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  There is no alternative - oder es gibt sie doch? (V)
 
  Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen
 
 
„Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster.“
 
     Der italienische Philosoph und Marxist Antonio Gramsci                                                     
 
„Der Mensch hat dreierlei Wege, klug zu handeln: erstens durch Nachdenken, das ist der edelste; zweitens durch Nachahmen, das ist der leichteste; drittens durch Erfahrung, das ist der bitterste..“
 
     Konfuzius, Qufu (China) 551-479 v. Chr.                                                    

Ehrlich gesagt, uns Europäern fällt es schwer, sich vorzustellen, irgendwo in der Welt würde sich jemand irgendwelche originellen Gedanken über die ökonomische und politische Ordnung machen, die eine ernstzunehmende Alternative zu unserem real existierenden Kapitalismus wäre. Nichts Neues. Jede fortschrittliche Zivilisation hatte schon immer gewusst, dass die Barbaren zu nichts fähig sind. Menschliches, Allzumenschliches – würde hierzu der bekannte Slogan von Nietzsche passen. Da hilft auch die geschichtliche Erfahrung nicht. Die Menschheit lernte aus der Geschichte immer nur eins: dass sie nichts gelernt hat. Man merkte auch, dass die alten Zivilisationen wie alte Menschen sind, unfähig, etwas Neues zu lernen. Man hält sich lieber daran, was ausprobiert und bewährt ist. Ist dem bei uns wirklich so?

Unsere ganze Wirtschaftswissenschaft beruht auf Grundlagen, die Mitte des 19. Jahrhunderts hauptsächlich Walras, Jevons, Gossen und Pareto ausgeklügelt haben. Sie hatten sich vorgenommen, die klassische ökonomische Lehre zu verbessern, weshalb man ihre neue Richtung Neoklassik, heute sagen wir Neoliberalismus, nannte. Er ist eine „reine“ Theorie (Pure Economics – Walras), da sie mit den Tatsachen nichts zu tun hat. Eine sehr merkwürdige Wissenschaft! Sie ist in Wirklichkeit gar keine Wissenschaft, sondern nur eine Ideologie des real existierenden westlichen Kapitalismus, mit der Aufgabe, die Tatsachen zu überlisten oder zu leugnen. Man will es kaum glauben, aber in dieser „reinen“ Theorie gibt es gar keine ökonomischen Krisen – sie sind theoretisch unmöglich. Und bis heute ist es niemandem gelungen, die Theorie so fortzuentwickeln, dass sie Krisen erklärt – sowie auch vieles andere. Das Paradigma der Wirtschaftswissenschaft, wie man sie im Westen lehrt, ist ehrlich gesagt nicht eine „reine“ Theorie, sondern eine „reine“ Dummheit. Das betrifft natürlich nicht viele andere (mikroökonomische) Bereiche der heutigen Wirtschaftswissenschaft, wie etwa das Wissen, das sich auf die praktische Funktionsweise der Betriebe, Börsen und Banken bezieht.

Indem man vieles übersieht, vielleicht lässt sich sagen, dass die „reine“ neoliberale Theorie der Praxis des Kapitalismus in England und Amerika gewissermaßen entspricht, also der Praxis des imperialen Kapitalismus, wie ich ihn oben auch bezeichnet habe. Schon der deutsche Kapitalismus, welchen ich als nachholenden Kapitalismus bezeichnet habe, ist anders entstanden, wobei man ihn auch einen staatlich organisierten Kapitalismus nennen könnte. Von den erfolgreichen asiatischen Kapitalismen hat sich auch keiner im Sinne der „reinen“ neoliberalen Theorie entwickelt. Auf Japan folgten die kleinen „asiatischen Tiger“, und der neueste große Erfolg ist China. Auch wenn hier manches vom westlichen Kapitalismus übernommen wurde, haben sich die Gestalter dieses Kapitalismus bestimmt eigene Gedanken gemacht, die zu kennen interessant sein dürfte. Da ich nicht Chinesisch kann und dort nie gewesen bin, kann ich darüber nur erfahren, was ich aus russischen Medien entnehmen konnte. Wenn dem schon so ist, kann ich zugleich über die ökonomischen Zustände in Russland etwas sagen. Es geht mir zwar hauptsächlich um ökonomische Fragen, aber vielleicht ist es angebracht, vorweg etwas zur Diskussionsfreiheit in Russland zu bemerken.

Die „Demokratisierung“ in Russland begann mit dem bekannten Präsidenten, der in Washington die Treppen des Flugzeuges betrunken heruntertorkelte, an den Rädern pinkelte und im amerikanischen Kongress theatralisch ausrief: „Gott schütze Amerika!“ Ja, Jelzin, der im Westen als großer Demokrat geehrt wird. Und wenn dem so ist, muss er sich doch irgendwie unsere Liebe, Bewunderung und Verehrung verdient haben. Jawohl! Unter ihm haben Oligarchen alle Medien unter ihre Kontrolle gebracht und die westliche Ordnung als die höchste Stufe der zivilisatorischen Entwicklung propagiert. Zugleich haben auch unzählige NGOs aus dem Westen Russland regelrecht überschwemmt. Man kann sich kaum vorstellen, wie sie alles, was russisch ist, beleidigt, degradiert, ausgelacht, verteufelt, denunziert … haben und aus der ganzen russischen Geschichte eine einzige Horrorstory gemacht. Exakt nach Nietzsche: „Der Sieger schreibt die Geschichte.“ Ich verstehe immer noch nicht, wie so etwas möglich war und wie ein Volk einen solchen Umgang mit sich hat dulden können. Es sah fast so aus, als würden die Russen das gleiche Schicksal wie die nordamerikanischen Indianer erleben müssen. Dann kam Putin und hat, wie die überwältigende Mehrheit der Russen meint, das Land von diesem Schicksal gerettet, indem er wirtschaftlich erfolgreich war.dorthin Erstaunlicherweise ist er nie gegen ihn gerichtete böswillige Propaganda vorgegangen. Erst in der letzten Zeit geht man gegen diese Propaganda vor, trotzdem gibt es immer noch mehr Redefreiheit in Russland als in jedem westlichen Land. Auf welche Gedanken hat mich das gebracht? Ganz kurz: Es scheint mir, dass die Manipulation der Menschen durch Propaganda nur ein großer Mythos ist – ich unterstreiche beide Worte. Die Medien sind deutlich weniger wirksam, als man gemeinhin annimmt. Ich vermute, es gibt ganz triviale Gründe, warum die Propaganda für so wichtig gehalten wird, weil sie nämlich viele Arbeitsplätze schafft und alle, die sich in dieser Branche als nützliche Idioten der globalen Machteliten betätigen, gut verdienen können. Nicht die Propaganda, sondern die realen ökonomischen Umstände waren es, nach denen sich die „einfachen“ Russen ihre Meinung gebildet haben. Nebenbei bemerkt: Auch um die westliche Propaganda über Freiheit und Demokratie hat sich damals, im Kommunismus, keiner richtig geschert. Wie ich es ironisch zu sagen pflege: Nicht Freiheit und Demokratie, sondern fehlende Kaugummis und Jeans haben die Genossen veranlasst, gegen das System zu rebellieren. So viel zur Propaganda, und damit gehe ich wieder zu ökonomischen Fragen über.

Was hat die Demokratisierung und Liberalisierung, also der orthodoxe Kapitalismus den Russen gebracht? „Russland erlitt größere volkswirtschaftliche Verluste - gemessen am Rückgang des BIP - als während des Zweiten Weltkriegs“ (Stiglitz: 170). Zu Beginn der Schocktherapie in Russland erklärte einer der Haupttäter, Gaidar, vor der Presse ohne mit der Wimper zu zucken, der „Reformprozess“ werde wohl Millionen Tote kosten. Diese Vermutung hat sich als außergewöhnlich weitsichtig erwiesen. Die Bevölkerungsverluste der Jelzin–Gaidar–Zeit, in der die Menschen in den Wintern erfroren und an Unterernährung und Krankheiten starben – bei gestrichener medizinischer Versorgung – und in der die allgemeine Lebenserwartung von 72 auf ca. 55 Jahre sank, werden auf 10–15 Millionen geschätzt. Neben dem kolonialen Indien ist somit das postkommunistische Russland zum zweiten gigantischen Denkmal neoliberalen Misserfolgs, besser gesagt sozialen Genozids geworden“ (Marktwirtschaft neu denken, S. 273). Wen wundert es also, dass für die ganz überwältigende Mehrheit der Russen kein Wort im politischen Diskurs ein schlimmeres Schimpfwort ist als das Wort „Liberaler“. Die von den Neoliberalen propagierte Ideologie ist in Russland gestorben, weil sie sich so unmenschlich und brutal gezeigt hat, wie es nicht einmal der Kommunismus zu seinen radikalsten Zeiten gewesen ist. (Übrigens, die Mehrheit der Russen hielt den Kommunismus überhaupt nicht für unmenschlich, nur ökonomisch gescheitert, aber erst nach Stalin – Stalin wird noch als eiserner, aber ökonomisch sehr erfolgreicher Herrscher geschätzt. Außerdem, was Solzhenizin über Stalin – und auch über sich selbst - dem Westen erzählte, waren weitgehend nur Lügen, die der real existierende Kapitalismus als Ideologie brauchte.)

Die „freie Marktwirtschaft“ ist also unten durch in Russland und „Liberaler“ ein Schimpfwort – und das ist alles andere als eine Übertreibung. „Jabloko“, die sozusagen russische FDP, erreichte zuletzt gerade einmal 1,3% der Wählerstimmen.dorthin Nicht nur die humanitäre Katastrophe der Jelzin-Zeit spricht gegen die Liberalen, sondern ein totales Versagen der von ihnen so in den Himmel gehobenen „unsichtbaren Hand“ des Marktes. Nach der liberalen Schocktherapie blieben in Russland nur die Rüstungsindustrie und die ihr nahe stehende Atomindustrie in staatlicher Hand. Im Ergebnis ist jetzt die russische Rüstungsindustrie erfolgreicher als die westliche und Rosatom ist ein globaler Technologieführer in der zivilen Nutzung der Kernenergie. Der etwa einst unter den Kommunisten ziemlich erfolgreiche zivile Maschinenbau und die Flugzeugindustrie dagegen, die man der „unsichtbaren Hand“ überlassen hatte, wurden ruiniert, auch wenn diese Hand – wie man ironisch zu bemerken pflegt - , als unsichtbar keiner beobachten konnte. Es war nicht anders als in der ehemaligen DDR während der Zeit nach der Wende. Eigentlich sind die westlichen Sanktionen ein Segen für Russland. Die aus dem Jahre 2014 haben immerhin dazu geführt, dass innerhalb weniger Jahre die Landwirtschaft aufgeblüht ist, und so exportiert Russland zum ersten Mal in der Geschichte jetzt Nahrungsmittel. Das wird in den nächsten Jahren auch mit anderen Wirtschaftszweigen geschehen. Deshalb fügen die Russen, wenn die Sanktionen erwähnt werden, genüsslich ihren Spruch dazu: „Glück gab es noch nie, wenn Unglück nicht nachgeholfen hätte.“

Kehren wir nun zur ökonomischen Diskussion zurück:

In den ökonomischen Diskussionen sind in Russland am lautesten die Antiglobalisten und Monetaristen. Ziemlich im Sinne von Verschwörungstheorien. Die bekanntesten Namen sind da Khazindorthin und Glasjewdorthin. Khazin prophezeit den Zusammenbruch der westlichen ökonomischen Ordnung „in kurzer Zeit“, und zwar schon seit mehr als zwei Jahrzehnten, weil das unkontrollierte Gelddrucken eine fatale Inflation und den ökonomischen Zusammenbruch unbedingt verursachen müsste und auch tun würde. Er ist unterhaltsam, aber sein analytisches Niveau doch sehr dürftig. Bemerkenswert ist, wie dieser erbitterte Feind des Gelddruckens immer wieder schonungslos die russische Notenbank attackiert und bloßstellt, und zwar, weil sie eben nicht genug Geld drucken will. Und das auch noch deshalb, weil alle in der Notenbank nur Söldner der westlichen Finanzelite wären. Was nun, Herr Khazin? Was mich bei den russischen Antiglobalisten und Monetaristen sozusagen beruhigt, ist, dass auch die Antiglobalisten und Monetaristen (NMT) im Westen nur Bla-Bla von sich geben.

Die ökonomische Diskussion in Russland ähnelt der westlichen auch darin, dass das Nachfrageproblem kein Thema ist. Für mich persönlich ist es fast traurig, vielleicht nicht nur fast … Den Namen Keynes habe ich noch kein einziges Mal in den Diskussionen gehört. Entschuldigen lässt sich das, wenn man bedenkt, dass die russische Wirtschaft einem nachholenden Kapitalismus ähnelt – so wie bei uns in der Kaiserzeit. Auch deshalb ist sie erfolgreich -wie unsere damals. Sie weiß aber nicht warum sie erfolgreich ist - wie unsere damals. Kein Liberalismus ist auch keine Alternative. Wegen der fehlenden theoretischen Grundlagen wird folglich auch der russische nachholende Kapitalismus irgendwann zusammenbrechen - wie bei uns.

Die Kommunisten sind die zweitgrößte politische Gruppe. Ihren ökonomischen Ansätzen fehlt auch eine analytische Tiefe, aber ihre Stärke ist, dass sie sich auf empirische Tatsachen berufen. Nein, Privatkapital und Reichtum von Kapitalisten interessiert sie schon längst überhaupt nicht mehr. Sie meinen, was China erfolgreich vorgemacht habe, sollte auch Russland wiederholen. Zum Teil haben sie Recht, sie übertreiben aber. Es stimmt nicht, dass die russische Notenbank eine Filiale des Westens sei, und die russischen Ressourcen sind nicht dermaßen im westlichen Besitz, wie sie es sehen wollen. Also viel Lärm um nichts.

Vielleicht würde ich China als eine Mischung aus einem nachholenden und exportorientierten Kapitalismus verstehen, aber nebenbei habe ich etwas mitbekommen, was mich sehr überraschte. Die Chinesen planen, in der nahen Zukunft jährlich 5 Mil. Ingenieure auszubilden. Das ist schon gewaltig, aber dazu kommt noch etwas Besonderes, was ich nie erwartet hätte. Noch im 18. Jahrhundert war China eine wirtschaftliche Macht, vergleichbar mit den USA im letzten Jahrhundert, nun suchen die Chinesen ernsthaft eine Erklärung ihres plötzlichen Untergangs und des Aufstiegs des Westens. Sie stellen fest, dass sie in ihrer langen Geschichte - vier Jahrtausende lang - sehr fleißig, gebildet und erfindungsreich gewesen sind, an tiefsinnigen Denkern und Philosophen fehlte es auch nicht, nur etwas hat sich bei ihnen nicht entwickelt: analytisches Denken. Das hat mich, wie man so sagt, vom Stuhl gehauen. Warum?

Ich überspitze bewusst den folgenden Gedanken. Europäische Völker oder besser gesagt Stämme, germanische, romanische, slawische und andere, abgesehen von denjenigen, die nahe des Mittelmeeres lebten, kletterten noch vor wenigen Jahrhunderten, bildlich gesprochen, in den Bäumen herum. Es war ein Teil des Planeten, den jede Zivilisation im großen Bogen zu umgehen versuchte. „Weiß Gott, was dort vorgeht“, bemerkte Kadi von Toledo im 16. Jahrhundert, der überzeugt war, dass von den Barbaren des Nordens nichts zu lernen sei. Nach seiner Einschätzung hätten sie mehr Ähnlichkeit mit wilden Tieren als mit Menschen. Unser Planet kannte einige sehr fortentwickelte Zivilisationen in den letzten Jahrtausenden, die sozusagen einen Nachteil hatten. Ihr technologisches Niveau war sehr niedrig und irgendwelche wirklich bedeutsamen Fortschritte gab es seit Jahrtausenden nicht. Was erreicht wurde, beruhte auf dem Geschick der „Stückwerktechniker“, die sich durch „Versuch und Irrtum“ (trial and error) durchwursteln. Und dann kam die sogenannte Moderne, als etwas entstand, was unserem Planeten bis dahin völlig unbekannt war.

Denker und Philosophen in dieser wilden und rückständigen Gegend haben auf einmal begonnen, die Welt durch analytische Systeme, also durch formale Logik und Mathematik zu deuten und zu erklären. Man bezeichnet diese Zeit auch als Zeitalter des Rationalismus und der Aufklärung. Im achtzehnten Jahrhundert entwickelten wir unsere Vorstellungen von empirischer und induktiver Wissenschaft, Volksbildung, von rationalem Handeln und vom Fortschritt. Dank des analytischen Denkens bzw. seiner Errungenschaften begann die Vernunft über den Aberglauben zu triumphieren. Aber mit einem großen Manko: Alle wesentlichen Errungenschaften in Philosophie, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften sind am Beginn der Moderne entstanden, in einem ziemlich kurzen Zeitraum. Seit etwa dem 19. Jahrhundert machen aber nur noch die Naturwissenschaften wirkliche Fortschritte. Immer mehr Leute sagen sogar, dass in den letzten Jahrzehnten bei den Geisteswissenschaften nicht nur Fortschritt ausgeblieben ist, sondern sie kämpfen schon richtig und offen gegen die Ratio. In der Tat, was sagen diejenigen, die man in den letzten Jahrzehnten bei uns als tiefsinnige Denker feiert? Nur ein paar Beispiele dazu:

  Nach Foucault gibt es gar keine Suche nach irgendwelcher Wahrheit, sondern nur „diskursive Formationen“ und „das Folter, das ist die Vernunft“. Das einzig sinnvolle Denken wäre nur das „schwache Denken“, so Vattimo. „Der Gedanke ist in seinem Wesen Zerstörung“, so Cioran, so dass die Aufgabe der Philosophie nach Derrida gerade die „Dekonstruktion des Logozentrismus“ wäre. Eco lässt über einen Helden seiner Romane, für den auch das Scheitern der Aufklärer als ausgemacht gilt, offenbaren, dass am Ende nur eines zu tun wäre, „wenn man die Menschen liebt: sie über die Wahrheit zum Lachen zu bringen“. Und an Überheblichkeit und Dreistigkeit fehlt es diesen Bla-Bla-Denkern gar nicht. „Wissenschaft kann sich nicht länger als Repräsentation der Welt, wie sie ist, begreifen und muss daher auch den Anspruch, andere über die Welt belehren zu können, zurücknehmen“ (Luhmann).  

Es ist gar nicht übertrieben, wenn Bauman sagt: „Was der reiche Westen heute feiert, ist der offizielle Tod seiner eigenen Vergangenheit. ... Die Vergangenheit ist mit Schmach und Schande ins Grab gesunken“ (Bauman: 214). Und dann stellt man fest, dass in China über das analytische Denken diskutiert wird. Ob in China die zweite Epoche des Rationalismus und der Aufklärung entstehen wird? Da weine ich mit einem Auge und mit dem anderen lache ich. Hätten wir Europäer nämlich schon alles vermasselt, das würde mir leidtun, aber wenn nicht wir, besser die anderen als niemand. Warum sehe ich keine Hoffnung, wenn ich an zwei der größten europäischen Völker denke?

Ich weiß nicht warum, aber manchmal, wenn ich die russischen Diskussionen verfolge, fällt mir ein seltsamer Vergleich ein. Die russische und deutsche Musik und Literatur sind auf eine Art sehr ähnlich und von anderen unterschiedlich. Auch andere Völker haben große Schriftsteller, ihre Werke amüsieren eher, russische und deutsche dagegen sind von tiefsinnigen Gedanken durchdrungen. Die Dichter sind zugleich Denker. Zum Beispiel Goethe und Dostojewskij. Russen haben große Wissenschaftler und vor allem Mathematiker, die den deutschen nicht sehr nachstehen. Aber das, was zu den Geisteswissenschaften gehört, ist nur Bla-Bla, sowohl bei Russen als auch bei uns. Zugespitzt gesagt, Russen und Deutsche haben Genies in den Naturwissenschaften hervorgebracht, in den Geisteswissenschaften nur geniale Idioten. Wen soll es also wundern, dass Nazismus und Kommunismus, also abstruse, realitätsfremde und vernunftwidrige Spekulationen gerade bei uns und den Russen entstehen konnten? Man stürzte sich in unsinnige Abenteuer, nur weil das Ziel so mystisch und himmlisch strahlte. Und es scheint, wir lernten nichts aus der Geschichte. So legen wir gerade unser Schicksal in die Hände der Sonne-Fanatiker, die für eine grüne Welt kämpfen, koste es was es wolle, wobei sie nicht einmal Elektronen und Pepperonen unterscheiden. Hans-Georg Maassen bezeichnete sie als „grüne Khmer“dorthin – ich glaube nicht, dass er übertreibt. Roland Tichy hat unseren antirationalen, antiwissenschaftlichen und antiempirischen Irrweg so gut zusammengefasst, dass man danach Beruhigungstabletten nehmen muss.dorthin

Wenn ich beginne pessimistisch zu sein, erinnere mich an Hegel: „Die Eule der Minerva beginnt ihren Flug in der Abenddämmerung“. Wenn aber die Eule der Minerva schon in Richtung China fliegt? Oder doch nicht? Wird sie sich an uns erinnern und umkehren und wir kehren auf den verlorenen Weg des Rationalismus und der Aufklärung zurück? Werden wir es schaffen, das Bla-Bla in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften auf die analytische Denkweise umzustellen? Hoffen wir. Einfach wird es bestimmt nicht sein, aber was anderes bleibt uns nicht übrig. Ja, wer es versucht, kann verlieren, wer es nicht einmal versucht, hat schon verloren. Je mehr Leute es versuchen, umso wahrscheinlicher wird der Erfolg. So verstehe ich auch meinen Versuch im Bereich der Wirtschaftswissenschaft. Das von mir entworfene Konzept bzw. Modell sollte analytisch streng und komplex genug sein, die freie Marktwirtschaft paradigmatisch anders zu deuten und zu erklären, als im neoliberalen Modell des allgemeinen Gleichgewichts (Walras). In seinem Referenzrahmen sollten schließlich auch Probleme lösbar sein, die in der neoliberalen Theorie nicht einmal als Probleme analytisch formuliert werden können, wie etwa gerade wieder einmal das aktuelle Problem der periodischen Zusammenbrüche der Marktwirtschaft.

     
Keywords und Lesehinweise  
#Geld und was tun mit ihm?  
 
Ausführliche Fachartikel auf der Website:  
Überelegugnen der Ökonomen über das Geld und seine Funktionen lesen
Friedmans Geldregelung versus demokratische Geldschöpfung und Geldregelung lesen
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Marktwirtschaft neu denken: Teil II, Kapitel 8  
 
     
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Ausführliche Fachartikel auf der Website:  
Der Neoliberalismus - ein ideologischer Verrat an Liberalismus und Wissenschaft lesen
Im eBook thematisiert:  
Marktwirtschaft neu denken: Teil I, Kapitel 1.3  
 
     
     
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