DEMOKRATISCHE GELDSCHÖPFUNG UND GELDMENGEREGELUNG
O Grundidee und Zweck der demokratischen Geldschöpfung und Geldmengenregelung
     
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  Danke Amerika, du letzter Abnehmer unserer Waren und Retter vieler Arbeitsplätze
  Wo Milton Friedman sich schwer getäuscht hat: Es gibt sogar sehr viel umsonst
       
 
Amerika, du hast es besser als unser Kontinent, der alte,
hast keine verfallenen Schlösser und keine Basalte.
Dich stört nicht im Innern zu lebendiger Zeit
unnützes Erinnern und vergeblicher Streit.
 
                                                          Johann Wolfgang von Goethe(1749 - 1832)    

Die ökonomische Strategie der Exportüberschüsse ist sehr alt. Sie beruht auf einer einflussreichen ökonomischen Lehre des späten Mittelalters, Merkantilismus genannt, die das kaufmännische Bilanzdenken in einer politisch-zwischenstaatlichen Perspektive reflektierte. Eine der wichtigsten Prämissen des Merkantilismus ist, dass die Geldmenge in der Welt im Wesentlichen konstant sei (Jean Baptiste Colbert, 1619-1683). Wenn man bedenkt, dass damals zur Geldmenge fast ausschließlich Münzen zählten - Goldmünzen hauptsächlich als Schatzgeld, Silbermünzen als Kurantgeld und Kupfermünzen als Scheidemünzen -, lässt sich diese Auffassung durchaus verstehen. Wenn sie einfach auf die ganze Wirtschaft übertragen wird ist es zwingend so, dass ein Land seinen Anteil an der weltweiten Gold- und Silbermenge nur auf Kosten anderer Länder vergrößern kann. Im Sinne des alten Sprichwortes „one man’s gain is the other man’s loss“ folgert dann auch Johann J. Becher (1635-1682), der bedeutendste Vertreter des deutschen Merkantilismus („Kameralismus“), dass „es allezeit besser sei, Waren anderen zu verkaufen als Waren von anderen zu kaufen, denn jenes bringe einem gewissen Nutzen und dieses offenbar Schaden“. Anders gesagt, eine positive Handelsbilanz stockt die Gold- und Silberreserven auf, eine negative schmälert sie. Damit ist der Beweis erbracht. Warum man damals gemeint hat, es sei für ein Land von Vorteil, soviel Gold und Silber wie möglich zu besitzen, brauchte Becher seinerzeit nicht zu erklären. Er konnte sich darauf verlassen, dass jeder Mensch den Edelmetallen an und für sich großen und ewigen Wert zuerkannte.

Die Merkantilisten haben zu ihrer Zeit die mystische Beziehung des Menschen zu Edelmetallen rationalisiert und auf die Beziehungen zwischen den Volkswirtschaften übertragen. Ob dies erlaubt ist, brauchen wir jetzt nicht näher zu erörtern. Auch müssen wir jetzt nicht prüfen, ob Edelmetalle wirklich ein so zuverlässiges Tausch- und Wertaufbewahrungsmittel darstellen, wie man früher so fest glaubte. Wenn es uns nämlich gelingt zu zeigen, dass für Geld in Form von Banknoten nicht dasselbe gilt wie für Münzen aus Edelmetallen, dann ist es überflüssig darüber nachzudenken, ob die Merkantilisten auf dem Weg zur Schlussfolgerung „es sei allezeit besser, anderen Waren zu verkaufen“, irgendwo einen Denkfehler begangen haben. Wir wollen jetzt also herausfinden, ob es wirklich von Vorteil ist, große Exportüberschüsse zu erwirtschaften, um sie dann in Form von Geld zu horten, wenn dieses Geld nicht aus Goldreserven, sondern aus Banknoten besteht. Da kommt uns die aktuelle Diskussion über Amerika sehr gelegen, deren Teilnehmer sich damit abmühen herauszufinden, ob die amerikanischen Auslandsschulden schädlich für das Land sind oder nicht. Sie dreht sich um das gleiche Thema, nämlich Exportüberschüsse, nur mit negativem Vorzeichen. Die Amerikaner denken ja bekanntlich nicht über Exportüberschüsse nach, sondern müssen sich über ihre Auslandsschulden Sorgen machen. Aber halt! Müssen sie das wirklich? Einer, der sich deswegen niemals graue Haare wachsen ließ, ist der berühmte amerikanische Geldexperte Milton Friedman.

Um den Amerikanern die Angst vor dem freien Handel zu nehmen, hat Friedman folgende Überlegung angestellt: „Angenommen, Japan wäre unglaublich erfolgreich in seinen Versuchen, seine Exporte in die USA zu pressen und es würde den Japanern gelingen, uns große Mengen verschiedener Waren zu verkaufen. Was würden die Japaner mit den Dollars tun, die sie aus ihren Exporten erhalten?“, fragt er. „Frische Banknoten zurück mit nach Tokio zu nehmen und sie in den Tresoren der Bank von Japan aufzustapeln? Oder lassen sie sich in den Depots der US-Banken Dollars anhäufen? Schön für uns! Können Sie sich einen besseren Handel ausdenken als schöne Textilien, chromblitzende Autos und ausgefallene Fernsehsets für eine Handvoll grün bedruckten Papiers zu erhalten? Oder für einige Eintragungen in den Bankbüchern? Wenn die Japaner doch nur willens wären, dies weiter zu tun, könnten wir dafür sorgen, daß sie all die schönen Banknoten, die sie haben wollen, auch bekommen.“ Nein, es ist unvorstellbar, dass die Japaner so naiv sein könnten, dies zu tun, folgert dann Friedman. Sie werden mit den Dollars umgehend und ohne Zeitverzug amerikanische Waren kaufen, will er damit sagen. „Alle möglichen Dinge für grüne Papierchen, die wir im Überfluss und billig produzieren können, zu bekommen“ kann also nicht möglich sein: „Es gibt nichts umsonst. Heute wissen wir, dass Friedman sich da schwer getäuscht hat. Offensichtlich begehren die Japaner die grünen Papierchen mehr als alles andere in der Welt, weshalb die Amerikaner sich kaum dagegen wehren können, von ihnen beschenkt zu werden. Auf Dauer aber, so die mahnenden Stimmen derjenigen, die als Hüter der Zukunft verstanden werden wollen, wird es so nicht weitergehen: das dicke Ende kommt erst noch. Versuchen wir nun anhand einer einfachen Überlegung herauszufinden, auf welcher Seite die Wahrheit steht.

Es gibt nicht den geringsten Zweifel daran, dass ein Dollarschein, welchen auch immer man in die Hand nehmen würde, zu jeder Zeit in eine bestimmte Menge Gold konvertierbar ist - man kann eine bestimmte Menge Gold mit ihm kaufen. Genauso gut wissen wir aus der tagtäglichen Erfahrung, dass jeder Dollar gegen eine entsprechende Menge beliebiger Ware eintauschbar ist. Und was für jeden einzelnen Dollar gilt, gilt auch für alle Dollars zusammengenommen, würde ein unvorsichtiger Geist gern folgern. Dem ist aber - wieder einmal - nicht so. Stellen wir uns vor, jemand habe alle Dollars aus dem europäischen Raum gesammelt, um sie auf einen Schlag in Gold umzutauschen. Aus dem Gesetz von Angebot und Nachfrage folgern wir, dass dann der Goldpreis in astronomische Höhe steigen würde. Der Verkauf von riesigen Dollarreserven würde sich also überhaupt nicht lohnen. Nehmen wir deshalb an, dass, wenn es schon nicht sinnvoll ist, die Dollars in Gold zu konvertieren, es sinnvoller wäre die Dollars in Güter umzutauschen. Wir machen darüber hinaus sogar die Annahme stabiler Güterpreise, denn Güter sind in viel größeren Mengen vorhanden bzw. produzierbar als Gold. Diese beträchtlich gestiegene Nachfrage nach Gütern wäre nun für produzierende amerikanische Unternehmen ein Gottesgeschenk, europäischen Unternehmen würden dagegen durch den entsprechenden Rückgang ihrer Nachfrage über Nacht einem Dominoeffekt folgend zusammenbrechen. Oder werden wir unsere zusammengesammelten (amerikanischen) grünen Papierchen etwa retten können, indem wir an der Wall Street Aktien von amerikanischen Firmen kaufen? Die Amerikaner könnten sich in der Tat kaum etwas Besseres wünschen. Sie hätten dann leichtes Spiel, wenn ihnen je der Ärger hochkäme, die spekulative Blase platzen zu lassen und die europäischen Exportüberschüsse wegzublasen, als ob es sie nie gegeben hätte. Man kann es also drehen und wenden wie man will: Die Welt wird für ihre Dollars, die sie mühsam erwirtschaftet, indem sie ungeheure Mengen von Waren nach Amerika verfrachtet, von den Amerikanern nur einen lächerlichen Bruchteil als Gegenwert zurückbekommen.

Es scheint so, als sei Amerika wirklich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Der geldgierige König Midas musste der Legende nach des Hungers sterben, weil sich alles, was er berührte, in Gold verwandelte; die Amerikaner dagegen verwandeln alles, was sie mit ihren grünen Papierchen berühren, in Güter. Friedman hat also insofern Recht, dass man sich bedenkenlos beschenken lassen darf, vorausgesetzt, es gibt Leute, die naiv genug sind, dies zu tun. Nicht einmal ein schlechtes Gewissen müssen die Amerikaner dabei haben. Sie haben schließlich nur das mitgenommen, was ohne ihre negative Handelsbilanz sowieso nicht erwirtschaftet bzw. produziert worden wäre. Aber wie dem auch sei, nicht sie haben ein Problem mit ihrer negativen Handelsbilanz, sondern wir. Beruhigend ist in dieser misslichen Lage lediglich, dass es am Ende in Europa hauptsächlich nur einen Verlierer geben wird, und das sind die papiergierigen Reichen. Für das arbeitende europäische Volk dagegen bedeuteten die amerikanischen Auslandsschulden jenes „liebenswürdige, gutmütige Laster, das den Schornstein rauchen und den Kaufmann gedeihen läßt“, also Arbeit und Brot. Danke Amerika!

Fassen wir zusammen: Die amerikanischen Schulden sind kein Nachteil für die Amerikaner selbst. In dieser Hinsicht täuschen sich auch diejenigen, die - auf der Suche nach historischen Parallelen - das heutige Amerika etwa mit den damaligen Kolonialmächten Spanien und Portugal vergleichen wollen. Spanien und Portugal haben ihre Goldvorräte verscherbelt, Amerika hat das Ausland nur mit wertlosen Papieren abgespeist.

Was können wir nun von Amerika lernen? Offensichtlich eine ganze Menge. Und nichts sollte uns davon abhalten. Die Voraussetzungen dafür, dass wir als Schüler noch besser werden als der Lehrer Amerika, sind im heutigen vereinten Europa so gut wie nie zuvor. Mit einem so großen gemeinsamem Wirtschaftsraum kann sich Europa nämlich eine ziemlich autonome und unabhängige Währung leisten, die eine relativ souveräne, monetär basierte Wirtschaftspolitik erlauben würde. Auch wir können unseren EU-Wirtschaften so viel Geld zur Verfügung stellen wie sie brauchen, damit sich eine genügend große effektive Nachfrage einstellt, um alles abzusetzen, was in Europa produziert wird. Darüber hinaus ist es auch kein Problem eine Geldmenge zu schaffen, die auch für Unternehmen aus den Entwicklungsländern der Welt reicht, die gegen unsere bunt bedruckten Papiere ihre schönen und nützlichen Güter bei uns eintauschen wollen. Wenn wir nämlich nicht auch für sie genug Geld zur Verfügung stellen, werden sie die Nachfrage in Anspruch nehmen, die unsere Unternehmen für sich selber brauchen und ihnen damit das Wasser abgraben.

Und wenn wir schon über Amerika sprechen, fügen wir noch hinzu, dass es auch keinen Nachteil davon hätte, wenn sich Europa viel mehr als bisher auf expansive Geldpolitik stützen würde. Auch in diesem Fall würde es nicht gelten, des einen Freud sei des anderen Leid. Stellt sich nämlich heraus, dass die Amerikaner für ihre grün bedruckten Papiere auf dem Weltmarkt keine Güter mehr geschenkt bekommen, so könnten sie sich dazu entschließen, diese selber zu produzieren. Sie würden dann all denjenigen, die heute Einkaufstüten einpacken und sie den Kunden zum Auto tragen, die für ein paar Dollars Schlange für andere stehen, Werbung verteilen, Vorgärten pflegen, Schuhe putzen, Hunde ausführen, die Reichen vor den verzweifelten Armen schützen und andere ökonomisch sinnlose und - unter anderen sozialen Umständen - überflüssige Aufgaben verrichten, die Möglichkeit bieten schöne Textilien, chromblitzende Autos und ausgefallene Fernsehsets herzustellen.

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