Nachfrageschaffung über Konsumgüter (Keynesianismus). Warum eher nicht?
 
 
Obwohl staatliche Interventionen auf breiter Front den Kapitalismus schon einmal gerettet haben, ist der Widerstand gegen solche Eingriffe so groß wie niemals zuvor.
 
    John K. Galbraith, amerikanischer Ökonom (1908-2006)        

Im vorigen Referenzbeitrag wurde mit einem kleinen numerischen Beispiel auf einfache Weise verdeutlicht, wie in einer Wirtschaft, die bisher im Gleichgewicht war, die Preissenkung (Deflation) realen Nachfragemangel verursacht. Das Beispiel wurde weiter vereinfacht, indem der Markt der Produktionsgüter im Gleichgewicht gehalten wurde, also indem die Sektoren 1 und 2 ihre ganze Produktion abgesetzt (Angebot) und die realisierten Einnahmen vollständig ausgegeben (Nachfrage)  haben. Das ist aus dem Flussdiagramm unten sofort erkennbar. Da der Markt für Produktionsgüter im Gleichgewicht ist, brauchen wir im Folgenden diesen Markt, als diese zwei Sektoren, nicht zu berücksichtigen - deshalb sind sie im Bild dunkler gemacht. Der Markt für Konsumgüter ist aber nicht im Gleichgewicht. Die Einkünfte, die den Sektoren übriggeblieben sind, nachdem sie sich die verbrauchten Reproduktionsmittel (Realkapital) beschafft haben, sind zusammengenommen (3960) um 40 kleiner als der Wert der bereits hergestellten und angebotenen Konsumgüter (4000). Dass hier eine Preissenkung für Konsumgüter nicht helfen würde, haben wir im vorigen Referenzbeitrag auch schon erörtert.

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Heben wir noch einmal hervor, dass in der Wirtschaftswissenschaft etwas als monetär bezeichnet wird, wenn es mit dem Geld zu tun hat, sonst wird es als real betrachtet. Der durch die Preissenkung entstandene Nachfragemangel hat mit dem Geld nichts zu tun: Er ist also nicht monetär, sondern real. Das bedeutet aber nicht, dass es mit dem Geld, also monetär, nicht kompensiert werden könnte. Genau das ist auf dem Bild dargestellt. Die Zentralbank schafft das Geld „aus dem Nichts“, gibt es dem Staat und dieser kauft Konsumgüter.

Bemerkung: Auf dem Bild steht links des Sektors 3 die Angebotsseite und rechts dieses Sektors seine Nachfrageseite. Das ist ein bisschen vorausgedacht. Jetzt wird nämlich der Nachfragemangel von der Nachfrageseite behoben, im nächsten Referenzbeitrag von der Angebotsseite. Es ist auch offensichtlich, dass für den betrachteten Fall dem Staat schon Ausgaben im Wert von 40 reichen, damit die Wirtschaft ins Gleichgewicht zurückkehrt.

Rein theoretisch betrachtet, müsste diese Praxis funktionieren. Sie hat in der wirtschaftspolitischen Praxis des Kapitalismus tatsächlich etwa drei Jahrzehnte nach dem 2. Weltkrieg funktioniert. Vor allem zu Anfang, als man vom „Goldenden Zeitalter des Kapitalismus“ sprach. Heute ist dieser Ausdruck nur noch wenigen bekannt. Die Machteliten haben sich nach der neoliberalen Revolution alle Mühe gegeben, dass die Erinnerung an diese Zeit nicht im kollektiven Gedächtnis bleibt.

Diese Praxis bzw. Wirtschaftspolitik wurde aus der Theorie von John M. Keynes hergeleitet. Vereinfacht erklärt, meinte er, die Krise sei die Folge dessen, dass die Menschen ihre Einkünfte nicht vollständig ausgeben, sondern das Geld irgendwo horten. Keynes hat also eine monetäre Ursache für den Nachfragemangel vermutet. Doch alle Mühen herauszufinden, wo das angeblich gehortete Geld versteckt sein könnte, waren vergeblich. Die Theorie ist dadurch in Bedrängnis geraten und war bald nicht mehr haltbar.

   

Das Nachfragedefizit ist zwar nach jedem konjunkturellen Zusammenbruch vorhanden, aber ist es wirklich glaubhaft, daß es aus dem von Keynes selbst als beständig und relativ kontinuierlich angesehenen Sparakt herrührt, um so mehr als es doch Zeiten gibt, in denen Spargelder reißenden Absatz und damit auch entsprechende Anlage in Investitionen finden? Wie sollten Banken und Sparinstitute eigentlich existieren können, wenn die Spargelder bei ihnen überwiegend brachliegen bleiben würden? Die Theorie stimmt doch ganz offensichtlich nicht mit der Wirklichkeit überein, wie die Banken- und Sparkassenstatistiken aller Länder beweisen, da doch die Ausleihungen im Durchschnitt ebenso hoch sind (wenn nicht höher) wie die Spareinlagen? Wir meinen, Keynes sei schon im Treatise on Money auf einen Holzweg geraten und habe sich — trotz mancher wichtigen Einzelerkenntnis — in der General Theory nur noch tiefer in seinen Irrtum verstrickt, bemüht eine vor aller Welt offenliegende Tatsache, eben das Nachfragedefizit zu erklären, ohne doch den entscheidenden Punkt zu finden, an dem dieses Nachfragedefizit in Wirklichkeit seinen Ursprung hat.

Solange die Entstehung des Nachfragedefizites selbst ungeklärt bleibt, ruhen alle Vorschläge zu seiner Überwindung auf tönernen Füßen, sind theoretisch unhaltbar oder verworren und können jederzeit wieder wegargumentiert werden. Keynes vermochte zwar das Nachfragedefizit nicht aufzuhellen, aber sein Verdienst, diese Frage hartnäckig gestellt und in den Augen der Welt die Richtigkeit des Sayschen Theorems erschüttert, gleichzeitig aber eine gegen jede Wirtschaftskrise brauchbare Therapie entwickelt zu haben, bleibt auch für uns unbestritten.

 
   

Gerhard Kroll, Von der Weltwirtschaftskrise zur Staatskonjunktur (1958)

 

Erst die kreislauftheoretische Analyse des Gleichgewichts erklärt, wie der Nachfragemangel entsteht.


  LEHRSATZ:   Die Staatsaugaben auf dem Konsummarkt fördern Inflation.  
  BEWEIS:   Das Geld, das die Hersteller der Konsumgüter erhalten, verschwindet nicht aus der Wirtschaft. Und mehr Geld hat eine anschiebende Wirkung auf die Preise.  
  BEMERKUNG:   Wenn die Inflation allmählich auch die Produktionsgüter erfasst, was unvermeidlich ist, dann wirkt sie dort nachfrageschaffend. Das verringert den Bedarf nach Staatsausgaben – man spricht vom Multiplikatoreffekt. Für unser numerisches Beispiel würde das bedeuten, weniger als 40 Geldeinheiten Staatsausgaben wären ausreichend. Dementsprechend würde auch der Druck auf die Preise kleiner. Heute wissen wir, dass die damalige Angst vor der Inflation hauptsächlich ein gefühltes Problem war bzw. eine ideologische Manipulation.  


  LEHRSATZ:   Je transparenter der Staat die Staatsausgaben auf dem Konsummarkt tätigt, desto mehr sinkt ihre Effizienz, aber die Inflation steigt schneller.  
  BEWEIS:   Die informierten Konsumgüterhersteller wüssten dann, wann sie die Preise heben können und sie würden das auch tun. Inflation bei den Konsumgütern ist aber nicht nützlich, im Gegenteil. Weil die Preissteigerung bei den Konsumgütern keine Auswirkung auf das allgemeine Gleichgewicht hat - es gilt das Saysche Gesetz -, müsste mehr Geld ausgegeben werden, als es für den Nachfragemangel rein arithmetisch unbedingt nötig (40) wäre.  
  BEMERKUNG:   Obwohl die Staatsausgaben auch der Arbeitgeberseite zugutekommen, also den Unternehmen, die Konsumgüter herstellen, waren die Wirtschaftsverbände und andere Interessenvertreter im „Goldenen Zeitalter des Kapitalismus“ trotzdem gegen die Staatsausgaben. Diese haben nämlich durch den Erhalt des hohen Beschäftigungsniveaus auch die Löhne auf einem hohen Niveau gehalten. Das stärkte die Macht des Staates, die aus der Teilnahme der Bürger hervorgeht, also die Demokratie. Das war der Macht der Reichen, die aus ihrem Vermögen abträglich und daher für sie unannehmbar.  

Nach der neoliberalen Konterrevolution wurde der Nachfragemangel nur noch von der Angebotsseite behoben. Das schauen wir uns als Nächstes an.

  dorthin Der analytisch strenge Nachweis des Ungleichgewichts bzw. des Nachfragemangels    
    Nachfrageschaffung über Konsumgüter (Keynesianismus). Warum eher nicht?    
    Die neoliberale Nachfragerettung von der Angebotsseite d.h. Raubtierkapitalismus    
    Nachfragemangel als Schlüssel zur Enträtselung der sog. „zurückgestauten Inflation“      
    Nachragemangel als Schlüssel zur Enträtselung der periodischen Krisen    
    Kann man das Entstehen des Nachfragemangels verhindern? Ja, man kann.    
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