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  Inhaltsverzeichnis zu diesem thematischen Schwerpunkt  


  4. Phase des ökonomischen Zyklus der Marktwirtschaft: Der Abschwung (Rezession)
  Die subjektive Grenze des Wachstums: Untere Grenze der Sparquote
       
 
Ein Vergleich der Summe der Haushaltseinkommen mit den Gesamtausgaben der privaten Haushalte für Konsumgüter verrät, dass die Haushalte als Ganzes ... regelmäßig einen Teil ihres Einkommens sparen (sprich, nicht ausgeben). Die Sparquote in den Vereinigten Staaten fiel von einem Wert von rund 9 Prozent in den frühen siebziger Jahren zunächst allmählich bis auf etwa 5 Prozent im Jahre 1996 und sackte dann im Zuge der Börsenschwäche von 2000/2001 bis auf einen Wert von l Prozent ab, um sich Ende 2001 wieder der Marke von 4 Prozent zu nähern. Anders ausgedrückt: Trotz aller Kredite, Lastschriften, Kreditkarteneinsätze oder sonstigen Ausgaben nehmen die privaten Haushalte im Durchschnitt immer noch mehr Geld ein, als sie ausgeben. ... Die Sparquote der privaten Haushalte unterscheidet sich von Land zu Land beträchtlich. ... Deutsche und japanische Haushalte sparten gut 10 Prozent ihrer Einkünfte, italienische Haushalte mehr als doppelt so viel.
 
    Ein bekannter amerikanischer Ökonom, Lester C. Thurow (Wirtschaft - Das sollte man wissen, 2002)    
 
Die wahre Aufgabe der Federal Reserve ist, die Geldmenge zu kontrollieren, und daß sie sich nicht durch Überlegungen, was mit den Zinsen geschieht, davon ablenken lassen sollte.
 
    Milton Friedman, der wichtigste neoliberale Ökonom der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts    

Was bedeutet subjektiv und was objektiv? Im Verhältnis Mensch und tote Materie - für welche die Naturgesetze gelten -, ist dies einfach zu unterscheiden, bei sozialen Phänomenen jedoch nicht. Gesellschaften und Wirtschaften bestehen aus Subjekten, so dass es dort nichts gibt, was nicht zugleich subjektiv ist. Es ist natürlich möglich, auch den freien Willen des Menschen zu bestreiten, wie es viele Philosophen getan haben, dann würde in der Gesellschaft und Wirtschaft alles deterministisch und kausal ablaufen, also alles objektiv sein. Solche extremen Positionen haben aber nirgendwohin geführt. Wenn wir die Bezeichnungen subjektiv und objektiv auch bei den Sozialwissenschaften beibehalten wollen, müssen wir sie anders verstehen (definieren). So können wir die Handlungen, wo der Einzelne keine oder nur eine minimale Möglichkeit hat zu entscheiden, als objektiv, und solche, wo er zwischen vielen Möglichkeiten frei wählen kann, als subjektiv verstehen.

Wenn wir uns darauf geeinigt haben, lässt sich auch eindeutig bestimmen, was beim Sparen subjektiv und objektiv ist. Ein Einkommensbesitzer kann frei entscheiden, wie viel er sparen will. Er kann aus seinem Einkommen einen kleineren oder einen größeren Anteil sparen, er muss sogar gar nichts sparen, und wenn er kreditwürdig ist, könnte er sich sogar das Geld ausleihen und über sein Einkommen konsumieren. Im letzteren Fall würde dies eine negative Sparsumme und Sparquote ergeben. Angesichts dieser großen Wahlfreiheit, ist die individuelle Sparsumme und Sparquote eindeutig eine subjektive Größe. Weil man sie als solche nicht rational erklären kann, ist es sinnvoll sie als psychologisch zu bezeichnen. Wenn man die Ersparnisse der Individuen addiert, ist es sinnvoll auch diese volkswirtschaftliche Sparquote als psychologische Sparquote zu bezeichnen.

Beim Zins sieht es anders aus. Wenn sich ein Einkommensbesitzer entschieden hat etwas zu sparen, kann er zwar alle Banken besuchen und sich für diejenige entscheiden, wo der Zins am höchsten ist, er wird aber feststellen können, dass alle Banken ähnliche Zinsen bieten. Da bleibt dem Einzelnen (fast) nichts zu entscheiden. Deshalb lässt sich die Zinshöhe eindeutig als eine objektive Größe verstehen.

Man kann in der Wirtschaftswissenschaft nie etwas mit den subjektiven oder psychologischen Entscheidungen erklären. Wenn man sie aber summiert, sie also in der Gesamtheit betrachtet, werden manchmal aus willkürlichen individuellen Größen bzw. Werten mehr oder weniger stabile Werte. Dann sind sie wissenschaftlich tauglich. Der bekannte Soziologe David Émile Durkheim (1858-1917), der als einer der Begründer der empirischen soziologischen Wissenschaft gilt, hat dies bei seiner Untersuchung Le suicide (Der Selbstmord, 1897) überzeugend dargestellt. Erwähnen wir nur kurz, dass er in diesem seinem vielleicht bekanntesten Werk - in dem er die soziologischen Arbeitsweise als Zusammenspiel von empirischer Sozialforschung und Theoriebildung betrachtet - feststellt, dass die Selbstmordraten bestimmter sozialer Gruppen oder gar ganzer Gesellschaften sich nur sehr langsam ändernde Größen sind, der unbestreitbaren Tatsache zum Trotz, dass sich im Prinzip jeder Mensch frei entscheiden kann, ob er sich umbringt oder nicht. Wir können also in der Soziologie und der Wirtschaftswissenschaft bestimmte Größen und Regelmäßigkeiten („Gesetzmäßigkeiten“) haben, die sich bei den Individuen nicht beobachten lassen. Der Soziologe Marx - von dem wir mehr als von dem Ökonomen Marx lernen können -, hat dies wie folgt ausgedrückt: „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“ Die Auffassung der Marktradikalen und damit auch der Neoliberalen, dass die ökonomische Theorie beim Individuum beginnen muss und dass dort gewonnene Erkenntnisse einfach nur für das Ganze verallgemeinert werden sollen, ist nicht eine schlechte Wissenschaft, sondern gar keine.

Dass die Gesamtmenge bestimmte Regelmäßigkeiten („Gesetzmäßigkeiten“) besitzen kann, welche die Einzelteile nicht besitzen, haben die Denker und Philosophen schon längst, vor mehreren Jahrtausenden, herausgefunden. In unserer Kritik der pars-pro-toto Denkweise haben wir darüber schon einiges gesagt.dorthin Es ist vielleicht an dieser Stelle interessant zu erwähnen, dass es bereits in der klassischen Physik Forschungsbereiche gab, wo man dies stillschweigend akzeptiert hat. Man kann bekanntlich Temperatur und Druck als Bewegung der Elementarteilchen (Moleküle) verstehen, aber ein Elementarteilchen kann keine Temperatur und keinen Druck haben. Diese Merkmale sind ausschließlich Merkmale oder Eigenschaften von vielen Teilchen zusammen genommen. Hätten sich die Physiker bis heute darauf kapriziert und die Temperatur und den Druck als kollektivistische oder konstruktivistische Hirngespinste (Hayek) abgelehnt, wäre die Physik auf dem Stand des 18. Jahrhunderts geblieben. Und warum dies in der Wirtschaftswissenschaft anders sein sollte? Aber lassen wir das jetzt und kehren wir zur Problematik des Sparens zurück.

Wir können zugeben, dass es so etwas wie einen „psychologischen Hang des Gemeinwesens zum Sparen“ nicht gibt, schon deshalb weil es in der Gesellschaft nicht so etwas wie „Gemeinwesen“ gibt. Die ganze Erfahrung zeigt aber eindeutig, dass die Sparsumme aller Mitglieder der Gesellschaft zusammen genommen eine stabile Größe ist, eine die sich nur sehr langsam ändert, die auch noch immer positiv ist. Die makroökonomische psychologische Sparquote ist also eine positive Größe. In Deutschland zum Beispiel sieht sie so aus:

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Die Feststellung, dass die psychologische Sparquote eine positive Größe ist, ist eine der wichtigsten Annahmen, mit der wir Absturz (Rezession) der Wirtschaft erklären werden. Heben wir jetzt noch ausdrücklich hervor, dass wir diese Annahme weder zu begründen noch zu beweisen brauchen. Wenn etwas empirisch gegeben ist und wenn man sich auf Messungen verlassen kann, braucht die Theorie sich nicht zu rechtfertigen. Es sollen sich diejenigen rechtfertigen, die mit Größen arbeiten, die gar nicht empirisch nachprüfbar und messbar sind, was - nebenbei gesagt - für alle wichtigen Größen der neoliberalen Theorie gilt.

Auch als empirisch nachgewiesen gilt, dass der Hang zum Sparen nur sehr schwach vom Zins bestimmt ist. Das ist noch ein weiterer Grund dafür, warum der Zins zur Erklärung der Konjunktur bzw. der des Abschwungs (Rezession) nicht zu gebrauchen ist. Und wir werden ihn dafür auch nicht brauchen. Für den interessierten Leser, und auch der Vollständigkeit halber, können wir aber über den Zins doch noch ein paar Worte verlieren.

Die Sparquote und der Zins aus empirischer Sicht

Man erinnert sich, dass es für Aristoteles als ausgemacht galt, das die Frauen auch weniger Zähne haben als Männer. Er war zweimal verheiratet, möglicherweise kamen aber seine Gattinnen in seiner Anwesenheit nie zum Wort, so dass er nicht in ihren Mund hineinschauen konnte. Aber das wäre nur unsere wage Vermutung. Auf jeden Fall hielt er dies für selbstverständlich. Vor der Großen Depression galt es bei den „seriösen“ Ökonomen auch als selbstverständlich, dass der Zins die Sparquote bestimmt und zugleich die Ersparnisse mit Investitionen ausgleicht. So etwas passte ausgezeichnet in ihre Theorie, wonach der Zins nicht anderes als der Preis des Geldes sei. Keynes hat dann diesen Glauben, zumindest für ein paar Jahrzehnte, zerstört. Er hat bestritten, dass die empirischen Daten so etwas bestätigen würden. Da konnte er sich in der Tat auf viele, schon längst bekannten empirischen Untersuchungen berufen. „Wer die Praxis beobachtet, wird sagen können, daß kein Moment die Spartätigkeit weniger beeinflußt als die Zinshöhe“, stellte zum Beispiel der Frankfurter Bankdirektor Albert Hahn (1889-1968) im Jahre 1920 fest. Auch spätere Untersuchungen haben seine Beobachtung bestätigt. Das war eigentlich schon immer so, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Zum Beispiel blieb die Sparrate, also die wirkliche psychische Neigung zum Sparen, in den USA zwischen 1951 und 1981 trotz den zahlreichen Veränderungen in der Fiskalpolitik und den wechselnden konjunkturellen Lagen innerhalb der Bandbreite von 16 bis 18 Prozent.

Mit Recht hat also Keynes den Zinssatz aus der Sparfunktion gestrichen und dem marktradikalen Glauben an universelle Harmonie oder an ein Gleichgewicht - wie es die Neoliberalen sagen - einen der wichtigsten Stützpfosten ausgeschlagen. Das Angebot und die Nachfrage nach dem Geld konnte dann nicht mehr durch den Geldpreis bzw. Den Zins ins Gleichgewicht gebracht werden. „Spartätigkeit und Investitionstätigkeit halten häufig nicht gleichen Schritt“, weil es um Entscheidungen gehe - so Keynes - die „von zwei verschiedenen Gruppen von Menschen getroffen [und] in vielen Fällen zu verschiedenen Zeitpunkten gefällt werden“. Es nütze der Wirtschaft also wenig, wenn das Zinsniveau sinke und es sich wegen der fallenden Kosten lohnen würde zu investieren, wenn die gesamtwirtschaftliche Sparquote weiterhin auf ungefähr gleichem, das heißt zu hohem Niveau bleibe, wenn also nicht genug konsumiert wird.

„Die Störung beruht darauf, daß der Akt der Ersparnis nicht einen Ersatz für gegenwärtigen Verbrauch von genau gleichem Werte wie die ersparte Summe bedingt in der Form irgendeines spezifischen zusätzlichen Verbrauches, der zu seiner Herstellung gerade so viel wirtschaftliche Tätigkeit erfordert, wie der gegenwärtige Verbrauch erfordert hätte, sondern ein Verlangen nach ‚Reichtum’ an sich, das heißt nach der Möglichkeit des Verbrauches eines unbestimmten Gegenstandes zu einer unbestimmten Zeit.“ ... >

Leider hat uns Keynes trotzdem nicht erklärt, wo das Geld brach liegt, wenn es nicht für Konsumgüter oder auch nicht für „irgendeinen spezifischen zusätzlichen Verbrauch“ ausgegeben wird. Das ist schon ein sehr ernstes Problem seiner Theorie, aber nur das kleinere. Man kann sich sogar vorstellen, dass das Geld während der Krise in kleinen Mengen bei sehr vielen Personen aufbewahrt wird, aber in der Summe - man sagt ja, dass auch Kleinvieh viel Mist machen kann - doch eine nicht zu vernachlässigende Größe ist. Und weil es sich um kleine Geldmengen handelt, lässt sich diese Hortung nicht richtig statistisch erfassen. Wenn sich dann während der Wirtschaftskrise viele noch prozyklisch verhalten, also noch ein bisschen Bargeld irgendwo liegen lassen, horten, würde dies zur Erklärung passen, warum solche Krisen so lange währen. Mit dieser Erklärung kann aber nicht die Ursache der Krise erklärt werden. Hier hat die Theorie von Keynes ein unvergleichbar größeres Problem.

Keynes’ erfolgslose Suche nach den Ursachen des Konjunkturabsturzes

Die ökonomischen Zyklen ähneln nicht den Wellen auf der Wasseroberfläche, bei denen es langsam nach oben und dann langsam nach unten geht. Sie sehen eher wie die Zähne einer Säge aus. Der Absturz kommt sozusagen aus dem heiteren Himmel und er verläuft ganz schnell. Noch vor kurzem brummte überall die Produktion und dann, wie vor einer Baustelle auf der Autobahn, wird ein Fließband nach dem anderen gestoppt und stillgelegt. Wenn dies etwas mit der Geldhortung zu tun haben sollte, würde es bedeuten, dass sich die Spargewohnheiten der ganzen Bevölkerung in kürzester Zeit radikal ändern könnten, was sich aber ganz bestimmt ausschließen lässt.

„Das Nachfragedefizit ist zwar nach jedem konjunkturellen Zusammenbruch vorhanden, aber ist es wirklich glaubhaft, daß es aus dem ... Sparakt herrührt, um so mehr als es doch Zeiten gibt, in denen Spargelder reißenden Absatz und damit auch entsprechende Anlage in Investitionen finden? ... Wir meinen, Keynes ... habe sich - trotz mancher wichtigen Einzelerkenntnis - in der General Theory nur noch tiefer in seinen Irrtum verstrickt, bemüht ... das Nachfragedefizit zu erklären, ohne doch den entscheidenden Punkt zu finden, an dem dieses Nachfragedefizit in Wirklichkeit seinen Ursprung hat. In keinem Falle ist seine Theorie für die Erklärung des Konjunkturphänomens brauchbar, und es scheint kein Zufall zu sein, daß in der General Theory genau wie im Treatise on Money die hierüber vorgebrachten Gedanken mit zu dem Schwächsten gehören, was Keynes der Welt zu sagen hatte. Dabei erhebt Keynes indessen mit Nachdruck den Anspruch, mit Hilfe der General Theory auch das Konjunkturphänomen lösen zu können.“ ... >

Unter dem Konjunkturzyklus lässt sich ganz bestimmt nicht der Wechsel vom Überschreiten und Zurückbleiben des tatsächlichen Sparvolumens (und Investitionsvolumens) gegenüber dem gleichgewichtigen Sparvolumen (und Investitionsvolumen) verstehen. Das musste auch Keynes klar sein, so dass er andere Karten aus dem Ärmel gezogen hat. Den Zins auch.

In seinem ersten wichtigen Werk, Vom Gelde (1930) glaubte er noch an den sogenannten natürlichen Zins. Dieser Zins ist nicht das, womit die Banken arbeiten, sondern einer, den keiner sehen, geschweige denn messen kann. Er ist ein reines Produkt der Einbildungskraft - ein metaphysischer Unsinn aus dem Jenseits. Der Theoretiker versichert uns, diesen Zins gäbe es wirklich, und er kann immer Gründe finden, dass er genau so ist, wie er ihn haben will. Wenn der echte (Bank-)Zins niedrig ist und die Konjunktur fällt nach unten ab, behauptet der Theoretiker, er habe herausgefunden, dass der natürliche Zins zu hoch gewesen sei, die Produktionskosten hätten dies nicht aushalten können, so dass er die Wirtschaft abgewürgt habe. Ist der echte (Bank-)Zins zu hoch und die Wirtschaft brummt trotzdem, dann behauptet dieser Theoretiker, dass der natürliche Zins aber niedrig sei. Es ist überhaupt seltsam, dass Keynes, der ein Nachkomme der angelsächsischen empirischen Tradition war, diesen europäisch-kontinentalen Unsinn überhaupt je ernst nahm. Er hätte dies ruhig den österreichischen Metaphysikern und Scharlatanen Mises und Hayek überlassen sollen. Aber bald hat sich Keynes doch von dem natürlichen Zins in aller Deutlichkeit distanziert. Seine weitere Suche nach den Ursachen des Abschwungs kann man leider beim besten Willen auch nicht als erfolgreich bezeichnen.

In der Allgemeinen Theorie (1936) will Keynes durch einen plötzlichen Zusammenbruch „Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals“ den abrupten Einbruch der Konjunktur erklären. Wie kompliziert dieser Begriff auch scheinen mag, so einfach ist sein Inhalt. Er besagt, dass durch die Vermehrung des Kapitals in einer Volkswirtschaft der reine Ertrag angeblich bis auf die Zinsgrenze falle, so dass bei den potenziellen Investoren eine Flucht aus den realen Investitionen auftritt. Hier hat Keynes tief in die Mottenkiste gegriffen.

Am Anfang des 19. Jahrhunderts hat man sehr viel und sehr leidenschaftlich über die fallende Profitrate bei wachsender Investition diskutiert. Schon damals wurde klar, dass die freie Marktwirtschaft nicht im Geringsten so funktioniert, wie man es sich in der Theorie vorstellte, so dass man sich auf die Suche nach den Ursachen begab. Für Marx war die fallende Profitrate die unabdingbare Folge des Produktivitätswachstums, und er hat sie zum „Gesetz“ der kapitalistischen Produktionsweise erklärt. Damit sah er als bewiesen an, dass der Kapitalismus dem sicheren Untergang entgegen schreitet, leider war seine Analyse des Produktivitätswachstums - der „steigenden organischen Zusammensetzung des Kapitals“ - völlig falsch. Die „bürgerlichen Ökonomen“ hatten in der fallenden bzw. niedrigen Profitrate immer einen Grund gesehen, die Löhne anzuprangern. Von dem geistigen Anführer der marktradikalen Kreuzzügler Mises - dem Lehrer von Hayek - hörte man, dass die Arbeiter schon damals mit ihren Löhnen besser leben würden als zuvor die Pharaonen. Wie konnte dann bitte die Marktwirtschaft bei solch wahnsinnigen Ansprüchen der Arbeiterschaft überhaupt funktionieren? Keynes war in der Mathematik zu gut, um nicht zu übersehen, dass bei wachsender Produktivität sogar bei wachsenden Löhnen die Profite nicht aus irgendwelchen realen Gründen fallen müssen. Aber mehr als eine andere, auch schon längst verbrauchte Idee, die der Überkapitalisation oder Überakkumulation, fiel ihm nicht ein. Auf diese Idee hat schon Malthus alles gesetzt,dorthin später hat sich für sie sogar einer der bedeutendsten Soziologen des 20. Jahrhunderts, Max Weber, mit der asketischen protestantischen Ethik eingesetzt. Es wird gemeint, dass die Reichen mehr an Investitionen als am Konsum interessiert seien, so dass es volkswirtschaftlich ein Zuviel an Sachkapital geben könne, für das es schließlich an einer sinnvollen Verwendung fehle. Aber Keynes war vorsichtig genug, so dass er die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals doch nicht als Überakkumulation verstehen wollte:

„Ich stelle nicht jene Lage als typisch hin, in der Kapital so reichlich ist, daß das Gemeinwesen als Ganzes keine vernünftige Verwendung für mehr hat, sondern jene, in der Investitionen in Zuständen vorgenommen werden, die unbeständig sind und nicht andauern können, weil sie durch Erwartungen hervorgerufen werden, die bestimmt sind, zu enttäuschen.“ ... >

Was wird aber hier gesagt? Weiß man nicht genau. Nur so viel, dass irgendwann, zur falschen Zeit (?), wenn die Profite schon sinken (?), sich die Investoren falsche Hoffnungen (?) machen und Entscheidungen treffen, die sich aber erst in der Zukunft als falsch erweisen (?). Und dann bricht die Wirtschaft zusammen. Die langen Reden über die „Erwartungen“ sind für Keynes leider typisch, wonach aber alles noch unklarer wird als davor.

„Was Keynes als Erklärung für den Konjunkturumschwung bietet, ist wahrhaftig mager. Sehen wir von der falschen Lehre der abnehmenden Grenzproduktivität des Kapitals ab, so bleiben eigentlich nur die Fehleinschätzung der künftigen Erträge und die Verzerrungen im Kursniveau der Aktien durch die Spekulation übrig. Uns will scheinen, als böte diese Lösung weniger als die Erklärungen von Tugan-Baranowsky, Spiethoff, Cassel oder Schumpeter. Vor allem aber ist nicht einzusehen, was die Keynes'sche Konjunkturtheorie mit der Allgemeinen Theorie gemein haben soll. Von einem Nachfragedefizit, das doch sonst so sehr im Mittelpunkt der Betrachtung steht, ist überhaupt nicht mehr die Rede.“ ... >

Da wird man gleich fragen, ob von der monetären Nachfragetheorie, die bei Keynes ihren Zenit erreicht und offensichtlich überschritten hat, etwas übrig geblieben ist? Auf jeden Fall, und gar nicht so wenig:

„Wie fehlerhaft auch immer die von Keynes erbrachte Analyse des Nachfragedefizites bzw. des Konjunkturzyklus sein mag, in einem irrte er nicht, nämlich daß dieses Nachfragedefizit tatsächlich bestand und immer wieder entsteht. Und weil er sich an diesen Befund mehr hielt als an seine eigene fehlerhafte Diagnose, irrte er auch nicht in den Mitteln der Bekämpfung dieses Nachfragedefizites. Darauf aber kam es für die praktische Konjunkturpolitik in erster Linie an.
Keynes' praktische Vorschläge waren stets so gehalten, als ob er lückenlos bewiesen habe, daß ein Nachfragedefizit die Ursache allen Krisenübels sei, und weil dieses Nachfragedefizit in jeder Krise tatsächlich vorhanden ist, mußte seinen Vorschlägen, die sich im übrigen von denen Fosters und Catchings' nicht wesentlich unterschieden, ein voller Erfolg zuteil werden. Die Wirkung dieses Erfolges wirkte nun ihrerseits wieder auf das Ansehen der Keynes'schen Theorie zurück und gab ihr einen Nimbus, der ihrer theoretischen Analyse in keiner Weise entsprach, den praktischen Ergebnissen seiner Krisenbekämpfungsmaßnahmen jedoch voll gerecht wurde.
Keynes vermochte zwar das Nachfragedefizit nicht aufzuhellen, aber sein Verdienst, diese Frage hartnäckig gestellt und in den Augen der Welt die Richtigkeit des Sayschen Theorems erschüttert, gleichzeitig aber eine gegen jede Wirtschaftskrise brauchbare Therapie entwickelt zu haben, bleibt auch für uns unbestritten.“ ... >

Es sind nicht die Kosten (Zins, Löhne) und es ist nicht das Geld (Hortung), die das Ungleichgewicht bzw. den Nachfragemangel und den ökonomischen Zyklus erklären können. Diese Ansätze gehören ins Museum der Altertümer, neben das Spinnrad und die bronzene Axt.

 
 
   
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