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  Der Exportweltmeister und der brave Michel in der eigenen Falle (Teil II)
 
 
Es gibt kein gutmütigeres, aber auch kein leichtgläubigeres Volk als das deutsche. … Keine Lüge kann grob genug ersonnen werden: Die Deutschen glauben sie. Um eine Parole, die man ihnen gab, verfolgten sie ihre Landsleute mit größerer Erbitterung als ihre wahren Feinde .
 
    Napoleon Bonaparte        
 
Die Deutschen scheinen ein tragisches Volk zu sein: Sie arbeiten hart, nehmen Gehaltseinbußen hin, um Arbeitsplatz und Export zu sichern, verdienen gut, sparen viel und werden doch immer ärmer. Das kommt davon, wenn man sich auf Staat und Politiker verlässt, die zwar üppige Sozialleistungen versprechen, doch nur trocken Brot liefern - bestenfalls. ... Das Volk mit der größten Wirtschaft in Europa fürchtet Massenarmut im Alter, wo doch die deutsche Wirtschaft von einem Erfolg zum nächsten eilt. Nur eben ohne die Deutschen.
 
  Der Chefredakteur der neoliberalen Wirtschaftswoche (25. November 2013) Roland Tichy        
 
Denk' ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.
 
    Heinrich Heine        

Es ist jetzt angebracht das Wichtigste von dem zu wiederholen, was im vorigen Blogposting ausführlich erörtert wurde. Nämlich der Strategiewechsel in der Wirtschaftspolitik, der während der Entwicklung jedes kapitalistischen Landes vollzogen wird. Kurz zusammenfassend:

Wo sich der Kapitalismus zu entwickeln beginnt, da wird immer zunächst eine staatsinterventionistische und protektionistische Wirtschaftspolitik praktiziert. Hat sich die Wirtschaft dadurch erfolgreich entwickelt und einen gewissen Stand erreicht, wird der Wechsel zu einer gegensätzlichen Strategie vollzogen: zur freiheitlichen (open-door) Wirtschaftspolitik. Das lässt sich in der Geschichte des Kapitalismus so allgemein und ausnahmslos feststellen, dass dieser Strategiewechsel praktisch eine so strenge Gültigkeit hat wie Gravitationsgesetz von Newton in der Physik. Dementsprechend wäre es berechtigt, von einem eisernen Gesetz der kapitalistischen Entwicklung zu sprechen. Damit ist aber nicht gesagt, dass die staatsinterventionistische und protektionistische Wirtschaftspolitik immer erfolgreich sein muss. Ist sie es nicht, auch eine konkurrenzfähige kapitalistische Wirtschaft entsteht nicht. Man kann bekanntlich alles richtig und falsch machen.

Die staatsinterventionistische und protektionistische Wirtschaftspolitik war zum ersten Mal bei der Industrialisierung in England epochal erfolgreich. Etwas später hat sich mit ihr Amerika, unter dem ersten Finanzminister Alexander Hamilton, erfolgreich industrialisiert. Der bekannte deutsche Ökonom Friedrich List (1789-1846) hat diese Strategie bzw. Wirtschaftspolitik, das von ihm so genannte American System, bei seinem Aufenthalt in den Vereinigten Staaten studiert. Aus dieser Erfahrung heraus hat er sein Strategiemodell einer „nachholenden“ Entwicklung formuliert, das nationale System der Politischen Ökonomie, das es Deutschland, der „verspäteten Nation“, schließlich ermöglichte, den englischen Entwicklungsvorsprung aufzuholen. Warum gerade ein solches nicht-liberales oder sogar fast antiliberales System später erfolgreich war - zuletzt in China - und warum sich keine wirtschaftlich rückständige Volkswirtschaft je auf andere Weise zur Industrienation entwickeln konnte, lässt sich nur nachfragetheoretisch erklären, durch den realen Nachfragemangel. Das ist hier aber nicht das Thema. Also weiter.

Wie nicht anders zu erwarten, ging auch sich entwickeltes Deutschland schnell zur liberalen (open-door) Strategie über. Seitdem gilt der bekannte, aber längst abgedroschene Slogan: „Wirtschaft findet in der Wirtschaft statt!“ Ist eine Marktwirtschaft schon industrialisiert und kapitalisiert, kann nämlich der Profit nur dann richtig weiter steigen, wenn die Unternehmen ins Ausland expandieren und von dort die benötigten Naturressourcen beziehen. Dieser Klau der fremden Nachfrage schütz zugleich vom Nachfragemangel in der Binnenwirtschaft. Heute nennt man diese imperialistische Wirtschaftspolitik Globalisierung. Die Tragödie des ersten deutschen Wirtschaftswunders war aber, dass sich der Weltmarkt schon fest in den Händen des britischen Kapitals befand. Vor allem gilt das für beide Amerikas, Afrika, Australien und Indien. Was China betrifft, hat der deutsche Kaiser Wilhelm II. zumindest auf Beteiligung gehofft. Weil aber die Chinesen den „Segen“ der „komparativen Vorteile“ schon von der englischen Besetzung kannten, wehrten sie sich natürlich auch gegen die Deutschen. Aber sie hat keiner gefragt. Wie man mit den aufmüpfigen Chinesen vorgehen sollte, hat der Kaiser in seiner berüchtigten Hunnenrede erklärt: „Kommt ihr vor den Feind, so wird derselbe geschlagen! Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer euch in die Hände fällt, sei euch verfallen! Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in Überlieferung und Märchen gewaltig erscheinen lässt, so möge der Name Deutscher in China auf 1.000 Jahre durch euch in einer Weise bestätigt werden, dass es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen!“ Man sollte nicht so naiv sein, dass die Chinesen das vergessen haben.

Auch anderswo war England nicht bereit seine Kolonien, also Märkte und Naturressourcen, mit Deutschland zu teilen. Aber Deutschland war nicht wie Portugal damals. Deutschland war bereits so erfolgreich industrialisiert, dass es auch beste Waffen herstellen konnte, die genug Ansporn dazu gaben, die Frechheit der Briten - den Rest der Welt alleine zu versklaven und auszubeuten - nicht mehr lange zu ertragen. Die Lage eskalierte zum Ersten Weltkrieg. Bemerkenswert ist, dass auch dem großen Klassiker der Soziologie Max Weber dieser Krieg zumindest als ganz selbstverständlich vorkam: „Wollen wir diesen Krieg nicht riskieren, so hätten wir die Reichsgründung unterlassen sollen“ - so ganz cool von ihm bemerkt.... > Das mit dem Krieg ist aber für Deutschland bekanntlich schief gelaufen. Deutschland hat sich am Ende doch überschätzt - das ist aber für uns jetzt nicht so wichtig.

Dem Kapitalismus nach jedem Krieg ging es schon immer gut, so auch damals im besiegten Deutschland. Aber nicht lange. Schon etwa ein Jahrzehnt nach dem Ersten Weltkrieg ging nicht nur in Deutschland nichts mehr, sondern in der ganzen westlichen Wirtschaft auch. Dann kam der berüchtigte Schwarze Freitag (25. Oktober 1929) mit den gigantischen Kursverlusten an der New Yorker Börse, als Millionen von US-Bürgern ihr gesamtes Vermögen verloren haben. Dem folgte dann die Große Depression auf dem Fuße - die fatalste Krise in der Geschichte des Kapitalismus. Was ist damals eigentlich passiert? Da sind wir bei einer der wichtigsten ökonomischen Fragen, die bisher theoretisch nicht überzeugend beantwortet worden ist. Es gibt mehrere Erklärungen für den Schwarze Freitag bzw. die zyklischen Krisen der freien Marktwirtschaft. Wir sehen uns zuerst die nachfragetheoretische an.

Die Erfahrung, dass die kapitalistischen Wirtschaften nach Kriegen für einige Jahre ein beschleunigtes Wachstum erleben, lässt sich mit dem gestiegenen Bedarf nach Gütern erklären, also mit der Nachfrage. Solange nicht alles, was der Krieg vernichtet hat, noch nicht erneuert ist, müssen die Menschen das Geld ausgeben. Die Kredite, die zuerst an allen Ecken und Enden nötig sind, schaffen zusätzliche Nachfrage nach Investitionsgütern. Die Wirtschaft „verliert“ also kaum das Geld durch die Hortung, aber nicht nur das. Der Bedarf nach Krediten ist zuerst so groß, dass den Notenbanken nichts anderes übrig bleibt, als das Geld „aus dem Nichts“ ausgiebig zu schöpfen. Bis da widersprechen sich die Wirtschaftswissenschaftler kaum. Sogar die monetäre („keynessche“) Nachfragetheorie und die Angebotstheorien sind sich da einig. Von dem Standpunkt der reale Nachfragetheorie würde man hinzufügen: Der Aufschwung nach dem Krieg ist deshalb so stark, weil gerade die Investitionen für mehr Nachfrage direkt sorgen; der Konsum dagegen sorgt für die Nachfrage nur indirekt und schwächer. Je vollständiger die Produktionskapazitäten erneuert sind, desto langsamer steigt schließlich die Nachfrage und das Wachstum verlangsamt sich. Irgendwann reicht die Nachfrage nicht mehr für das ganze Angebot aus und die Wirtschaft kollabiert - wie nach dem Schwarzen Freitag. Die reale Nachfragetheorie zeigt analytisch schlüssig und genau nicht nur, warum sich das Wachstum verlangsamt, sondern warum die freie Marktwirtschaft danach zusammenbrechen muss. Auch das soll jetzt nicht unser Thema sein. Und was haben damals die Regierungen der kapitalistischen Länder unternommen.

Schon vor dem Schwarze Freitag hatte die neoliberale Lehre den Geist der kapitalistischen Welt „so vollständig wie die Heilige Inquisition Spanien“ erobert - so Keynes damals (1936). Diese Theorie, die ihren Durchbruch dem Modell des allgemeinen Gleichgewichts von Leon Walras (1874) verdankt, hat für alles, was in der Marktwirtschaft nicht funktioniert, immer dieselbe triviale Erklärung: zu viel Staat, zu hohe Steuern und zu hohe Löhne. Im festen Glauben an diese neoliberale Medizin hat dann Brüning die deutsche Wirtschaft endgültig zugrunde gerichtet. Mit einem Doppelklick auf erinnern wir an einige der charakteristischen Stationen an diesem Weg der neoliberalen Fanatiker und Menschenfresser zum Untergang. Dann kam Hitler und mit ihm eine völlig andere Wirtschaftspolitik. Die fatale neoliberale Strategie mit der Steuer- und Lohnsenkung wurde durch eine staatliche Wirtschaftspolitik ersetzt, die ausdrücklich nachfrageorientiert war. Mit ihr hat Hitler die Wirtschaft sozusagen über Nacht aus der Rezession geführt und Deutschland erlebte das zweite Wirtschaftswunder. Die bekannte britische Ökonomin Joan Robinson hat es exakt auf den Punkt gebracht: „Hitler hatte ein Mittel gegen die Arbeitslosigkeit gefunden, bevor Keynes seine Erklärung zu Ende geführt hatte, warum es überhaupt Arbeitslose gab.“... > Vom ökonomischen Erfolg berauscht, verfiel auch Hitler auf die Idee des Strategiewechsels. Einfach ausgedrückt wollte er der Wirtschaft Möglichkeiten schaffen weiter zu expandieren, und zwar durch den Erwerb bzw. durch Versklavung und Ausbeutung von Kolonien. Hitlers Logik war im Grunde keine andere als die des Kaisers Wilhelm II.: Aus deutscher Sicht hatte nämlich das British Empire die Welt ausgeraubt und ausgebeutet, nun war Deutschland an der Reihe. Die Idee des „Herrenmenschen“ war da nur die emotionale Magd dieser Strategie. Diesmal sollten allerdings die Japaner China bekommen, Deutschland wollte das „Reich des Bösen“ erobern: die UdSSR. Und gerade so wie es schon Wilhelm II angeordnet hat, dort wo sich der slawische Untermensch gewährt tat, wurde er geschlagen, ohne Pardon und Gnade. Das war damals so, heute, nachdem der westliche Kapitalismus wieder in der Krise steckt, wollen die westlichen Machteliten wieder dasselbe tun. Russophobie kehrt zurück - das aber nur nebenbei bemerkt. Wie die Schlacht um die Vorherrschaft auf der Welt, also der Zweite Weltkrieg endete ist bekannt, aber auch das interessiert uns jetzt nur am Rande. Uns geht es jetzt um die Zeit danach. Die ökonomischen Aspekte stehen natürlich im Vordergrund.

Angesichts der Tatsache, dass die ökonomischen Erfolge der Nazizeit so beeindruckend waren, würde man als selbstverständlich annehmen, dass sich später die deutschen Wirtschaftswissenschaftler für die nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik der Nazizeit sehr interessiert haben müssten. Das entspräche zumindest dem Normalzustand in den erfolgreichen Wissenschaften. Stellen wir uns nämlich vor, es würde Skelett von einem urzeitlichen Tier ausgegraben, das bisher als eines der berühmten „missing links“ in der Evolutionskette vermutet, aber noch nie empirisch verifiziert werden konnte. Alle Paläontologen und Evolutionsbiologen der Welt würden in helle Aufregung geraten und hier ihre Forschung betreiben wollen. Aber in den so genannten Geisteswissenschaften, insbesondere in der Wirtschaftswissenschaft, sind Tatsachen nebensächlich. Das war zwar nicht immer so - was angebracht ist immer wieder zu bemerken -, nämlich zur Zeit der frühliberalen und klassischen Ökonomen, aber den Neoliberalen ist es gelungen, die Tatsachen aus der ökonomischen Theorie zu verbannen. Deshalb braucht man sich nicht zu wundern, dass es in Deutschland nie eine theoretisch fundierte Analyse der Erfolge der Nazizeit gab. Es ging schließlich um etwas, was nicht sein konnte, da es nicht sein durfte. Die eleganteste Finte, die ökonomischen Tatsachen dieser Zeit zu verdrängen und zu verleugnen waren die Naziverbrechen. Sie waren ein großes Geschenk für die Neoliberalen, um jede Diskussion über ihre damalige katastrophale Wirtschaftspolitik gleich zu Beginn zu ersticken und so die Erfolge der Nazizeit aus der Erinnerung zu verbannen. Dadurch ist in Deutschland ein Neoliberalismus entstanden, der einer Sonntagspredigt entsprungen zu sein scheint: die so genannte „soziale Marktwirtschaft“. Doch was ist sie wirklich?

Sie ist ein reiner und krasser Neoliberalismus, nur mit einem Schleier aus geheucheltem und verlogenem Moralismus. Es hat sich aber erst nach ein paar Jahrzenten klar herausgestellt, dass die „soziale Marktwirtschaft“ von Anfang an nur ein ideologischer Schwindel war. Dank ihr konnte der Neoliberalismus in Deutschland nach dem Krieg nicht nur überleben, sondern den deutschen Geist „so vollständig wie die Heilige Inquisition Spanien“ zu erobern - um noch einmal Keynes zu zitieren -, was eigentlich sehr erstaunlich ist. In dieser Zeit war nämlich die Wirtschaftspolitik in manchen anderen kapitalistischen Ländern der Welt nachfrageorientiert. Das „goldene Zeitalter des Kapitalismus“ verdankt man im Wesentlichen der ökonomischen Theorie von Keynes. Das betrifft vor allem die USA. Den amerikanischen Eliten - die schon immer realitätsbewusst und pragmatisch waren, im Gegensatz zu den metaphysisch und dogmatisch geprägten deutschen - wurde klar, dass die USA als nun führende kapitalistische Wirtschaft die Verantwortung für das weitere Schicksaal, sogar für die weitere Existenz des Kapitalismus trugen. Es kann also nicht verwundern, dass sich die amerikanischen Machteliten damals für die keynesianische nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik entschieden haben. Aber in dieser Zeit war auch die „soziale Marktwirtschaft“ in Deutschland nicht weniger erfolgreich. Sind wir jetzt in Erklärungsnot? Bedeutet das eigentlich nicht, eine zwar sozial flankierte, aber dennoch ganz freie Marktwirtschaft könnte doch ökonomisch erfolgreich sein? Nein, dem ist nicht so.

„Vae victis!“ - oder „wehe den Besiegten!“, sagt ein lateinischer Spruch. Nach zwei verlorenen Weltkriegen würde man nichts anders erwarten, als dass mit Deutschland das geschehen wäre, wie es zum Beispiel Karthago widerfuhr, als es von den Römern endgültig besiegt wurde. Es kam aber ganz anders. Deutschland hat von dem verlorenen Zweiten Weltkrieg wahrscheinlich mehr profitiert, als es bei einem vollständigen militärischen Sieg der Fall gewesen wäre. Das ist eines der vielen Beispiele dafür, wie in der Geopolitik nichts, aber auch gar nichts mit irgendwelcher Gerechtigkeit oder mit Völkerrecht vor sich geht. Worum ging es also nach dem Krieg?

Hätten die Alliierten Deutschland fallengelassen, hätte die Rote Armee in wenigen Tagen die atlantische Küste erreichen können. Nie stand der Kapitalismus so nahe am Abgrund wie damals. In einer solchen Lage kam es nicht in Frage, Deutschland zu bestrafen, wie nach dem Ersten Weltkrieg. Das wäre ein Selbstmord des Kapitalismus gewesen. Übrigens hat Keynes darauf schon nach dem Ersten Weltkrieg hingewiesen, aber da wollte keiner auf ihn hören. Also musste Deutschland diesmal belohnt und beschenkt werden, um als Schaufenster herhalten zu können, die den kommunistischen Nachbarländern die Überlegenheit des Kapitalismus vor Augen führen sollte. Das zu realisieren war für die USA, die vom Zeiten Weltkrieg mächtig profitiert haben, finanziell betrachtet gar nicht schwer. Mit dem Marshallplan ließen sich die vernichteten deutschen Produktionskapazitäten schnell erneuern. Aber nicht nur einfach erneuern. Die mehr oder weniger veralteten deutschen Maschinen konnten in kürzester Zeit durch viel produktivere aus den USA ersetzt werden. Außerdem, wie „erfolgreich“ die Alliierten mit ihren Bombardements waren, die zivile Bevölkerung zu vernichten, so erfolglos waren sie, was die industriellen Kapazitäten betrifft. So Schreibt John K. Galbraith: „Am Ende des Krieges war ich verantwortlich für die Auswertung und Beurteilung der Einsatzberichte des Strategischen Bomberkommandos der USA. Ich leitete einen großen Stab von Wirtschaftswissenschaftlern, welche die Auswirkungen der Bombenangriffe gegen Deutschland und später auch gegen Japan auf die industrielle und militärische Infrastruktur dieser Länder bewerten sollte. In Deutschland waren die Folgen der strategischen Bombardierung von Industrieanlagen, Verkehrswegen und Städten aus alliierter Sicht zutiefst enttäuschend. ... Der unberechenbare Schrecken, den der Luftkrieg in den deutschen Städten verbreitete, und der gewaltige Blutzoll, den er unter der Zivilbevölkerung forderte, wirkten sich nicht nennenswert auf die Kriegsproduktion oder den Verlauf des Krieges aus. Die alliierten Streitkräfte und natürlich insbesondere das Oberkommando der Luftwaffe verwahrten sich entschieden gegen diese Untersuchungsergebnisse … All unsere Schlussfolgerungen wurden vom Oberkommando der Luftwaffe und seinen Verbündeten in Politik und Wissenschaft vom Tisch gewischt. Letzteren gelang es sogar, meine Berufung als Professor an die Harvard-Universität ein Jahr lang zu blockieren.“... > Man braucht keine besondere Fantasiegabe um nicht zu erraten, wie diese Wahrheit dem Mythos vom Wirtschaftswunder dank der „sozialen Marktwirtschaft“ schaden würde.

Die Amerikaner haben sich durch den Marshallplan zugleich von ihrer Überproduktion befreit. Ob er wirklich ein reines Geschenk war, darüber lässt sich streiten, wenn man einfach nur nach dem Verbleib des ganzen deutschen Goldes nach dem Ende des Krieges fragt - aber das ist jetzt auch nicht wichtig. Auch die Währungsreform war da von Bedeutung, die von den Amerikanern nicht nur konzipiert, sondern auch durchgeführt wurde. Damit hat man in Deutschland auch gleich den monetären Sektor mit in Ordnung gebracht. Ludwig Erhard - der schon in Nazideutschland Karriere gemacht hatte - war hier nur eine Galionsfigur für das deutsche Volk. Es wird überliefert, dass die Bezeichnung „soziale Marktwirtschaft“ für die Wirtschaftspolitik Nachkriegszeit von ihm stamme. Sollte das stimmen, dann wäre das aber auch der einzige echte Beitrag von ihm zum (dritten) deutschen Wirtschaftswunder.

Was aber den Marshallplan und die Währungsreform betrifft, muss gleich hervorgehoben werden, dass sich alleine damit das deutsche Wirtschaftswunder nicht erklären lässt; allenfalls die Schnelligkeit der ökonomischen Erholung, die in der Welt für Erstaunen sorgte. Ein anschauliches Beispiel dafür sind die Essensmarken. Sie waren in Deutschland bald nach dem Krieg überflüssig, in England brauchte man sie noch mehrere Jahre länger. Auf diese Weise zu siegen waren die Engländer nicht gewohnt - es musste sehr schmerzhaft für sie sein. Allerdings haben sich die kapitalistischen Wirtschaften nach Kriegen schon immer schnell erholt, vielleicht nicht ganz so schnell wie damals in Deutschland. Die Aufschwünge danach haben aber nie lange gedauert. Warum war auch das in Deutschland dieses Mal anders?

„Gebt uns nur einen Markt“ - sagen die Fabrikanten - „und wir werden euch Waren ohne Ende schaffen!“ - so Henry George, ein amerikanischer Ökonom des 19. Jahrhunderts und einer der größten Kämpfer für die soziale Gerechtigkeit. Er war übrigens ein Zeitgenosse von Friedrich List - des Vordenkers des ersten deutschen Wirtschaftswunders. Unter Bezug auf das eben genannte Zitat lässt sich feststellen: Man braucht einer freien Marktwirtschaft nur genug Nachfrage zur Verfügung stellen, dann hat sie kein Problem damit, „Waren ohne Ende“ zu produzieren. Für die amerikanische Wirtschaft sorgte in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg die nachfrageiorientierte Wirtschaftspolitik dafür, aber wer verschaffte der deutschen „sozialen Marktwirtschaft“ die Nachfrage? Erraten! Die Amerikaner. Um Deutschland wie gerade erwähnt als Schaufenster für die östlich benachbarten kommunistischen Länder zu benutzen. Die Amerikaner haben den deutschen Fabrikanten den amerikanischen Markt vor die Füße gelegt und so konnten sie „Waren ohne Ende“ produzieren.

Damit ist restlos erklärt, also das Rätsel endgültig gelöst, warum die freie deutsche Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg ohne eine nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik erfolgreich sein konnte. Für den Wohlstand Deutschlands war das sicher gut, aber die sich spontan gebildete allgemeine Identifizierung mit der „sozialen Marktwirtschaft“ ist eine geistige Folge, die nicht schlimmer sein konnte. Eine im Kern ziemlich lupenreine neoliberale Wirtschaftspolitik während des (dritten) deutschen Wirtschaftswunders hat nämlich eine fatale Wahrnehmung geschaffen. Mit nur wenig Übertreibung kann man sogar von einem mentalen Schaden sprechen. Dem braven deutschen Michel konnte man erfolgreich vorgaukeln, man müsse nur tüchtig sein, sich ducken und anstrengen, dann könne es jeder schaffen. Zumindest wäre die Marktwirtschaft Made in Germany in dieser Hinsicht besser als alle andren. Den stramm dogmatischen neoliberalen Fachidioten erschien es als empirisch endgültig erwiesen, dass die angebotstheoretischen Maßnahmen tatsächlich wirkten und die neoliberale Theorie der Marktwirtschaft die einzig richtige oder zumindest die beste von allen anderen sei. Schließlich haben die deutschen Wirtschaftsprofessoren und die anderen „Experten“ die extrem neoliberale Wirtschaftspolitik der ganzen EU aufgedrängt. Sie sind folglich wesentlich für das verantwortlich, was in Europa geschah und warum ihr heutiger Zustand so ist, wie er ist und warum die europäische Wirtschaft in einer tief greifenden existenziellen Krise steckt.

Fortsetzung folgt

     
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#ökonomische Zyklen  
 
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Marktwirtschaft neu denken: Teil I, Kapitel 3 - 4  
 
     
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Ökonomische Erfolge der Nazizeit und ihre Leugnung lesen
 
     
#Ordoliberalimus oder die sogenannte "soziale Marktwirtschaft"  
 
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