reale Hintergründe. Das wollen wir uns in den beiden nächsten Beiträgen genauer anschauen.

 
 
   
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