Der Nachfragemangel als Schlüssel zur Enträtselung der angeblichen „zurückgestauten Inflation“
 
 
Nach den genauesten Berechnungen, die in ganz Europa gemacht worden sind, stellt man unter Berücksichtigung der Änderungen des numerischen Wertes oder des Nennwertes fest, daß die Preise aller Dinge seit der Entdeckung Amerikas nur um das drei- oder höchstens um das vierfache gestiegen sind. Doch will jemand behaupten, daß es nicht mehr als viermal so viel Hartgeld in Europa gäbe wie im 15. Jahrhundert und den Jahrhunderten davor? Spanier und Franzosen bringen aus ihren Minen, Engländer, Franzosen und Niederländer durch ihren Handel mit Afrika und ihre Schleichhändler in Amerika jährlich fast sechs Millionen nach Hause, von denen nicht mehr als ein Drittel nach Ostindien fließt. Allein diese Summe würde wahrscheinlich in zehn Jahren den alten Bestand an Geld in Europa verdoppeln.
 
    David Hume (1711-1776), Politische und ökonomische Essays        

Nach den genauesten Berechnungen, die in ganz Europa gemacht worden sind, stellt man unter Berücksichtigung der Änderungen des numerischen Wertes oder des Nennwertes fest, daß die Preise aller Dinge seit der Entdeckung Amerikas nur um das drei- oder höchstens um das vierfache gestiegen sind. Doch will jemand behaupten, daß es nicht mehr als viermal so viel Hartgeld in Europa gäbe wie im 15. Jahrhundert und den Jahrhunderten davor? Spanier und Franzosen bringen aus ihren Minen, Engländer, Franzosen und Niederländer durch ihren Handel mit Afrika und ihre Schleichhändler in Amerika jährlich fast sechs Millionen nach Hause, von denen nicht mehr als ein Drittel nach Ostindien fließt. Allein diese Summe würde wahrscheinlich in zehn Jahren den alten Bestand an Geld in Europa verdoppeln. Politische und ökonomische Essays, 216

In der neoliberalen Theorie ist das Geld „neutral“. Einfach gesagt hat das Preisniveau demnach gar keinen Einfluss auf die reale Wirtschaft. Warum sollen dann die Preise nicht dauerhaft konstant sein? Wie man das erreicht, sagt die Quantitätstheorie des Geldes. Es ist bemerkenswert, dass die ersten Vertreter der Quantitätstheorie keine Ökonomen waren. Die Grundidee stammt von dem Staatstheoretiker Jean Bodin (1529-1596). Die erste klare Formulierung der Quantitätstheorie stammt von dem englischen politischen Philosophen John Locke (1632-1704), der aufbauend auf Bodin den Begriff der Umlaufgeschwindigkeit einführte - dazu kommen wir gleich. Das Konzept wurde von David Hume (1711-1776) weiterentwickelt. Das „Patentrecht“ auf die Quantitätstheorie wird allerdings ungerechtfertigterweise dem Ökonomen Irving Fisher (1867-1947) zuerkannt. Vielleicht darum, weil er die Quantitätstheorie als eine mathematische Formel formuliert hat:

P =  V × M / Y

Die Variablen „P“ sind Preise und „M“ die Geldmenge. Die Formel sagt, dass die Preise proportional zur Geldmenge sind. Die Geldmenge kann natürlich keine absolute Größe sein. Sie kann nur relativ auf die Größe der Wirtschaft bezogen werden, also auf die Gütermenge „Y“, die in der obigen Formel durch das Geld vermittelt wird. Die vierte Größe, die als „V“ bezeichnet wird, ist die Umlaufgeschwindigkeit. Sie ist bildlich gesprochen das Ass im Ärmel für die Verteidigung der Quantitätstheorie des Geldes. Kurz erklärt:

Das Symbol „V“ kommt von velocitas oder Geschwindigkeit auf Latein. Hiermit ist die Geschwindigkeit bzw. Umlaufgeschwindigkeit des Geldes gemeint. Man kann sich darunter in der Tat etwas vorstellen, was einen richtigen Sinn ergibt. Das Geld wechselt bekanntlich ständig seine Besitzer, aber nicht immer gleich oft. Die Besitzer geben ihr Geld manchmal schneller und manchmal langsamer aus. Das lässt sich nicht bestreiten. Es wäre sinnvoll anzunehmen, dass sich durch die Gewohnheiten des Volkes eine Umlaufgeschwindigkeit bildet, die sich im Laufe der Zeit nur langsam ändert. Nun hat sich aber herausgestellt, dass sie sich offensichtlich manchmal sehr plötzlich und auf eine unerwartete Weise ändert. Die Prognosen auf Basis der Quantitätstheorie haben sich immer so exakt erwiesen, wie es die altbekannte, ironisch gemeinte Bauernregel sagt: „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter, oder es bleibt, wie es ist.“ Im Lauf der Zeit wurde unermüdlich an der Umlaufgeschwindigkeit herumgedoktert. Jeder neue „wissenschaftliche Durchbruch“, wie sich die Umlaufgeschwindigkeit genau bestimmen ließe, hat sich nach der nächsten verfehlten Prognose als dummes Zeug erwiesen. So hat auch Friedman für seinen „wissenschaftlichen Durchbruch“, also ein dummes Zeug, den „Nobelpreis“ für Wirtschaftswissenschaft bekommen. Glück muss man eben haben.

Bedeutet das aber nun, dass die Geldmenge die Preise gar nicht bestimmt? Nein. Es bedeutet, dass die Geldmenge ein wichtiger, aber nicht allein entscheidender Faktor ist. Der zweite, zumindest nicht weniger wichtige Faktor ist der Nachfragemangel. Jetzt wird gezeigt, dass mit Berücksichtigung des Nachfragemangels erklärt werden kann, warum die sogenannte „zurückgestaute Inflation“, die angeblich nach der Quantitativen Lockerung (QL) kommen soll, nur ein weiteres Phantom im neoliberalen Kopf ist. Also ein weiterer Irrtum oder dummes Zeug der neoliberalen Theorie, neben vielen anderen.

Im vorigen Beitrag wurde die aktuelle neoliberale Wirtschaftspolitik mit der Quantitativen Lockerung erörtert, durch die der Nachfragemangel von der Angebotsseite her kompensiert wird.dorthin Darauf aufbauend wird jetzt prinzipiell erklärt, warum dadurch keine Inflation entsteht, auch wenn die Geldmenge steigt und warum sich dabei auch keine „zurückgestaute Inflation“ bildet. Das folgende Bild soll uns diese Erklärung erleichtern. Im Bild rechts wird mit Geld der Nachfragemangel von der Nachfrageseite kompensiert, wie es die Nachfragetheorie von Keynes vorgibt. In diesem Fall entsteht tatsächlich Inflation, was schon erörtert wurde.dorthin Hier wird das kurz wiederholt, nur zum Vergleich.

  inflat  

Die Kompensation des Nachfragemangels von der Nachfrageseite

Es ist schnell erklärt, warum im Fall rechts, wenn der Staat Konsumgüter mit dem Geld der Notenbank („aus dem Nichts“) kauft, die Preise steigen müssen. In diesem Fall bleibt das Geld in der Wirtschaft. Hier trifft die Quantitätstheorie mehr oder weniger tatsächlich zu.

Die Kompensation des Nachfragemangels von der Angebotsseite

Auf dem Bild links schenkt der Staat das Geld der Wirtschaft. Genauer gesagt: Die Notenbank rettet die Banken, die Banken retten durch den Staat die Wirtschaft. Unser einfaches numerisches Beispiel war so gestaltet, dass die Nachfragelücke im Sektor 3 entsteht, ihr Wert ist 40. Sektor 3 kann viele Unternehmen haben. Nehmen wir einfach an, das Unternehmen A hat Verluste – ob wegen der Krise oder wegen Missmanagements ist unwichtig -, das Unternehmen B ist gesund aber insolvent, weil es einen Teil seiner fertigen Produktion im Wert von 40 nicht absetzen kann. Der Staat rettet die Wirtschaft, indem er dem Unternehmen A Geld im Wert von 40 ausgeliehen hat. Dessen durchtriebene Manager haben dieses Geld zu ihren Einkünften umgewandelt und die Güter von Unternehmen B gekauft. Alle hergestellten Güter sind damit abgesetzt und der Nachfragemangel ist beseitigt.

Betrachtet man alles rein monetär, stellt man fest: Die (Geld-)Schulden des Unternehmens A sind gleich dem (Geld-)Einkommen des Unternehmens B – aus dem Absatz seiner sonst nicht absetzbaren Güter. Es gibt keinen Geldüberschuss in der Wirtschaft. Es gibt auch kein „zurückgestautes“ Geld, das sich irgendwann in die Wirtschaft ergießen wird und damit auch keine sich bildende „zurückgestaute Inflation“. Zum Vergleich: Das ist wesentlich anders als bei der Kompensation des Nachfragemangels von der Nachfrageseite (rechts), als die Wirtschaft eine Geldmenge von 40 erhalten hat und dieses dort weiterhin bleibt.

Man kann sich vieles ausdenken, was mit dem Geld des Unternehmens B weiter passiert. Wir können auch unsere Annahme, das Unternehmen A hatte richtige Verluste, zurücknehmen. Das wurde angenommen, damit das Beispiel etwas realitätsnäher aussieht. Stellen wir nun noch einmal den sozusagen idealen Fall dar, dass keines der Unternehmen Verluste hat. Also auch das Unternehmen A nicht, es ist wie viele nur insolvent, weil der Nachfragemangel den Durchfluss der Güter stört. Wenn alles andere bleibt wie oben, das geliehen Geld des Unternehmen A wird zur „Leistung“ des Mangers, die es ausgeben, stellen wir fest: Das Unternehmen B kann dem Unternehmen A das Geld ausleihen und dieses könnte sich beim Staat entschulden. Jetzt Schuldet Unternehmen A dem Unternehmen B Geld und die Wirtschaft hat auf einmal gar keine externen bzw. staatlichen Schulden mehr. Dabei ist kein Geld in die Wirtschaft hinausgeflossen - die Geldmenge in der Wirtschaft hat sich nicht geändert. Der Nachfragemangel ist wie durch eine „unsichtbare Hand“ verschwunden! Aber dieser ideale Fall ist nur theoretisch interessant, weil er in der Realität kaum vorkommt. Es gibt eine interessante lustige Geschichte, die diesem Fall etwas ähnelt, in der das Gels unerwartet kommt und noch schneller verschwindet, aber paradoxerweise wesentliche reale Folgen hinterlässt. Diese einfache Geschichte steht untem im Anhang.

Zusammenfassung:

Die Quantitätstheorie des Geldes nach der obigen Formel - das ganze Gelaber über die „Neutralität“ des Geldes und über die die erhöhte Geldmenge, die nur Inflation bringt (currency principle) - ist nichts weiter als eine ideologische Waffe, um die Knappheit des Geldes zu rechtfertigen, damit diejenigen, die das Geld haben, mit ihm als einem knappen Gut die Wirtschaft erpressen und ausbeuten können. Damit das ganz legal (!) bleibt, hat man die sogenannten „unabhängigen“ Notenbanken eingerichtet, die in einem Sinne sicherlich unabhängig ist: unabhängig vom Volk und den demokratischen Institutionen. Dort wacht die prätorianische Garde über das Geldmonopol der Reichen, möge sie die Wirtschaft dadurch auch zugrunde richten und dem Volk einen sozialen Genozid praktisch verordnen.




  LEHRSATZ:   Die Nachfragerettung von der Angebotsseite erzeugt Geld und Staatsschulden, die auf keinen realen Werten beruhen.  
  BEWEIS:   Für das Geld, das die Manager vom Staat und dieser von der Bank bzw. von der Notenbank bekommen hat, können Manager verschiedene Waren kaufen. Auch Güter, die ihren realen Wert nicht verlieren: zum Beispiel landwirtschaftlich nutzbarer Boden. Aber die Menge solcher Güter ist objektiv begrenzt. Wenn die Manager immer reicher werden, kaufen sie Güter, die im Laufe der Zeit verfallen. Das sind Konsumgüter (Luxusjachten, Villen, Autos, Klamotten …), und Waren, bei denen nicht etwa ein realer Wert, sondern nur der Preis steigt, weil die Nachfrage steigt: Aktien, Gold, Kunstwerke … Wenn also das Vermögen der Reichen durch Geld wächst, das ihnen durch die Staatsschulden geschenkt wurde, muss die korrespondierende reale Gütermenge nicht auch wachsen. Diese kann objektiv nur sehr langsam wachsen, aber auch schrumpfen.  
  BEMERKUNG 1:   Es gibt ernstzunehmende Ökonomen, die so etwas für Unsinn halten, wie etwa Heiner Flassbeck.dorthin Soll und Haben addieren sich in einer Wirtschaft immer zu Null; die zukünftige Generation erbt nicht nur Schulden, sondern auch genau identische Guthaben. Ja, das ist absolut richtig. Es handelt sich aber um einen Argumentationsfehler genannt ignoratio elenchi, wenn also eine andere Behauptung bewiesen wird als die zur Debatte stehende.  
  BEMERKUNG 2:   Weil die Staatschulden de facto Staatsgeschenke an die Reichen sind, wäre es gerecht, dass die Reichen zumindest durch Steuern auf Vermögen der Gesellschaft etwas zurückerstatten. Das verlangt der gerade sehr populäre Ökonom Thomas Piketty.dorthin Abgesehen davon, dass das ein altes linkes Ding ist, greift Piketty hier zu kurz. Ihm ist offensichtlich nicht bewusst, dass er damit in die neoliberale Falle tappt. Er ist der Gefangene des neoliberalen Irrtums oder Unsinns, die freie Marktwirtschaft sei im Grunde eine stabile Ordnung, ihr Problem sei nur die ungerechte Verteilung des wirtschaftlichen Nettoeinkommens.  



  LEHRSATZ:   Die Inflation war nie ein rein ökonomisches Phänomen, sondern immer ein zweckrationaler Akt der Politik, die kollabierende Marktwirtschaft im letzten Augenblick zu retten, wenn unkontrollierte soziale Unruhen drohten.  
  BEWEIS:   Die periodischen Krisen der freien Marktwirtschaft beginnen immer mit der Deflation. Beim Aufschwung beginnen die Preise zu steigen, aber nie so schnell, dass man wirklich von Inflation sprechen kann. Es ist eine ökonomische Tatsache, die so wenig bezweifelbar ist wie kaum eine andere. Die freie Marktwirtschaft erzeugt nie Inflation.  
  BEMERKUNG:   Die Deflation, die immer die Folge des periodischen Absturzes der Marktwirtschaft ist, wird immer tiefer, wenn die Regierung die neoliberale Wirtschaftspolitik der Kostensenkung durchführt. Wie etwa damals in der Weimarer Republik der Kanzler Brüning. Er hat damit zusätzlich und multiplikatorisch noch mehr Nachfragemangel erzeugt und es kam wie es kommen musste. dorthin  


Anhang: Das Paradox des Geldes

Es ist ein trüber Tag in einer kleinen griechischen Stadt. Es regnet und alle Straßen sind wie leergefegt. Das Land ächzt unter der Wirtschaftskrise, jeder hat Schulden und leidet. Ein Tourist verirrt sich in diese Stadt und hält bei einem kleinen Hotel an, um zu übernachten. Er sagt dem Hotelier, dass er sich aber zuerst die Zimmer anschauen möchte, und legt als Kaution einen 100 Euro-Schein auf den Tresen. Der Eigentümer gibt ihm einige Schlüssel und dann geht’s los:

1. Als der Besucher die Treppe hochgegangen ist, nimmt der Hotelier den Geldschein, rennt zu seinem Nachbarn, dem Metzger, und bezahlt seine Schulden.

2. Der Metzger nimmt die 100 Euro, läuft die Straße runter und bezahlt den Bauern.

3. Der Bauer nimmt die 100 Euro und bezahlt seine Rechnung beim Tankstellenbesitzer.

4. Dieser gibt den 100 Euro-Schein dem Kraftfahrer, der ihm gerade Benzin liefert.

5. Der Kraftfahrer rennt zum Hotel und bezahlt seine ausstehende Zimmerrechnung mit den 100 Euro.

Der Hotelier legt den Schein wieder zurück auf den Tresen. In diesem Moment kommt der Reisende die Treppe herunter. Er nimmt seinen Geldschein und sagt, dass ihm keines der Zimmer gefällt und verlässt die Stadt.

  dorthin Der analytisch strenge Nachweis des Ungleichgewichts bzw. des Nachfragemangels    
  dorthin Nachfrageschaffung über Konsumgüter (Keynesianismus). Warum eher nicht?    
  dorthin Die Rückkehr des Raubtierkapitalismus durch Nachfragerettung von der Angebotsseite      
    Der Nachfragemangel als Schlüssel zur Enträtselung der angeblichen „zurückgestauten Inflation“      
    Nachragemangel als Schlüssel zur Enträtselung der periodischen Krisen    
    Kann man das Entstehen des Nachfragemangels verhindern? Ja, man kann.    
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